Terror gegen Zivilisten

20 Stunden ohne Strom: Putin verschuldet den „härtesten Winter“ im Ukraine-Krieg

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Herzerwärmend: Die menschliche Nähe zwischen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj führt zu massiven Stromlieferungen aus der EU in die Ukraine. Die dortige Zivilbevölkerung erwartet den härtesten Winter seit drei Jahren.
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Eine Gegenwart in Kälte und Dunkelheit mit der Hoffnung auf Ökostrom ohne Ende: Die Ukraine kämpft um die Aufrechterhaltung ihrer Energieversorgung.

Kiew – „Ich verurteile auf das Schärfste Russlands anhaltenden Krieg gegen die Ukraine und seine Bemühungen, das ukrainische Volk in Dunkelheit zu stürzen“ – Ende August hatte die U.S.-Botschaft in der Ukraine eine Erklärung von U.S.-Präsident Joe Biden zum russischen Luftangriff auf das ukrainische Energienetz veröffentlicht und damit Wladimir Putin gewarnt, den Terror gegen Zivilisten aufrechtzuerhalten. Gefruchtet hat das wohl wenig. „Dieser Winter wird der härteste der letzten drei Jahre sein“, befürchtet Oleksiy Brecht.

Brecht leitet den staatlich geführten Übertragungsnetzbetreiber Ukrenergo und hat gegenüber dem ukrainischen Medienunternehmen Suspilny geäußert, er müsse sich ernste Gedanken darüber machen, wie er über die Kälteperiode hinweg die Versorgung der Ukraine mit Energie sicherstellen könne. Ukrenergo betreibt die überregionalen Stromnetze des Landes, insbesondere das Hochspannungsfreileitungsnetz und hat durch den Terror Russlands gegen die kritische Infrastruktur erhebliche Kapazitäten eingebüßt.

Putins Terror gegen Zivilisten: Ukraine drohen bis zu 20 Stunden täglich ohne Strom

„Er erinnerte daran, dass die Ukraine durch den russischen Beschuss im Frühjahr neun Gigawatt an Erzeugungskapazität verloren habe, was dem Stromverbrauch der Niederlande im Sommer beziehungsweise dem Stromverbrauch der Ukraine in der Nacht im Sommer entspreche“, schreibt Suspilny-Autorin Daria Kinsha. „Die Vereinigten Staaten liefern der Ukraine außerdem verstärkt Energieausrüstung, um ihre Systeme zu reparieren und die Widerstandsfähigkeit des ukrainischen Energienetzes zu stärken“, hatte der scheidende Präsident Biden im August veröffentlichen lassen. Die Lage ist dennoch ernster denn je.

„Entgegen den Erwartungen der Öffentlichkeit ist es fast unmöglich, solche Anlagen zu schützen. Ein mittelgroßes Wärmekraftwerk vor Raketenangriffen zu schützen, würde Milliarden kosten und einen Sarkophag erfordern, der stärker ist als der von Tschernobyl – und selbst dann könnte er wiederholten Angriffen nicht standhalten.“

Anonymer Engerieanlagen-Manager in der Kiew Post

Das war im Sommer schon absehbar, wie der Kiew Independent im Juni berichtet hatte. Laut den aktuellen Aussagen Brechts scheint kaum ein Silberstreif am Horizont ersichtlich zu sein. Demzufolge könnten die Ukrainer bis zu 20 Stunden täglich mit Stromausfällen konfrontiert werden, wie gegenüber dem Blatt auch Dmytro Sakharuk geäußert hat. Sakharuk ist der Geschäftsführer von DTEK, dem größten privaten Energieunternehmen der Ukraine – sekundiert hat seiner düsteren Prognose Serhiy Kovalenko. Der Geschäftsführer der DTEK-Tocher Yasno hatte ebenfalls öffentlich gemacht, die Russen hätten so viel Infrastruktur eliminiert, dass der Ukraine aktuell ein Drittel ihres Stromes fehle.

Den Ukrainern blieben in der dunklen Jahreszeit insofern vermutlich lediglich sechs bis sieben Stunden Strom. „Kovalenko riet unter anderem dazu, auf verschiedene Batterien, Generatoren, Solarmodule und Wechselrichter umzusteigen“, schrieb der Kiew Independent. „Moskau hofft, dass der Zusammenbruch des Energiesektors Millionen Menschen zur Auswanderung zwingen wird“, warnte Wolodymyr Omeltschenko bereits im Mai gegenüber der britischen BBC.

Selenskyj: Russland plane, ukrainische Atomkraftwerke anzugreifen und vom Strom zu trennen

Die Russen hätten demnach die größeren Infrastrukturen unter Feuer genommen, weil sie sich davon ebenfalls versprochen hätten, ukrainische Kapazitäten zu deren Reparaturen zu binden, sagte der Analyst des ukrainischen Thinktank Rasumkow-Zentrum. In diesem Zusammenhang hatte im August hatte die Nachrichtenagentur Reuters eine Erklärung ukrainischer Regierungsvertreter weitergegeben, wonach das Land aufgrund des Verlustes etwa der Hälfte seiner Stromerzeugungskapazität seinen Strombedarf inzwischen zum größten Teil durch Strom aus drei ukrainischen Atomkraftwerken decken müsse.

