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Pokrowsk ist strategisch und symbolisch wichtig: Russland verstärkt seine Angriffe – ein Verlust könnte die Ukraine in eine schwierige Lage bringen.
Pokrowsk – 220 Sturmangriffe in drei Tagen: Das Ringen um die Bergbaustadt Pokrowsk spitzt sich weiter zu. Zuletzt berichtete Wolodymyr Selenskyj von „314 Russen“, welche sich derzeit in der Stadt befinden. Eine Steigerung: Ende Oktober erklärte der ukrainische Präsident noch, es seien „bis zu“ 200 russischen Soldaten im Stadtgebiet.
Vor dem Ukraine-Krieg hatte die seit etwa einem Jahr umkämpfte Bergbaustadt rund 60.000 Einwohner. Heute hingegen befinden sich laut Tagesschau etwa 170.000 russische Soldaten im Raum Pokrowsk – eine große russische Gruppierung sei bereits für den nächsten Angriff formiert.
Ukraine-Krieg: Selenskyj widerspricht Russlands Darstellungen – Pokrowsk bleibt umkämpft
„Für Russland ist es sehr wichtig, alles dafür zu tun, um Pokrowsk real zu erobern“, erklärte Wolodymyr Selenskyj. Kreml-Chef Wladimir Putin wolle den USA, und deren Präsidenten Donald Trump zeigen, dass die russische Armee Erfolge auf dem Schlachtfeld feiern kann und eine Eroberung des Donbass realistisch sei.
Bei den ebenfalls in der Region Donezk gelegenen Städten Siwersk, Kramatorsk und Kostjantyniwka hätten die russischen Truppen trotz ständiger Angriffe aber „keine Erfolge“. Selenskyj stellt sich damit entschieden gegen die russischen Darstellungen, dass ukrainischen Truppen in den Städten Pokrowsk und Kupjansk eingekreist seien. Weiter erklärt der 47-jährige Urkainer, im benachbarten Gebiet Charkiw habe es Geländegewinne für die ukrainische Seite gegeben. In Kupjansk sind „wir 1.100 bis 1.200 Meter vorgestoßen“. Bei der Stadt Wowtschansk nahe der russischen Grenze verschlechtere sich hingegen die Lage.
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Pokrowsk: Symbol des Widerstands im Ukraine-Krieg
Der Einfluss von Pokrowsk liegt vor allem auf zwei Ebenen: Einerseits liegt die Stadt strategisch wichtig, andererseits gilt sie als Symbol für den ukrainischen Widerstand gegen den mehr als dreieinhalb Jahren andauernden russischen Angriffskrieg. Experten, wie zuletzt Militärexperte Gustav Gressel gegenüber dem Tagesspiegel, kritisierten Selenskyj dafür, einen Rückzug herauszuzögern. Die Verteidigung des Frontbogens binde erhebliche ukrainische Kräfte und ließe den Personalbestand der Armee sinken. Der Tagesspiegel ergänzte die Einschätzung der finnischen Analysefirma Black Bird Group, diese mahnt: „Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird der Rückzug“.
Das russische Verteidigungsministerium teilte unterdessen mit, Moskaus Truppen in Pokrowsk würden die „Vernichtung der eingekreisten Gruppierungen der Streitkräfte der Ukraine fortsetzen“ – ukrainische Angriffe würden abgewehrt. Den Angaben nach weiteten die russischen Truppen auch die Kontrolle in der Stadt Myrnohrad aus. Dort ziehe sich die Schlinge um Selenskyjs Truppen immer enger zu.
Experte mahnt Selenskyj zum Pokrowsk-Rückzug: „Krieg der Abnutzung, kein Bewegungskrieg“
Auch der ukrainische Militärexperte Mykola Beleskow sieht die Doppelfunktion Pokrowsks und erklärt im ARD-Gespräch, dass ein Verlust der Industriestadt, die operative Lage der Ukraine „deutlich erschweren“ würde. Die Tagesschau zitiert ihn weiter: „Nimmt Russland Pokrowsk vollständig ein, behält es die Initiative – nicht wegen einer strategischen Wende, sondern als Symbol. Ein sichtbarer Erfolg, der innenpolitisch in Moskau und international in Verhandlungen ausgeschlachtet werden kann“.
