Pokrowsk-Kessel: Ukraine-Soldat sendet Hilferuf– „Holt uns raus“
VonFelix Durach
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Die Ukraine wehrt sich in den Frontstädten Pokrowsk und Myrnohrad, doch die Umzingelung droht. Putin sieht bereits einen Durchbruch an der Front nahen.
Kiew – Die Lage an der Front im Ukraine-Krieg ist ernst. Zu Beginn des vierten Kriegswinters kämpfen die Streitkräfte von Russland und der Ukraine um die Kontrolle über die wichtigen Frontstädte Pokrowsk und Myrnohrad. Während die Regierung von Präsident Wladimir Putin bereits die Einnahme von Pokrowsk vermeldet hat, dauern die Kämpfe nach ukrainischen Angaben weiter an. Aus Myrnohrad kommt am Mittwoch ein Hilfeschrei der ukrainischen Verteidiger. Russland hat die Nachschubrouten zur Stadt abgeschnitten – es droht die Entstehung eines tödlichen Kessels.
Ein ukrainischer Soldat des Bataillons Da Vinci Wolves trägt eine Artilleriegranate, bevor er auf russische Stellungen an der Frontlinie in der Ostukraine feuert. (Symbolbild)
„Die Lage ist ehrlich gesagt kritisch. Die Logistik erfolgt ausschließlich durch Drohnen und bodengebundene Robotik-Komplexe. Es ist sogar problematisch, Lebensmittel hineinzubringen“, zitiert die Bild-Zeitung am Mittwoch (3. Dezember) einen anonymen ukrainischen Soldaten aus Myrnohrad. Knapp 1.000 Soldaten sollen zum jetzigen Zeitpunkt noch russische Angriffe in der Frontstadt abwehren.
Hilferuf von der Front im Ukraine-Krieg: „Holt uns hier raus“
Wie das ukrainische Open-Source-Intelligence-Projekt Deep State auf seiner Front-Karte zeigt, ist es russischen Soldaten gelungen, in den Osten der Stadt vorzurücken. Auch von Süden und von Südwesten drängen die Truppen von Präsident Putin weiter nach vorne. Den Verteidigern in Myrnohrad droht deshalb die Einkesselung.
„Wir müssen das Kontingent entweder aus Myrnohrad abziehen oder eine stabile Logistik sicherstellen. Holt uns hier raus oder versorgt uns!“, sagte der ukrainische Soldat der Bild weiter. Die ukrainische Militärführung müsse weitere Truppen an den Frontabschnitt bei Pokrowsk verlegen, um die Versorgungsrouten wieder unter Kontrolle zu bringen, forderte der anonyme Soldat. Ansonsten gäbe es für die ukrainischen Verteidiger keinen Ausweg aus der Stadt mehr.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Pokrowsk und Myrnohrad sind bereits seit Monaten im Fokus der russischen Armee. Dabei ist es den Streitkräften von Putin in den vergangenen Wochen unter großer Anstrengung und großen Verlusten gelungen, Teile der beiden Städte einzunehmen. Putin sprach am Montagabend sogar davon, dass Russland im Ukraine-Krieg die volle Kontrolle über Pokrowsk erlangt und die russische Flagge übe der Stadt gehisst hätte.
Lage im Ukraine-Krieg: Putin meldet Einnahme von Pokrowsk – Ukraine spricht von Propaganda
Die ukrainische Armeeführung und Präsident Wolodymyr Selenskyj widersprachen der Meldung am Dienstag und meldetet andauernde Kämpfe in der ostukrainischen Stadt. Die ukrainische Armee sei in Pokrowsk mit Such- und Angriffstruppen im Einsatz, erklärte das östliche Kommando des ukrainischen Militärs in Onlinemedien. „Die Eliminierung des Feindes in städtischen Gebieten in Pokrowsk dauert an“, hieß es weiter. Russische Soldaten, die im Zentrum der Stadt die russische Flagge gehisst hätten, seien geflüchtet. Dies sei lediglich eine Propaganda-Aktion gewesen.
Die Stadt in der Industrieregion Donezk, in der vor dem Krieg rund 60.000 Menschen lebten, hat vor allem strategische Bedeutung: In Pokrowsk kreuzen sich mehrere Straßen und Bahnstrecken, die Bergbaustadt ist für die logistische Versorgung der ukrainischen Armee daher von entscheidender Bedeutung.
Der ukrainische Militärexperte Kostyantyn Maschowetz rechnet dennoch damit, dass die Frontstädte in naher Zukunft an Russland fallen dürften. „Die Perspektiven sind milde gesagt nicht besonders positiv“, zitiert die Tagesschau Maschowetz. Die ukrainische Armee wird Pokrowsk und Myrnhorad „nach Lage der Dinge aufgeben müssen“
Folgen von Einnahme von Pokrowsk: Putin überschätzt Auswirkungen auf großen Durchbruch
Der US-Thinktank Institute for the Study of War (ISW) meldete am Mittwoch, es lägen keine Beweise für eine komplette Einnahme von Pokrowsk durch Russlands Armee vor. Die Militärexperten rechnen darüber hinaus nicht damit, dass eine baldige Einnahme der Stadt großangelegte russische Vorstöße nach sich ziehen würde. „Putins Aussagen überschätzen die Leichtigkeit, mit der russische Streitkräfte von Pokrowsk aus groß angelegte Durchbrüche erzielen können. Russische Streitkräfte werden beim Vorstoß von Pokrowsk aus wahrscheinlich mit mehreren Herausforderungen konfrontiert sein“, analysieren die ISW-Experten in ihrem Lagebericht.
Der Analyse zufolge wäre der Haupteffekt einer russischen Einnahme von Pokrowsk, dass die Ukraine die Stadt nicht mehr als logistischen Knotenpunkt nutzen könnte. Doch wegen der andauernden Kämpfe in der Region Pokrowsk-Myrnohrad wurde dieses Ziel nach Ansicht der ISW ohnehin im Juli 2025 erreicht. (Quellen: dpa, Tagesschau, Bild, ISW, Deep State) (fdu)