Region Saporischschja

„Tiefe Besorgnis“ im Ukraine-Krieg: Gegenoffensive drängt Russland weiter in die Defensive

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Russische Panzer in der Region Saporischschja (Archivbild, November 2022).
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Die Ukraine erzielt in der Gegenoffensive Erfolge in der westlichen Region Saporischschja. US-Kriegsexperten sehen „tiefe Besorgnis“ bei Russlands Truppen.

Saporischschja – Die Gegenoffensive der Ukraine geht langsam, aber stetig voran. Nach ukrainischen Erfolgen an der Südfront gibt es nun auch im Westen weitere Fortschritte im Ukraine-Krieg. Jüngsten Berichten der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) zufolge zwangen die ukrainischen Vorstöße in der westlichen Region Saporischschja Russlands Truppen dazu, dort in die Defensive zu gehen. Ein Indiz dafür war aus Sicht der US-Kriegsexperten auch die Verlegung eines russischen Eliteverbandes in eine Region südlich von Bachmut.

Ukraine-Gegenoffensive: US-Experten erkennen „tiefe Besorgnis“ bei Russlands Truppen

Die ukrainischen Erfolge in der Region Saporischschja weiten sich aus. Am Samstag (16. September) setzten Kiews Truppen im Ukraine-Krieg ihre Offensivoperationen in Richtung Bachmut fort und erzielten dort Fortschritte. Geolokalisiertes Bildmaterial zeige laut ISW südlich des Ortes Rozdoliwka und nördlich von Klischtschijiwka Geländegewinne. Die ukrainischen Streitkräfte hätten „bei ihren Offensiveinsätzen im Gebiet von Klischtschijiwka einen Teilerfolg“ erzielt, hieß es auch im täglichen Berichte des ukrainischen Generalstabs am Freitag auf Facebook. „Im Verlauf ihres Angriffs befreiten sie Andrijiwka im Gebiet Donezk“.

Die laut ISW „relativ elitäre Formation“ der 83. russischen Brigade operiere nun in dieser Region. „Die Verlegung von Elementen der 83. Brigade inmitten der ukrainischen Vorstöße in der Nähe von Klischtschijiwka deutet auf eine tiefe Besorgnis über die ukrainischen Vorstöße in der westlichen Oblast Saporischschja und die russische Priorisierung der Verteidigung dort hin“, analysierten die US-Kriegsexperten weiter. Dass Russland bestimmten Frontabschnitten Priorität einräumen und seitliche Verlegungen vornehmen müsse, gebe der Ukraine die Chance, dies taktisch auszunutzen.

Aktueller Frontverlauf im Ukraine-Krieg: Russlands „wachsende Besorgnis“ über Gegenoffensive

Hunderte Kilometer weiter südlich scheinen russische Truppen ebenfalls besorgt über den Vormarsch der Ukraine. Der britische Geheimdienst erkannte einen Ausbau der russischen Verteidigungsanlagen um die besetzte Stadt Tokmak in der Südukraine, die etwa 16 km hinter der aktuelle Frontlinie im Ukraine-Krieg liegt. Russlands Truppen hätten dort weitere Kontrollpunkte und Panzerabwehrstellungen errichtet und neue Schützengräben ausgehoben, hieß es im täglichen Geheimdienstbericht des britischen Verteidigungsministeriums vom Sonntag.

„Die Verbesserung der Verteidigungsanlagen der Stadt ist wahrscheinlich ein Zeichen für die wachsende Besorgnis Russlands über das taktische Eindringen der Ukrainer in die erste Hauptverteidigungslinie im Norden“, so die aktuelle Analyse aus London zur derzeitigen Lage im Ukraine-Krieg weiter. Tokmak bereite sich darauf vor, ein Dreh- und Angelpunkt von Russlands zweiter Hauptverteidigungslinie zu werden, hieß es.

Ukraine-Gegenoffensive: Tokmak als Dreh- und Angelpunkt von Russlands Hauptverteidigungslinie

Der Ukraine war Anfang September bei Robotyne der erste Einbruch in die russischen Verteidigungslinien gelungen. Man befinde sich derzeit zwischen der ersten und zweiten Verteidigungslinie, so das ukrainische Militär damals.

Tokmak ist für die russischen Truppen ein wichtiger Verkehrs- und Logistikstützpunkt, der Ort liegt rund 30 Kilometer von Robotyne entfernt. Kiews Truppen sei es gelungen, „eine bedeutende taktische Bresche entlang eines Abschnitts der derzeitigen russischen Verteidigungsschicht im Gebiet Robotyne“ zu schlagen, teilte das ISW dazu am Sonntag mit. Diese baue man nun weiter aus. Das ISW geht seit langem davon aus, dass den russischen Streitkräften die personellen Ressourcen fehlen, um die eigenen Verteidigungsanlagen im Süden des Landes zu besetzen.

Ukraine kommt in Gegenoffensive bis zu 200 Meter täglich voran – und zahlt dafür hohen Preis

Russland halte in der Gegenoffensive noch maximal ein Jahr durch, hieß es vonseiten des ukrainischen Militärnachrichtendienstes jüngst. Der tägliche Fortschritt der ukrainischen Truppen läge im Schnitt bei 50 bis 200 Metern, so der Sprecher eines Frontabschnitts vergangene Woche. Nato-Admiral Rob Bauer bescheinigte dem ukrainischen Militär sogar tägliche Erfolge von bis zu 300 Metern, wie er bei der Jahreskonferenz des Nato-Militärausschusses in Oslo sagte.

Für diesen Vormarsch zahle Kiews Armee wegen der enormen Mengen russischer Minen aber einen hohen Preis, es gebe viele Tote und Verletzte, so der niederländische Admiral laut Bild weiter. Die Ukraine arbeite sich „sehr langsam und systematisch durch die Verteidigungssysteme der Russen“, um nicht zu hohe Verluste zu haben, analysierte indes der frühere Nato-General Erhard Bühler in seinem Podcast „Was tun, Herr General?“ vom Freitag. Moskaus Truppen konnten über ein Jahr lang ein Bollwerk aus Minenfeldern, Schützengräben und Panzersperren aufbauen, da der Westen sich viel Zeit mit den Waffenlieferungen ließ.

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