Sapad-2025 in Belarus

Putin-Manöver: Experten warnen die Nato vor „echter Kriegsgefahr“

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Sapad-2021: Die Streitkräfte Russlands und Belarus führen ihre alle zwei Jahre stattfindende gemeinsame strategische Übung auf Trainingsgeländen in beiden Ländern und in der Ostsee durch. Bei einer Übung stürmten Militärangehörige bei einem Kriegsspiel nahe Kaliningrad, nahe der russischen Grenze zur Europäischen Union, an Land (Achivfoto).
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Russland und Belarus spielen Krieg – den Russland nicht beherrscht. Die Meinungen schwanken zwischen extremer Gefahr und bloßer militärischer Routine.

Moskau – „Selbst die jüngste Übung bot keine ausreichende Vorbereitung auf den gegenwärtigen Konflikt in der Ukraine“, schrieben Giangiuseppe Pili und Fabrizio Minniti Mitte 2022. Die beiden Analysten untersuchten für den Thinktank Royal United Services Institute (RUSI) die russisch-belarusischen Manöver Sapad 2013 bis 2021 und kamen zu einer durchwachsenen Einschätzung – anders als Beobachter im Westen, die angesichts des anstehenden Sapad-2025-Manövers den baldigen Untergang des Abendlandes durch Wladimir Putins Invasionstruppen heraufziehen sehen.

„Vielleicht ist dieser Sommer der letzte Sommer, den wir noch im Frieden erleben“, äußerte beispielsweise Deutschlands profiliertester Militärhistoriker Sönke Neitzel von der Uni Potsdam. Ihm zufolge würden Litauische Beobachter befürchten, für die Russen bedeutete das Manöver die Blaupause für eine Offensive auf das Baltikum. Und auch Sabine Adler warnte in der Talkshow von Caren Miosga vor einer „echten Kriegsgefahr“ für die Europäische Union und die Nato – nach Einschätzung des Deutschlandfunks sei Adler eine der renommiertesten journalistischen Kenner Osteuropas.

Ukraine-Krieg: „Die jüngsten Entwicklungen werfen Fragen über Vorbereitungen auf einen Konflikt auf.“

Pili und Minniti kamen zu einem anderen Ergebnis nach Ausbruch des Ukraine-Krieges – Russlands „Sapad“ (zu Deutsch: „Westen“)-Manöver seien angesehen worden als Beweis der Fähigkeiten des Landes, in großem Maßstab zu kämpfen, schreiben sie: „Doch die jüngsten Entwicklungen in der Ukraine, wo die russischen Streitkräfte mit erheblichen logistischen und operativen Problemen konfrontiert sind, werfen ernsthafte Fragen über Moskaus Vorbereitungen auf einen größeren Konflikt auf.“ Bereits Mitte Februar hatte Belarus mittels der russischen Nachrichtenagentur Tass um Zurückhaltung nachgesucht. Die gemeinsame Übung Sapad-2025 von Belarus und Russland sei eine geplante Veranstaltung, die keine Bedrohung für andere Staaten darstelle, sagte Alexander Wolfowitsch, Staatssekretär des belarusischen Sicherheitsrats.

„Nachdem die Russen sich in der Ukraine eine blutige Nase geholt haben und wenn sie Glück haben, jeden Tag an irgendeinem Frontabschnitt zwei Kilometer vorrücken. Dass die jetzt ernsthaft davon träumen, einen Krieg gegen die Nato anzufangen. … Ich kann dir das nur sagen, Markus, und ich sage das aus aller tiefster Überzeugung: Das ist ein Märchen!“

Richard David Precht, Lanz und Precht – der Podcast, nach: Der Westen

Dariusz Materniak betrachtet das weniger gelassen. Dem Vorsitzenden der Stiftung Polnisch-Ukrainisches Forschungszentrum ist suspekt, dass die Hauptaktivitäten des diesjährigen Manövers von Mitte September an in Belarus liegen – wie er im Magazin Polska Zbrojna schreibt, hält er das Regime in Minsk „de facto für eine Konfliktpartei“ und das damit verbundene Bedrohungspotenzial sei nicht zu unterschätzen. Materniak bereitet Sorge, dass Belarus Bestandteil der Russischen Föderation sei und ein Manöver zum Synchronisieren von Truppen definitiv einen ernst zu nehmenden Grund haben muss.

