Russlands Wirtschaft im Fokus

„Krieg der Abnutzung“: Warum der Verlust von Pokrowsk ein Wendepunkt im Ukraine-Krieg wäre

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Pokrowsk ist strategisch und symbolisch wichtig: Russland verstärkt seine Angriffe – ein Verlust könnte die Ukraine in eine schwierige Lage bringen.

Pokrowsk – 220 Sturmangriffe in drei Tagen: Das Ringen um die Bergbaustadt Pokrowsk spitzt sich weiter zu. Zuletzt berichtete Wolodymyr Selenskyj von „314 Russen“, welche sich derzeit in der Stadt befinden. Eine Steigerung: Ende Oktober erklärte der ukrainische Präsident noch, es seien „bis zu“ 200 russischen Soldaten im Stadtgebiet.

Russische Soldaten feuern einen Mehrfachraketenwerfer vom Typ 9K55 Grad 1 auf ukrainische Stellungen im Abschnitt Krasnoarmeysk bei Pokrowsk (Archivbild vom 10. Juli 2025).

Vor dem Ukraine-Krieg hatte die seit etwa einem Jahr umkämpfte Bergbaustadt rund 60.000 Einwohner. Heute hingegen befinden sich laut Tagesschau etwa 170.000 russische Soldaten im Raum Pokrowsk – eine große russische Gruppierung sei bereits für den nächsten Angriff formiert.

Ukraine-Krieg: Selenskyj widerspricht Russlands Darstellungen – Pokrowsk bleibt umkämpft

„Für Russland ist es sehr wichtig, alles dafür zu tun, um Pokrowsk real zu erobern“, erklärte Wolodymyr Selenskyj. Kreml-Chef Wladimir Putin wolle den USA, und deren Präsidenten Donald Trump zeigen, dass die russische Armee Erfolge auf dem Schlachtfeld feiern kann und eine Eroberung des Donbass realistisch sei.

Bei den ebenfalls in der Region Donezk gelegenen Städten Siwersk, Kramatorsk und Kostjantyniwka hätten die russischen Truppen trotz ständiger Angriffe aber „keine Erfolge“. Selenskyj stellt sich damit entschieden gegen die russischen Darstellungen, dass ukrainischen Truppen in den Städten Pokrowsk und Kupjansk eingekreist seien. Weiter erklärt der 47-jährige Urkainer, im benachbarten Gebiet Charkiw habe es Geländegewinne für die ukrainische Seite gegeben. In Kupjansk sind „wir 1.100 bis 1.200 Meter vorgestoßen“. Bei der Stadt Wowtschansk nahe der russischen Grenze verschlechtere sich hingegen die Lage.

