Koalitionsausschuss zur Bundeswehr

Historiker zerreißt Wehrdienst-Pläne von Pistorius: „Prinzip Hoffnung“ reicht nicht aus

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Von diffusen Zahlen bis inkonsequenter Umsetzung: Bei der Expertenanhörung zum neuen Wehrdienst fällt der Militärhistoriker Neitzel ein vernichtendes Urteil.

Berlin – Seit Monaten ebbt die Kritik an der geplanten Wehrdienstreform nicht ab. Ganz im Gegenteil: Am Montag (10. November) gab es bei der Expertenanhörung vor dem Verteidigungsausschuss im Bundestag ein vernichtendes Urteil für den vorgelegten Entwurf von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Dieser sei „ein weiteres Dokument des Zögerns und Zauderns“, sagte der Militärhistoriker Sönke Neitzel, der von CDU und CSU als Fachmann geladen war.

Militärhistoriker Sönke Neitzel äußerte sich als Experte zum Wehrdienstgesetz von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD).

Das Gesetz ist zwar „ein Schritt in die richtige Richtung“, aber zugleich „ein weiterer Beleg für die allzu langsame Geschwindigkeit der sicherheitspolitischen Reformschritte“. Trotz gesellschaftlicher Mehrheit für eine Auswahlwehrpflicht und der Einschätzung, dass Russland in wenigen Jahren die NATO angreifen könnte, fehle jede konsequente Umsetzung, heißt es in der Stellungnahme des Sachverständigen Neitzel von der Universität Potsdam. Der renommierte Militärhistoriker sieht insgesamt fünf Kritikpunkte und ging besonders mit der SPD hart ins Gericht.

Militärhistoriker zerpflückt Wehrdienstpläne: Diffuse Zielgröße und undurchsichtige Personalstruktur

Als ersten Kritikpunkt nennt Neitzel die diffuse Zielgröße. Das Verteidigungsministerium nennt zwar 460.000 Soldaten, davon 200.000 Reservisten, als Ziel, begründet diese Zahl laut Neitzel aber nicht nachvollziehbar. Außerdem bleibt fraglich, ob diese Personalstärke für NATO-Verpflichtungen ausreiche. Im Gegensatz zu den 1950er Jahren gibt es heute keine klaren vertraglichen Vorgaben als Planungsgrundlage. Zur Einordnung: Beim Aufbau der Bundeswehr im Kalten Krieg war die Zahl von maximal 500.000 Soldaten 1954 in den Pariser Verträgen vertraglich festgelegt worden.

Der Gesetzentwurf sei außerdem nicht in ein Paket begleitender Maßnahmen zur qualitativen Veränderung der Personalstrukturen eingebettet. Laut Neitzel hat sich die Bundeswehr in den letzten 30 Jahren besonders unglücklich entwickelt: Das Durchschnittsalter stieg von 29,04 Jahren im Jahr 2011 auf 34 Jahre (2024) an. „Über 50 Prozent der Soldaten sind derzeit nicht im Kern der Auftragserfüllung, sondern in Ämtern, Behörden und Stäben eingesetzt“. Um wieder zu einer Personal- und Altersstruktur zu gelangen, die der Landes- und Bündnisverteidigung entspreche, sind laut Neitzel „umfangreiche Strukturreformen erforderlich“.