„Nicht weniger wichtig ist, dass wir bedenken, dass derartige Übungen nicht nur auf Trainingsgeländen stattfinden und nicht nur die Übergabe der Ausrüstung oder das Schießen umfassen, sondern auch eine Kommandophase beinhalten, die die Planung und Ausarbeitung von Szenarien für künftige Aktionen einschließt“, so Materniak. Das beurteilen die beiden RUSI-Autoren Giangiuseppe Pili und Fabrizio Minniti genauso.

Ihnen zufolge führe die russische Armee routinemäßig zwei Arten von Militärübungen durch: jährliche strategische Kommandostabsübungen und Gefechtsbereitschaftsprüfungen. Diese Übungen dienten den russischen Streitkräften als Prüfung ihrer militärischen Einsatzbereitschaft, zur Verfeinerung operativer Konzepte, zum Praxistest neuer Ausrüstung und Technologien und vor allem zur Abstimmung ihrer Führungs- und Kontrollfähigkeiten. „Die bei diesen Übungen getesteten und ausgearbeiteten Konzepte spiegeln wider, wie das russische Militär zukünftige Militäreinsätze plant“, schreiben Pili und Minniti.

Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten

Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow.
Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow, der als Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus eigene Truppen befehligt. „Putins Bluthund“, der für seinen brutalen Führungsstil im muslimisch geprägten Tschetschenien bekannt ist, tat sich seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine als einer der glühendsten Kriegsbefürworter hervor. Mehrfach kritisierte er nach russischen Niederlagen die militärische Führung seines Landes scharf und forderte weitreichende Konsequenzen. © Yelena Afonina/imago
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes, nachdem er das 30. Lebensjahr vollendet hatte, das Mindestalter für die Wahl des tschetschenischen Oberhaupts. Im März 2015 erhielt Kadyrow den russischen Orden der Ehre. Kadyrows diktatorische Amtsführung ist geprägt von schweren Menschenrechtsverletzungen, Korruption und einem ausufernden Personenkult. Seit Oktober 2022 ist er darüber hinaus Generaloberst der russischen Streitkräfte. © Yelena Afonina/imago
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“.
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“. Seit März 2004 im Amt, verteidigt Lawrow seit Beginn des Ukraine-Kriegs immer wieder die Behauptung, dass Russland die Ukraine von den dort regierenden Nazis befreien zu wollen. Anfang Mai 2022 versuchte Lawrow im italienischen Fernsehen das Argument zu entkräften, als Jude könne der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kein Nazi sein: „Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut. Das heißt überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind.“ © Imago
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland. „Wenn wir über das sprechen, was in der Ukraine vorgeht, so ist das kein hybrider, sondern schon fast ein richtiger Krieg, den der Westen lange gegen Russland vorbereitet hat“, sagte Lawrow während einer Afrika-Reise im Januar 2023, die ihn u. a. auch nach Angola führte. Der Westen wolle alles Russische zerstören, von der Sprache bis zur Kultur, so Lawrow. © Imago
Als „Putins Marionette“ kann Dmitri Medwedew gelten.
Als „Putins Marionette“ kann Dmitri Medwedew gelten. Der Gefolgsmann des russischen Präsidenten war von 2008 bis 2012 Präsident Russlands und anschließend bis 2020 Ministerpräsident der Russischen Föderation. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs macht Medwedew, inzwischen Vizechef des russischen Sicherheitsrates, ein ums andere Mal mit Verschwörungserzählungen und martialischen Äußerungen über die Ukraine und den Westen auf sich aufmerksam. Unter anderem drohte er mit dem „Verschwinden der Ukraine von der Landkarte“. © Artyom Geodakyan/imago
Der promovierte Jurist, der einst als Stimme der Vernunft galt, hat sich inzwischen zu einem radikalen Hetzer entwickelt.
Der promovierte Jurist, der einst als Stimme der Vernunft galt, hat sich inzwischen zu einem radikalen Hetzer entwickelt. Gerne droht der Vizechef des russischen Sicherheitsrates den Nato-Staaten mit einem Angriff oder gar mit Atomschlägen. Im Sommer 2022 bezeichnete er die Regierung in Kiew als „vereinzelte Missgeburten, die sich selbst als ‚ukrainische Regierung‘ bezeichnen“, die US-Regierung waren für ihn „Puppenspieler jenseits des Ozeans mit deutlichen Anzeichen senilen Wahnsinns“. Ende 2022 versuchte er sich als Prophet für das Jahr 2023: In Deutschland entsteht demnach ein „Viertes Reich“, die EU zerfällt, in den USA bricht ein Bürgerkrieg aus. © Yekaterina Shtukina/imago
