VonJana Stäbenerschließen
Woran denkst du, wenn du masturbierst?
Seit vier Jahren ist Hannes* Samenspender bei der European Sperm Bank (ESB) eine von Europas größten Samenbanken. Einmal die Woche geht er zur Samenspende, für ihn ist das wie Blutspenden, sagt der Mitte-30-Jährige.
Was macht er, wenn irgendwann eins seiner Kinder vor seiner Tür steht? Und woran denkt er, wenn er gerade seinen Becher mit Sperma füllt? BuzzFeed News Deutschland hat den Hamburger all die Dinge gefragt, die dir auf der Zunge brennen.
1. Wie viel Geld bekommst du fürs Samenspenden?
„Samenspenden ist nicht so lukrativ, dass ich das als Hauptjob machen könnte“, sagt Hannes. Er bekomme 30 Euro pro Spende und dann noch mal zehn Euro, wenn eine Spende akzeptiert werde, also die Qualität für eine Spende ausreichend sei. Spermaqualität schwanke: Das könne an Stress bei der Arbeit, Krankheiten – oder wie er eben erst gelernt habe – auch an zu hoher sportlicher Aktivität liegen. „Ich bin einen Marathon gelaufen und das hat meine Qualität wohl tatsächlich gemindert“, erzählt er BuzzFeed News Deutschland.
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2. Warum bist du Samenspender?
Fürs Geld mache er also schon mal nicht. Wofür dann? „Ich habe eine gute Freundin, die mittlerweile mit ihrer Partnerin verheiratet ist und zwei Kinder mithilfe eines Samenspenders bekommen hat. Als ich mit ihr geredet habe, meinte sie, dass es schön ist, wenn man aus einer Bandbreite an Spendern auswählen kann, weil man sich mit dem Spender connected fühlen möchte“, erzählt der Projektmanager.
Als er im Sommer 2019 eine Instagram-Anzeige der European Sperm Bank (ESB) mit Standort in Hamburg sah, war das für ihn ein Zeichen. Er bewarb sich als Spender und ist seit 2020 offiziell bei der ESB gelistet.
3. Siehst du manchmal Kinder auf der Straße und denkst, das könnten deine sein?
„Ich schaue nicht in Kinderwägen und frage mich, ob das meine Kinder sind“, sagt Hannes. „Für mich ist das genau das Gleiche wie Blutspenden. Da gehe ich ja auch nicht durch die Welt und überlege, ob die Person vielleicht eine Blutkonserve von mir bekommen hat.“
4. Was machst du, wenn eines Tages ein Kind vor deiner Tür steht?
„Das kann nicht einfach so passieren. Die Kinder dürfen mit dem Eintritt der Volljährigkeit meine Identität erfahren, bekommen aber nicht meine Adresse“, sagt Hannes. Gerne sei er bereit, dann ein Gespräch in einem vernünftigen Rahmen zu führen, der auch von der European Sperm Bank vorgegeben sei. „Die stellen den Kontakt her, wenn das Kind es will und wenn ich es auch will. Ich muss keinen Kontakt haben, wenn ich das nicht möchte“, erklärt er.
„Sollte es dazu kommen, denke ich mal, dass ich ähnliche Sachen sagen werde wie: ‚Ich freue mich total, dass du da bist, dass du ein Interesse hast, mich kennenzulernen. Ich hoffe, du hattest eine gute Kindheit.‘“ Er wisse ja, dass viele Eltern oder Solomütter sich sehr bewusst für eine Samenspende entscheiden. „Deswegen hoffe ich, dass es Kinder sind, die eine gute Kindheit hatten. Ich bin sicher, sie sind sehr geliebt und gewollt. Und das ist ein sehr schönes Gefühl.“
5. Hast du Angst, dass dich deine Kinder irgendwann nicht in Ruhe lassen?
„Ich glaube, das ist ein Sonderfall. Das kann dir auch bei Menschen passieren, die du in deinem Freundeskreis triffst, dass da jemand obsessiv wird“, sagt Hannes. „Das sind Erwachsene, wenn sie meine Identität erfahren dürfen. Ich habe mit denen nichts gemeinsam, außer der Gene. Also ich habe denen ja nicht Fahrradfahren beigebracht. Ich habe ihnen nicht beigebracht, wie man Streit löst, sondern im Grunde genommen nur den biologischen Teil erfüllt.“
6. Willst du mal eigene Kinder?
Momentan habe er noch keine Kinder, sagt Hannes BuzzFeed News Deutschland. „Ich kann mir gut vorstellen, Kinder zu haben, aber es ist kein Must-have. Also Onkel fühle ich mich sehr wohl.“
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7. Woran denkst du, wenn du masturbierst?