Trump und Putin: Die Geschichte ihrer Beziehung in Bildern

Wandbild Putin Trump Litauen
Einen besseren US-Präsidenten als Donald Trump kann sich Kremlchef Wladimir Putin gar nicht wünschen: So könnte dieses Wandbild in der litauischen Hauptstadt Vilnius interpretiert werden. Bemerkenswert: Es ist eine Aufnahme aus dem Mai 2016, als Trump nicht gar nicht im Amt war. Offenbar schwante den Menschen in Litauen schon damals Böses. © Petras Malukas/AFP
Trump telefoniert mit Putin
Trump hat seit Jahren einen guten Draht zu Putin. Am 28. Januar 2017 telefonierte er im Oval Office des Weißen Hauses zum ersten Mal mit dem russischen Präsidenten. © Mandel Ngan/AFP
Wachsfiguren von Trump und Putin
Schon damals standen sie sich auch in Wachsfigurenkabinetten nahe, so auch in Sofia (Bulgarien). © Valentina Petrova/dpa
G20-Gipfel - Trump trifft Putin
Das erste persönliche und extrem heikle Treffen mit Putin wickelte Trump beim G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017 unfallfrei ab. Im Kreml wie im Weißen Haus herrschten anschließend Optimismus und Zufriedenheit.  © Evan Vucci/dpa
G20 Summit - Demonstration
Aktivisten von Oxfam standen dem G20-Gipfel kritisch gegenüber. Mit ihrer Aktion wollten sie auf den Abzweig zwischen mehr sozialer Ungleichheit und weniger Armut hinzuweisen. Sie trugen Masken von Theresa May, Donald Trump, Shinzō Abe, Emmanuel Macron, Angela Merkel, Justin Trudeau, Wladimir Putin, und Jacob Zuma. © Michael Kappeler/dpa
G20-Gipfel - Trump trifft Putin
„Der Fernseh-Trump unterscheidet sich sehr vom realen Menschen,“ sagte Putin nach dem G20-Gipfel in Hamburg vor der Presse über seinen US-Kollegen Donald Trump. © Steffen Kugler/dpa
Apec-Gipfel in Vietnam
Ein zweites Mal trafen sich Trump und Putin am Rande des Gipfels der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) im vietnamesischen Da Nang. © dpa
Putin trifft Trump beim Apec-Gipfel in Vietnam
Beide Präsidenten stimmten damals überein, dass das Verhältnis ihrer Länder nicht gut sei. Putin sah weiter eine tiefe Krise. Russland sei aber bereit, „eine neue Seite aufzuschlagen, vorwärtszugehen, in die Zukunft zu schauen“. © Mikhail Klimentyev
Trump Putin Da Nang
„Wenn wir ein Verhältnis zu Russland hätten, das wäre eine gute Sache“, sagte Trump. Sein persönliches Verhältnis zu Putin sei gleichwohl in sehr gutem Zustand, obwohl man sich nicht gut kenne. © Jorge Silva/AFP
Helsinki-Gipfel
Im Juli 2018 kamen Trump und Putin in Helsinki zu ihrem ersten offiziellen Gipfel zusammen.  © Heikki Saukkomaa/dpa
USA Ausstieg aus INF-Abrüstungsvertrag
Sie begrüßten sich mit einem kurzen, doch kräftigen Händedruck. „Es ist an der Zeit, detailliert über unsere bilateralen Beziehungen zu sprechen und über die schmerzhaften Punkte auf der Welt. Davon gibt es sehr viele“, sagte Putin. Trump betonte: „Die Welt möchte, dass wir miteinander auskommen.“ © Alexander Zemlianichenko/dpa
Helsinki
Während des Gipfeltreffens gingen in Helsinki mehrere Hundert Menschen aus Protest auf die Straßen. Dabei machten sie auf eine Reihe von Missständen aufmerksam.  © Joonas SaloIlta-Sanomat/Imago
Melania Trump
Auch First Lady Melania Trump war in Helsinki mit von der Partie. © Alexei Nikolsky/AFP
Trump und Putin
Trump äußerte sich hinterher zufrieden über sein Treffen mit Putin: „Der Dialog ist sehr gut verlaufen“, sagte er bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Putin. „Ein produktiver Dialog ist nicht nur gut für die Vereinigten Staaten und Russland, sondern für die Welt.“ © Brendan Smialowski/AFP
Proteste gegen Treffen von Trump und Putin
Derweil protestierten die Menschen auch im fernen Washington, D.C., gegen das Treffen. Unter anderem hielt eine Frau vor dem Weißen Haus ein Schild in die Höhe, auf dem die beiden Präsidenten karikiert waren.  © Andrew Harnik/dpa
100. Jahrestag Waffenstillstand Erster Weltkrieg
Im November 2018 nahmen Trump und Putin an einer Gedenkfeier anlässlich des Endes des Ersten Weltkriegs in Paris teil. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lud damals zum Spitzentreffen ein. © Ludovic Marin/AFP
Erster Weltkrieg - Waffenstillstand 1918
Auch vor Ort waren First Lady Melania Trump (links), die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und Brigitte Macron, die Ehefrau des französischen Präsidenten. © Francois Mori/dpa
Beginn des G20-Gipfels
Kurz danach trafen Trump und Putin beim G20-Gipfel in Buenos Aires erneut aufeinander. © Ralf Hirschberger/dpa
G20-Gipfel in Argentinien
Die Gespräche wurden von der Eskalation zwischen Russland und der Ukraine um einen Seezwischenfall vor der Krim überschattet. Deshalb sagte Trump ein direktes Treffen mit Putin am Rande des Gipfels kurzfristig ab.  © dpa
Japan, Osaka
Im Juni 2019 trafen Trump und Putin beim G20-Treffen im japanischen Osaka zusammen. © Imago
Osaka 2019
Trump wurde dabei von einem Reporter angesprochen, ob er Putin bei ihrem gemeinsamen Treffen auch sagen werde, dass sich der Kremlchef nicht in die US-Wahlen einzumischen habe. Trump beugte sich zu Putin und sagte: „Mische Dich nicht in unsere Wahlen ein“ – ein Lächeln glitt dabei über Trumps Gesicht. Die Aktion war allerdings nicht ganz ernst gemeint. © Brendan Smialowski/AFP
Osaka 2019
Trump nannte das Verhältnis zu Putin „sehr, sehr gut“.  © Brendan Smialowski/AFP
Trump Putin
Am Ende seiner ersten Amtszeit musste sich Trump wegen Machtmissbrauchs und Behinderung der Ermittlungen im Senat verantworten. Hintergrund war die sogenannte Ukraine-Affäre. Viele Menschen in den USA sahen Trump als Verräter – und Putin als Feind. © Olivier Douliery/AFP
Ukrainekrieg - Anti-Kriegsprotest in New York
Im Januar 2025 kam Trump zum zweiten Mal an die Macht. Im Ukraine-Krieg stellte er sich auf die Seite von Putin. Das rief Proteste hervor. Auch am Times Square in New York galt: Trump ist ein Verräter. © Adam Gray/dpa
Trump Putin
Trump sucht dennoch weiter die Nähe zu Putin. Nach offiziellen Angaben haben beide im Februar 2025 ein erstes Mal miteinander telefoniert, seit der US-Präsident wieder im Amt ist. Vor dem zweiten Gespräch am 18. März verkündete Trump: „Ich freue mich sehr auf das Gespräch mit Präsident Putin.“ Auch danach telefonierte er noch mehrmals mit seinem russischen Amtskollegen. © Alexander Nemenow/AFP
Trump und Putin
Am 15. Augsut 2025 kam es zum Gipfel zwischen Trump und Putin in Alaska. Es handelte sich um das erste persönliche Treffen der beiden Staatschefs seit Putins Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022. Das Treffen fand in der Stadt Anchorage statt. Am Ende gab es von beiden Staatschefs nichts Konkretes. © Andrew Caballero-Reynolds/AFP