Vom Schützen bis zum General: Das sind die Dienstgrade der Bundeswehr

Reservisten-Kompanie der Bundeswerh in Sachsen
Wie beim Militär üblich, gibt es auch bei der Bundeswehr eine klare Hierarchie in der Truppe. Jeder Soldat und jede Soldatin erhält einen Dienstgrad, über den neben der Position in der Befehlskette und dem Verantwortungsbereich auch die Besoldung geregelt wird. Welche Dienstgrade es in der Bundeswehr gibt und wer in der Hierarchie ganz oben steht, erfahren Sie in dieser Fotostrecke. © Matthias Hiekel/dpa
Freiwilliger Wehrdienst der Bundeswehr im Heimatschutz in Burg
Grundsätzlich lassen sich die Dienstgrade bei der Bundeswehr in drei Oberkategorien einteilen. Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere. Auf der niedrigsten Hierarchieebene in der Bundeswehr stehen zunächst die Mannschaften. © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Öffentliches Gelöbnis von Rekruten der Bundeswehr vor dem Abgeordnetenhaus.
Der niedrigste Dienstgrad von Rekruten in der Bundeswehr richtet sich in der Regel nach der Truppengattung. Mögliche Bezeichnungen für die Rekruten lauten Schütze, Flieger oder Matrose. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Ein Gefreiter und ein Obergefreiter der Bundeswehr.
Die verschiedenen Dienstgrade der Bundeswehr lassen sich zur schnellen Erkennung an den Schulterklappen der Soldaten ablesen. Auf der untersten Ebene in den Mannschaften nach dem einfachen Soldaten steht der Gefreite (r) gefolgt vom Obergefreiten (l). Die Schulterklappen zeigen einen bzw. zwei schräge Streifen. Soldaten können frühestens nach drei bzw. sechs Monaten zum Gefreiten oder Obergefreiten ernannt werden.  © Mathias Ernert/dpa
Ein Hauptgefreiter der deutschen Bundeswehr bei einer Übung auf dem Truppenübungsgelände Bergen in der Lüneburger Heide.
Als Nächstes in der Rangordnung folgt der Hauptgefreite, der Schulterklappen mit drei schrägen Streifen trägt. Im Soldatenjargon werden die Querstreifen auch „Pommes“ oder „Fritte“ bezeichnet. Die Mindestdienstzeit für die Ernennung zum Hauptgefreiten liegt bei 12 Monaten. © Chris Emil Janssen/imago-images
Ein Stabsgefreiter der Bundeswehr berät einen Interessenten
Nach drei Jahren im Dienst können Soldaten in den Rang einen Stabsgefreiten aufsteigen. Stabsgefreite steigen auch eine Besoldungsgruppe auf und tragen Schulterklappen mit vier Streifen. © Michael Gottschalk/dpa
Ein Oberstabsgefreiter der Bundeswehr bei einr Militaeruebung.
Nach einem weiteren Jahr im Dienst – also nach vier Jahren – ist die Beförderung zum Oberstabsgefreiten möglich. Bis 2021 bildete der Dienstgrad – zu erkennen an den fünf Querstreifen an den Schulterklappen – den höchsten Dienstgrad in der Laufbahn der Mannschaftssoldaten. © Juliane Sonntag/imago-images
Ein Korporal der Bundeswehr.
2021 schuf die Bundeswehr im Rahmen der „Modernisierung der Laufbahnen“ zwei neue Dienstgrade für Mannschaftssoldaten. Soldaten erhielten nach sieben Jahren im Dienst die Möglichkeit, zum Korporal aufzusteigen. Der mit der Beförderung verbundene Aufstieg in eine höhere Soldgruppe sollte auch die Laufbahn der Mannschaften attraktiver machen. Das Dienstgradabzeichen zeigt einen breiten Querstreifen. © Sebastian Wilke/Bundeswehr/dpa
Ein Oberstabsgefreiter der Bundeswehr wird zum Korporal befördert.
