Menschen mit Migrationsgeschichte

„Deutschland kann nicht gleichzeitig Zugehörigkeit verweigern und dann Gehorsam bestellen“

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Menschen mit Migrationsgeschichte werden an vielen Stellen benachteiligt. Wie Integration besser gelingen kann und was Betroffene von Deutschland erwarten.

Berlin – Vor 70 Jahren kamen Millionen italienische sogenannte Gastarbeiter in die alte Bundesrepublik. Sie bauten Fabriken, Städte und Leben auf und lebten doch oft zwischen Herkunft und Ankunft, Anerkennung und Ausgrenzung. Integration war nicht vorgesehen. Der Berliner Queerbeauftragte Alfonso Pantisano, Kind von Italienern, die zum Arbeiten nach Deutschland kamen, blickt für die Frankfurter Rundschau von Ippen.Digital zurück und stellt Forderungen an Gesellschaft und Politik.

Alfonso Pantisano ist seit 2023 Queer-Beauftragter des Landes Berlin. (Archivbild)
Vor 70 Jahren wurde das Abwerbeabkommen mit Italien unterzeichnet. Was bedeutet dieses Datum für Sie?
Für viele ist das ein Jubiläum der Arbeitsmigration. Für mich ist es der Startpunkt einer zerbrechenden Familiengeschichte – und auch einer verdrängten Gewaltgeschichte. Denn dieses System war darauf ausgerichtet, Arbeitskraft zu holen, aber Menschen – vor allem Kinder – nicht mitzudenken. Ich bin ein Kind dieser Lücke: geboren in Deutschland, aber als Kind ausgelagert, verwaltet, auf Nummern reduziert. 70 Jahre später wünsche ich mir, dass wir nicht nur Dankbarkeit ritualisieren, sondern Verantwortung übernehmen: Was hat die Gastarbeiterschaft den Familien angetan und was wiederholen wir heute, wenn wir Migration wieder nur als Nützlichkeit verhandeln?
Wie kam es dazu, dass Sie Ihre Kindheit ohne Ihre Eltern in Italien verbracht haben?
Meine Eltern waren in Deutschland, um zu arbeiten – und sie waren oft zu müde, zu überfordert in einem System, das sie brauchte, aber nicht wirklich wollte. Für viele Familien hieß das damals: Kinder werden untergebracht – bei der Großmutter, in Heimen, in Internaten. Ich war mehrere Jahre im Internat in Monte Bondone. Die Kosten trug der italienische Staat, denn unsere Eltern hätten sich das niemals leisten können. Dort habe ich als 7-jähriges Kind gelernt, zu funktionieren: Mich selbst zu waschen, mein Bett zu machen, allein zu sein – in einem System, das uns wie Inventar verwaltete. Ich war nicht Alfonso, ich war eine Nummer. Und das prägt ein Leben: dieses Dazwischen, dieses nie ganz „zu Hause“, nie ganz „gesehen“ zu werden.

„Nur Eingebürgerte müssen ihre Loyalität gegenüber diesem Staat beweisen“

Sie haben die deutsche Staatsbürgerschaft erst 2017 erhalten, warum so spät?
Weil Deutschland Menschen wie mich und meine Eltern jahrzehntelang als „Gäste“ behandelt hat – auch dann, wenn man längst hier lebt, arbeitet, Steuern zahlt, Kinder großzieht. Für mich war das 2017 auch ein bitterer Moment: Ich hatte mich politisch eingemischt, für Grundrechte gestritten und durfte trotzdem immer noch nicht einmal wählen. Das musste sich also schnell ändern. Als ich dann eingebürgert wurde, war da Stolz, aber auch Traurigkeit über die Doppelmoral: Nur Eingebürgerte müssen ihre Loyalität gegenüber diesem Staat beweisen, während andere ihre Zugehörigkeit einfach erben.

