113 Millionen Russen aufgerufen

Putin vor Wiederwahl: Zehntausende Stimmen schon im Vorfeld abgegeben - „Ausdruck von Patriotismus“

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Wahlen fernab der Heimat: Auch die in Syrien stationierten russischen Soldaten konnten ihre Stimme vorab abgeben.
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Russland wählt seinen künftigen Präsidenten. Der designierte Gewinner Wladimir Putin wendet sich ans Volk. Zehntausende haben ihr Kreuz schon gemacht.

Moskau – Die endgültige Entscheidung fällt am Wochenende. Vom 15. bis 17. März sind die Menschen in Russland dazu aufgerufen, ihren künftigen Präsidenten zu wählen. Der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiterhin Wladimir Putin heißen wird. Und das nicht nur, weil sich der als Propagandist bekannte TV-Journalist Wladimir Solowjow in seiner Sendung für den Kreml-Chef mächtig ins Zeug legt.

Nawalny verlängert die Liste der Opfer Putins – ein Überblick

Alexej Nawalny
Alexej Nawalny war über Jahre der markanteste Kopf der russischen Opposition. Schon früh prangerte der Rechtsanwalt das Machtlager von Präsident Wladimir Putin offen als „Partei der Gauner und Diebe“ an.  © Andrei Zhilin/afp
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin.
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin. © Anatoly Maltsev / dpa
Alexej Nawalny
2013 trat er als Bürgermeisterkandidat in Moskau an und erreichte mit 27 Prozent der Stimmen den zweiten Platz. Später organisierte er Massenproteste im ganzen Land, besonders aber in Moskau. 2018 wollte Nawalny selbst Präsident werden, doch die Justiz schob ihm einen Riegel vor. Wiederholt wurde er wegen Betrugs- und Diebstahlsvorwürfen vor Gericht gestellt und verurteilt. © Kirill Kudryavtsev/afp
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei.
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei. © Valentina Svistunova / dpa
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro.
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro. © Evgeny Feldman / dpa
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden.
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden. © Jean-Francois Badias / dpa
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen.
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen. © Alexander Demianchuk / Imago
Alexej Nawalny
Im August 2020 brach Nawalny bei einer Reise zusammen und fiel ins Koma. Grund war eine Vergiftung mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok, wie Untersuchungen an der Charité in Berlin bewiesen. © Instagram account @navalny/afp
Alexej Nawalny
Im Januar 2021 kehrte Nawalny nach Russland zurück, wo er erneut vor Gericht gestellt und unter anderem wegen angeblichem „Extremismus“ zu 19 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Im Dezember 2023 folgte die Verlegung in ein Lager hinter dem Polarkreis. Am 16. Februar 2024 starb Nawalny nach Justizangaben in dem Straflager. Er sei nach einem Hofgang zusammengebrochen, teilte die Gefängnisverwaltung mit.  © Vera Savina/afp
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben. Weltweit wird um den Kreml-Kritiker getrauert. © IMAGO/Vuk Valcic / ZUMA Wire
Jewgeni Prigoschin
Jewgeni Prigoschin war in Russland als skrupelloser Unternehmer mit krimineller Vergangenheit bekannt. Er und Putin kannten sich lange. Als der heutige Präsident noch in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb war Prigoschin, der mehrere Jahre wegen Raubs in Haft saß, auch als „Putins Koch“ bekannt. Niemand sonst in Russland traute sich solche Kritik wie Prigoschin © ITAR-TASS/Imago
Jewgeni Prigoschin
Über Monate hinweg legte sich Jewgeni Prigoschin mit der Militärführung in Moskau an. Immer wieder warf der Chef der russischen Privatarmee Wagner dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab der Armee vor, Präsident Wladimir Putin zu belügen. Mit einem bewaffneten Aufstand seiner Privatarmee forderte Prigoschin aber auch Putin selbst heraus. © Sergey Pivovarov/Imago
Jewgeni Prigoschin
Nach seinem gescheiterten Aufstand sahen Fachleute den Söldnerchef aber dem Tode geweiht. Kremlchef Putin hatte die Kämpfer um seinen Ex-Vertrauten als Verräter bezeichnet. Tatsächlich starb Prigoschin zwei Monate nach seiner Meuterei gegen die russische Staatsmacht im August 2023 bei einem Flugzeugabsturz in Russland. © Imago
Boris Nemzow
Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow galt als einer der schillerndsten und mutigsten Politiker Russlands. Feinde machte er sich vor allem mit seiner Kritik an der Ukraine-Politik von Kremlchef Wladimir Putin. Er wurde zur Galionsfigur der zersplitterten Opposition und galt als Unterstützer der Richtung Westen strebenden Ukraine. © Oxana Onipko/afp