Der zweite neu eingeführte Dienstgrad war der des Stabskorporal, der künftig als neuer Spitzendienstgrad in den Mannschaften agiert. Soldaten können diesen frühestens nach zehn Jahren im Dienst, davon ein Jahr als Korporal, erhalten.  © Sebastian Wilke/Bundeswehr/dpa
Feierliche Vereidigung von Feldwebel und Unteroffiziersanwärtern der Bundeswehr Aufklärungsbataillon.
Die zweite Hauptgruppe der Bundeswehr sind die Unteroffiziere. „Unteroffiziere sind Spezialisten, aber auch Führer, Ausbilder und Erzieher der ihnen unterstellten Soldatinnen und Soldaten. Sie leiten und schulen das ihnen unterstellte Personal, beraten aber auch ihre eigenen Vorgesetzten“, schreibt die Bundeswehr auf ihrer eigenen Website. © imago-images
Unteroffiziere der Bundeswehr bei einer Übung.
Die Unteroffiziere gliedern sich wiederum in zwei Untergruppen. Unteroffiziere mit und ohne Portepee. Letztere vereint die ersten Dienstgrade der Laufbahn unter sich. Den Anfang macht der Unteroffizier. Dieser wird in die gleiche Besoldungsgruppe eingeteilt wie ein Stabsgefreiter. Die Schulterklappen zeigen eine nach unten offenen goldenen Bandstreifen genannt „Tresse“. Wer die Laufbahn eines Unteroffiziers ohne Portepee durchlaufen will, braucht mindestens einen Hauptschulabschluss. Das Pendant der Marine ist der Maat. © Swen Pförtner/dpa
Eine Stabsunteroffizierin der Bundeswehr mit einem Diensthund.
Stabsunteroffiziere bilden den höchsten Dienstgrad in der Gruppe der Unteroffiziere ohne Portepee. Das Dienstgradabzeichen zeigt eine geschlossene Tresse. Beim Sold liegen die Stabsunteroffiziere in der Gruppe A6 oder A7. Erstere ist auf dem Niveau der Korporale und Stabskorporale. Das Pendant der Marine ist der Obermaat. © Lars Heidrich/dpa
Eine Feldwebel der Bundeswehr hilft bei einer Teststation im Kampf gegen das Coronavirus.
Unteroffiziere mit Portepee bilden die nächsthöhere Untergruppe. Um diese Laufbahn anzustreben, brauchen Anwärter neben einem Hauptschulabschluss auch eine abgeschlossene Berufsausbildung. Nach Angaben der Bundeswehr muss sich ein Feldwebel in der Regel für acht bis 13 Jahre verpflichten. Das Dienstgradabzeichen des Feldwebels ist ein Winkel mit der Spitze nach oben in einer geschlossenen Tresse. Bei der Marine trägt der vergleichbare Dienstgrad die Bezeichnung Bootsmann. © Nicolas Armer/dpa
Ein Oberfeldwebel der Bundeswehr bei einer Gefechtsübung.
Das Dienstgradabzeichen mit zwei nach oben zeigenden Winkeln weist den Oberfeldwebel aus. Oberfeldwebel werden unter anderem als stellvertretende Zugführer oder Gruppenführer eingesetzt. In der Marine wird die Bezeichnung Oberbootsmann verwendet. © Jochen Lübke/dpa
Eine Oberfeldwebel der Bundeswehr beim Girls' Day im Bundesverteidigungsministerium.
Eine Besoldungsgruppe über dem Oberfeldwebel ist in der Bundeswehr der Hauptfeldwebel angesetzt. Das Dienstgradabzeichen zeigt einen Kopfwinkel mit der Spitze nach oben. Das Pendant der Marine ist der Hauptbootsmann. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Ein Stabsfeldwebel der Bundeswehr
Der Stabsfeldwebel zählt zu den Spitzenverdienern unter den Unteroffizieren mit Portepee (Besoldungsgruppe A9). Stabsfeldwebel werden neben ihren Aufgaben als Zugführer auch als Kompaniefeldwebel – auch „Spieß“ genannt – eingesetzt. Als solcher agiert er als Führer des Unteroffizierkorps einer Einheit und leitet den Innendienst. In der Marine lautet die Bezeichnung für den Dienstgrad Stabsbootsmann. © Juliane Sonntag/imago-images