Seit vielen Jahren an Putins Seite ist Dimitri Peskow. Schon im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Pressesprecher des Präsidenten. Als Putin 2008 Ministerpräsident wurde, wechselte Peskow das Büro. Vier Jahre später kehrte er dann ins Präsidialamt zurück. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs setzte die EU ihn auf die Sanktionsliste und ließ sein gesamtes Vermögen einfrieren.
Seit vielen Jahren an Putins Seite ist Dimitri Peskow. Schon im Jahr 2000 wurde er stellvertretender Pressesprecher des Präsidenten. Als Putin 2008 Ministerpräsident wurde, wechselte Peskow das Büro. Vier Jahre später kehrte er dann ins Präsidialamt zurück. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs setzte die EU ihn auf die Sanktionsliste und ließ sein gesamtes Vermögen einfrieren. © Sergei Ilnitsky/AFP
Alina Kabajewa ist wahrscheinlich so etwas wie „Putins Ballerina“.
Alina Kabajewa ist wahrscheinlich so etwas wie „Putins Ballerina“. Die frühere Spitzensportlerin galt in der Rhythmischen Sportgymnastik jahrelang als Nonplusultra. Ihre Erfolge (Olympiagold 2004 in Athen, neun WM- sowie 15 EM-Titel) sprechen für sich. Von 2007 bis 2014 war sie Abgeordnete der Russischen Staatsduma für die Partei „Einiges Russland“, seit September 2014 ist sie Vorsitzende des Verwaltungsrates der Nationalen Mediengruppe (NMG). Sie gilt Medienberichten zufolge als Geliebte des russischen Präsidenten und soll mit diesem mehrere Kinder haben, was von Kabajewa und russischen Regierungsstellen aber dementiert wird. © Imago
Schon seit Jahren gilt Kabajewa als heimliche Geliebte oder gar Ehefrau des russischen Präsidenten.
Schon seit Jahren gilt Kabajewa als heimliche Geliebte oder gar Ehefrau des russischen Präsidenten. Eine offizielle Bestätigung aus Russland hat es aber nie gegeben. Der britischen Regierung zufolge steht sie „in enger persönlicher Beziehung zu Putin“. Kabajewa soll mehrere Kinder von Putin haben, was von Kabajewa und russischen Regierungsstellen aber dementiert wird. 2015 soll sie in Lugano Zwillinge zur Welt gebracht haben, andere Quellen berichten von einer Geburt eines Jungen im Kanton Tessin und einer weiteren Geburt eines Sohnes in Moskau. Gesichert ist, dass Kabajewa nach 2015 für einige Jahre aus dem öffentlichen Rampenlicht verschwand und auch heute nur äußerst selten öffentlich auftritt. © Valery Sharifulin/imago
Wladimir Solowjow ist Putins Chefpropagandist im Ukraine-Krieg.
Wladimir Solowjow ist Putins Chefpropagandist im Ukraine-Krieg. Seine seit 2012 im Sender Rossija 1 ausgestrahlte politische Talkshow „Sonntagabend mit Wladimir Solowjow“ gilt als vielleicht wichtigste innerrussischen Propagandasendung. Im Dezember 2022 drohte er dort zahlreichen europäischen Ländern mit militärischen Interventionen, weil diese die Ukraine unterstützen würden und Teil des europäischen Nazismus seien. Auch forderte er wiederholt den Einsatz von russischen Atombomben gegen Nato-Staaten. Im April 2022 bezeichnete er die Massaker von Butscha sowie Srebrenica als inszeniert. © Sergei Karpukhin/imago
Solowjow wird in seiner Sendung oft laut
Solowjow wird in seiner Sendung oft laut, beschimpft die deutsche Regierung, streut deutsche Wörter ein und imitiert dabei eine schroffe Nazi-Aussprache. Einmal bezeichnete er Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) als „Miss Ribbentrop“. Joachim von Ribbentrop war deutscher Außenminister unter Adolf Hitler, den Solowjow im Februar 2021 in seiner Sendung einmal als „sehr mutigen Menschen“ und „tapferen Soldaten“ bezeichnet hatte. Von seiner 2014 geäußerten Meinung, „Gott verbietet, dass die Krim nach Russland zurückkehrt“, hat er sich nach dem Euromaidan, der Revolution der Würde, schnell distanziert. © Artyom Geodakyan/imago
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB wird von einem engen Weggefährten des Präsidenten geleitet.
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB wird von einem engen Weggefährten des Präsidenten geleitet. Schon in den 1970er Jahren war Alexander Bortnikow zeitgleich mit Putin in St. Petersburg für den KGB im Einsatz. Putin, der einst selbst Direktor des FSB war, ernannte ihn im Mai 2008 zum Chef des Geheimdienstes und sicherte sich so maximalen Einfluss. Es gilt als gesichert, dass Putin auch als Präsident entscheidende Befehle selbst übermittelt.  © Alexei Druzhinin/imago
Der FSB dient vor allem dazu, die Opposition gegen Putins Machtelite zu unterdrücken.
