„Schuld ist Jens Spahn“

Merz vor heiklem ARD-Talk: Spahn wird zur Belastung – in der Union rumort es

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Friedrich Merz muss sich im Sommerinterview der ARD heute für das Fiasko bei der Richterwahl im Bundestag rechtfertigen. Sein Vertrauter ist längst zur Belastung geworden.

Berlin – Bald hat er mal Ruhe. Friedrich Merz freut sich auf den ersten Urlaub als Kanzler. Am 31. Juli geht es los, hört man aus dem politischen Berlin. Wohin? Gefühlt ein Staatsgeheimnis – wenngleich seine Reiseziele in der Vergangenheit eher bodenständig waren: Fahrradtour in Frankreich, bayerische Berge mit Golfspielen am Tegernsee. Weit zog es ihn also nicht weg, das dürfte auch 2025 ratsam sein – denn jetzt hat der gut 70-Tage-Kanzler einen neuen Krisenherd im eigenen Hause, der seine Anwesenheit erfordern dürfte.

Mittendrin im Juli-Theater: Unions-Fraktionschef Jens Spahn (CDU), der schon seit Wochen schmerzhafte politische Daumenschrauben spürt. Nun könnte die gescheiterte Richterwahl das Fass zum Überlaufen bringen.

Merz heute im ARD-Sommerinterview – Spahn hat Fraktion nicht im Griff

Nach dem Fiasko im Bundestag (O-Ton Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann: „beispiellos“) schießen sich Beobachter bereits auf den ehemaligen Merz-Gegner Spahn ein – „Schuld ist Jens Spahn“ (Spiegel), und selbst Bild schreibt: „Dieses Desaster hat einen Namen: Jens Spahn!“. Brisant: Hinter den Kulissen zeigten sich mehrere eklatante Fehlentscheidungen des ehemaligen Gesundheitsministers Jens Spahn.

Die Rolle des 45-Jährigen in der Richterwahl-Krise steht im Fokus:

  • Führungsversagen: Spahn hat es nicht geschafft, seine eigene Fraktion hinter den gemeinsam mit der SPD ausgehandelten Personalvorschlag zu bringen. Viele Unionsabgeordnete verweigerten ihm die Gefolgschaft, sodass die Wahl kurzfristig abgesagt werden musste – ein in der Geschichte des Bundestags einmaliger Vorgang.
  • Falsches Management des Prozesses: Kritiker, darunter der frühere Verfassungsrichter Peter Müller, sprechen von „eklatantem Führungsversagen“ und werfen Spahn vor, den Prozess mindestens fahrlässig gehandhabt zu haben. Auch ein Experte urteilt: „Enormes Führungsversagen von Spahn“.
  • Vermeidbarer Koalitionskrach: Auch parteiübergreifend wird betont, dass der Ärger um die Richterwahl vermeidbar gewesen wäre und Spahn als Hauptverantwortlicher gilt.
Von Krise zu Krise: Wie lange kann Friedrich Merz seinen Fraktionschef Jens Spahn noch halten?

So kurz vor der Sommerpause kann Kanzler Merz eigentlich keine Live-Debatte über eine mögliche Regierungsschwäche oder Koalitionskrise gebrauchen. Dennoch muss Merz seinen wichtigsten Mann im politischen Betrieb heute nun im ARD-Sommerinterview verteidigen. Eine Belastung ist Jens Spahn längst geworden. Die Maskenbeschaffungs-Affäre um Spahn macht der Union schon länger zu schaffen.

Masken-Affäre um Jens Spahn belastet längst Merz‘ Union

Rückblick in eine fast vergessene Zeit: Das Bundesgesundheitsministerium unter Jens Spahn kaufte während der Corona-Pandemie Masken im Wert von rund 750 Millionen Euro zu völlig überteuerten Preisen. Spahn wird zudem vorgeworfen, während der Corona-Pandemie ein Logistikunternehmen aus seinem Wahlkreis beziehungsweise aus der unmittelbaren Nachbarschaft bevorzugt zu haben.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Besonders brisant: Zentrale Passagen des dazugehörigen Untersuchungsberichts von Sonderermittlerin Margaretha Sudhof wurden zunächst komplett geschwärzt, um Spahns persönliche Einbindung in die Maskenbestellungen zu verschleiern. Die Opposition wirft Spahn vor, „systematisch gelogen“ zu haben, da er seine Rolle heruntergespielt habe, obwohl Akten und Notizen das Gegenteil belegen. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

ARD-Sommerinterview wirft Schlaglicht auf Verhältnis von Merz und Spahn

Und so war der Schachzug von Friedrich Merz, Jens Spahn zum Unions-Fraktionschef zu machen, bereits eine Überraschung. Es gibt Stimmen in der CDU, die bezweifeln, dass Spahn Fraktionschef auf ausdrücklichen Wunsch von Merz wurde – vielmehr sei Spahn inzwischen so mächtig, dass Merz ihn gar nicht mehr verhindern konnte. Schon seit längerem gilt das Verhältnis als angespannt und von gegenseitigem Machtkalkül geprägt. Spahn gilt als ehrgeizig und potenzieller Nachfolger von Merz – und trat einst mit Armin Laschet zusammen gegen ihn im Kampf um den CDU-Vorsitz an.

Das ARD-Sommerinterview könnte nun neue Einblicke in das Verhältnis Merz-Spahn geben. Das Gespräch kann auch in der ARD-Mediathek und im Livestream verfolgt werden.

  • Sendeplatz: „Bericht aus Berlin“
  • Sender: Das Erste (ARD)
  • Datum und Uhrzeit: Sonntag, 13. Juli 2025, 18.00 Uhr
  • Ort: Terrasse des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses im Berliner Regierungsviertel 
  • Moderator: Markus Preiß

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Rubriklistenbild: © IMAGO / Future Image / dts Nachrichtenagentur

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