Luftkampf wie im Ersten Weltkrieg: Ukraine schießt Drohnen mit dem Gewehr ab
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Die Ukraine greift auf archaische Methoden zurück: die Luftschlacht gegen Drohnen mit Propellermaschine und Gewehr. Sie braucht Erfolg für wenig Geld.
Odessa – „Aus den Wolken heraus Hunnen, Kugeln, Flügel, überall; ich dachte ,Gott, steh mir bei‘. Meine Maschine geriet ins Trudeln – ich blickte nach hinten: Der Pilot war über dem Steuerknüppel zusammengebrochen. Ich war in der Luft gefangen; mit einem toten Piloten“ – den anonymen Bordschützen aus dem Ersten Weltkrieg lässt Autor Stephen Saunders erzählen in einer ZDF-Doku über Flugzeuge im Ersten Weltkrieg – dem Schmelztiegel zwischen neuen Waffen und traditioneller Kriegstaktik, wie Saunders berichtet. Im Ukraine-Krieg haben die Verteidiger gegen Russlands Aggression offenbar zu einfachen Lösungen zurückgefunden: zum Abschuss von Drohnen aus Propellerflugzeugen heraus – vermutlich sogar mit Handfeuerwaffen. Darüber berichtet jetzt das US-Nachrichtenmagazin Forbes.
Kämpfe über Odessa: Die Ukraine weiß sich im Drohnengefecht zu helfen
Im Dezember 1903 soll Orville und Wilbur Wright der erste Motorflug gelungen sein; mehr als ein Jahrzehnt später waren Flugzeuge elementarer Bestandteil des Ersten Weltkriegs. Heute wäre ein Gefecht ohne Unterstützung aus der Luft zum Scheitern verurteilt, und die klapprigen Propellermaschinen sind längst von autonom fliegenden Drohnen ersetzt worden; allerdings macht die Low-Tech von gestern Wladimir Putins High Tech von heute noch immer schwer zu schaffen.
Über Odessa soll die Besatzung eines Jak-52-Propellerflugzeugs mittels Gewehrschüssen eine russische Aufklärungsdrohne vom Himmel geholt haben, wie ein Video auf X (vormals Twitter) zu belegen scheint. Die Aufnahmen zeigen das Flugzeug, sie lassen Schüsse hören, und abschließend ist zu sehen, wie eine Drohne an ihrem Fallschirm zu Boden segelt. Laut Angaben von Forbes ist das Kunststück mit zwei verschiedenen Drohnen gelungen: mit einer Orlan-Aufklärungsdrohne sowie einer Zala-Lancet-Drohne.
Over Odesa, Ukraine uses an old Yak-52 to shoot down two Russian reconnaissance UAV, a zala, and an Orlan.
The soon to be retired A-10 could be useful against Shahed-136 if Jake Sullivan stops dithering pic.twitter.com/Ra3xx078aG
Wissenschaftler beobachten inzwischen verstärkt das Nebeneinander von moderner und bereits überkommen geglaubter Kriegstechnik. Ulrike Franke schreibt über den Ukraine-Krieg im Focus von „Erster Weltkrieg mit Technologie“ – die Politikwissenschaftlerin vom European Council for Foreign Relations beschreibt damit die, in ihren Worten, „Gleichzeitigkeit“ von beispielsweise Panzern mit üppigem Stahlmantel sowie aus Schützengräben stürmenden Soldaten mit „Cyberangriffen, und Drohnen, die sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag im Himmel kreisen“. Und sie beobachtet, dass beide Seiten jeweils von der anderen Seite lernen – etwa, dass, wie sie schreibt, die Ukraine beispielsweise behördliche Daten in Cloudlösungen speichere und Russland eben infanteristische Offensiven von schwer zu vernichtenden Panzern anführen lasse. Jetzt scheint die Ukraine auch erfolgreich ausprobiert zu haben, Erfolge mit knappem Budget zu erzielen.
„Zum einen müssen wir selbst Kleinstdrohnen als Mengenverbrauchsgut begreifen. Ausgehend von den hohen Verlustzahlen von Drohnen im Ukrainekrieg, müssen diese Kleinstdrohnen günstig und schnell verfügbar sein. Dieser Einkauf ähnelt dabei mehr dem von Munition als der Beschaffung neuer Waffensysteme.“
Not macht erfinderisch: Kiew muss im Ukraine-Krieg Geld sparen
Der Frontalangriff auf die Technik von morgen mit den Mitteln von gestern ist möglicherweise schlichtweg aus der Not geboren. Gleich zu Beginn des Konflikts wurde schnell klar, dass die Drohnentechnik in ein ökonomisches Wettrüsten ausufern würde: Drohnen sind bis heute relativ günstig, weshalb sie in Schwärmen auftreten. Die Luftabwehr dagegen bleibt immens teuer. Die „Gepard“ erwiesen sich in der Ukraine beim Abschuss der „Shahed-136“-Drohnen als wirkungsvoller als die dem deutschen Flugabwehrkanonenpanzer ähnlichen sowjetischen Flugabwehrgeschütze und -systeme.
Der „Gepard“ gilt zudem gegenüber teuren Flugkörpern wie den Patriot-Raketen als kostengünstiger: Fast geht das Geschoss als Schnäppchen durch; aber auch nur im Vergleich: 560 Euro berechnet Munitions-Hersteller Rheinmetall der Ukraine pro Schuss für den „Gepard“. Im Vergleich: Der deutsche Kampfpanzer „Leopard“ jagt mit jeder Granate 9000 Euro durch den Schornstein. Allerdings: Der „Gepard“ verballert aus seinen zwei Maschinenkanonen rund 620.000 Euro. Pro Minute. Die ukrainischen Verteidiger scheinen jetzt Geld sparen zu wollen oder zu müssen – koste es, was es wolle.