Ein Oberstabdsfeldwebel der Bundeswehr in einem Büro.
Den höchsten Dienstgrad der Unteroffiziere mit Portepee bildet der Oberstabsfeldwebel. Er kommt vor allem in höheren Stäben und Ämtern zum Einsatz, dient aber ebenso wie der Stabsfeldwebel auch als „Spieß“ oder Zugführer. Das Dienstgradabzeichen für Oberstabsfeldwebel zeigt einen Kopfwinkel, darunter zwei Winkel. Das Pendant in der Marine heißt Oberstabsbootsmann. © Rolf Vennenbernd/dpa
Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer.
Die dritte und letzte Obergruppe bei der Bundeswehr sind die Offiziere. Die Bundeswehr bezeichnet sie auf ihrer Website als „Manager in Uniform“. Sie führen Kompanien und Bataillone, arbeiten in Stäben und dem Verteidigungsministerium. Neben einer praktischen militärischen Ausbildung absolvieren Offiziersanwärter auch ein akademisches Studium bei der Bundeswehr. Für fast alle Laufbahnen wird deswegen mindestens eine Fachhochschulreife vorausgesetzt. © Jacob Schröter/imago-images
Ein Leutnant der Bundeswehr steht vor einem Militärflugzeug.
Den Anfang in der Offizierslaufbahn macht der Leutnant. Durch seine Stellung kann er sowohl Soldaten aus der Gruppe der Mannschaften, als auch der Unteroffiziere Befehle erteilen. Der Leutnant ist in der Besoldungsgruppe A9 – auf dem Level eines Stabsfeldwebels – eingeordnet. Das Dienstgradabzeichen des Leutnants zeigt einen Stern.  © Lars Klemmer/dpa
Ein Oberleutnant der Bundeswehr bei der Nato-Großübung in Norwegen.
Eine Besoldungsgruppe weiter oben (A10) ist der Oberleutnant angesetzt. In der Regel erfolgt die Beförderung frühestens zwei Jahren nach der Ernennung zum Offizier. Das Dienstgradabzeichen zeigt zwei Sterne. © Mohssen Assanimoghaddam/dpa
Ein Hauptmann der Bundeswehr auf einem Flugplatz.
Eine Stufe über dem Oberleutnant steht in der Rangordnung der Bundeswehr die Gruppe der Hauptleute. Diese beinhaltet die Dienstgrade Hauptmann und Stabshauptmann. Hauptleute werden häufig als militärische Führer in den Verbänden ihre Truppengattungen eingesetzt. Der Dienstgrad des Stabshauptmanns ist Offizieren des militärfachlichen Diensts vorbehalten. Die Schulterklappen zeigen drei (Hauptmann) oder vier (Stabshauptmann) Sterne. In der Marine lautet die Bezeichnung des Dienstgrads Kapitänleutnant bzw. Stabskapitänleutnant. © Achille Abboud/imago-images
Ein Major der Bundeswehr im Gespräch mit Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius.
Auf die Hauptleute folgt die Dienstgradgruppe der Stabsoffiziere, die in der Regel auf Stabsposten und als militärische Führer eingesetzt werden. Der erste Dienstgrad in der Gruppe ist der Major. Majore werden auch als Hörsaalleiter in Lehreinrichtungen der Bundeswehr oder in Referaten und Ministerien eingesetzt. Das Dienstgradabzeichen zeigt ein Eichenlaub und einen Stern. Das Pendant der Marine ist der Korvettenkapitän. © Bernhard Herrmann/imago-images
Ein Oberstleutnant der Bundeswehr im Gespräch mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder.
