Hinter den Kulissen?

„Maximale Vernichtung“ fürs Ende des Ukraine-Kriegs: Kiew will Russland zu Verhandlungen zwingen

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Ein ukrainischer Soldat feuert auf russische Stellungen im Ukraine-Krieg.
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Waffenstillstand mit Russland? Im Ukraine-Krieg will Kiew einen entscheidenden Schlag landen, um Putins Russland an den Verhandlungstisch zu bringen.

München – Die Fronten auf beiden Seiten sind verhärtet: ein Ende des Ukraine-Kriegs weiter nicht in Sicht. Während die ukrainische Gegenoffensive nur schleppend vorankommt und im Ukraine-Krieg „jeden Meter mit Blut“ bezahlt, scheinen beide Seiten noch immer weit davon entfernt zu sein, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.

Während Kiew für ein Ende des Ukraine-Kriegs klare Bedingungen an Russland stellt, glaubt Wladimir Putin weiterhin an einen Sieg in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. „Daran gibt es keinen Zweifel“, erklärte der Kreml-Chef der staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge am Rande eines Besuchs einer Hochschule. Der Schlüssel zum Erfolg Russlands liege darin, dass es „besser und effizienter“ arbeite als seine Konkurrenten, fügte er hinzu.

Ende des Ukraine-Kriegs: Experte glaubt an Verhandlungen mit Russland im Hintergrund

Dennoch glaubt der Militärhistoriker Sönke Neitzel daran, dass sich im Hintergrund längst Friedensbemühungen für ein Ende des Ukraine-Kriegs abspielen. „Diese diplomatischen Auslotungen hinter den Kulissen passieren natürlich nicht öffentlich“, so Neitzel im heute journal über geheime Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland. Jetzt gehe es darum, zu sehen, was möglich sei. Optimistisch zeigte der Militärhistoriker in Bezug auf Verhandlungen im Ukraine-Krieg jedoch nicht. Da er weder aufseiten der Ukraine noch Russlands, die Bereitschaft sehe, nachzugeben.

„Ich sehe nicht, dass Kiew von seinen Plänen runterkommt, sozusagen das Land zu befreien. Ich sehe nicht, dass Moskau von den Plänen runterkommt, den Staat Ukraine zu zerschlagen“, erläuterte der Historiker beim ZDF seine Einschätzung über ein mögliches Ende des Ukraine-Kriegs. Der Westen – selbst ja keine neutrale Partei in diesem Krieg – könne nur versuchen, über Dritte, „über Indien zum Beispiel“ oder auch China Druck auszuüben, um es vielleicht zu einer Verhandlungslösung kommen zu lassen.

„Maximale Vernichtung“ für ein Ende des Ukraine-Kriegs: Kiew setzt auf Abnutzung Russlands

Doch bis dahin ist es wohl noch ein weiter Weg. Auch wenn Kiew offenbar ein neues taktisches Ziel ins Auge gefasst hat. Nicht zuletzt, weil die ukrainische Gegenoffensive zwar Fortschritte macht, aber doch langsamer vorankommt, als von Kiew gewünscht. Trotz der Rückeroberung von Gebieten sei der entscheidende Durchbruch – „also eine Weichenstellung“ – bisher nicht gelungen, analysiert Neitzel weiter.

Deshalb setzt die Ukraine im Kampf gegen Russland, das offenbar zunehmend mit der Verweigerung des Gehorsams von Putins Soldaten zu kämpfen hat, auf die Abnutzung des Gegners. „Aufgabe Nummer eins ist die maximale Vernichtung von Personal, Ausrüstung, Treibstoffdepots, Militärfahrzeugen, Kommandopunkten, Artillerie und Flugabwehrkräften der russischen Armee“, schrieb der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, Olexij Danilow, bei Twitter. Je effektiver „der Feind“ vernichtet werde, umso mehr Kilometer könne man später befreien.

Ende des Ukraine-Kriegs: „Russland wird nur verhandeln, wenn es sich bedroht fühlt“

Und diese Entwicklung könnte Russland vielleicht doch an den Verhandlungstisch zwingen. Wie genau ein mögliches Ende des Ukraine-Kriegs herbeigeführt werden soll, könnte der CIA-Direktor William J. Burns laut einem Bericht derWashington Post Erfahrung gebracht haben.

„Russland wird nur verhandeln, wenn es sich bedroht fühlt“, heißt es vonseiten eines hochrangigen ukrainischen Beamten in dem Bericht der Washington Post. Des Weiteren hätten drei ukrainische Beamte beim Besuch des CIA-Direktors in Kiew im Juni die Ziele formuliert, bis zum Herbst beträchtliches Territorium zurückerobern zu wollen. Was eine Stationierung von Artillerie- und Raketensysteme an die Grenze zur Krim zur Folge haben soll.

Ende des Ukraine-Kriegs: Vor Verhandlungen mit Russland will Kiew in der Ostukraine vorrücken

Darüber hinaus soll ein weiteres Ziel sein, in die von Russland besetzte Ostukraine vorzustoßen. Damit wäre die Basis für Kiew geschaffen, zum ersten Mal nach den gescheiterten Gesprächen im vergangenen Jahr wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren und mit Russland über ein mögliches Ende des Ukraine-Kriegs zu beraten.

Grundlage hierfür wäre die Zusicherung, die Krim nicht gewaltsam einzunehmen. Im Gegenzug würde die Ukraine aber verlangen, dass Russland alle Sicherheitsgarantien akzeptiert, die die Ukraine vom Westen erhalten kann, heißt es weiter im Artikel der Washington Post.

„Hängt vom Ausmaß der Zermürbung ab“: Experten halten Kiews Ziele im Ukraine-Krieg für realistisch

Nach Einschätzung von Experten in der Washington Post sind die Ziele Kiews bei der aktuellen Lage im Ukraine-Krieg ehrgeizig, aber durchaus realistisch. „Es ist möglich, dass sie die Landbrücke zur Krim abschneiden können, indem sie entweder das Gelände beschlagnahmen oder es in die Reichweite von HIMARS und anderer Artillerie bringen, aber vieles hängt vom Ausmaß der Zermürbung ab“, erklärte Rob Lee, Militäranalyst beim US-amerikanischen Foreign Policy Research Institute, dem US-Medium.

Sollte die ukrainische Armee in der Lage sein, der russischen Seite genügend Verluste zuzufügen und möglichen Munitionsnachschub oder Verstärkung einzuschränken, habe sie die Möglichkeit, „Moskaus Verteidigung genug zu schwächen, um einen Durchbruch zu erzielen“, so Lee weiter. Unterdessen räumt auch Neitzel ein, dass die ukrainische Armee bisher noch nicht die „Masse ihrer Kräfte“ eingesetzt habe. „Es gibt Brigaden, die noch nicht gekämpft haben“, äußert sich der Militärhistoriker über die ukrainischen Reserven für einen entscheidenden Schlag gegen Russland. Und „wir haben die deutschen Schützenpanzer Marder noch nicht im Kampf gesehen.“ (Mark Stoffers)

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