Boris Nemzow
Nemzow wurde im Februar 2015 durch mehrere Schüsse in den Rücken aus einem Auto heraus erschossen. Der Mord wirft noch immer viele Fragen auf. Die EU drängte Russland wiederholt dazu, den Fall weiter aufzuklären. Ein Gericht in Moskau verurteilte 2017 den mutmaßlichen Mörder und vier Komplizen aus dem Nordkaukasus zu langen Haftstrafen. Nemzows Familie beklagte, dass nach den Drahtziehern nie wirklich gesucht worden sei. © afp
Boris Nemzow
In den 1990er Jahren hatte sich Nemzow als liberaler Reformer in Russland einen Namen gemacht. Präsident Boris Jelzin (rechts im Bild) holte ihn einst in die Regierung nach Moskau. Nemzow war zeitweilig auch als Präsidentenanwärter gehandelt worden. „Ich bin liberal, was Wirtschaftsfragen angeht, aber für eine starke Staatsmacht in der Politik“, sagte er einmal. © TASS/afp
Alexander Litwinenko
Der Putin-Kritiker Alexander Litwinenko starb im November 2006 in London nach einem Anschlag mit dem radioaktiven Gift Polonium 210. Einem Untersuchungsbericht zufolge soll ihm das Strahlengift in einem Londoner Hotel in den Tee gemischt worden sein. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit siechte Litwinenko tagelang dahin. Vom Krankenhausbett beschuldigte er Putin, hinter dem Anschlag zu stecken. Die britische Justiz sieht es ebenfalls als bewiesen an, dass die Spur in hohe politische Kreise in Moskau führt. Russland weist dies zurück. © Sergei Kaptilkin/dpa
Anna Politkowskaja
Die Journalistin Anna Politkowskaja machte sich als Kritikerin der Kriege in Tschetschenien einen Namen. Die Mitarbeiterin Oppositionszeitung Nowaja Gaseta berichtete über Kriegsverbrechen der russischen Armee und der verbündeten tschetschenischen Gruppen und sprach von einem „schmutzigen Krieg“. Häufig musste sie sich gegen Drohungen wehren. Am 7. Oktober 2006 wurde sie vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Politkowskajas Familie vermutet ein politisches Motiv für die Tat.  © Imago
Boris Beresowski
Die Serie von mitunter rätselhaften Todesfällen, hinter denen russische staatliche Stellen vermutet werden, ist noch sehr viel länger. Der Oligarch Boris Beresowski (Mitte) fiel nach dem Machtantritt Putins in Ungnade und floh nach Großbritannien. Am 23. März 2013 wurde Beresowski tot im Bad seines Hauses in Ascot gefunden.  © Shaun Curry/afp
Pawel Scheremet
Im Juli 2016 kam der russische Exil-Journalist Pawel Scheremet in Kiew durch eine Autobombe ums Leben. Scheremet engagierte sich während der Maidan-Proteste 2013/2014 in Kiew aufseiten der prowestlichen Kräfte und wurde später Redakteur beim renommierten Internetportal Ukrainskaja Prawda. © Dmytro Larin/afp
Denis Woronenkow
2017 wurde der abtrünnige russische Abgeordnete Denis Woronenkow auf offener Straße in Kiew erschossen. Auch sein Fall wurde nie aufgeklärt. © ITAR-TASS/Imago
Sergej Magnizki
Sergej Magnizki starb 2009 unter ungeklärten Umständen in einem Moskauer Gefängnis. Angeblich wurde der Anwalt, der nach eigenen Angaben einen Steuerbetrug aufgedeckt hatte, zu Tode geprügelt. Medizinische Hilfe wurde im verweigert.  © HO/Hermitage Capital Management/afp
Baburowa/Markelow
Die Journalistin Anastassija Baburowa und der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow wurden 2009 auf der Straße in Moskau erschossen. Für die Tat wurden ein Rechtsextremist und eine Komplizin zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten ihre Schuld bestritten. © ITAR-TASS/Imago
Natalia Estemirowa
Die Menschenrechtlerin Natalia Estemirowa wurde 2009 in der Konfliktregion Nordkaukasus erschossen aufgefunden. Mit Berichten über das Verschwinden von Zivilpersonen in dem Gebiet hatte sie sich wiederholt den Zorn der Machthaber zugezogen. © Memorial/afp
Sergej Juschenkow
Eines der ersten Todesopfer war Sergej Juschenkow. Der Duma-Abgeordnete wurde im April 2003 in Moskau erschossen. Juschenkow war der Staatsführung ein Dorn im Auge, wenngleich der Politiker über wenig Macht und Einfluss verfügte.  © Roman Mukhamedzanov/Vremya Novos/afp

Russland wählt Präsidenten: Schon mehr als 40.000 Stimmen abgegeben

Für einige der mehr als 113 Millionen Wahlberechtigten kommt diese Form der Putin-Werbung allerdings zu spät. Denn Zehntausende haben ihr Kreuz bereits gemacht. Die Nachrichtenagentur Tass zitiert Maria Sacharowa: „Die frühe Abstimmung läuft bereits“, sagte demnach die Sprecherin des Außenministeriums. „Sie hat bereits in 23 Ländern stattgefunden und wurde von 29 Wahlkommissionen überwacht. Mit Stand vom 12. März haben bereits mehr als 40.000 Russen ihre Stimme abgegeben.“ Dabei habe es keine nennenswerten Vorkommnisse gegeben.

