In seinem Element: Der Marder-Schützenpanzer transportiert Grenadiere ins Gefecht und leistet Kampfpanzern damit Unterstützung. Mit dem Fahrzeug aus dem Zweiten Weltkrieg hat das Fahrzeug außer dem Namen kein Ähnlichkeit (Archivfoto).
Die Ukraine steht auf russischem Territorium; mitsamt deutscher und wohl auch Nato-Waffen. Möglicherweise eine Steilvorlage für Putins Propagandisten.
Kursk – „Der deutsche Sieg bei Kursk sollte, laut Hitler, wie ein Fanal auf die Verbündeten und die Gegner wirken“, sagt Roman Töppel; „mit anderen Worten: Er sollte den Verbünden und den Gegnern beweisen, dass die Deutschen an der Ostfront militärisch nicht besiegt werden konnten“, ergänzt der Historiker und Autor des Standardwerks „Kursk 1943: Die größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs“ – begonnen hatten die Gefechte am 5. Juli 1943. Jetzt stehen offenbar wieder deutsche Panzer in der Region, gesteuert von Besatzungen der Ukraine. Möglicherweise Öl aufs Feuer von Wladimir Putins Hetze gegen den Nazismus, von dem er Russland bedroht sieht.
Putins historische Steilvorlage: Panzerschlacht bei Kursk als Grundlage für Faschismus-Vorwurf
Mit den Namen und der Herkunft der Panzer aus Deutschland endeten somit schon die historischen Parallelen, sagt Töppel gegenüber den vdi-Nachrichten, dem Organ des Vereins deutscher Ingenieure. „Die nationalsozialistischen Machthaber wollten 1943 mit einem Sieg bei Kursk den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion weiterführen. Die demokratische Ukraine dagegen wehrt sich mit ihrer aktuellen Gegenoffensive dagegen, selbst der russischen Aggression zum Opfer zu fallen“, ergänzt Töppel. Zudem räumt er einen zweiten Unterschied ein: Während Russland den lange vorbereiteten Angriff der Deutschen erwartet hatte, traf die ukrainische Attacke das riesige Reich wie der Blitz aus heiterem Himmel.
„Der Westen führt nicht direkt einen Krieg gegen Russland, aber indirekt. Und damit geht es im Kampf der demokratischen Systeme gegen eine Autokratie, gegen eine Diktatur, gegen Russland.“
Der Begriff „Faschismus“ diene dabei als Blaupause verschiedener Assoziationen, die eng verknüpft sind mit dem Kern der postsowjetischen Identität Russlands, wie Gaufman ausführt. Bis weit nach dem Ende des Kalten Krieges habe sich Russland als „Großmacht“ und als „Befreier Europas“ identifiziert – ein Selbstbild, das mit dem Untergang der Sowjetunion kollidiert; inklusive des Seitenwechsels ehemaliger sowjetischer Satellitenstaaten zur Gegenseite, die repräsentiert wird durch Europäische Union und vor allem durch die Nato. Für Ideologen und Propagandisten eine ideale Angriffsfläche.
Russlands Trauma des Verlustes: Nützlich für das Framing des Krieges gegen die Ukraine
Vor allem, weil jetzt Nato-Fahrzeuge wieder im russischen Reich stehen – wenn auch in einem verschwindend kleinen Randbereich in einer zu vernachlässigenden Größenordnung; was aber vor allem historisch aufgeladen ist. So legte beispielsweise Sönke Neitzel wiederholt dar, dass die Schlacht am Kursker Bogen vor allem von Russland zu einem Fanal verklärt werden könnte und worden sei. Das Deutsche Reich wäre mit rund 3.000 Panzern und Panzerhaubitzen angetreten, Russland mit rund 5.000. Aufgrund der horrenden russischen Verluste sei am Ende kein wirklicher Sieger auszumachen gewesen.
Der Militärhistoriker der Universität Potsdam hat wiederholt angemerkt, dass Kursk die Moral der deutschen Soldaten vernichtet hätte – vom einfachen Soldaten bis zum Offizier habe sich nach der Schlacht niemand ausmalen können, wie ein an Ressourcen so mächtiger Gegner hätte jemals zu bezwingen sein würde. Daneben gedenkt Russland weiterhin der während des Krieges verübten Verbrechen an der russischen Zivilbevölkerung. „In der sowjetischen Dramatik und Dämonologie des Krieges sind die Täter, die Gräueltaten an der sowjetischen Zivilbevölkerung begangen haben, die Verkörperung des absolut Bösen. Dieser Aspekt des russischen Kriegsgedenkens hat sich als besonders nützlich für das Framing des Krieges gegen die Ukraine erwiesen“, schreibt Gaufman.