Der FSB dient vor allem dazu, die Opposition gegen Putins Machtelite zu unterdrücken. Ein Beispiel ist der Anschlag auf den Kremlkritiker Alexej Nawalny, der nach Angaben des Recherchekollektivs Bellingcat zuvor monatelang von FSB-Agenten verfolgt worden war. Unter Bortnikow wurde die Macht des FSB durch mehrere Reformen immer stärker ausgeweitet. Zudem soll der FSB die prorussischen Separatisten im Osten des Landes unterstützt haben. Nach der Annexion der Halbinsel Krim ging der FSB gegen Medien und Kultur vor. © Mikhail Metzel/imago
Seit November 2012 hat der Armeegeneral Sergei Schoigu das Amt des russischen Verteidigungsministers inne.
Seit November 2012 hat der Armeegeneral Sergei Schoigu das Amt des russischen Verteidigungsministers inne. In Schoigus Amtszeit fallen zunächst die militärische Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine, die Annexion der Krim 2014 sowie das Eingreifen Russlands in den syrischen Bürgerkrieg aufseiten des Assad-Regimes. Wegen der Intervention zugunsten der Separatisten im Donbass eröffnete die Ukraine 2014 ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen ihn. Seit Februar befehligt Schoigu als Verteidigungsminister die russischen Truppen im Ukraine-Krieg. © Pavel Golovkin/dpa
Schoigus Verhältnis zu Putin gilt bisher als sehr eng.
Schoigus Verhältnis zu Putin gilt bisher als sehr eng. So verbringt er regelmäßig seinen Sommerurlaub zusammen mit dem russischen Präsidenten im südsibirischen Tuwa – Schoigus Heimatregion, wo sich die beiden, wie hier im Jahr 2017, auch schon mal ein Sonnenbad in einer Pause vom Angeln gönnen. Ob das auch in Zukunft so bleiben wird, ist offen. So wies das „Institute for the Study of War“ in einem Bericht im Herbst 2022 darauf hin, dass Putin Schoigu für die Fehler im Ukraine-Krieg verantwortlich macht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Putin seinen Vertrauten doch noch zum Sündenbock macht.  © Alexei Nikolsky/dpa
Russia s First Deputy Prime Minister Andrei Belousov
Schoigus Nachfolger soll der bisherige Vize-Regierungschef Andrej Beloussow werden. Die militärische Komponente im Verteidigungsministerium bleibe auch nach der Ernennung Beloussows unverändert. „Heute gewinnt auf dem Schlachtfeld derjenige, der offener für Innovationen und deren Umsetzung ist“, erklärte Kremlsprecher Peskow Putins Entscheidung für einen Zivilisten an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Beloussow sei nicht nur Zivilbeamter, sondern habe auch viele Jahre erfolgreich in der Politik gearbeitet und Putin in Wirtschaftsfragen beraten. © IMAGO/Alexander Astafyev
Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist heute nur noch unter seinem Namen Kirill I. bekannt.
Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ist heute nur noch unter seinem Namen Kyrill I. bekannt. Bürgerlich heißt der Patriarch allerdings Wladimir Gundjajew – und hat eine bewegte Vergangenheit. Unter dem Decknamen „Michailow“ hat er laut dem schweizerischen Bundesarchiv in den 1970er Jahren in Genf als Agent für den früheren sowjetischen Auslandsgeheimdienst KGB gearbeitet. Diese Vergangenheit verbindet ihn mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. © Sergei Chirikov/dpa
Seit Februar 2009 ist Gunjajew als Kyrill I. Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche.
Seit Februar 2009 ist Gundjajew als Kyrill I. Patriarch von Moskau und der ganzen Rus und damit der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er gilt als enger Verbündeter Putins, dessen Regentschaft er im Zuge der Präsidentschaftswahl in Russland 2012 als „Wunder Gottes“ bezeichnete. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs fällt er zunehmend durch Hasspredigten auf. Einmal bezeichnete er die Gegner Russlands als „Kräfte des Bösen“, zudem sprach er der Ukraine ihr Existenzrecht ab. Verbal lässt Kyrill I., anders als im April 2017 in Moskau, jedenfalls keine Tauben fliegen.  © Alexander Zemlianichenko/dpa
Der rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin darf getrost als „Putins Denker“ bezeichnet werden.
Der rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin darf getrost als „Putins Denker“ bezeichnet werden. Dugin, der viele Bücher geschrieben hat, gilt als antiwestlicher Hassprediger und Kämpfer für die Idee einer slawischen Supermacht. In seinem Buch „Grundlagen der Geopolitik“ sprach er sich gegen die Ukraine als souveränen Staat aus. Kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs wurde diese Rhetorik aufgegriffen, als Putin das ukrainische Staatsgebiet in einem Aufsatz infrage stellte. © Kirill Kudryavtsev/afp
Dugin wurde 1987 Mitglied der radikal-nationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat
