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Die Militärblogger zählten bisher zu den größten Unterstützern des Einmarschs in der Ukraine. Durch den gescheiterten Putschversuch kommt Bewegung in die Lager.
Moskau - Es läuft an vielen Stellen nicht gut für Russland im mehr als ein Jahr währenden Ukraine-Krieg - zumindest bei weitem nicht so gut wie erhofft. Während zu Beginn des Konflikts die meisten Fachleute von einem schnellen Sieg für Wladimir Putins Armee ausgegangen waren, haben die Kampfhandlungen zahlreiche Schwachstellen der russischen Armee offenbart.
Zudem wird der Schlagkraft der kleineren, und anfänglich unterlegen geglaubten, Streitmacht der Ukraine durch stärkere Waffensysteme aus dem Westen unter die Arme gegriffen. Zu allem Überfluss für Putin kam vor knapp einer Woche noch der gescheiterte Putschversuch von Wagner-Chef Prigoschin hinzu, der zuvor als enger Vertrauter des russischen Präsidenten gegolten hatte.
Diese Reihe von Verfehlungen lässt nun ausgerechnet diejenigen Stellung gegen die russische Führung beziehen, die bisher zu den größten Unterstützern des Krieges gehört hatten: die russischen Militärblogger. Nach Angaben von des US-Nachrichtenmagazins Newsweek zeigt ein Bericht der Denkfabrik „Institute for the Study of War“ (ISW) vom Montag (3. Juli), wie der Graben zwischen dem Kreml und den Bloggern durch die Misserfolge Russlands immer breiter wird. Die Community würde die Ziele der Invasion zwar befürworten, habe jedoch gleichzeitig Bedenken hinsichtlich Strategien und Führungskräften, denen sie die Schuld für ausbleibende Gewinne zuschreibe.
Verteidigung Russlands: Unterstützen die Militärblogger die „psychologischen Operationen“ der Ukraine?
Jüngster Streitpunkt seien die Kämpfe um die Antonivsky-Brücke in Cherson vergangene Woche gewesen, hieß es weiter. Das russische Verteidigungsministerium habe behauptet, die ukrainischen Streitkräfte von der Brücke in der strategisch bedeutsamen Stadt vertrieben zu haben. Dem ISW zufolge hätten einige russische Militärblogger hingegen darauf hingewiesen, dass am 2. Juli noch immer einige Positionen nahe der Brücke unter Kontrolle der ukrainischen Armee gewesen seien.
Was ist das ISW?
Das Institute for the Study of War (ISW) ist eine in den USA ansässige Denkfabrik, die Forschungen und Analysen rund um Verteidigung und Außenpolitik anbietet. Das Institut wurde 2007 von der Militärhistorikerin Kimberly Kagan vor dem Hintergrund der Stagnation der Kriege im Irak und in Afghanistan gegründet. Erklärtes Ziel der Forschung ist die Bereitstellung von unabhängigen Echtzeit- und Open-Source-Analysen laufender Militäroperationen und bürgerkriegsähnlicher Aktionen aufständischer Gruppen. Das ISW wird im Kern von einer Gruppe von Rüstungsunternehmen finanziert, arbeitet derzeit jedoch als gemeinnützige Organisation.
Tags zuvor habe ein prominenter Militärblogger einen Post verbreitet, der diejenigen Blogs angegriffen habe, die vom offiziellen Narrativ des russischen Verteidigungsministeriums abweichende Aussagen verbreitet hätten. Einige bekannte Telegram-Kanäle, die dem Kreml und der Wagner-Gruppe nahe stehen, seien mit dem Vorwurf konfrontiert worden, die „psychologischen Operationen“ der Ukraine zu unterstützen, so das ISW.
Putschversuch der Wagner-Gruppe: ändert sich Putins Verhältnis zu den Militärbloggern?
Der Streit sei hochgekocht, als weitere kritische Stimmen dem russischen Generalstab einen Angriff auf die Community der Militärblogger vorgeworfen hätten. Schon letztes Jahr sei ein Verfahren gegen einige Blogger eröffnet worden, weil deren Berichterstattung die Versuche des Verteidigungsministeriums untergraben hätten, die russischen Erfolge aufzubauschen. Gleichzeitig sehe sich Wladimir Putin mit der Frage konfrontiert, ob er diejenigen Blogger abstrafen solle, die Jewgeni Prigoschin in seinem Bestreben unterstützt haben, Führungskräfte des Verteidigungsministeriums durch Angehörige der Wagner-Gruppe zu ersetzen.
Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland




„Putin wird die russischen Militärblogger daran hindern müssen, das russische Verteidigungsministerium zu kritisieren, wenn er die Glaubwürdigkeit des Verteidigungsministeriums wieder herstellen und festigen möchte“, so das ISW. Das Versagen und Straucheln des Verteidigungsministeriums, sowie seine „scheinbar durchdringende Unehrlichkeit“ würden dies jedoch zu einer unzumutbaren Aufgabe machen. Durch den Putschversuch könnte sich also, dem ISW zufolge, das Verhältnis zwischen dem russischen Präsidenten und den Militärbloggern ändern. Es sei möglich, dass Putin sich dafür entscheide, die Blogger zu besänftigen. Statt ihnen das russische Verteidigungsministerium zum Sündenbock für die Verfehlungen in der Ukraine zu machen, sei ein wesentlich einfacheres Unterfangen. (Tadhg Nagel)
Rubriklistenbild: © Kremlin Pool