Gegenoffensive mit Marder-Panzern: Meldungen über zerstörte Leopard bisher Spekulation
Letztendlich spricht auch die russische Nachrichtenagentur Tass von drei „Marder“-Panzern auf russischem Gebiet und zitiert dafür sogar einen Bericht der deutschen Bild-Zeitung. Newsweek stützt sich in seiner Berichterstattung ebenfalls auf die Bild und spricht vom Einsatz von Wisent-Panzern, „die den in Deutschland hergestellten Leopard-1-Panzern nachempfunden sind“; das ist insofern irreführend, als der „Wisent“ ein Pionierfahrzeug ist und lediglich das Chassis beziehungsweise die Wanne mit den Leopard-Kampfpanzern teilt. Dass in Kursk auch Leopard-1-Kampfpanzer der Ukraine zerstört worden sein sollen, wird zwar behauptet, aber nirgends bestätigt.
„Gemeinsam sind wir der Überzeugung, dass die Ukraine das völkerrechtlich verbriefte recht hat, sich gegen diese Angriffe zu wehren. Dazu kann sie auch die dafür gelieferten Waffen in Übereinstimmungen mit ihren internationalen rechtlichen Verpflichtungen einsetzen; auch die von uns gelieferten“, hatte Deutschlands Regierungssprecher Steffen Hebestreit Ende Mai gesagt. Laut Aussagen von Völkerrechtlern reiche das Recht zur Verteidigung durchaus über territoriale Grenzen hinweg; und auch der Ursprung der eingesetzten Waffen spiele höchstwahrscheinlich keine Rolle.
Völkerrechtlich absurd: Rückzugsgebiet im eigenen Land für Putins Invasionstruppen
Ein „Rückzugsgebiet im eigenen Land“ dürfe Russland für sich keinesfalls reklamieren, meint Matthias Herdegen gegenüber dem Rechtsmagazin Legal Tribune Online: „Es wäre geradezu absurd, wenn sich ein Aggressorstaat darauf verlassen könnte, ungefährdet aus einer sicheren Zone jenseits der Grenze heraus Angriffe führen zu können und sich immer auf ein sicheres Rückzugsgebiet im eigenen Land stützen zu können. Das widerspräche jeder Logik der Selbstverteidigung“, so der Völkerrechtsprofessor der Universität Bonn. Auch ein Schützenpanzer Marder könne keine juristische Angriffsfläche bieten – davon war die Bundesregierung jedenfalls Anfang des Ukraine-Krieges überzeugt.
Kriegspartei würde Deutschland, „wenn wir – natürlich nur hypothetisch – aktiv in das Kriegsgeschehen eingreifen würden, also zum Beispiel uniformierte deutsche Soldaten an der Seite ukrainischer Soldaten kämpfen würden“, sagt Marco Buschmann. Deutschlands Position zum Völkerrecht sah der Bundesjustizminister bereits im Mai 2022 als gesichert an, wie er auf seinem Ministeriums-Portal veröffentlichte: „Wenn wir die Ukraine aber etwa durch Waffenlieferungen dabei unterstützen, sich selbst zu verteidigen, weil sie zu Unrecht attackiert worden ist, werden wir nicht zur Kriegspartei.“
Soldiers of Ukraine's 95th detached airborne assault brigade attacking Russian positions with the German supplied Marder infantry fighting vehicle in the village of Mala Loknya, Kursk region 🇷🇺: pic.twitter.com/TFqAPIMr4B
— KT "Special CIA Operation" (@KremlinTrolls) August 21, 2024
Sollte der Bundesjustizminister allerdings irren, würde durch den Einfall der Ukraine in Russland neben Deutschland auch längst ein Teil der Nato zur Kriegspartei geworden sein – insofern der Beistandspakt nach Artikel 5 des Nato-Vertrages längst hätte gegriffen haben müssen. Wie der US-Sender Sky News erfahren haben will, hätten ukrainische Truppen für ihre Offensive in Kursk britische Panzer vom Typ Challenger 2 eingesetzt. Allerdings leitet Sky das daraus ab, dass in den Kämpfen um Kursk die 82. Luftangriffsbrigade der Ukraine beteiligt gewesen sein soll – und die setze die britischen Challenger seit dem vergangenen Jahr vorrangig ein.
Ukraine offensiv mit Nato-Waffen: Russland bleibt Deutschlands indirekter Kriegsgegner
Weder Großbritannien noch die Ukraine haben den Einsatz der Panzer in Kursk bestätigt. Ohne Beweis bleibt auch die Meldung der russischen Nachrichtenagentur Tass, im Raum Kursk hätte die dort eingesetzte 810. Marinebrigade Russlands mindestens eines oder sogar mehrere kanadische Panzerfahrzeuge vom Typ Roshel Senator erbeutet. Andere Quellen sprechen von zusätzlich erbeuteten US-Panzerfahrzeugen vom Typ Cougar und HMMWV (High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle oder Humvee beziehungsweise Hummer).
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Darüberhinaus wollen die Russen in der Region Kursk eine Sabotage-Einheit der Ukraine aufgerieben haben; die Nachrichtenagentur Reuters bezieht sich dabei auf eine Meldung der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti: „Laut Ria hätten russische Truppen ein Sturmgewehr vom Typ Automatic Carbine 5 schwedischer Produktion sowie ein Sturmgewehr vom Typ M4 Carbine amerikanischer Produktion und ein Maschinengewehr vom Typ M2 Browning beschlagnahmt“, schreibt Reuters.