Erfolge der Offensive bleiben aus: Kriegs-Schmerz in der Ukraine wächst – „Sonst war es sinnlos“
VonLukas Rogalla
schließen
Der Krieg in der Ukraine belastet das Land zunehmend. Trotz kleiner Fortschritte wächst der Frust in der Bevölkerung und den Streitkräften.
Kiew – Zerstörte Städte, Zehntausende Tote, Millionen Vertriebene: Der militärische Konflikt, der im Osten der Ukraine bereits seit 2014 tobt, weitete sich durch Putins Angriff zu einem großen Krieg aus – der das gesamte Land zunehmend belastet. Zwar konnten die Verteidiger die russischen Invasoren aus den Gebieten Kiew, Charkiw und Cherson im ersten Kriegsjahr vertreiben. Doch in der hoffnungsvoll erwarteten Gegenoffensive, die nun seit Wochen an mehreren Fronten läuft, sind die Fortschritte klein. Vor allem russische Minenfelder machen den ukrainischen Panzern und Streitkräften zu schaffen und bremsen sie aus. Die Folge: Kaum Geländegewinne, hohe Verluste.
Nicht nur die Verbündeten, die Waffen und Kampffahrzeuge an die Ukraine liefern, hatten sich schnellere Fortschritte erhofft. Der US-Sender CNN, der sich auf Regierungsbeamte im Westen beruft, spricht von „unrealistischen“ Erwartungen, die dazu beigetragen hätten. Auch innerhalb der Ukraine nimmt der Druck offenbar zu, wie unter anderem die Washington Post berichtet.
Gegenoffensive der Ukraine stockt: Frust bei Soldaten im Kampf gegen Russland wächst
Sowohl bei der Zivilbevölkerung, die seit 18 Monaten fast im ganzen Land durch russische Angriffe gefährdet ist, als auch bei den Streitkräften macht sich Frust breit. „Wir haben all diese Männer, die ohne Gliedmaßen von der Front zurückkommen“, sagte eine Frau der Washington Post. Ihr 52-jähriger Mann sitzt im Rollstuhl, nachdem er auf eine Mine getreten war.
„Ich möchte, dass der Preis, den sie bezahlt haben, angemessen ist. Sonst war es einfach sinnlos, was sie durchgemacht haben.“ Der Mann selbst hatte zum Dienst im Ukraine-Krieg Folgendes zu sagen: „Sie nehmen jeden mit und schicken ihn ohne angemessene Vorbereitung an die Front. Ich möchte nicht in der Gesellschaft unmotivierter Leute sein.“
Offensive im Ukraine-Krieg: Enttäuschung statt Einigkeit und Solidarität
Eine Frau aus der zentralukrainischen Stadt Smila sagte der US-Zeitung, dass ein Gefühl der kollektiven „Enttäuschung“ umgehe, wo zuvor auch in den schwierigsten Zeiten Einigkeit und Solidarität geherrscht hätten. Sie habe Angst, dass ihr Mann und ihre erwachsenen Kinder für den Dienst in den Ukraine-Krieg eingezogen werden. Kiew schweigt zur Zahl der gefallenen ukrainischen Soldaten. Die Frau sagte der Washington Post, man erzähle sich auf der Straße, dass Soldaten es kurz nach Entsendung an die Front nur wenige Tage aushalten würden.
Trotz aller Kritik an der Ukraine von der eigenen Bevölkerung, gilt jeglicher Zorn Russland, dessen Truppen gezielt die Infrastruktur des Landes angreifen und auch vor tödlichen Attacken auf Zivilisten nicht zurückschrecken. Wie am Dienstag (8. August) in Pokrowsk in der Oblast Donezk. Bei einem russischen Raketenangriff wurden mehrere Leute in ihrer Wohnung getötet. Eine zweite Rakete folgte, als längst Rettungsdienste vor Ort waren.
Selenskyj: Gegenoffensive der Ukraine „langsamer, als manche es sich wünschen“
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte kürzlich eingeräumt, dass der Druck auf die Ukraine wächst. „Die Gegenoffensive ist komplex. Sie entwickelt sich vielleicht langsamer, als manche es sich wünschen“, sagte er südamerikanischen Medien am Dienstag in Bezug auf die aktuelle Lage im Ukraine-Krieg. Dennoch gehe es insgesamt voran: „Dies ist ein wichtiger, positiver Aspekt. Die Initiative liegt in den Händen der Ukraine.“ Vor allem an der Front bei Bachmut sei dies der Fall. Auch Selenskyjs Berater Michailo Podoljak hatte Kritiker zu Geduld aufgerufen.
Die Einheit eines Soldaten, der mit Verletzungen nach Kiew zurückgekehrt ist, habe in der Oblast Saporischschja an einem Tag innerhalb von sieben Stunden 400 Meter zurückgelegt – „und das war ziemlich schnell“, sagte er der Washington Post. Eine gewaltige Geduldsprobe für die Ukraine. (lrg)