Der mittlere Dienstgrad der Stabsoffiziere bildet der Oberstleutnant. Diese werden neben den anderen Anwendungsfeldern der Stabsoffiziere auch als Dezernenten oder Referenten in Ämtern oder im Verteidigungsministerium eingesetzt. Das Dienstgradabzeichen zeigt ein Eichenlaub und zwei Sterne. Das Pendant der Marine ist der Fregattenkapitän. © Revierfoto/imago-images
Ein Oberst der Bundeswehr im Gespräch mit Verteidigungsminister Boris Pistorius.
Der Oberst stellt den höchsten Dienstgrad in der Gruppe der Stabsoffiziere dar. In der Regel wird er in leitenden Positionen in Kommandobehörden, Ämtern oder im Verteidigungsministerium eingesetzt. Sein Dienstgradabzeichen zeigt ein Eichenlaub mit drei Sternen. Das Pendant der Marine ist der Kapitän zur See. © IMAGO/JOERAN STEINSIEK
Ein Brigadegeneral der Bundeswehr.
Die Speerspitze in der Hierarchie der Bundeswehr bilden die Generäle. Sie stehen in der Hierarchie ganz oben und dienen vor allem auf Stabsposten und in der Regel nicht in der kämpfenden Truppe. Der rangniedrigste General ist der Brigadegeneral. Eine Beförderung vom Oberst zum Brigadegeneral erfolgt in der Regel aufgrund der Eignung und Leistung des Offiziers und ist nicht an andere Voraussetzungen gebunden. Sein Dienstgradabzeichen zeigt ein goldenes Eichenlaub mit einem goldenen Stern. In der Marine heißt der vergleichbare Dienstgrad Flottillen­admiral. © IMAGO/Björn Trotzki
Christian Freuding, Generalmajor des Heeres der Bundeswehr, Leiter des Lagezentrums Ukraine und des Planungsstabs des Bundesministers der Verteidigung.
Auf den Brigadegeneral folgt in der Rangordnung der Bundeswehr der Generalmajor. In der Praxis erfolgt die Beförderung erst nach mehreren Jahren als Brigadegeneral. Generalmajore übernehmen leitende Funktionen in Kommandobehörden, dem Verteidigungsministerium oder Einrichtungen der Nato. So dient Generalmajor Christian Freuding (Bild) als Leiter des Lagezentrums Ukraine und des Planungsstabs des Bundesministers der Verteidigung. Das Dienstgradabzeichen des Generalmajors zeigt ein goldenes Eichenlaub und zwei goldene Sterne. Das Pendant der Marine ist der Konteradmiral. © IMAGO/M. Popow
Der Inspekteur der Luftwaffe: Generalleutnant Holger Neumann.
Der zweithöchste Dienstgrad der Bundeswehr ist der Generalleutnant. Bei Luftwaffe und Heer gibt es weniger als zwei Dutzend Offiziere mit diesem Rang, die in wichtigen leitenden Positionen eingesetzt werden. So ist der stellvertretende Generalinspekteur der Bundeswehr immer ein Generalleutnant. Auch der Inspekteur der Luftwaffe, Holger Neumann (Stand Mai 2025, Bild), ist im Rang eines Generalleutnants. Sein Dienstabzeichen zeigt ein goldenes Eichenlaub mit drei goldenen Sternen. Das Pendant der Marine ist der Vizeadmiral. © Björn Trotzki/imago-images
Der Generalinspekteur der Bundeswehr: General Carsten Breuer.
Ganz oben in der Hierarchie der Bundeswehr steht der General. Der Dienstgrad ist nur wenigen Soldaten in absoluten Führungspositionen vorbehalten. Der Generalinspekteur der Bundeswehr – höchster militärischer Repräsentant der Bundeswehr – ist General Carsten Breuer (Stand Mai 2025, Bild). Deutsche Generäle dienen auch in Führungspositionen der Nato. Das Dienstgradabzeichen zeigt ein goldenes Eichenlaub und vier goldene Sterne. Zur besseren Unterscheidung von der Dienstgruppe der Generäle wird er deswegen umgangssprachlich als Vier-Sterne-General bezeichnet. Das Pendant der Marine ist der Admiral. © IMAGO/Klaus W. Schmidt