Schock-Momente und große Eklats: So turbulent war das Politik-Jahr 2025

Eklat im Oval Office, Demos gegen Friedrich Merz und Putin-Trump-Gipfel in Alaska: Das Politik-Jahr 2025 war von großen Aufregern geprägt.
Eklat im Oval Office, Demos gegen Friedrich Merz und Putin-Trump-Gipfel in Alaska: Das Jahr 2025 war von diesen und weiteren großen Aufregern in der internationalen Politik geprägt. Ein Rückblick in Bildern. © Imago (Montage)
Als US-Präsident vereidigt wurde Trump am  20. Januar 2025 in der Rotunde des Kapitols in Washington, D.C.
Für viele war es ein Schock, dass Donald Trump Ende 2024 zum zweiten Mal die US-Wahl gewann. Als US-Präsident vereidigt wurde Trump am 20. Januar 2025 in der Rotunde des Kapitols in Washington, D.C.  © Imago
Bei seiner Vereidigung im Januar 2025 im Beisein seiner Frau Melania und seiner Kinder sagte Donald Trump, „das ‚Goldene Zeitalter‘ von Amerika beginnt genau jetzt“
Bei seiner Vereidigung im Januar 2025 im Beisein seiner Frau Melania und seiner Kinder sagte Donald Trump: „Das ‚Goldene Zeitalter‘ von Amerika beginnt genau jetzt.“ Seitdem hält der US-Präsident nicht nur sein eigenes Land, sondern die ganze Welt in Atem: zum Beispiel mit exorbitanten Zöllen auf Importe, der Verhaftung von Migranten auf offener Straße und dem Einsatz des Militärs in seinen eigenen Städten.  © imago stock&people
für viele ein Schock und Aufreger zugleich: Trump, selbst milliardenschwerer Immobilien-Mogul, hatte die Tech-Elite und reichsten Männer der USA hinter sich versammelt. Marc Zuckerberg (Meta), Jeff Bezos (Amazon) samt Frau, Sundar Pichai (Google) und Elon Musk (Tesla, Space X).
Dieses Bild von der Vereidigung Trumps 2025 war für viele ein Schock und Aufreger zugleich: Trump, selbst milliardenschwerer Immobilien-Mogul, hatte die Tech-Elite und die reichsten Männer der USA hinter sich versammelt: Marc Zuckerberg (Meta), Jeff Bezos (Amazon) an der Seite seiner Frau, Sundar Pichai (Google) und Elon Musk (Tesla, Space X). © IMAGO/Pool/ABACA
Beim Ball, der in den USA traditionell bei Amtseinführungen von Präsidenten abgehalten wird, tanzte Donald Trump mit seiner Frau Melania.
Beim Ball, der in den USA traditionell bei Amtseinführungen von Präsidenten abgehalten wird, tanzte Donald Trump mit seiner Frau Melania. Es begann ein erstes Regierungsjahr 2025 voller Extreme, Eskalationen und Chaos. © IMAGO/Anna Moneymaker - Pool via CNP
Schock am 22. Januar in Aschaffenburg: Bei einem Messerangriff wurde ein Kleinkind und ein Mann getötet sowie drei weitere Menschen schwer verletzt, darunter ein weiteres Kleinkind.
Schock am 22. Januar in Aschaffenburg: Bei einem Messerangriff wurden ein Kleinkind und ein Mann getötet sowie drei weitere Menschen schwer verletzt, darunter ein weiteres Kleinkind. Der Täter war ein Afghane, der zu jenem Zeitpunkt ausreisepflichtig war. Eine Debatte um illegale Migration in Deutschland beherrschte fortan den Wahlkampf zur Bundestagswahl 2025.  © IMAGO/Michael Bihlmayer
Ein sichtlich erschütterter Merz erklärte bei einer aufsehenerregenden Pressekonferenz am 23. Januar 2025, er werde „von Tag 1 an“ als Kanzler ein „faktisches Einreiseverbot“ für illegale Migranten durchsetzen.
Friedrich Merz, damals noch CDU-Kanzlerkandidat, führte nach dem Attentat in Aschaffenburg die Migration in den Mittelpunkt seines Wahlkampfes. Bei einer aufsehenerregenden Pressekonferenz am 23. Januar 2025 erklärte er, er werde „von Tag 1 an“ als Kanzler ein „faktisches Einreiseverbot“ für illegale Migranten durchsetzen.  © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Florian Wiegand