Diese vorgezogenen Wahlen gelten auch für abgelegene Regionen in Russland sowie die annektierten Gebiete auf ukrainischem Territorium. Offiziell haben die Menschen die Wahl zwischen Putin und drei Herausforderern.

Wladislaw Dawankow ist stellvertretender Vorsitzender der Staatsduma und tritt für die Partei Neue Leute an, die grundsätzlich den Amtsinhaber unterstützt. Nikolai Charitonow führt die Kommunistische Partei der Russischen Föderation an. Leonid Sluzki ist der Kandidat der rechtsextremen Liberaldemokratischen Partei Russlands. Vor sechs Jahren waren es noch doppelt so viele Kandidaten gewesen und Putin hatte sich mit mehr als drei Viertel der Stimmen durchgesetzt – es war sein bestes Ergebnis.

KandidatAlter
Nikolai Charitonow75
Wladislaw Dawankow39
Wladimir Putin71
Leonid Sluzki 55

Video: Nawalnaja ruft zu Protest bei Präsidentenwahl in Russland auf

Putin vor der Wiederwahl: Präsident sieht Stimmabgabe als „Ausdruck von Patriotismus“

Damals lag die Wahlbeteiligung bei 76,5 Prozent. Auf die Zahl bei dieser Wahl wird wohl international ganz besonders geschaut, zumal Manipulationen befürchtet werden. So rief Julia Nawalnaja, Witwe des in einem sibirischen Gefangenenlager gestorbenen Kreml-Kritikers Alexej Nawalny, die Bürger zum Protest auf. Sie sollten gegen Putin stimmen oder ihren Wahlzettel ungültig machen. Auch andere Oppositionelle hegten Hoffnung auf ein Ende der Herrschaft des einstigen Geheimagenten, der diverse Kriege führen lässt.

Der Kreml-Chef, der eine Rekordbeteiligung anstrebt, redete seinem Volk derweil ins Gewissen. Mit der Stimmabgabe würden die Menschen auch „ihr persönliches Engagement für die Zukunft Russlands klar zum Ausdruck bringen“. Weiter sagte Putin in seiner Ansprache: „Ich bin zuversichtlich, dass Sie wahrnehmen, dass unser Land durch eine schwierige Zeit geht und wir in so ziemlich jeglicher Hinsicht vor gewaltigen Herausforderungen stehen. Damit wir ihnen weiterhin mit Würde begegnen und Schwierigkeiten erfolgreich überwinden können, müssen wir vereint und selbstbewusst bleiben.“

Es gehe darum, Russlands Freiheit zu sichern. „An der Wahl teilzunehmen, ist ein Ausdruck von Patriotismus“, verdeutlicht der 71-Jährige und schlägt einen Bogen zu den Bürgern in den annektierten Gebieten in der Ukraine, die während der Referenden trotz schwieriger Umstände für eine Einigkeit mit Russland gestimmt hätten.

Wahlen unter erschwerten Bedingungen: In einigen Regionen Russlands reisen die Wahlhelfer zu den Bürgern.

Putin will Präsident bleiben: Soldaten „zeigen Mut und Heldenhaftigkeit“

Damit aber nicht genug der Verweise auf den Ukraine-Krieg: „Unser Militär an den Frontlinien wird ebenfalls wählen. Sie zeigen Mut und Heldenhaftigkeit, verteidigen unser Vaterland und nehmen an den Wahlen teil, um ein Beispiel für uns alle zu geben.“

Alle Menschen in Russland würden eine große Familie darstellen. „Wir kümmern und sorgen uns um unser Heimatland. Wir wollen, dass es gedeiht, dass es stark, frei und wohlhabend ist. Wir wollen, dass sich der Lebensstandard und die Lebensqualität verbessern. Und so wird es sein“, betonte Putin in klassischer Politiksprache und versprach: „Wir werden alles genau so machen, wie wir es wollen.“

Derweil erklärte Ella Pamfilova, Vorsitzende der Wahlkommission, laut Tass, dass 113.574.550 Wahlzettel vorbereitet seien. „Jeder davon wird von mehreren Sicherheitsstufen geschützt“, wird die einstige Vorsitzende der Menschenrechtskommission zitiert. Es sei unmöglich, die Wahlzettel zu fälschen. Sie würden alle in den Wahllokalen bereitliegen. Und warten damit nur noch auf die Kreuze der Wähler. (mg)

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