Richterwahl im Bundestag geplatzt

Spahn wollte das Richterwahl-Fiasko noch abwenden – Die Vorgänge hinter den Kulissen

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Die abgesagte Richterwahl bewirkt heftige Reaktionen. Jens Spahn rückt dabei ins Rampenlicht. Die Koalition besteht einen neuen Härtetest.

Berlin – In einer beispiellosen Wendung ist die für Freitag im Bundestag geplante Wahl dreier Verfassungsrichter in letzter Minute geplatzt. Union und SPD haben die Abstimmung von der Tagesordnung nehmen lassen – ein Schritt, der die Koalition in eine tiefe Krise stürzt.

Die nominierten Juristen waren Günter Spinner, der die Unterstützung der Union genießt, sowie die von der SPD vorgeschlagenen Staats- und Verwaltungsrechtlerinnen Ann-Katrin Kaufhold und Frauke Brosius-Gersdorf. Aus der Unionsfraktion wurde als offizieller Grund für das Scheitern Plagiatsvorwürfe gegen Brosius-Gersdorf ins Feld geführt. Dieses Manöver brachte Unionsfraktionschef Jens Spahn und Kanzler Friedrich Merz massive Kritik ein.

Richterwahl im Bundestag geplatzt: Koalition in der Krise

Normalerweise ist die Wahl von Richtern für das Bundesverfassungsgericht eine Angelegenheit der politischen Routine. Nach gängiger Absprache haben Union und SPD das Vorschlagsrecht für je drei Richterposten, während Grüne und FDP jeweils einen Posten besetzen dürfen.

Der Deal ist klar: Die Kandidaten des jeweils anderen Partners werden gewählt, um die dafür e erforderliche Zweidrittelmehrheit zu erreichen. Erst am vergangenen Montag hatte Unionsfraktionschef Jens Spahn öffentlich zugesichert, die SPD-Vorschläge zu unterstützen, da dies „miteinander vereinbart“ worden sei. Eine Garantie, die wenige Tage später Makulatur sein sollte.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Plagiatsvorwürfe stoppen Richterwahl – Spahn unter Druck

Die SPD zeigte sich über die späten Plagiatsvorwürfe verwundert, da die Union ihren Kandidatinnen bereits vor anderthalb Monaten zugestimmt hatte. Trotzdem versuchte Spahn laut SPIEGEL-Informationen am Donnerstagabend, die Reißleine zu ziehen und der SPD zu signalisieren, die Wahl abzusagen, worauf die SPD nicht eingegangen sein soll.

Kanzler Merz sah am Donnerstagabend keinen Grund zum Eingreifen, da er die Richterwahl als Sache des Parlaments – nicht der Regierung – betrachtet. Am Freitagmorgen, bei einem Treffen des Parlamentskreises Mittelstand, soll Spahn offenbar schlagartig klar geworden sein, dass mehr als 50 Abgeordnete der Union Brosius-Gersdorf nicht wählen würden.

Wie der Spiegel berichtet, informierte Spahn Minuten später den SPD-Fraktionschef Matthias Miersch per SMS darüber, dass die Union den Wahlgang absetzen wolle, da sie sich sonst enthalten und die Kandidatin durchfallen lassen würde. Ein öffentlicher Autoritätsverlust war die Folge, denn Spahn hatte die SPD-Zusage gegeben, die eigenen Reihen aber nicht schließen können.

Der Fraktionsvorsitzende Jens Spahn sicherte der SPD die Unterstützung zu – doch die Fraktion zog sich zurück. Jens Spahns Autorität ist infrage gestellt – die Koalition erschüttert. (Montage)

Plagiatsvorwürfe gegen Brosius-Gersdorf: Weber beschwichtigt

Die am Freitag von der Union genutzten Plagiatsvorwürfe wurden von dem selbsternannten „Plagiatsjäger“ Stefan Weber öffentlich gemacht. Webers Geschäftsmodell besteht hauptsächlich darin, Texte auf Abschriften ohne Quellenangabe zu prüfen. Der umstrittene „Plagiatsjäger“ hatte bereits am Donnerstagabend auf X Passagen aus Brosius-Gersdorfs Dissertation der Habilitationsschrift ihres Mannes Hubertus Gersdorf gegenübergestellt.

