„Wie Blutspenden“

Samenspender spricht über Klischees und Kinderwunsch – und wofür er zehn Euro extra bekommt

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Hannes Meyer geht regelmäßig Samen spenden. Im Gespräch verrät er, warum er „nicht in Kinderwägen schaut“ und wie viel Geld ihm eine Spermaprobe eigentlich bringt.

Samenspenden ist für Hannes Meyer* wie Blutspenden. Einmal die Woche gibt der Hamburger eine Spermaprobe ab und bekommt dafür 30 Euro Aufwandsentschädigung. Noch einmal zehn Euro on top gibt es, wenn die Qualität seiner Spende so gut ist, dass sie für die künstliche Befruchtung verwendet werden kann.

Meyers Spermaqualität schwanke. Das könne an Stress bei der Arbeit, Krankheiten – oder wie er eben erst gelernt habe – auch an zu hoher sportlicher Aktivität liegen. „Ich bin einen Marathon gelaufen und das hat meine Qualität wohl tatsächlich gemindert“, erzählt Meyer im Gespräch mit BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.

Hamburger Samenspender: „Fürs Geld mache ich es nicht“

Meyer trägt einen schwarzen Hoodie, ist Mitte 30 und hauptberuflich Projektmanager. Einmal die Woche 30 bis 40 Euro für eine Samenspende – davon kann er nicht leben. „Fürs Geld mache ich es auf jeden Fall nicht“, sagt er. Viel mehr dafür, dass Solomütter oder gleichgeschlechtliche Paare mit Kinderwunsch aus einer Bandbreite an Spendern auswählen können. Wie schön das sei, wisse er von einer guten Freundin, die mittlerweile zwei Spenderkinder mit ihrer Ehefrau hat.

Im Sommer 2019 sah Meyer eine Instagram-Anzeige der European Sperm Bank (ESB) eine von Europas größten Samenbanken, mit Standort in Hamburg. Für ihn war das ein Zeichen. Seit 2020 ist er dort offiziell als Spender gelistet. Auf seinem Profil finden Interessenten Kinderfotos, Informationen über seinen Persönlichkeitstyp, seine Lieblingsfarbe (blau), seinen Lieblingsfilm (Forrest Gump) oder seine Antworten auf philosophische Lebensfragen.

Dass Meyer, wie er sagt „stolzer St. Pauli Fan“ ist, steht nicht in seinem Profil. „Ist sicher ein Ausschlusskriterium für manche, oder?“, fragen wir. Er lacht: „Das kann sein, dass es für manche ein Ausschlusskriterium ist. Für mich wäre es keins: Ich würde mein Sperma auch einem HSV-Pärchen geben.“

Im Interview mit BuzzFeed News Deutschland spricht ein Hamburger übers Samenspenden. (Symbolbild)

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„Samenspenden ist absolut nicht schmuddelig“

Wie läuft so eine Samenspende eigentlich ab? Er fahre in die Räumlichkeiten der ESB, quatsche auch mal mit den Leuten dort (man kenne sich ja) gehe dort in einen abschließbaren, hellen, hygienischen Raum und onaniere in einen Becher. „Pornohefte sind eher ein Klischee, aber es gibt einen Bildschirm, über den man sich ins Internet einwählen könnte“, erzählt Meyer.

Die Räumlichkeiten der European Sperm Bank.

„Samenspenden ist absolut nicht schmuddelig“, sagt der Mitte 30-Jährige. Das erste Mal, dass er mit dem Thema Samenspende in Berührung gekommen sei, erzählt Meyer, sei bei einer Jack Ass Folge von 2000 gewesen, in der die Crew in dunklen, kleinen Zimmern masturbiere. Zum Glück sei das heute anders – zumindest dort, wo er Samen spendet.

Nach dem Spenden werde seine Spermaprobe auf Krankheiten untersucht. Wenn die Qualität stimme, gibt es zehn Euro extra, die Samenspende wird in flüssigem Stickstoff eingefroren. Wer sein Sperma erhält und wie viele Kinder daraus entstehen, kann Meyer auf Nachfrage bei der Samenbank erfahren. Diese hält sich an eine wissenschaftliche Empfehlung, die nicht mehr als 15 Familien in Deutschland und nicht mehr als 75 Familien weltweit pro Spender vorsieht – auch um Inzest zu verhindern.