Dugin wurde 1987 Mitglied der radikal-nationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat. Größere Bekanntheit erlangte er in den 1990er Jahren, als er über Radio und Fernsehen seine Ideologie verbreitete. Zugleich war Dugin auch Mitglied von esoterischen und okkulten Zirkeln. Unklar ist, wie nahe Dugin dem russischen Präsidenten steht. Putins Äußerungen geben aber oft die Rhetorik Dugins wider. Als Beispiel sei das Konzept „Noworossija“ („Neurussland“) geannnt, das Russland benutzt hat, um die Krim-Annexion zu rechtfertigen. Damals gab Dugin in einem Interview auch unmissverständlich kund, wie nun vorzugehen sei: „Töten, töten, töten, das ist meine Meinung als Professor.“ © afp
Zum engsten Putin-Zirkel gehört auch Nikolai Patruschew.
Zum engsten Putin-Zirkel gehört auch Nikolai Patruschew. Der Sekretär des russischen Sicherheitsrates war lange Jahre Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB und gilt als radikaler, europafeindlicher Hardliner. Patruschew verbindet viel mit Putin: Sie sind etwa gleich alt, beide kommen aus dem heutigen Sankt Petersburg, vor allem aber entstammen sie beide dem sowjetischen Geheimdienst KGB. Patruschew wird als engster Vertrauter Putins wahrgenommen und soll von diesem zu seinem Stellvertreter für den Fall einer zeitweiligen Verhinderung der Amtsausübung erkoren worden sein © Zubair Bairakov/imago
Patruschew wird als „Falke“ des Ostens beschrieben.
Patruschew wird als „Falke“ des Ostens beschrieben. Im Herbst 2021 bezeichnete er die Ukrainerinnen und Ukrainer als „Nicht-Menschen“. Noch Ende Januar 2022 bestritt er jede Kriegsabsicht Russlands als „komplette Absurdität“. Ende Februar 2022 beschuldigte er in einem Manifest die USA und die EU, in der Ukraine eine „Ideologie des Neonazismus“ zu unterstützen.  © Aram Nersesyan/imago
Als Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist Sergei Naryschkin für seine bissigen Kommentare bekannt.
Als Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR ist Sergei Naryschkin für seine bissigen Kommentare bekannt. Kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges warf er den USA und anderen westlichen Staaten vor, Russland zerstören zu wollen: „Die Masken sind gefallen. Der Westen will Russland nicht nur mit einem neuen Eisernen Vorhang umgeben“, zitierte der SWR Anfang März 2022 seinen Chef. „Wir reden über Versuche, unseren Staat zu zerstören, über seine ‚Annullierung‘, wie heutzutage in einem ‚toleranten‘ liberal-faschistischen Umfeld gesagt wird.“ Naryschkin gehörte zu jenen, die schon damals behaupteten, zwischen Russland und dem Westen tobe ein „heißer Krieg“. © Alexander Zemlianichenko/dpa
Wenige Tage vor Beginn dem russischen Einmarsch in die Ukraine war Naryschkin im Gespräch mit Wladimir Putin tüchtig ins Schlingern geraten.
Wenige Tage vor Beginn dem russischen Einmarsch in die Ukraine war Naryschkin im Gespräch mit Wladimir Putin tüchtig ins Schlingern geraten. Der SWR-Chef sprach sich damals versehentlich für eine russische Einverleibung der Volksrepubliken Luhansk und Donezk aus. Putin korrigierte ihn bei der im Staatsfernsehen übertragenen Sitzung und betonte, dass die Frage nicht gestellt sei. „Wir sprechen über die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit oder nicht“, kanzelte Putin den SWR-Chef ab. © Valery Sharifulin/imago
Zu den engsten Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin zählt der russische Unternehmer Jewgeni Prigoschin.
Zu den engsten Vertrauten Wladimir Putins zählte Jewgeni Prigoschin. Russlands Präsident und der erfolgreiche Geschäftsmann kannten sich lange. Als Putin noch KGB-Offizier war und in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb trug der in den chaotischen 1990er Jahren in Russland zu Reichtum gekommene 61-Jährige den Beinamen „Putins Koch“. Auch wegen Raubes saß er in Haft.  © Mikhail Metzel/imago
Inzwischen ist Prigoschin vor allem als Warlord der berüchtigten Schattenarme „Wagner“ im Auftrag des Kreml international gefürchtet.
Lange war Prigoschin vor allem als Warlord der berüchtigten Schattenarme „Wagner“ im Auftrag des Kreml international gefürchtet. Putin ließ ihn lange schalten und walten, als hätte diese Schattenarmee, eine paramilitärische Organisation mit vielen verurteilten Verbrechern, längst das Zepter der Macht in der Hand. Vom 23 bis 24. Juni 2023 kam es zu einem Aufstand der Wagner-Gruppe in Russland. Danach bezeichnete ihn Putin als „Verräter“. Am 23. August 2023 kam Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. © Vyacheslav Prokofyev/imago