Am 29. Januar 2025 trat vor der umstrittenen Abstimmung ein energischer Merz ans Rednerpult im Bundestag, hinter ihm noch die alte Regierung aus Kanzler Olaf Scholz (SPD) und Vizekanzler Robert Habeck (Grüne). ehrere Anträge zur Migration in Deutschland wollte er auf Teufel komm raus im Bundestag durchbringen – auch unter Inkaufnahme von Stimmen der AfD.
Friedrich Merz entschloss sich in der Folge zu einem drastischen Schritt im Wahlkampf: Mehrere Anträge zur Migration in Deutschland wollte er im Bundestag durchbringen – auch unter Inkaufnahme von Stimmen der AfD. Am 29. Januar 2025 trat vor der umstrittenen Abstimmung ein energischer Merz ans Rednerpult im Bundestag, hinter ihm die alte Regierung bestehend aus Kanzler Olaf Scholz (SPD) und Vizekanzler Robert Habeck (Grüne).  © IMAGO
Die AfD-Fraktion macht ein Selfie nach der umstrittenen Abstimmung zur Migration im Bundestag am 29. Januar 2025.
Die gemeinsame Abstimmung der CDU unter Merz mit der AfD war für viele in SPD, Grüne und Linke ein Schock im Jahr 2025. Auch Abgeordnete der Union saßen danach im Bundestag wie vom Donner gerührt über ihr eigenes Handeln. Allein die AfD-Fraktion lachte nach der Abstimmung: Gemeinsam mit anderen Abgeordneten machten die AfD-Chefs Alice Weidel und Tino Chrupalla ein Selfie. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Unter dem Motto „Wir sind die Brandmauer – Keine Zusammenarbeit mit der AfD“ gingen 2025 Millionen Menschen auf die Straße. Auf dem Bild zu sehen ist der „Aufstand der Anständigen“ in Berlin.
Nach dem Schock der Abstimmung von Merz‘ Union mit der AfD gab es Anfang 2025 massive Proteste in ganz Deutschland. Unter dem Motto „Wir sind die Brandmauer – Keine Zusammenarbeit mit der AfD“ gingen Millionen Menschen auf die Straße. Auf dem Bild zu sehen ist der „Aufstand der Anständigen“ in Berlin.  © IMAGO/Christian Ender
Ein Schock für alle Zuhörer war am 14. Februar 2025 die Rede von US-Vizepräsident JD Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Unter den Verbündeten in Europa sorgte die Rede für helle Aufregung: Vance rechnete in der halbstündigen Rede mit Europa ab.
Ein Schock für alle Zuhörer war am 14. Februar 2025 die Rede von US-Vizepräsident JD Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Unter den Verbündeten in Europa sorgte die Rede für helle Aufregung: Vance rechnete in der halbstündigen Rede mit Europa ab und attestierte ein mangelndes Demokratieverständnis. „Wenn ihr Angst vor euren eigenen Wählern habt, dann gibt es nichts, was Amerika für euch tun kann“, so ein Zitat von Vance, das 2025 in den Köpfen blieb. © IMAGO/Andreas Stroh
Beim Besuch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Oval Office am 28. Februar 2025 kam es zum Eklat. US-Präsident Donald Trump stritt öffentlich mit ihm und warf ihm mangelnde Dankbarkeit vor. Am Ende wurde Selenskyj aus dem Weißen Haus geworfen.
Zwei Wochen später kam der nächste Schock-Moment für die Europäer: Beim Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Oval Office am 28. Februar 2025 kam es zum Eklat. US-Präsident Donald Trump stritt öffentlich mit ihm und warf ihm mangelnde Dankbarkeit vor. Am Ende wurde Selenskyj aus dem Weißen Haus geworfen. Die Welt schaute fassungslos zu.  © IMAGO/JIM LO SCALZO
Bei dem Eklat im Oval Office war Trumps Vize JD Vance bei der öffentlichen Demütigung von Selenskyj ganz vorne dabei. Beobachter sprachen danach von einer bewussten Provokation der Ukraine.
Bei dem Eklat im Oval Office war Trumps Vize JD Vance bei der öffentlichen Demütigung von Selenskyj ganz vorne mit dabei. Beobachter sprachen danach davon, dass der die Ukraine bewusst provozieren wollte. Seit diesem Schock-Moment am 28. Februar zittern viele Staatschefs vor ihren Besuchen im Weißen Haus.  © IMAGO/JIM LO SCALZO