„Ich denke natürlich nicht daran, dass ich jetzt einer Familie helfe. Das funktioniert dann einfach nicht. Man braucht natürlich einen gewissen sexuellen Reiz, aber trotzdem hat es einen anderen Charakter, als wenn ich mir zu Hause einen herunterholen würde. Alleine schon, weil da der Plastikbecher ist“, sagt er.
„Das erste Mal, als ich gespendet habe, war die European Sperm Bank (ESB) noch in den alten Räumlichkeiten einer Arztpraxis. Ich weiß noch, da hing ein gemaltes Bild von Brüsten. Da habe ich mir nur gedacht: That doesn´t do the trick for me.“ Mit der Zeit sei das Spenden jedoch definitiv einfacher geworden. Es sei einer Art Mischung aus rein technischer und sexueller Handlung, sagt Hannes.
8. Wie lange wird dein Sperma eingefroren?
Die meisten beweglichen Samenzellen können über 50 Jahre in Stickstoff eingefroren überleben. In der ESB werden die Samenspenden (also auch die von Hannes) maximal 55 Jahre lang gelagert, in der Regel jedoch nur 15 Jahre lang an Familien weitergegeben. Danach können nur noch Familien, die schon ein Kind von Hannes haben, sein Sperma verwenden.
9. Wissen deine Freunde Bescheid?
„Ich habe es jetzt nicht aktiv meinen Großeltern erzählt, aber meine Eltern und Freunde wissen Bescheid. Auch potenziellen Partnerinnen erzähle ich spätestens nach dem dritten Date, dass ich Samenspender bin“, sagt Hannes.
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10. Gibt es Pornohefte wirklich oder sind sie ein Klischee?
„Eher ein Klischee“, sagt Hannes BuzzFeed News Deutschland. „Also in den Spenderräumen bei der ESB gibt es keine Pornohefte. Es gibt einen Bildschirm, über den man sich ins Internet einwählen könnte. Das habe ich noch nicht genutzt.“
Dem Mitte-30-Jährigen ist wichtig zu betonen: „Samenspenden ist absolut nicht schmuddelig.“ Das erste Mal, dass er mit dem Thema Samenspende in Berührung gekommen sei, war mit 14, als er eine Jack Ass Folge sah, in der die Crew in dunklen, kleinen Zimmern masturbierte. Das sei heute anders, die Zimmer seien abschließbar, hell und hygienisch. Mit den Menschen vor Ort halte er ab und zu ein Schwätzchen. Man kennt sich, trinkt vielleicht noch einen Kaffee, bevor man spendet.
11. Würdest du einer Freundin Sperma spenden?
„Ich würde auf keinen Fall privat spenden. Nicht nur, weil dann das Sorgerecht nicht gesetzlich geregelt, oder weil mein Sperma dann nicht auf Krankheiten getestet ist, sondern auch, weil es mir schwerfallen würde, die Kinder in meinem privaten Umfeld zu sehen. Ich glaube, wenn man sie häufiger sieht, kann man nicht anders, als sich irgendwie Gedanken über deren Erziehung zu machen“, sagt der Hamburger.
Auch wenn Justizminister Marco Buschmann (FDP) vor kurzem neue Eckpunkte für das Familienrecht vorstellte, mit denen private Spenden sicherer werden sollen: „Ich würde ich jedem, der mich fragt, immer zum offiziellen Weg raten. Sowohl als Spender, als auch als Empfänger“, sagt Hannes.
*Wir haben den Namen von Hannes aus Gründen der Anonymität geändert. Sein echter Name ist der Redaktion bekannt.
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