Allerdings rücken damit die ukrainischen Atomanlagen ebenfalls ins Visier der russischen Aggression. Die Ukraine sei eines der am stärksten von Atomenergie abhängigen Länder der Welt. Mehr als 50 Prozent der Stromproduktion entfallen auf Kernenergie, erläutert das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung. Derzeit sind in der Ukraine vier Kernkraftwerke in Betrieb: Chmelnyzkyj, Riwne, Saporischschja, Südukraine. Ende September hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Welt gewarnt, Russland plane, ukrainische Atomkraftwerke anzugreifen und vom Stromnetz zu trennen, wie der U.S.-amerikanische Sender CNN berichtet hatte.

Offensive gegen den Westen: USA haben 90 Prozent ihrer Versprechen nicht eingehalten

Für die Kiew Post Anlass genug für einen Frontalangriff auf den Westen: „Der größte Unterstützer der Ukraine, die USA, hat 90 Prozent seiner Versprechen, die er für dieses Jahr halten wollte, nicht eingehalten, während Russlands Verbündete – nämlich der Iran und Nordkorea – ihre Versprechen eingehalten und ihre Waffenlieferungen an Moskau erhöht haben“, schreibt Sergii Kostezh.

Dem Autoren der Kiew Post zufolge wurden im ersten Winter nach der Invasion 2022 insgesamt rund 300 Energieanlagen durch Russland neutralisiert und damit die normale Kapazität von insgesamt fast 60 Gigawatt Strom deutlich reduziert; allein durch den Verlust des Atomkraftwerks Saporischja soll die Ukraine eine Kapazität von sechs Gigawatt eingebüßt haben. „Ein Jahr nach Kriegsbeginn im Februar 2022 waren 76 Prozent der thermischen Kraftwerke zerstört, mittlerweile sind es 95 Prozent“, sagt Iryna Doronina. Und auch alle großen Wasserkraftwerke sind ausgefallen“, ergänzt die Gastprofessorin der Technischen Universität München in einer im Oktober veröffentlichten Studie darüber, wie die Ukraine ihr Energiesystem wieder aufbauen könne.

Münchner Forscher sicher: Ukraine hat das Potenzial zur Avantgarde der Energiewende

Das international besetzte Forscherteam geht davon aus, das Potenzial für erneuerbare Energien in der Ukraine sei deutlich größer als die im Krieg zerstörte Stromerzeugungskapazität – allein aufgrund der Topografie des Landes, den Distanzen zwischen Siedlungen und Stromnetzen oder gesetzlichen Vorgaben erklären die Münchner das in ihrer Fachsprache „technische Potenzial“ für „enorm“.

„Die Forscher schätzen, dass das Potenzial für Windenergie rund 180 Gigawatt beträgt, während es für Solarenergie rund 39 Gigawatt beträgt. Eine Gesamtkapazität von 219 Gigawatt würde die Erzeugungskapazität von 59 Gigawatt, über die die Ukraine zu Beginn des Krieges verfügte, bei weitem übertreffen“, schreibt TUM-Sprecher Florian Egli. In allen regionalen Stromnetzen übersteige das Potenzial für erneuerbare Energien die während des Krieges zerstörte Stromerzeugungskapazität demnach bei weitem.

Die Krise als Chance – der Krieg als Wegbereiter der Energiewende? Dieser Gedanke wird die ukrainische Zivilbevölkerung in diesem Winter kaum wärmen. Offenbar will die Europäische Union Defizite ausgleichen – dementsprechend hatte sich deren Kommissionspräsidentin geäußert: „Die EU wird in der kommenden Heizperiode in der Lage sein, 25 Prozent des Gesamtbedarfs der Ukraine zu decken“, sagte Ursula von der Leyen Mitte September während einer Konferenz zur Energiesicherheit der Ukraine.

Energiekrise vermeidbar: Milder Winter mit bis zu fünf Grad Frost würde der Ukraine in die Karten spielen

Nach ihrer Meinung bestünde Handlungsbedarf in drei Richtungen: Reparatur, Verbindung und Stabilisierung. Allerdings könne die Ukraine darauf wohl nur schwerlich warten – der Ukrenergo-Chef setzt auf die Dezentralisation von Generatoren, wie sie schon an vielen sozialen Einrichtungen wie Kindergärten oder Krankenhäusern bestünden. Laut Oleksiy Brecht könnte die Gesamtkapazität aus lokaler Erzeugung und Importen 13 bis 15 Gigawatt betragen, was in einem optimistischen Szenario ausreichen könnte, um Stromausfälle zu vermeiden, wie der Kiew Independent ihn zitiert. Ein milder Winter mit lediglich bis zu fünf Grad Frost würde der Ukraine ebenso in die Karten spielen.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Allerdings hat Sergii Kostezh parallel provokant gefragt: „Haben die USA der Ukraine in diesem Jahr wirklich nur 10 Prozent der versprochenen Waffen geliefert?“ Der Autor der Kiew Post geht davon aus, dass mit mehr Waffen und einer stärkeren Luftabwehr die gravierende Strom-Krise von vornherein hätte abgewendet werden können – wobei ihm, wie er zitiert, der anonyme Manager eines Wärmekraftwerks vehement widerspricht.

„Entgegen den Erwartungen der Öffentlichkeit ist es fast unmöglich, solche Anlagen zu schützen. Ein mittelgroßes Wärmekraftwerk vor Raketenangriffen zu schützen, würde Milliarden kosten und einen Sarkophag erfordern, der stärker ist als der von Tschernobyl – und selbst dann könnte er wiederholten Angriffen nicht standhalten.“

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