„Lassen Sie die 300 Verwundeten zurück“: Berichte über chaotischen Rückzug aus Awdijiwka erschüttern
Russland feiert mit der Einnahme der Stadt Awdijiwka einen großen Propagandaerfolg. Der ukrainische Rückzug lief wohl ungeordnet und tragisch.
Awdijiwka – Das seit Jahren geschundene Awdijiwka bescherte Wladimir Putins Armee eine nicht unerhebliche Erfolgsmeldung im Ukraine-Krieg. Russland eroberte die ukrainische Kleinstadt bei Donezk nach heftigen Kämpfen, die dem Ort den Ruf als einen der „Fleischwölfe“ der Kämpfe eingebracht haben – wenn auch zu einem hohen und blutigen Preis. Für die ukrainischen Streitkräfte bedeutet der Ausgang der Schlacht ein Fiasko. Offenbar blieben zahlreiche verwundete Soldaten beim hastigen Rückzug zurück.
Awdijiwka-Rückzug der Ukraine: Verletzte Soldaten blieben offenbar zurück
Laut CNN musste die ukrainische Armee am Samstag (17. Februar), während ihr Präsident Wolodymyr Selenskyj bei der Münchner Sicherheitskonferenz weilte, zügig und ohne Rücksicht auf Verluste aus Awdijiwka abrücken. Einem Soldaten sei wortwörtlich befohlen worden: „Lassen Sie die 300 Verwundeten zurück und verbrennen Sie alles.“
Wenige Stunden, nachdem Russlands Flagge über der umkämpften Stadt gehisst worden war, machte das Gerücht die Runde, verletzte ukrainischen Soldaten seien unmittelbar nach Ankunft der Besatzungsarmee getötet worden. Getroffen habe es vor allem Mitglieder der 110. Separaten Mechanisierten Brigade, die eine Position namens „Zenit“ verteidigt hatten und aus den Ruinen wohl nicht mehr zu entkommen vermochten. Sie hatten angeblich rund anderthalb Tage vergeblich auf Rettung gehofft.
Awdijiwka fällt an Russland: Kritische Stimmen nach chaotischem Ukraine-Rückzug
In der Ukraine mehren sich nach dem offenbar wenig geordneten Rückzug samt der mutmaßlich herben Verluste kritische Stimmen. Ein überlebender Soldat erklärte der Welt in einem Video-Interview: „Der Rückzug hätte viel früher kommen müssen und als er dann endlich kam, war nichts vorbereitet. Keine gepanzerten Evakuierungsfahrzeuge, kein konkreter Plan. Viele Einheiten waren auf sich allein gestellt.“
Von den geschätzt 1.500 ukrainischen Soldaten, bestätigte auch diese Quelle, hätten mutmaßlich hunderte Personen nicht fliehen können. Auch der hier genannte Soldat berichtete, das Bataillonshauptquartier habe befohlen, Verwundete zurückzulassen und alle Hinterlassenschaften zu verbrennen.
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Ukraine-Soldaten entsetzt: „Straße nach Awdijiwka voller ukrainischer Leichen“
Auch diejenigen Soldaten, denen die Flucht letztendlich glückte, hätten mit größten Widrigkeiten zu kämpfen gehabt, hieß es bei CNN. Ein Überlebender skizzierte seinen Weg aus der Stadt wie folgt: „Draußen gab es keine Sicht. Es ging nur ums Überleben. Ein Kilometer über das Feld. Ein Haufen blinder Kätzchen, gesteuert von einer Drohne. Feindliche Artillerie. Die Straße nach Awdijiwka ist voller ukrainischer Leichen.“
Auch dieser Mann erklärte, im Laufe seiner Flucht sei ihm von der ukrainischen Militärführung mitgeteilt worden, dass sechs ihm bekannte Verwundete nicht evakuiert werden würden. „Ihre Verzweiflung, ihr Untergang. Es wird immer bei uns bleiben. Die Mutigsten sind diejenigen, die sterben“, sagte er.
Emotionale Videoanrufe kurz vor Russlands Einmarsch in Awdijiwka
CNN berichtete ferner von emotionalen Szenen und Aufnahmen, die Soldaten zeigen sollen, die kurz vor dem Eintreffen der Russen ihre Familien per Videoanruf kontaktiert hatten. Die Schwester eines Mannes, der seit zwei Jahren für die Ukraine in der Region kämpfte, fragte ihren Bruder in einer Sequenz, die CNN vorliegen soll, ob niemand komme, um ihn abzuholen. Dieser habe geantwortet: „Alle gingen, alle zogen sich zurück. Sie sagten uns, dass ein Auto uns abholen würde. Ich habe zwei gebrochene Beine und Splitter im Rücken. Ich kann nichts tun.“ Weiteren Kameraden gehe es ähnlich.
Mittlerweile scheinen viele der nicht evakuierten Ukrainer getötet worden zu sein. Das legt zumindest ein vor wenigen Tagen veröffentlichtes Video eines russischen Militärbloggers nahe: Es zeigt mehrere Leichen in Awdijiwka. Angehörige oder frühere Kameraden der ukrainischen Soldaten hätten hierin mehrere Vermisste eindeutig an Merkmalen wie Tätowierungen erkennen können. Die 110. Brigade, berichtete CNN, wolle die Vorfälle und Aufnahmen nun prüfen.
Awdijiwka im Ukraine-Krieg fast komplett zerstört
Awdijiwka wurde bereits im Jahr 2014, als der Krieg im Donbass begann, Frontstadt und avancierte ab dem 24. Februar 2022, als Russland den Überfall auf sein Nachbarland startete, erneut zur Zielscheibe der Putin-Armee. Mittlerweile gilt die Stadt als nahezu komplett zerstört, im Oktober 2023 sollen gerade einmal noch rund 1.000 von ursprünglich 32.500 Einwohnerin in dem Ort gelebt haben.
Die nun erfolgte Einnahme der Stadt durch die Russen, die laut ukrainischen Angaben ihrerseits rund 50.000 Soldaten bei den Kämpfen um Awdijiwka verloren haben sollen, gilt als der größte Militärsieg Putins seit der Eroberung der Stadt Bachmut im vergangenen Jahr. Derweil hat sich auf der Münchener Sicherheitskonferenz erneut gezeigt, dass die Ukraine mehr und schnellere Hilfen von ihren westlichen Verbündeten benötigt.(chnnn)