Pokrowsk: Symbol des Widerstands im Ukraine-Krieg

Der Einfluss von Pokrowsk liegt vor allem auf zwei Ebenen: Einerseits liegt die Stadt strategisch wichtig, andererseits gilt sie als Symbol für den ukrainischen Widerstand gegen den mehr als dreieinhalb Jahren andauernden russischen Angriffskrieg. Experten, wie zuletzt Militärexperte Gustav Gressel gegenüber dem Tagesspiegel, kritisierten Selenskyj dafür, einen Rückzug herauszuzögern. Die Verteidigung des Frontbogens binde erhebliche ukrainische Kräfte und ließe den Personalbestand der Armee sinken. Der Tagesspiegel ergänzte die Einschätzung der finnischen Analysefirma Black Bird Group, diese mahnt: „Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird der Rückzug“.

Das russische Verteidigungsministerium teilte unterdessen mit, Moskaus Truppen in Pokrowsk würden die „Vernichtung der eingekreisten Gruppierungen der Streitkräfte der Ukraine fortsetzen“ – ukrainische Angriffe würden abgewehrt. Den Angaben nach weiteten die russischen Truppen auch die Kontrolle in der Stadt Myrnohrad aus. Dort ziehe sich die Schlinge um Selenskyjs Truppen immer enger zu.

Experte mahnt Selenskyj zum Pokrowsk-Rückzug: „Krieg der Abnutzung, kein Bewegungskrieg“

Auch der ukrainische Militärexperte Mykola Beleskow sieht die Doppelfunktion Pokrowsks und erklärt im ARD-Gespräch, dass ein Verlust der Industriestadt, die operative Lage der Ukraine „deutlich erschweren“ würde. Die Tagesschau zitiert ihn weiter: „Nimmt Russland Pokrowsk vollständig ein, behält es die Initiative – nicht wegen einer strategischen Wende, sondern als Symbol. Ein sichtbarer Erfolg, der innenpolitisch in Moskau und international in Verhandlungen ausgeschlachtet werden kann“.

Dem Experten zufolge liegt Pokrowsk an einer entscheidenden Nachschublinie – ein Durchbruch würde damit auch die Nachschubverbindung zu den letzten größeren ukrainischen Verteidigungszentren im Donbass im Gefährden. „Fällt Pokrowsk, gibt es im Norden oder Westen keine großen Städte, hinter denen sich die ukrainische Armee schnell neu formieren könnte. Das wäre kein Ende der Verteidigung, aber ein kritischer Moment“. Der Experte mahnt: „Es ist ein Krieg der Abnutzung, kein Bewegungskrieg.“ Bei einem Rückzug würde die „Front nicht zusammenbrechen“ – der moralische Effekt sei jedoch nicht zu unterschätzen. Sowohl „in der Ukraine und international.“

Ringen um Pokrowsk: Selenskyj zwischen Trumps Bodenschätzen und Putins Frontverläufen

Wie wichtig die Gebiete im Osten der Ukraine sind, zeigt sich auch daran, wie häufig sie bereits Gegenstand diverser Verhandlungen waren. Der Donbass ist historisch betrachtet das industrielle Herz der Ukraine. Die Region war ein wichtiger Standort der Kohle- und Schwerindustrie: Im Jahr 2012 machte die Gesamtregion laut Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) 22 Prozent der nationalen Industrieproduktion aus. Allein Donezk lieferte 16,3 Prozent und war damit Spitzenreiter.