Einen Schock in der Türkei und der ganzen westlichen Welt, löste die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu am 19. März 2025 aus.
Einen Schock in der Türkei und der ganzen westlichen Welt löste die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu am 19. März 2025 aus. Wenige Tage später sollte er zum offiziellen Präsidentschaftskandidaten nominiert werden und war daher einer der gefährlichsten Gegner für Präsident Recep Tayyip Erdogan. Wegen angeblicher Korruption und Terrorismusunterstützung nahm die Polizei ihn gemeinsam mit 100 weiteren Personen fest. İmamoğlu sitzt bis heute in Haft.  © IMAGO/Tolga Uluturk
Nach der Verhaftung von İmamoğlu demonstrierten hunderttausende Menschen in der Türkei gegen Erdogans Willkür.
Nach der Verhaftung von İmamoğlu demonstrierten hunderttausende Menschen in der Türkei gegen Erdogans Willkür. Auch 100 Tage später gab es noch Proteste von zehntausenden Menschen in Istanbul.  © IMAGO/Abdullah Tepeli
Schock für CDU-Chef Friedrich Merz bei der Kanzlerwahl im Bundestag am 6. Mai 2025: Der Wahlsieger scheiterte bei der Abstimmung im ersten Wahlgang. Nach dem gescheiterten ersten Wahlgang verließ Merz fluchtartig das Parlament.
Schock für CDU-Chef Friedrich Merz bei der Kanzlerwahl im Bundestag am 6. Mai 2025: Der Wahlsieger scheiterte bei der Abstimmung im ersten Wahlgang. Zuviele Abgeordnete aus Union und SPD stimmten gegen ihn als Kanzler. Nach dem gescheiterten ersten Wahlgang verließ Merz fluchtartig das Parlament.  © IMAGO/Emmanuele Contini
Charlotte Merz, die Ehefrau von Friedrich Merz, sowie deren Kinder verfolgten das Debakel bei der Kanzlerwahl mit ausdruckslosen Mienen von der Tribüne aus.
Charlotte Merz, die Ehefrau von Friedrich Merz, sowie deren Kinder verfolgten das Debakel bei der Kanzlerwahl mit ausdruckslosen Mienen von der Tribüne aus. Sie hatten sich von dem Tag der Kanzlerwahl anderes erhofft.  © IMAGO
CDU-Chef Friedrich Merz am 6. Mai 2025 einsam und allein im Deutschen Bundestag, nachdem er im ersten Wahlgang bei der Wahl des Bundeskanzlers durchgefallen war.
Ein Bild, das von 2025 bleibt: CDU-Chef Friedrich Merz einsam und allein im Deutschen Bundestag, nachdem er im ersten Wahlgang bei der Wahl des Bundeskanzlers durchgefallen war. Der Tag sollte für ihn nach der gewonnenen Bundestagswahl 2025 eigentlich ein Tag des Triumphs werden.  © IMAGO/Emmanuele Contini
Nach stundenlangen aufgeregten Beratungen in den Fraktionen von Union und SPD gab es am 6. Mai 2025 bei der Kanzlerwahl schließlich ein Aufatmen für Merz und seine Regierung: Im zweiten Wahlgang schaffte er die Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag.
Nach stundenlangen aufgeregten Beratungen in den Fraktionen von Union und SPD gab es am 6. Mai 2025 bei der Kanzlerwahl schließlich ein Aufatmen für Merz und seine Regierung: Im zweiten Wahlgang schaffte er die Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag, danach konnte ihm endlich gratuliert werden.  © IMAGO
Am 21. Mai 2025 kam es zum nächsten Eklat im politischen Jahr: US-Präsident Donald Trump attackierte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa vor versammelter Presse mit Vorwürfen.
Am 21. Mai 2025 kam es zum nächsten Eklat im politischen Jahr: US-Präsident Donald Trump attackierte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa vor versammelter Presse. Trump konfrontierte seinen Gast mit Artikeln und einem Videofilm. Dies sollte nach Darstellung Trumps einen Massenmord an der weißen Bevölkerung Südafrikas belegen. Die Vorwürfe basieren auf einem Verschwörungsmythos, der in rechtsextremen Kreisen in den USA weit verbreitet ist: der sogenannte „weiße Genozid“. © IMAGO/Jim LoScalzo - Pool via CNP