Im Labor der European Sperm Bank werden Spermaproben auf ihre Qualität untersucht.

„Wenn mich niemand auswählt oder mit meinem Samen nie ein Kind entsteht, dann ist es auch völlig in Ordnung“, meint Meyer. Irgendwann bekomme er wahrscheinlich eine Nachricht, dass er genug Familien mit seinem Sperma geholfen habe. „Dann ist meine Zeit als Samenspender vorbei. Ich kann dann überlegen, ob ich mein eigenes Sperma noch privat einfrieren möchte, um das irgendwann zu nutzen“, sagt er BuzzFeed News Deutschland.

So wird das Sperma bei der European Sperm Bank aufbewahrt.

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„Finde es schade, wenn Kinderwunsch ein Tabuthema bleibt“

Meyer geht offen damit um, dass er Samenspender ist. Nicht nur Familie und Freunden, sondern auch potenziellen Partnerinnen erzählt er spätestens nach dem dritten Date, dass er Samenspender ist. „Ich finde es schade, wenn Kinderwunsch ein Tabuthema bleibt.“ Das mache in Deutschland auch Solomutterschaft immer noch wahnsinnig schwierig.

Der Hamburger kann sich gut vorstellen, irgendwann selbst Kinder zu haben, aber es sei „kein Must-have“. Als Onkel fühle er sich sehr wohl. Ob er im Alltag manchmal Kinder sehe und sich frage, ob es seine sind, fragen wir ihn. Er verneint. „Ich schaue nicht in Kinderwägen und frage mich, ob das meine Kinder sind“, sagt Meyer.

Er habe auf biologischer Ebene geholfen, ein Kind zu zeugen: „Damit ist das für mich genau das Gleiche wie Blutspenden. Da gehe ich ja auch nicht durch die Welt und überlege, ob die Person vielleicht eine Blutkonserve von mir bekommen hat.“

Dies ist ein Artikel von BuzzFeed News Deutschland. Wir sind ein Teil des IPPEN.MEDIA-Netzwerkes. Hier gibt es alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschand.

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Samenspenderregistergesetz ermöglicht Kindern Kontakt zum biologischen Vater

Meyers Kinder dürfen seine Identität, wenn sie volljährig sind, erfahren. Dafür sorgt das Samenspenderregistergesetz. Es stellt das Recht auf Kenntnis der Abstammung sicher, für das Justizminister Marco Buschmann (FDP) vor kurzem neue Eckpunkte vorstellte. Wenn seine Kinder ihn irgendwann kontaktieren, sei er gerne bereit, mit ihnen zu sprechen, sagt Meyer. Natürlich in einem geordneten Rahmen, der von der ESB vorgegeben sei. Verpflichtet ist er dazu nicht, er kann den Kontakt auch ablehnen.

Davon abgehalten, Samenspender zu werden, habe ihn die Aussicht auf eine Kontaktaufnahme nicht. Aber: Ihm sei ganz klar, wo die Grenze liege. Schließlich sei er „kein sozialer Vater“. Er habe mit den Kindern nichts gemeinsam, außer der Gene. „Ich habe denen ja nicht Fahrradfahren beigebracht. Ich habe ihnen nicht beigebracht, wie man Streit löst. Ich habe ihnen nicht im Kindergarten oder in der Schule geholfen, sondern nur den biologischen Teil erfüllt.“

Was würde er diesem biologischen Kind sagen, wenn es plötzlich vor ihm steht? „Ich denke mal, dass ich sowas sagen werde wie: ‚Ich freue mich total, dass du da bist, dass du ein Interesse hast, mich kennenzulernen.‘“ Er wisse ja, dass viele Eltern oder Solomütter sich sehr bewusst für eine Samenspende entscheiden. „Deswegen hoffe ich, dass es Kinder sind, die eine gute Kindheit hatten. Ich bin sicher, sie sind sehr geliebt und gewollt. Und das ist ein sehr schönes Gefühl.“

*Wir haben den Namen von Hannes Meyer aus Gründen der Anonymität geändert. Sein echter Name ist der Redaktion bekannt.

Rubriklistenbild: © Pond5 Images/IMAGO

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