Dem Experten zufolge liegt Pokrowsk an einer entscheidenden Nachschublinie – ein Durchbruch würde damit auch die Nachschubverbindung zu den letzten größeren ukrainischen Verteidigungszentren im Donbass im Gefährden. „Fällt Pokrowsk, gibt es im Norden oder Westen keine großen Städte, hinter denen sich die ukrainische Armee schnell neu formieren könnte. Das wäre kein Ende der Verteidigung, aber ein kritischer Moment“. Der Experte mahnt: „Es ist ein Krieg der Abnutzung, kein Bewegungskrieg.“ Bei einem Rückzug würde die „Front nicht zusammenbrechen“ – der moralische Effekt sei jedoch nicht zu unterschätzen. Sowohl „in der Ukraine und international.“
Ringen um Pokrowsk: Selenskyj zwischen Trumps Bodenschätzen und Putins Frontverläufen
Wie wichtig die Gebiete im Osten der Ukraine sind, zeigt sich auch daran, wie häufig sie bereits Gegenstand diverser Verhandlungen waren. Der Donbass ist historisch betrachtet das industrielle Herz der Ukraine. Die Region war ein wichtiger Standort der Kohle- und Schwerindustrie: Im Jahr 2012 machte die Gesamtregion laut Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) 22 Prozent der nationalen Industrieproduktion aus. Allein Donezk lieferte 16,3 Prozent und war damit Spitzenreiter.
Was ist der Donbass?
An Russland grenzen zwei ukrainische Regionen: Donezk und Luhansk. Gemeinsam bilden diese den Donbass. Das fast 55.000 Quadratkilometer umfassende Gebiet ist etwa doppelt so groß wie Belgien. Außerdem verfügt es über große Kohle- und Metallerzvorkommen. Der Donbass macht etwa neun Prozent des ukrainischen Territoriums aus.
Mittlerweile rücken jedoch andere, weitaus wertvollere Ressourcen in den Fokus: Der Donbass ist reich an Lithium, Uran, Titan und seltenen Erden. Viele dieser Vorkommen liegen jedoch in den besetzten oder umkämpften Gebieten und sind nicht zugänglich. Die USA und Ukraine unterzeichneten im Mai ein Mineralstoffabkommen. Dieses sollte den USA, den Zugang zu den ukrainischen Bodenschätzen sichern.
Das Institute for the Study of War (ISW) betont: Um den Standort zu schützen, habe die Ukraine „in den vergangenen elf Jahren Zeit, Geld und Mühe in die Verstärkung des Festungsgürtels investiert“. In der Folge hätten die russischen Streitkräfte „derzeit keine Mittel, um die Kette von Befestigungen schnell einzukesseln oder zu durchdringen“ – es würde wahrscheinlich Jahre dauern, dies zu tun.
Russlands Wirtschaft im freien Fall: Bringt der Donbass die Wende?
Der ökonomische Einfluss der Region dürfte auch Wladimir Putin nicht kaltlassen: Zuletzt zielte die Ukraine immer wieder mit gezielten Drohnenangriffen auf dessen Wirtschaft. Zu Beginn dieses Monats ereignete sich etwa ein Angriff in der südrussischen Region Wolgograd. Das Industriezentrum mit mehreren Erdölraffinerien befindet sich etwa 400 Kilometer von der Grenze entfernt. Der Kyiv Post zufolge konnte dabei eine der größten Ölraffinerien Russlands getroffen werden: Mit einer Verarbeitungskapazität von mehr als 15 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr, mache diese Raffinerie fast sechs Prozent der russischen Gesamtproduktion aus.
Offenbar in der Absicht, diesen vulnerablen Punkt besser zu schützen, verabschiedete die Duma erst kürzlich einen Gesetzentwurf, der es Putins Behörden erlaubt, Mitglieder der aktiven Reserve Russlands zum Schutz kritischer Infrastrukturen zu rekrutieren. Das Oppositionsmedium Astra berichtete, dass die ersten Behörden bereits Stellen ausschreiben. Dort sollen Reservisten in mobilen Feuerwehreinsatzteams Ölraffinerien vor Drohnenangriffen schützen. Während der reguläre Reservistendienst nur mit 3000 Rubel (ca. 32 Euro) vergütet wird, bringt die Teilnahme an einer Ausbildung 40.000 Rubel (ca. 428 Euro). Besonders lukrativ fällt der Dienst in einer Raffinerie aus: Dort werden 50.000 Rubel (ca. 535 Euro) zusätzlich gezahlt. Zum Vergleich: Der durchschnittliche russische Monatslohn lag im Mai 2025 bei 103.183 Rubel (etwa 1.105 Euro).
Die jüngsten Angriffe versetzen Präsident Wladimir Putin einen harten Schlag, denn der Abschwung der russischen Wirtschaft setzt sich fort. Laut dem Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung verlangsamt sich das Wachstum bereits das dritte Quartal in Folge. Die Moscow Times berichtet von gleich mehreren zivilen Wirtschaftsbereichen im freien Fall: Die gefährdeten Ölraffinerien erlitten dabei einen Einbruch um 4,5 Prozent. (Quellen: dpa, Tagesschau, Tagesspiegel, AFP, bpb, ISW, Kyiv Post, AstraMinisterium für wirtschaftliche Entwicklung, Moscow Times) (kox)
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