Nach über drei Jahren Ukraine-Krieg wurde Russlands Präsidenten Wladimir Putin am 15. August 2025 in Alaska die Rückkehr auf die politische Weltbühne gewährt: US-Präsident Donald Trump traf ihn in Alaska.
Nach über drei Jahren Ukraine-Krieg wurde Russlands Präsidenten Wladimir Putin am 15. August 2025 in Alaska die Rückkehr auf die politische Weltbühne gewährt: US-Präsident Donald Trump traf ihn in Alaska. Für viele Menschen waren die Bilder vom Putin-Trump-Gipfel in Alaska ein Schock.  © IMAGO/Sergey Bobylev
Unvergessen vom Trump-Putin-Gipfel 2025 in Alaska bleibt der Empfang, den Trump seinem russischen Kollegen gewährte: Er sollte ihm auf dem Flugplatz den roten Teppich aus und klatschte dem russischen Despoten schon von weitem zu.
Unvergessen vom Trump-Putin-Gipfel 2025 in Alaska bleibt der Empfang, den Trump seinem russischen Kollegen gewährte: Er rollte ihm auf dem Flugplatz den roten Teppich aus und klatschte dem russischen Despoten schon von weitem mit Beifall zu.  © IMAGO/Sergey Bobylev
Die Ergebnisse des Treffens von Donald Trump und Wladimir Putin in Alaska fielen enttäuschend aus. Putin konnte auf der anschließenden Pressekonferenz die Agenda bestimmen und seine Sicht auf den Ukraine-Krieg unwidersprochen darstellen.
Die Ergebnisse des Treffens von Donald Trump und Wladimir Putin in Alaska fielen enttäuschend aus. Putin konnte zur Aufregung vieler auf der anschließenden Pressekonferenz die Agenda bestimmen und seine Sicht auf den Ukraine-Krieg unwidersprochen darstellen.  © IMAGO/Anchorage Daily News/TNS/ABACA
Ein absolutes Aufreger-Thema in der Bundespolitik war im Sommer 2025 die geplante Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin. Sie scheiterte am Widerstand der Union, die sie als zu links empfand. Der Streit um die Richterwahl brachte die Koalition unter Friedrich Merz fast an den Abgrund.
Ein Aufreger-Thema in der Bundespolitik war im Sommer 2025 die geplante Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin. Sie scheiterte am Widerstand der Union, die sie als zu links empfand. Brosius-Gersdorf zog ihre Kandidatur schließlich freiwillig zurück. Der Streit um die Richterwahl brachte die Koalition unter Friedrich Merz fast an den Abgrund.  © IMAGO/M. Popow
Mit dieser Pressekonferenz Mitte Oktober 2025 in Brandenburg begann in Deutschland eine Zeit wochenlanger Diskussionen und Proteste: Kanzler Friedrich Merz erklärte bei einem Besuch bei Ministerpräsident Dietmar Woidke, es gebe in Deutschland noch „Probleme im Stadtbild“, die Innenminister Dobrindt mit Rückführungen von Migranten zu lösen versuche.
Mit dieser Pressekonferenz Mitte Oktober 2025 in Brandenburg begannen in Deutschland wochenlange Diskussionen und Proteste: Kanzler Friedrich Merz erklärte bei einem Besuch bei Ministerpräsident Dietmar Woidke, es gebe in Deutschland noch „Probleme im Stadtbild“, die Innenminister Dobrindt mit Rückführungen von Migranten zu lösen versuche. Merz war zunächst nicht bereit, sich näher zu erklären. Er sagte stattdessen, man solle „die Töchter“ fragen, die wüssten, was er meine.  © IMAGO/Chris Emil Janssen
Die Äußerungen des Kanzlers zum Stadtbild war für vielen ein Grund, auf die Straße zu gehen: Sie warfen dem Kanzler Rassismus und die Differenzierung von Menschen nach Hautfarben vor. Unter dem Motto „Wir sind die Töchter“ gingen Tausende auf die Straße, so wie hier in Berlin.
