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Will Russland das AKW Saporischschja sprengen? Die Ukraine hat jedenfalls vor konkreten Terrorplänen gewarnt. Was würde im schlimmsten Fall drohen?
Kiew - Erst die Sprengung des Kachowka-Staudammes - und jetzt die nächste Katastrophe? In der Ukraine herrscht große Angst vor dem Super-GAU. So hat Präsident Wolodymyr Selenskyj jetzt erstmals kursierende Gerüchte bestätigt und eindringlich vor konkreten russischen Terrorplänen auf das Atomkraftwerk (AKW) in Saporischschja gewarnt: „Sie haben alles dafür vorbereitet“, sagte der Politiker am Donnerstag (22. Juni) in einer Dringlichkeitssitzung seines Sicherheitskabinetts.
Die Internationale Atombehörde (IAEA) zeigte sich über die Berichte über eine Anschlagsplanung auf das AKW in Saporischschja alarmiert - doch nur wenige Stunden nach Selenskyjs Warnung wies Russland erstmals die Anschuldigungen zurück. Dies sei eine „Lüge“ sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.
Ukraine-Krieg: Selenskyj warnt vor Anschlag auf AKW Saporischschja
Bei seiner Aussage im Sicherheitskabinett hatte sich Selenskyj auf einen Bericht seines Geheimdienstes bezogen. Demnach liegen den ukrainischen Behörden gesicherte Informationen vor, wonach Russland im Rahmen des Ukraine-Krieges einen Terroranschlag auf das AKW Saporischschja „erwägt“, in dessen Folge ein Strahlungsaustritt aus dem Meiler provoziert werden soll, zitierte die ukrainische Zeitung Pravda den Präsidenten. Angeblich soll bereits das Kühlbecken für die Reaktoren vermint sein. Darauf hatte zuvor schon der Militärgeheimdienst-Chef Kyrylo Budanow in einem veröffentlichten Video hingewiesen.
Das Atomkraftwerk in Saporischschja gilt als das größte Kernkraftwerk in Europa. Bereits kurz nach dem Einmarsch in der Ukraine hatten die Truppen von Präsident Wladimir Putin die Anlage besetzt. In Betrieb gehalten wird der Komplex, der sechs Reaktoren umfasst, nach wie vor von ukrainischen Mitarbeitern, die unter der Kontrolle Moskaus stehen.
Minen am Kühlwasserbecken: Geheimdienst hat Hinweise gesammelt
Seit der Sprengung des Kachowka-Staudammes, die weite Teile der Frontlinie rund um Cherson überflutet hat, steht auch das AKW Saporischschja verstärkt im Fokus. Denn: Die Kühlanlagen, insbesondere der Kühlsee, der Kraftwerks wurden bisher vom Stausee in Kachowka gespeist. Aktuell soll dieses Wasser laut der IAEA zwar noch mehrere Monate für die Kühlung zur Verfügung stehen, dennoch ist die generelle Gefahr durch das Atomkraftwerk in diesem Krieg allgegenwärtig.
Vor diesem Hintergrund rief Selenskyj die internationale Staatengemeinschaft zur Wachsamkeit auf. „Es sollte nirgendwo zu Terroranschlägen auf Atomkraftwerke kommen. Dieses Mal sollte es nicht wie in Kachowka sein – die Welt wurde gewarnt, also kann und muss die Welt handeln“, sagte Selenskyj laut der Pravda. Den Angaben zufolge will die ukrainische Regierung ihren Geheimdienstbericht mit Regierungen aus Europa und Amerika bereits geteilt haben. Denn eine ausgesetzte Strahlung kenne keine Staatsgrenzen, warnte Selenskyj weiter, allein die Windrichtung bestimme, wen eine Wolke treffe.
Anschlag auf Atomkraftwerk durch Russland - so hoch ist das Risiko
Doch wie hoch ist das Risiko wirklich? In den vergangenen Wochen ist Russland im Ukraine-Krieg durch die Gegenoffensive unter Druck geraten und es wird vermutet, dass der Kreml trotz militärischer Rückschläge den Konflikt am Leben erhalten will. Denn dadurch rückt ein Nato-Beitritt der Ukraine in weite Ferne. Vor diesem Hintergrund habe eine zweite Phase in der Kriegsführung Moskaus begonnen, in der Russland mit gezielter Sabotage und Anschläge weiter für Unruhe sorgen könnte, zitierte die Bild am Donnerstag den ukrainischen Präsidentenberater Mykhailo Podolyak.
Doch ob Anschläge auf das AKW dazu gehören, bleibt reine Spekulation. Die Angaben der ukrainischen Regierung lassen sich unabhängig nicht überprüfen. Bei der Bewertung der Gefahr sind sich internationale Fachleute jedenfalls nach wie vor uneinig.
In einer Analyse prüfte die Plattform Table.Media unlängst drei mögliche Schreckensszenarien. Die Experten gingen dabei von drei Schreckensszenarien aus. Sie reichten von unfreiwilligen Explosionen von gelagertem Militärmaterial, über gezielten Raketenbeschuss bis hin zur Unterbrechung der Kühlsysteme. In vielen Fällen würde durchaus Radioaktivität freigesetzt werden, hieß es. Jedoch sei das Ausmaß kaum so hoch wie beim Unfall von Tschernobyl. Außerdem wiesen die Fachleute auf einen entscheidenden Punkt hin, der Moskau von einem Anschlag auf das AKW in Saporischschja abhalten könnte: In der Region kommt der Wind meistens aus westlicher Richtung - und würde die Wolke eher in Richtung Russland blasen.
Sorge um AKW Saporischschja im Ukraine-Krieg: IAEA-Chef reist nach Russland
Dennoch will man bei der Internationalen Atomenergiebehörde wohl doch lieber auf Nummer sicher gehen. Im Ringen um eine Lösung für das von Moskau kontrollierte ukrainische Atomkraftwerk soll der IAEA-Chef Rafael Grossi nach Moskauer Angaben am Freitag zu Gesprächen nach Russland reisen. In der Ostseeregion Kaliningrad sei ein Treffen Grossis mit dem Chef der Moskauer Atombehörde Rosatom, Alexej Lichatschow, geplant, teilte Vize-Außenminister Sergej Rjabkow am Donnerstag der russischen Agentur Interfax zufolge mit. Eine Bestätigung der IAEA zum Treffen gab es zunächst aber nicht. (jkf)

