Erdogan bekommt im Staatsfernsehen deutlich mehr Sendezeit als Kilicdaroglu
VonErkan Pehlivan
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Die Türkei-Wahl läuft offenbar unter unfairen Bedingungen ab: Erdogan hat im Wahlkampf Vorteile gegenüber seinem Herausforderer Kilicdaroglu.
Frankfurt/Ankara – Die Türkei-Wahl am 14. Mai war ein Desaster für die Opposition. Umfrageergebnisse hatten Herausforderer Kemal Kilicdaroglu (CHP) bei über 50 Prozent gesehen. Am Ende lag Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan mit 49,52 Prozent vor Kilicdaroglu mit 44,88 Prozent. Während des Wahlabends und auch in der Nacht wurden sowohl von der CHP als auch von der Grünen Linkspartei YSL der Verdacht der Manipulation geäußert. Doch schon im Vorfeld der Türkei-Wahl zeichnete sich ein düsteres Bild ab.
Kaum Sendezeit für Opposition bei Türkei-Wahl
Bereits der Wahlkampf lief wohl nicht unter fairen Bedingungen ab. Erdogan und sein Verbündeter Devlet Bahceli, der Vorsitzende der ultranationalistischen MHP, konnten sich im Staatsfernsehen TRT praktisch unbegrenzter Sendezeit bedienen. Die Sendezeit bei den Live-Übertragungen zwischen dem 1. April und 3. Mai zeigen deutlich, wie sehr die Staatsmedien Erdogan und seine Bündnispartner bevorzugen:
Recep Tayyip Erdogan
48 Stunden, 45 Minuten, 53 Sekunden
Devlet Bahceli
28 Stunden, 53 Minuten, 54 Sekunden
Mustafa Destici
45 Minuten
Kemal Kilicdaroglu
32 Minuten, 23 Sekunden
Meral Aksener
0
Sinan Ogan
0
85 milyon yurttaşın vergileriyle kamu yayıncılığı yapması gereken TRT Haber’de Cumhurbaşkanı Adaylarına ayrılan süreler her şeyi anlatıyor. TRT Genel Müdür @zahidsobaci bu nazarlık da sana yeter! TRT’ye 41 kere Maşallah 🧿 pic.twitter.com/ygqe5lskWH
Die Zahlen lieferte Ilhan Tasci, Mitglied der Rundfunkaufsicht RTÜK und auch der Oppositionspartei CHP. „85 Millionen Bürgerinnen und Bürger zahlen Steuern an TRT, der ein öffentlicher Sender sein soll. Und die Zeit, die den Präsidentschaftskandidaten zugewiesen wird, sagt alles“, kommentierte Tasci auf Twitter.
Auch der ausländische Wahlkampf lief unter ungleichen Bedingungen ab. Die AKP konnte sich in Deutschland und auch anderen europäischen Städten beim Wahlkampf der Moscheen bedienen. Möglich macht es eine Zusammenarbeit des AKP-Lobbyvereins UID mit den Moscheeverbänden Ditib, IGMG (Milii Görüs), ATIB und Türk Federasyon (Graue Wölfe). Auch hier hat es nach Auskunft der UID zwischen Mitte 2021 und Ende 2022 über 1000 „gemeinsame Veranstaltungen“ gegeben. Mehr als 120 AKP-Abgeordnete und dutzende Bürgermeister der Regierungspartei besuchten europäische Städte und konnten in den Moscheen um die Stimmen der Auslandstürken buhlen. Auch 2023 hielt der AKP-Wahlkampf in EU-Staaten und Deutschland an.
DITIB
670
IGMG (Milli Görüs)
420
Türk Federasyon (Graue Wölfe)
35
ATIB
27
Hoher Wahlrat YSK in Erdogans Hand
Der Hohe Wahlrat YSK (Türkisch: Yüksek Secim Kurulu) wacht über die Abstimmungen in dem Land und kann über die Gültigkeit oder Ungültigkeit der Wahlen bestimmen. Erdogal ließ die komplette Führung der Behörde durch ihm loyale Kader austauschen. An die Spitze des YSK ließ er Ahmet Yener setzen, mit dessen Familie Erdogan eng verbandelt ist.
Eingeschränkte Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei
Wahlkampf in der Türkei: Erdoğan vs. Kılıçdaroğlu - Das Duell um die Präsidentschaft
Im Vorfeld der Türkei-Wahl hatte es immer wieder Angriffe auf das freie Wort gegeben. Zudem ist der größte Teil der Medien in der Türkei entweder staatlich oder gehört Oligarchen aus dem Umfeld des Präsidenten. „Man muss wirklich davon sprechen, dass die Pressefreiheit in weiten Teilen außer Kraft gesetzt ist, dass gerade auch in den Erdbebengebieten der Ausnahmezustand herrscht, dass es eine massive Repression gegen die Opposition gibt. Und das haben die Verhaftungen in den letzten Wochen ja nochmal gezeigt: sehr viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Oppositionelle, Journalisten, die in türkischen Gefängnissen sitzen“, sagte die Linken-Vorsitzende Janine Wissler nach den Wahlen in einer Pressekonferenz.
Türkei-Wahl 2023: Mehr Wahlbeobachter bei Stichwahl
Gerade in den kurdischen Gemeinden waren mehrere Fälle bekannt geworden, in den Stimmen der YSL in den Abstimmungsprotokollen an die rechtsradikale MHP überschrieben wurden. Herausfordere Kilicdaroglur hat deswegen in seiner Rede am Donnerstag (18. Mai) angekündigt, bis zu fünf Wahlbeobachter pro Urne einzusetzen.