Die Äußerungen des Kanzlers zum „Stadtbild“ waren für viele ein Grund, auf die Straße zu gehen: Sie warfen dem Kanzler Rassismus und die Differenzierung von Menschen nach Hautfarbe vor. Zudem fühlten sich viele junge Frauen durch Merz‘ Aussage, die „Töchter“ würden wissen, was er meine, instrumentalisiert. Unter dem Motto „Wir sind die Töchter“ gingen Tausende auf die Straße, so wie in Berlin.  © IMAGO/Carsten Thesing
Begleitet von heftigen Protesten gründete die AfD am 29. November 2025 ihr neue Jugendorganisation „Generation Deutschland“. In Gießen demonstrierten bis zu 30.000 Menschen gegen die AfD, dabei kam es auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Begleitet von heftigen Protesten gründete die AfD am 29. November 2025 ihre neue Jugendorganisation „Generation Deutschland“. In Gießen demonstrierten bis zu 30.000 Menschen gegen die AfD, dabei kam es auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei.  © IMAGO/5VISION.NEWS
Einen schockierenden Auftritt legte Alexander Eichwald hin bei der Gründung der neuen AfD-Jugend „Generation Deutschland“ am 30. November 2025 in Gießen: Mit stark rollendem R und NS-Rhetorik erinnerte er an Adolf Hitler.
Einen schockierenden Auftritt legte Alexander Eichwald bei der Gründung der neuen AfD-Jugend „Generation Deutschland“ in Gießen hin: Mit stark rollendem „R“ und NS-Rhetorik erinnerte er an Adolf Hitler. Nach der Aufreger-Rede gab es Rätselraten, ob die Rede ernst gemeint oder Satire war. Zwölf Prozent der AfD-Jugend gaben Eichwald immerhin ihre Stimme für einen Posten im Vorstand. Er muss nun mit dem Ausschluss aus der Partei rechnen. © dpa/X
Ein Schock für Europa war die Bekanntgabe der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA im Dezember 2025: Die Regierung unter Donald Trump sieht darin Europa als Gegner und will den „Widerstand“ gegen den aktuellen Kurs der EU fördern. Von vielen wird das Dokument, das den offiziellen Kurs der US-Außenpolitik darlegt, wie ein Scheidungspapier an Europa aufgefasst.
Ein Schock für Europa war die Bekanntgabe der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA im Dezember 2025: Die Regierung unter Donald Trump sieht darin Europa als Gegner und will den „Widerstand“ gegen den aktuellen Kurs der EU fördern. Von vielen wird das Dokument, das den offiziellen Kurs der US-Außenpolitik darlegt, als ein Scheidungspapier an Europa aufgefasst.  © IMAGO/Pool/ABACA
Die neue Sicherheitsstrategie der USA unter der Führung von Donald Trump (M.), Außenminister Marco Rubio (l.) und Verteidigungsminister Pete Hegseth schockte auch Deutschland: Kanzler Friedrich Merz sagte danach alarmiert, dass es nun umso wichtiger sei, dass Deutschland sich auch ohne die USA verteidigen könne.
Die neue Sicherheitsstrategie der USA unter der Führung von Donald Trump (M.), Außenminister Marco Rubio (l.) und Verteidigungsminister Pete Hegseth schockte auch Deutschland: Kanzler Friedrich Merz sagte danach alarmiert, dass es nun umso wichtiger sei, dass Deutschland sich auch ohne die USA verteidigen könne. Ein Rückzug der USA aus der NATO wird immer wahrscheinlicher.  © IMAGO/CNP / MediaPunch
Es wird aktuell viel über Menschen mit Migrationsgeschichte diskutiert. Fühlen Sie sich in diesem Land gleichberechtigt?
Rechtlich sind wir oft näher dran als früher, aber gesellschaftlich ist Gleichberechtigung bis heute fragil. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte kennen dieses Grundgefühl: Du musst besser sein, dankbarer, unauffälliger – du musst dich ständig beweisen, damit du nicht wieder zur Debatte wirst. Und ich sage das auch als jemand, der zusätzlich queer ist: Gleichberechtigung bedeutet nicht nur gleiche Regeln, sondern gleiche Anerkennung, gleiche Chancen, gleiche Selbstverständlichkeit, ohne dass man jeden Tag neu um die Unantastbarkeit der eigenen Würde kämpfen muss.