Basiswehrdienst reicht nicht für NATO-Ziel: Bundeswehr fehlt vor allem Nachwuchs in Kampfbrigaden

Zudem reiche der sechsmonatige Wehrdienst nur für eine Basisausbildung in Reserve und Heimatschutz, kritisiert Neitzel. Wie aber der Aufwuchs der Kampfverbände sichergestellt werden soll, bleibt bislang offen. Die 10. Panzerdivision habe bereits heute „erhebliche Fehlstellen bei den Mannschaftsdienstgraden“, die Aufstellung der neunten Heeresbrigade in Litauen sei ein „Kraftakt“. Bis 2035 erwarte die NATO eine elfte und zwölfte Brigade sowie massive „Enabler“-Truppen wie Artillerie und Pioniere.

„Wie der Personalbedarf einer modernen Drohnen- und Flugabwehr gewonnen sowie die massiven Fehlstellen der Schiffsbesatzungen der Marine aus einem sechsmonatigen Dienst gedeckt werden sollen, bleibt völlig unklar“, so der Militärhistoriker. Besonders scharf kritisiert Neitzel die Planungsgrundlage: „Auf dem Prinzip Hoffnung lässt sich keine seriöse Aufwuchsplanung der Streitkräfte betreiben.“

Überblick: Diese fünf Kritikpunkte äußert Militärhistoriker an Pistorius’ Wehrdienst-Plänen

1. Diffuse Zielgröße460.000 Soldaten als Ziel ohne nachvollziehbare Begründung. Ob das für NATO-Aufgaben reicht, ist fraglich
2. Strukturprobleme ignoriertDurchschnittsalter stieg auf 34 Jahre, 50 Prozent der Bundeswehrangestellten sitzen in der Verwaltung. Reformen fehlen.
3. Unklare KampfverbändeSechs-Monats-Dienst reicht nur für Reserve. Wie neue Brigaden personell aufgebaut werden sollen, bleibt offen
4. Unrealistische ZeitplanungNur 8000 neue Soldaten/Jahr geplant. In diesem Tempo hätte Bundeswehr-Aufbau 60 Jahre gedauert
5. Keine Wehrpflicht-VorbereitungBei zu wenig Freiwilligen sollte Auswahlwehrpflicht bereitstehen

Das Verteidigungsministerium plane nur 8000 neue Soldaten pro Jahr bis 2035 – „wäre die Bundeswehr bei ihrer Aufstellung im Kalten Krieg in dieser Geschwindigkeit aufgewachsen, hätte der Aufbau 60 Jahre gedauert.“ Seit zehn Jahren scheitere bereits der Aufwuchs von 180.000 auf 203.000 Soldaten trotz aller Werbemaßnahmen. Für den Fall unzureichender Freiwilligenzahlen sollte der Gesetzgeber laut Neitzel eine Auswahlwehrpflicht vorbereiten.

Militärhistoriker warnt vor russischem Angriff auf NATO: „Sie können nicht sagen, Sie hätten nichts gewusst“

Gegen diese wird oft, das Argument der Wehrgerechtigkeit angeführt. Neitzel hält dem entgegen, dass es schon immer mehr taugliche Männer als benötigte Soldaten gab – sowohl im 19. Jahrhundert als auch während des Kalten Krieges oder nach 1990. Dennoch wurde die Wehrpflicht beibehalten, weil die Sicherheit des Landes wichtiger war als Gerechtigkeitsbedenken. Besonders durch die andauernde Bedrohung durch Russland unter Wladimir Putin fordert Neitzel von der Regierung unter Kanzler Friedrich Merz, sich zu trauen, die notwendige Wehrpflicht wieder zu aktivieren.

Laut Neitzel sei das Argument, die Gesellschaft sei nicht bereit, für die Wiedereinführung der Wehrpflicht, nur „vorgeschoben“. Denn laut ihm zeigen Umfragen, dass die Mehrheit der Bevölkerung trotz der kontroversen Debatte für die Reaktivierung der Pflicht sei. Zum Abschluss fand Neitzel klare Worte: „Sollte es zu einem russischen Angriff auf NATO-Gebiet kommen, wird man auf Sie schauen. Sie können nicht sagen, Sie hätten nichts gewusst. Seien Sie Teil der Zeitenwende, nicht Teil der Zeitenbremse“, warnt Neitzel.

Diskussion um das Wehrdienstgesetz – wie geht es weiter?

Laut dem Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp (CDU) wird das Gremium sich am 3. Dezember abschließend mit dem Gesetz und einer möglichen Empfehlung für Änderungen befassen soll. Kurz danach soll das Gesetz im Parlament beschlossen werden. Das Gesetz war nach langem Streit in der Koalition Mitte Oktober zunächst in der vom Kabinett beschlossenen Fassung in den Bundestag eingebracht worden.

Laut Neitzel verweigere sich vor allem die SPD den notwendigen Reformen, indem sie einen Automatismus für eine Wehrpflicht ablehne. Sie habe mit ihrer „irrlichternden“ Haltung beim Thema Verteidigung wie schon früher in der Debatte um den Einsatz von bewaffneten Drohnen dem Land „schweren Schaden“ zugefügt, so der Stern. Neben Neitzel sprachen im Zuge der Bundestagsberatungen unter anderem auch der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, der Chef des Bundeswehrverbands, André Wüstner und Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Quentin Gärtner. (Quellen: Eigene Recherche, Stern, dpa) (bg)

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