Putins Plan: Schlüsselelement von Sapad-2025 die Integration strategischer und taktischer Raketensysteme

Die Übungen des russischen strategischen Kommandostabs fänden ihnen zufolge am Ende des jährlichen Trainingszyklus der russischen Armee statt und demonstrierten den Stand „groß angelegter Projektions- und Einsatzfähigkeiten“. Wie Pili und Minniti aufschlüsseln, würden die Übungen im Vier-Jahres-Zyklus in verschiedenen russischen Militärbezirken durchgeführt – also auch im Westen.

Laut dem Medium 19fortyfive werden bei Sapad 2025 etwa 13.000 russische Soldaten auf belarussischem Territorium üben. Das Medium bezieht sich auf Waleri Rewenka, den Leiter der Abteilung für internationale militärische Zusammenarbeit im belarussischen Verteidigungsministerium. Dem Politik-Autor Niels Groeneveld zufolge sendet Sapad-2025 ein Signal sowohl nach innen wie nach außen. In Belarus selbst diene das Manöver dazu, externe Bedrohungen zu apostrophieren und Widerstand im Inneren zu dämpfen. Nach außen befürchtet er, dass Russland, wie er sagt, ein „Left-behind“-Szenario aufziehen könnte: also, dass Putin klammheimlich Truppen oder Ausrüstungsgegenstände in Belarus stationieren könnte.

„Ein solches Szenario würde das regionale Kräftegleichgewicht effektiv verändern, russische Streitkräfte in Schlagdistanz zu den östlichen Nato-Mitgliedern positionieren und Russlands strategische Tiefe in einem möglichen Konflikt mit dem Westen stärken“; schreibt Groeneveld auf seinem X-Kanal. Ein Schlüsselelement von Sapad-2025 sieht er in der Integration strategischer und taktischer Raketensysteme, zum Beispiel dem ballistischen Kurzstreckenraketensystem Iskander-M. Die Wirkung dieser Waffe in der Ukraine liegt sicher hinter den Erwartungen des Kreml.