„Stadtbild“-Debatte von Merz machte „Menschen zu einem ästhetischen Problem“

Wie haben Sie die „Stadtbild“-Debatte empfunden?
Ich fand die Wortwahl von Kanzler Friedrich Merz (CDU) gefährlich, weil sie Menschen zu einem ästhetischen Problem macht: zu etwas, das stört, das man „aus dem Bild“ bekommen möchte. Genau so funktionieren Verschiebungen nach rechts: Erst ist es eine Andeutung, dann ein Gefühl, dann eine politische Forderung. Natürlich gibt es reale Probleme in Städten: Kriminalität, Gewalt, Respektlosigkeit – das muss ein Rechtsstaat benennen und verfolgen. Aber wer das in „Stadtbild“-Kategorien diskutiert, lädt zur Verallgemeinerung ein: Als ob „migrantisch aussehen“ schon der Verdacht wäre. Und selbst wenn später präzisiert wird, der Schaden entsteht oft im ersten Satz, nicht in der Fußnote. Und jetzt haben wir den Schaden.

Zur Person

Alfonso Pantisano wurde 1974 im süddeutschen Waiblingen geboren. Er ist ein deutscher LGBTQ-Aktivist und SPD-Politiker. 2023 wurde er als Referent des Berliner Senats zur ersten „Ansprechperson Queeres Berlin“ (Queerbeauftragter) ernannt.

Pantisano ist ein Sohn italienischer Gastarbeiter aus Kalabrien. Er wurde in Waiblingen geboren, verbrachte jedoch seine Kindheit bis zum zwölften Lebensjahr in Italien mit Besuchen bei den Eltern in Deutschland. 2003 zog er nach Berlin, wo er seither leb

Wie sind Sie persönlich von Ereignissen betroffen, etwa, wenn Jugendliche an Silvester randalieren. Färbt das auf Sie ab?
Ich verurteile Gewalt. Da gibt es nichts zu diskutieren. Und an Silvester ganz besonders Angriffe auf Menschen, die einfach feiern wollen sowie auf Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei. Das ist nicht „Protest“, das ist Zerstörung und gefährdet Menschenleben. Und ja: Es färbt ab – nicht, weil ich etwas damit zu tun hätte, sondern weil solche Bilder sofort genutzt werden, um Millionen andere mitzumeinen. Plötzlich schauen Menschen wieder auf die Namen, auf die Herkunft, auf das Aussehen. Genau deshalb ist es so wichtig, zweierlei gleichzeitig zu tun: Null Toleranz gegenüber Gewalt … und null Toleranz gegenüber dem Reflex, daraus eine Herkunftserzählung zu machen.

Silvester: „Wer Jugendgewalt nur mit Migration erklärt, macht es sich zu einfach“

Wer Jugendgewalt nur mit Migration erklärt, macht es sich zu einfach und löst kein einziges Problem. Wir müssen über soziale Lage, Perspektiven, Bildung, Jugendarbeit, fehlende Zugehörigkeitserfahrungen und destruktive Männlichkeitsbilder sprechen. Und wir müssen auch den Blick in die Familien richten, nicht im Sinne von Schuldzuweisung, sondern im Sinne von Realität: Wenn Eltern abends weinend am Küchentisch sitzen, weil sie mal wieder im Bus beleidigt wurden, wieder auf dem Amt abgewiesen wurden, beim Arzt wieder wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden, dann wächst ein Kind in einem Klima der Wut und Vergeltung auf.
Können Sie das konkretisieren?
Nun, man kann eben nicht automatisch erwarten, dass dieses Kind sich automatisch „zugehörig“ fühlt, dass es sich selbstverständlich an die Regeln eines Gemeinwesens bindet, das ihm jeden Tag signalisiert, dass es nur geduldet ist. Das ist keine Entschuldigung für Randale, aber es ist ein Teil der Erklärungskette. Genau hier passt die These: „The Hate U Give Little Infants f*cks everybody“: der Hass, die Kälte, die Abwertung, die man Familien und Kindern über Jahre gibt, kommt irgendwann zurück und trifft am Ende alle. Wer Rettungskräfte angreift, greift unser Zusammenleben an. Aber eins muss allen klar werden: Wer Kinder und ihre Eltern täglich abwertet, greift auch unser Zusammenleben an. Mein Punkt ist: Deutschland kann nicht gleichzeitig Zugehörigkeit verweigern und dann Gehorsam bestellen.
Was erwarten Sie von Deutschland?
Ich erwarte, dass Deutschland aufhört, Migration immer nur als Nützlichkeitsfrage zu behandeln und endlich als Zugehörigkeitsfrage. Dass wir bei jeder Entscheidung zuerst fragen: Was bedeutet das für Kinder? Kein Kind darf zu einer Akte, einer Nummer, einem Provisorium werden. Und ich erwarte eine politische Kultur, die nicht mit Codes arbeitet, die Menschen aus dem „Wir“ herausdefinieren. Wer hier lebt, wer dieses Land mitträgt, wer seine Regeln achtet – der gehört dazu. Wir müssen ein „Gemeinsames Wir“ anstreben. Nicht irgendwann. Nicht auf Probe. Sondern jetzt. (Interview: ktho)

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