Der Kern des Vorwurfs wurde durch Weber selbst via X verwässert: „Die Sichtweise der CDU, dass Plagiatsvorwürfe gegen Frau Frauke Gersdorf erhoben wurden, ist falsch. Diese wurden, zumindest von mir, vielmehr zurecht gegen Herrn Merz und Herrn Voigt erhoben.“ Er führte aus, dass die Arbeiten fast zeitgleich 1997 fertiggestellt worden seien. Das bedeute nicht zwingend, dass sie von ihm abgeschrieben habe. Es sei auch denkbar, dass ihr Mann von ihr abgeschrieben habe oder sie die Passagen gemeinsam verfasst hätten. Eine weitere Variante wäre, dass sich beide Juristen 1997 aus einem gemeinsamen Gutachten für die Bayerische Landeszentrale für neue Medien bedient hätten.

Der Plagiatsjäger selbst kann die Aufruhr kaum nachvollziehen, er schreibt: „Da ist überhaupt nichts ‚zusammengebrochen‘ heute, wir stehen erst am Anfang.“ An anderer Stelle führte er aus: „Plagiatsvorwürfe hielten die CDU allerdings nicht davon ab, an Mario Voigt als Spitzenkandidat in Thüringen festzuhalten. Sie halten auch Friedrich Merz nicht davon ab, Kanzler zu bleiben. Obwohl ausgerechnet jener ‚Plagiatsjäger’ beiden CDU-Politikern unsaubere Zitierweise vorwirft.“ Auf die Nachfrage nach seinem Auftraggeber antwortete Weber, es sei seine „Neugier“ gewesen.

Die Universität Hamburg sieht aktuell keinen Anlass, die Doktorarbeit von Brosius-Gersdorf zu überprüfen, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet.

„Desaster für das Parlament“: Grüne fordern Sondersitzung

Der Eklat rief scharfe Reaktionen hervor. Lediglich einer Seite des Parlaments „geht’s Bombe“ – wie Alice Weidel laut Spiegel-Bericht mit einem breiten Grinsen kommentierte.

In der SPD ist die Wut über die gebrochene Abmachung gewaltig. Fraktionschef Matthias Miersch nannte den Vorgang ein „Desaster“. Vizekanzler Lars Klingbeil rief die Union zur Ordnung und mahnte Führung und Verantwortung an. Auch die Grünen setzten nach. Ihre Fraktionschefinnen Britta Haßelmann und Katharina Dröge forderten eine Sondersitzung des Bundestags und erklärten: Wenn Spahn keine Mehrheit für die Richterkandidatinnen liefern könne, sei er „ungeeignet, das Amt noch weiter auszuführen“.

Richterwahl im Bundestag geplatzt: Koalition in der Krise

Das Vertrauen in der Koalition ist nach diesem Vorfall „schwer beschädigt“. Aus Sicht der Sozialdemokraten stellt sich einmal mehr die Frage, was Absprachen in der Koalition noch wert sind. Einige SPD-Abgeordnete liebäugeln laut SPIEGEL-Informationen bereits mit der Idee, einem Untersuchungsausschuss gegen Spahn wegen der Maskenbeschaffung in der Corona-Zeit zuzustimmen. Ein Schritt, der als der „Anfang vom Ende der schwarz-roten Koalition“ gesehen werden könnte.

Was die Richterposten angeht, so ist unklar, wie es weitergeht: Die Grünen-Fraktion fordert eine Sondersitzung des Bundestages in der kommenden Woche. Dann soll die abgesagte Wahl der drei Richter nachgeholt werden. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner wirbt indes dafür, die verschobene Wahl in der nächsten regulären Sitzungswoche nachzuholen – also im September.

Sollte sich der Bundestag in dieser Frage nicht einigen können, muss laut Gesetz ab dem 1. September das älteste Mitglied des Wahlausschusses das Bundesverfassungsgericht auffordern, Vorschläge zu machen. Die Union hat bislang noch nicht erklärt, wie sie nun vorgehen will. Eine schwierige Phase der „Beziehungsarbeit“ steht der Koalition bevor. (kox)

Rubriklistenbild: © Niklas Treppner/ picture alliance/dpa/Kay Nietfeld/picture alliance/dpa (montage)

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