VonNail Akkoyunschließen
Die Gegenoffensive der Ukraine kommt noch nicht richtig ins Rollen. Ein möglicher Grund: hohe Erwartungen aus dem Westen. Der Krieg könne aber noch lange andauern.
Kiew – Groß waren die Erwartungen an die ukrainische Gegenoffensive. Kein Wunder, bedenkt man doch die erfolgreichen Vorstöße der ukrainischen Armee im Herbst vergangenen Jahres. Doch die stark befestigte Verteidigungsanlagen der Russen und ausgedehnte Minenfelder erschweren die Operation Kiews. Auch der Druck aus dem Westen gestaltet die Gegenoffensive schwieriger als nötig, glauben mehrere Experten.
Einen „Hollywood“-artigen Durchbruch gegen Russland zu erzielen, sei schlicht „unrealistisch“, sagte die Politologin Jaroslava Barbieri von der Universität Birmingham im Gespräch mit The Independent. Ähnlich beschrieb es auch Wolodymyr Selenskyj im Juni, der Krieg sei „kein Hollywood-Film“. Allgemein müsse sich der Westen darauf einstellen, dass sich der Ukraine-Krieg „viel länger hinziehen wird“, als gehofft, betonte Barbieri.
Hohe Erwartungen im Westen: Ukraine „ist sich des Drucks bewusst“
Die Expertin warnte darüber hinaus, dass westliche Beschwerden über das vermeintlich langsame Tempo der Gegenoffensive ein Grund „der Frustration in der Ukraine“ seien. Sie fügte hinzu: „Kiew ist sich des Drucks in wichtigen westlichen Ländern bewusst und fühlt den Druck, zu zeigen, dass die westliche Militärhilfe etwas bewirkt.“
Gleichzeitig müsse sich der Westen unter Umständen vorwerfen lassen, dass man die Ukraine bislang nicht ausreichend bewaffnet hat, sagte Keir Giles von der britischen Denkfabrik Chatham House gegenüber The Independent. Kiew pocht seit Kriegsbeginn auf alle möglichen Arten von Waffenlieferungen – die Bundesregierung wägt derzeit die Entscheidung über das Entsenden von Taurus-Marschflugkörpern ab.
Gegenoffensive stößt auf Widerstand: Ukraine verlegt Truppen nach Kupjansk
Derweil machten die ukrainischen Truppen nahe dem Fluss Dnipro und der Region Bachmut unter schweren Kämpfen einige geringe Fortschritte. Die russische Armee rückte laut internationalen Militärbeobachtern indes bis auf etwa sieben Kilometer an die Stadt Kupjansk heran. Dort haben die örtlichen Behörden bereits eine Evakuierung von Zivilpersonen angeordnet.
„Stellungen wurden verstärkt, gewisse methodische Empfehlungen gegeben und Reserven verlegt“, sagte der Sprecher der Armeegruppe Ost, Serhij Tscherewatyj, am Dienstag (15. August) im ukrainischen Nachrichtenfernsehen mit Blick auf Truppenverstärkungen bei Kupjansk. Das verhindere weitere Vorstöße des Gegners.
Kupjansk war erst im vergangenen Jahr im Rahmen einer erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive im Gebiet Charkiw von der russischen Besatzung befreit worden. Die Gefechte um die 30.000-Einwohner-Stadt könnten daher eine symbolische Rolle einnehmen. Ähnlich wie im Süden des Landes, wo die „symbolische Rolle Cherson als eine der ersten Städte, die unter russische Besatzung fiel“, eine „stark demoralisierende Wirkung auf die russischen Soldaten“ hatte, sagte Balbieri. (nak/dpa)
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