Ukraine-Krieg wirft die Frage auf, wie der Krieg der Drohen weitergeht
Die Jakowlew Jak-52 soll das Schulungsflugzeug eines Fliegerclubs sein, wie der ukrainische Nachrichtendienst Unian berichtet; sie stammt aus Sowjetzeiten und wurde in den 1970er-Jahren gebaut. Dadurch wird dieses Ereignis um so spannender, wie das Magazin Defense Express schreibt, denn dieses Sportflugzeug war weder für den Einbau von Waffen vorgesehen, noch für die Aufrüstung mittels Zieloptiken; insofern fragt Defense Express, ob diese Jak doch noch mit Maschinengewehren nachgerüstet wurde, oder ein zweites Besatzungsmitglied mittels Handfeuerwaffen auf die Drohne losgegangen war. Darüberhinaus stellt Defense Express anhand dieses Ereignisses die Frage nach der Zukunft des Drohnenkrieges.
„Für das Deutsche Heer ergeben sich aus dem Einsatz von Drohnen zwei Handlungsfelder. Zum einen müssen wir selbst Kleinstdrohnen als Mengenverbrauchsgut begreifen. Ausgehend von den hohen Verlustzahlen von Drohnen im Ukrainekrieg, müssen diese Kleinstdrohnen günstig und schnell verfügbar sein. Dieser Einkauf ähnelt dabei mehr dem von Munition als der Beschaffung neuer Waffensysteme“, schreibt Generalleutnant Andreas Marlow für den Deutschen BundeswehrVerband. Der Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres sieht die Drohne deshalb offenbar als künftiges Hauptkampfmittel und regt die entsprechende Ausbildung der Kräfte an.
Kampf der Propeller-Maschinen: Solch eine russische Orlan-10-Drohne hat die Ukraine offenbar aus einem Schulflugzeug heraus mittels einer Handfeuerwaffe vom Himmel geholt – vermutlich aus Kostengründen.
Technik von gestern: Ex-US-Offizier hält die Debatte um Patriots für überholt
Allerdings gehen andere Militärs schon etliche Schritte weiter. Wo sich der Defense Express noch beschäftigt mit verschiedenen Propellerflugzeugen, die zur Drohnenjagd geeignet wären, stellt das Magazin gleichzeitig die Frage der Sinnhaftigkeit des Kampfes zwischen Mensch und Maschine. Glasklar argumentiert da Paul Maxwell in einem aktuellen Aufsatz für das Army Cyber Institute an der United States Military Academy (West Point), dessen stellvertretender Direktor er ist: Maxwell plädiert für Investionen in Drohnen, die Drohnen jagen – die Debatte um Patriots hält er demzufolge für überholt.
Unmanned Aerial Vehicles (Drohnen) hätten das moderne Schlachtfeld und den Luftraum darüber verändert – in allen ihren verschiedenen Größen: Die Luftverteidigung habe sich zu langsam entwickelt, um diese neue Bedrohung zu bekämpfen, und wo sie mitgewachsen sei, erweise sie sich dennoch als unzureichend. „Es ist an der Zeit, dass Luft-Luft-Kampfdrohnen entwickelt und eingesetzt werden. Damit das US-Militär vorbereitet ist, muss es UAV-Bedrohungen nicht mit der Technologie des Kalten Krieges, sondern mit moderner UAV-Technologie bekämpfen.“
Die Antwort auf Putin sind Luftüberlegenheitsrohnen – günstig, tödlich, wegwerfbar
Maxwells Vorschlag sind Luftüberlegenheitsdrohnen – für ihn der nächste Schritt in der Evolution der unbemannten Waffen. Auch Maxwell zieht seine Erkenntnisse aus dem Verlauf des Ersten Weltkriegs: Aus den berittenen Aufklärern am Boden wurden Ballons hoch oben über den Schützengräben, und auf die folgte die Fliegerei. Aufklärungsdrohnen waren für ihn der nächste logische Schritt, kampffähige Drohen sind für ihn der übernächste.
Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands
Was Militärs seiner Meinung nach schnell bräuchten, seien kleine billige Drohnen – vielleicht auch Einweg-Plattformen, die sich verteidigen können gegen die, wie er sagt „zahlreichen, handelsüblichen UAVs, die das Schlachtfeld verfinstern“. Sie sollten vor allem günstig sein und quasi „wegwerfbar“, wie Maxwell fordert. „Militärs können sich Flugzeuge zu herkömmlichen Preisen nicht in großen Mengen leisten, wenn die Bedrohung billig und wirksam ist. Eine Verteidigung auf diese Weise mag vorübergehend möglich sein, wird aber bei längeren Konflikten nicht erfolgreich sein, da die Ressourcen die Verfügbarkeit einschränken. Niedrige Kosten werden auch dazu beitragen, dass die untersten Einheiten Verteidigungsfähigkeiten erhalten können, die bisher nur zum Schutz wertvollerer Güter zur Verfügung standen“, schreibt er.
Auch wenn der Erste Weltkrieg der erste industrielle Krieg war und das Maschinengewehr gebar, griffen die Soldaten im Nahkampf oft auf ein Holzstück und Nägel zurück: die Grabenkeule. Der „Luftkampf“ mit Propeller und Flinte war also wohl weniger ein Husarenstück, denn vielmehr Zufall, oder eine Idee, die aus der Not geboren wurde. Reiner Pragmatismus also, wie Forbes-Autor David Axe vermutet: Langsam fliegende Flugzeuge mit Bordschützen seien eine offensichtliche Option gegen langsam fliegende unbemannte Luftfahrzeuge, „ohne viel Geld auszugeben“.