VonPatrick Mayerschließen
In der Zentrale der Wagner-Söldner im russischen Sankt Petersburg sollen chaotische Zustände herrschen, während Jewgeni Prigoschin angeblich bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist.
Update vom 24. August: In wenigen Stunden haben sich die Ereignisse in Russland überschlagen: Zahlreiche Medien berichten inzwischen vom Tod von Putins Koch, Jewgeni Prigoschin. In den Abendstunden des 23. August verbreitete sich die Nachricht, dass in der Nähe von Moskau ein Privatflugzeug abgestürzt sei.
Neben hochrangigen Mitgliedern der Gruppe Wagner soll auch Prigoschin bei dem Flugzeugabsturz gestorben sein. Die Informationen aus Moskau lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
Erstmeldung vom 23. August: Sankt Petersburg - Im Ukraine-Krieg war im Donbass nichts und niemand vor seinen marodierenden Horden sicher. Jetzt wird in der zweitgrößten Stadt Russlands offenbar die Zentrale von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin geplündert, nachdem der in Ungnade gefallene Militär-Unternehmer Sankt Petersburg (rund fünf Millionen Einwohner) verlassen musste.
Jewgeni Prigoschin: In Zentrale der Wagner-Söldner soll es drunter und drüber gehen
Davon berichtet der russische Telegram-Kanal „VChK-OGPU“, der der Wagner-Privatarmee (PMC) nahestehen soll, laut Nachrichtenportal t-online. „Seit der Meuterei ist der Zustand in Prigoschins Unternehmen ziemlich beklagenswert“, zitiert der Kanal demnach eine namentlich nicht präzisierte Quelle aus der PMC.
Während in Russland die Zweifel am Kriegskurs von Moskau-Machthaber Wladimir Putin wachsen sollen, geht es wohl 700 Kilometer nordwestlich, in Sankt Petersburg, in der Wagner-Firmenzentrale drunter und drüber. Mitarbeiter würden in Abwesenheit Prigoschins sogar Telefone stehlen, heißt es in dem Telegram-Beitrag demnach, die sie dann im Internet verkaufen würden.
Mehr noch: Laut „VChK-OGPU“ sei Prigoschins Stellvertreter Waleri Tschekalow informiert und unternehme nichts. Mitarbeiter der Finanzabteilung hätten sich angeblich darauf spezialisiert, „Karteileichen zu sammeln“ und den Sold von Kämpfern einzubehalten, die in der Ukraine getötet wurden. „In einigen Abteilungen beläuft sich die Zahl solcher ‚Null‘-Mitarbeiter auf 30 bis 40 Personen“, zitiert „VChK-OGPU“ die Quelle laut t-online.
Wagner-Söldner aus Russland: Mitarbeiter plündern angeblich Zentrale in Sankt Petersburg
„Wegen seiner Leidenschaft für seine persönliche Werbung hat der Geschäftsführer aufgehört, die Arbeit seiner Angestellten zu kontrollieren“, heißt es in dem Beitrag weiter. Mitarbeiter des internen Sicherheitsdienstes würden demnach bei der Geschäftsführung um besonders hohe Budgets für Überwachungskameras und Aufklärungsdrohnen für die PMC bitten, die trotz des gescheiterten Aufstands vor Moskau Ende Juni weiter in mehreren afrikanischen Ländern aktiv ist.
Wir kennen Putins Rachsucht. Deshalb ist zu vermuten, dass Prigoschin seine Lebenszeit drastisch reduziert hat.
„Prigoschin stellt das Budget zur Verfügung und erhält gefälschte, ausgedruckte Schecks als Beleg. Tatsächlich gekauft wird nichts“, erklärte die Quelle. Am 24. Juni hatten russische Sicherheitskräfte die Zentrale in Sankt Petersburg abgesperrt und durchsucht, angeblich um Beweise gegen Prigoschin zu sammeln, als dieser mit ein paar tausenden Söldnern kurzzeitig die Macht von Kreml-Autokrat Putin bedroht hatte. Seither sind die Schriftzüge der Militärfirma über dem Gebäude verschwunden.
Jewgeni Prigoschin: Lebenszeichen des Wagner-Chefs aus Afrika?
Erst am Montag hatte der 62-jährige Prigoschin ein Lebenszeichen gesendet. Zwei Monate nach seiner gescheiterten Meuterei meldete er sich angeblich aus Afrika. Auf dem der Wagner-Gruppe nahestehenden Telegram-Kanal „Grey Zone“ zeigte er sich in einem Video. Wann und wo die Aufnahmen entstanden sind, lässt sich nicht unabhängig verifizieren. Prigoschin sagte in Tarnkleidung und mit Maschinengewehr in den Händen: „Wir arbeiten. Die Temperatur beträgt mehr als 50 Grad.“ Seine Wagner-Söldner würden Aufklärungs- und Suchaktionen durchführen, erzählte er: „Sie macht Russland noch größer auf allen Kontinenten. Und Afrika noch freier.“
Jewgeni Prigoschin: Wagner-Chef muss wohl Wladimir Putin fürchten
Ein Bluff? Seine neue Aufgabe? Nachdem nach dem Putschversuch anfangs tausende Wagner-Söldner ins Exil nach Belarus geschickt wurden, haben viele von Prigoschins Leuten Weißrussland in den vergangenen zwei Wochen offenbar wieder verlassen. Nato-Mitglied Polen verstärkte seine Armee an der Grenze zu Belarus aus Sorge vor der Wagner-PMC immens, während in der Nachbarschaft der russische Angriffskrieg gegen die Ukrainer mit unverminderter Härte weitergeht.
Laut eines Experten muss Prigoschin derweil Russland-Machthaber Putin fürchten. „Wir kennen Putins Rachsucht. Deshalb ist zu vermuten, dass Prigoschin seine Lebenszeit drastisch reduziert hat. Noch ist ein Anschlag auf ihn aber politisch riskant, weil er weiter Fürsprecher in den russischen Sicherheitsapparaten hat“, erklärte der Historiker und Osteuropa-Experte Prof. Dr. Klaus Gestwa von der Universität Tübingen kürzlich Merkur.de von IPPEN.MEDIA: „Die Zeit, ihm mit geheimdienstlichen Mitteln nach dem Leben zu trachten, wird kommen. Wenn Putin jemandem Verrat unterstellt, hat das mittel- oder langfristig Konsequenzen.“ (pm)
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