Russlands Angst: Massive Operation und ein konventioneller Krieg als Reaktion auf eine alliierte Invasion

Sapad-2021 beschäftigte 200.000 Soldaten, mehr als 80 Flugzeuge und Hubschrauber, bis zu 760 Einheiten militärischer Ausrüstung, darunter mehr als 290 Panzer, Mehrfachraketenwerfer und 15 Schiffe, wie Giangiuseppe Pili und Fabrizio Minniti berichten. Ihrer Analyse zufolge basierte die Ausgangslage „auf einer massiven Operation und einem konventionellen Krieg als Reaktion auf eine alliierte Invasion durch drei verschiedene Länder, ähnlich den baltischen Staaten und Polen. Auf taktischer Ebene wurden große Einheiten in komplexen gemeinsamen Truppenoperationen eingesetzt, was bedeutet, dass die Übungen als das eigentliche Vorspiel zum aktuellen Konflikt in der Ukraine interpretiert werden könnten“, wie sie schreiben.

Das Ergebnis ist bekannt. In der Spezialoperation konnten russische Truppen nicht einmal den Nachschub sicherstellen, geschweige denn ihre vorrückenden Truppen gegen Feindfeuer sichern. Die Invasion ist im Keim erstickt. Und im mittlerweile vierten Kriegsjahr stellt sich ein militärisch minderbemitteltes Volk weiterhin unnachgiebig einer der größten Armeen der Welt entgegen. Natürlich scheint Wladimir Putins Imperialismus auch mindestens die baltischen Staaten zu bedrohen – und natürlich könnte dieser Sommer der letzte Sommer in Frieden sein; aber aus einem Manöver einen kommenden Weltkrieg zu definieren, ist durchaus eine steile These.

Illusion Offensive: „Ich sage das aus aller tiefster Überzeugung: Das ist ein Märchen!“

Möglicherweise aber soll das Manöver die Kräfte außerhalb der Front auf ein Kriegsszenario konditionieren. „Stellungen gehen selten verloren, weil sie zerstört wurden, sondern fast immer, weil der Anführer in seinem eigenen Kopf entschieden hat, dass die Stellung nicht gehalten werden kann“, schrieb Alexander A. Vandegrift, der in den 1950er-Jahren General des US Marine Corps war. Wie das US Marine Corps 2019 aus seinem Operational Handbook über den Bewegungskrieg veröffentlichte, solle der Kommandant taktische Entscheidungen dezentralisieren und Befehle schneller an die einzelnen Trupps weitergeben – allein das ermögliche das notwendige operative Tempo. Eine Erkenntnis, die die russischen Befehlsstrukturen im Ukraine-Krieg oft genug ignoriert haben.

Sapad-2025 stelle einen entscheidenden Moment in der sich verschärfenden Sicherheitsarchitektur eines sich neu definierenden Osteuropas dar, vermutet Autor Groeneveld. Obwohl sie offiziell als routinemäßige Militärübungen beschrieben werden, seien die Übungen „tief in die strategischen Berechnungen Russlands und Belarus eingebettet“ und spiegelten umfassendere geopolitische Ziele und Sicherheitsbedenken wider. Richtig. Das ist das, wofür Manöver abgehalten werden, andernfalls wären sie sinnlos. Sapad-2025 sei ein strategisches Statement, das das sich verändernde Kräfteverhältnis in Osteuropa unterstreicht, behauptet Groeneveld. Richtig. Aber auch die westlichen Armeen üben regelmäßig ihr Miteinander.

Der Westen zitiert demgegenüber den Philosophen Richard David Precht aus seinem Podcast mit dem Journalisten Markus Lanz „Nachdem die Russen sich in der Ukraine eine blutige Nase geholt haben und wenn sie Glück haben, jeden Tag an irgendeinem Frontabschnitt zwei Kilometer vorrücken. Dass die jetzt ernsthaft davon träumen, einen Krieg gegen die Nato anzufangen. … Ich kann dir das nur sagen, Markus, und ich sage das aus aller tiefster Überzeugung: Das ist ein Märchen!“

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