Was ist der Donbass?

An Russland grenzen zwei ukrainische Regionen: Donezk und Luhansk. Gemeinsam bilden diese den Donbass. Das fast 55.000 Quadratkilometer umfassende Gebiet ist etwa doppelt so groß wie Belgien. Außerdem verfügt es über große Kohle- und Metallerzvorkommen. Der Donbass macht etwa neun Prozent des ukrainischen Territoriums aus.

Mittlerweile rücken jedoch andere, weitaus wertvollere Ressourcen in den Fokus: Der Donbass ist reich an Lithium, Uran, Titan und seltenen Erden. Viele dieser Vorkommen liegen jedoch in den besetzten oder umkämpften Gebieten und sind nicht zugänglich. Die USA und Ukraine unterzeichneten im Mai ein Mineralstoffabkommen. Dieses sollte den USA, den Zugang zu den ukrainischen Bodenschätzen sichern.

Das Institute for the Study of War (ISW) betont: Um den Standort zu schützen, habe die Ukraine „in den vergangenen elf Jahren Zeit, Geld und Mühe in die Verstärkung des Festungsgürtels investiert“. In der Folge hätten die russischen Streitkräfte „derzeit keine Mittel, um die Kette von Befestigungen schnell einzukesseln oder zu durchdringen“ – es würde wahrscheinlich Jahre dauern, dies zu tun.

Russlands Wirtschaft im freien Fall: Bringt der Donbass die Wende?

Der ökonomische Einfluss der Region dürfte auch Wladimir Putin nicht kaltlassen: Zuletzt zielte die Ukraine immer wieder mit gezielten Drohnenangriffen auf dessen Wirtschaft. Zu Beginn dieses Monats ereignete sich etwa ein Angriff in der südrussischen Region Wolgograd. Das Industriezentrum mit mehreren Erdölraffinerien befindet sich etwa 400 Kilometer von der Grenze entfernt. Der Kyiv Post zufolge konnte dabei eine der größten Ölraffinerien Russlands getroffen werden: Mit einer Verarbeitungskapazität von mehr als 15 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr, mache diese Raffinerie fast sechs Prozent der russischen Gesamtproduktion aus.

Offenbar in der Absicht, diesen vulnerablen Punkt besser zu schützen, verabschiedete die Duma erst kürzlich einen Gesetzentwurf, der es Putins Behörden erlaubt, Mitglieder der aktiven Reserve Russlands zum Schutz kritischer Infrastrukturen zu rekrutieren. Das Oppositionsmedium Astra berichtete, dass die ersten Behörden bereits Stellen ausschreiben. Dort sollen Reservisten in mobilen Feuerwehreinsatzteams Ölraffinerien vor Drohnenangriffen schützen. Während der reguläre Reservistendienst nur mit 3000 Rubel (ca. 32 Euro) vergütet wird, bringt die Teilnahme an einer Ausbildung 40.000 Rubel (ca. 428 Euro). Besonders lukrativ fällt der Dienst in einer Raffinerie aus: Dort werden 50.000 Rubel (ca. 535 Euro) zusätzlich gezahlt. Zum Vergleich: Der durchschnittliche russische Monatslohn lag im Mai 2025 bei 103.183 Rubel (etwa 1.105 Euro).

Die jüngsten Angriffe versetzen Präsident Wladimir Putin einen harten Schlag, denn der Abschwung der russischen Wirtschaft setzt sich fort. Laut dem Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung verlangsamt sich das Wachstum bereits das dritte Quartal in Folge. Die Moscow Times berichtet von gleich mehreren zivilen Wirtschaftsbereichen im freien Fall: Die gefährdeten Ölraffinerien erlitten dabei einen Einbruch um 4,5 Prozent. (Quellen: dpa, Tagesschau, Tagesspiegel, AFP, bpb, ISW, Kyiv Post, AstraMinisterium für wirtschaftliche Entwicklung, Moscow Times) (kox)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Evgeny Biyatov / SNA

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