Ukraine-Krieg

„Russland hält noch maximal ein Jahr durch“: Geheimdienst rechnet mit Erfolg bei Gegenoffensive 

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Der ukrainische Militärnachrichtendienst gibt Russland noch maximal ein Jahr im Ukraine-Krieg. Auch im Westen bescheinigt man Kiews Gegenoffensive Erfolgschancen.

Kiew – Die Ukraine verzeichnet immer mehr Geländegewinne in ihrer seit 14 Wochen laufenden Gegenoffensive – vor allem im Osten und Süden des Landes. Aus Kiews Geheimdienstkreisen heißt es, Russland halte im Ukraine-Krieg maximal noch ein Jahr durch. Westliche Militärexperten äußern sich zwar vorsichtiger, aber durchaus optimistisch, was das Durchbrechen der russischen Verteidigungslinien angeht.

Ukraine-Krieg: Russland hält aus Sicht Kiews nur noch „maximal ein Jahr“ durch

Der Ukraine gelang zuletzt ein gutes Vorankommen südlich des Dorfes Robotyne im Gebiet Saporischschja sowie in der Nähe von Bachmut, wie aus einem Bericht der US-Kriegsexperten des Institute for the Study of War (ISW) vom Sonntag hervorgeht. „Befreit wurden im Abschnitt Bachmut im Verlaufe der vergangenen Woche zwei Quadratkilometer“, teilte auch Vizeverteidigungsministerin Hanna Maljar am Montag vor der Presse mit.

Soldaten auf Panzern: Die Soldaten der 41. mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte bereiten sich in der Region Charkiw auf Kampfeinsätze vor (Archivbild, August 2023).

Insgesamt habe man an diesem Abschnitt im Donezker Gebiet 49 Quadratkilometer zurückerobert, so Maljar weiter. Auch strategisch wichtige Bohrinseln in der Nähe der annektierten Halbinsel Krim sind Kiews Angaben zufolge wieder unter ukrainischer Kontrolle. „In den letzten sieben Tagen gibt es ein Vorankommen“, hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Sonntag in seiner täglichen Videoansprache bestätigt.

Gegenoffensive: Ukraine kann laut Kiews Militärnachrichtendienst Krieg vor Ende 2024 gewinnen

Aus ukrainischer Sicht ist dieser Erfolg nachhaltig. Kyrylo Budanow, der Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes (HUR), sieht das Durchhaltevermögen Russlands langfristig geschwächt. Moskaus Truppen würden nicht länger als ein Jahr durchhalten, sagte der Generalleutnant laut Newsweek am Samstag auf den europäischen Yalta-Strategietagen in Kiew. „Wenn Sie von einem halben Jahr, sieben Monaten, bis zu einem Jahr sprechen, und Sie denken, dass dies langwierig und langfristig ist, dann haben Sie definitiv recht“, so Budanow zur möglichen Dauer des Krieges.

Russland sei „physisch am Boden“, die Ukraine könne den Krieg noch vor Ende 2024 gewinnen, glaubt der Militär. Unverifizierbare russische Quellen scheinen Probleme von Moskaus Truppen an der Front zu bestätigen. Im jüngsten Bericht der Denkfabrik ISW hieß es, es gebe unzureichende Planung und die Reichweite und Genauigkeit der russischen Gegenbatterie sei den ukrainischen Fähigkeiten unterlegen, so eine Analyse der paramiltiärischen Gruppe Rusich.

Gegenoffensive der Ukraine: US-Militärgeheimdienst sieht 40 bis 50 Prozent Erfolgschance

Der Westen ließ sich lange Zeit mit Waffenlieferungen, was Russland rund ein Jahr gab, um ein massives Bollwerk aus Schützengräben, Panzersperren und Minenfeldern zu errichten, gegen das die Ukraine nun anrennt. Ein Einbruch an einer der sogenannten Surowikin-Verteidigungslinien gibt Anlass zur Hoffnung: Laut einer Einschätzung des US-Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency hat die Ukraine eine Chance von 40 bis 50 Prozent, die verbliebenen russischen Verteidigungslinien bis Ende des Jahres zu durchbrechen.

Diese Ansicht teilt der deutsche Militärexperte Carlo Masala in einem am Montag (11. September) veröffentlichten Gespräch mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Bewertung des US-Militärgeheimdienstes einer Erfolgschance der Gegenoffensive von 40 bis 50 Prozent sei realistisch, so Masala, hänge aber von mehreren Faktoren ab. „Wie reagieren die Russen? Haben sie noch genug Reserven? Werden die Ukrainer die relativ kluge Operationsführung beim Durchbruch durch die ersten beiden Verteidigungslinien fortsetzen? Und: Können sie ihre Verluste minimieren?“

Militärexperte Carlo Masala sieht Erfolgschance eines Durchbruchs – unter bestimmten Umständen

Sollte es der ukrainischen Armee nicht gelingen, die russischen Truppen in Bewegung zu halten, „haben die Russen die Möglichkeit, sich wieder einzugraben“, so der Experte zur Funke-Mediengruppe. Zudem betonte Masala die große Bedeutung des Nachschubs an Artilleriesystemen, Munition und Ersatzteilen aus dem Westen. Mit seiner Kritik der Gefährdung der Gegenoffensive aufgrund der langsamen westlichen Lieferung von Waffen und Munition hat der ukrainische Präsident Selenskyj aus Sicht Masalas teilweise recht.

Der Westen fange erst jetzt an, die Munitionsproduktion richtig hochzufahren, so Masala. „Das ist viel zu spät erfolgt. Und das trifft auch auf die Luftverteidigung im Nahbereich zu.“ Die USA hatten kürzlich angekündigt, ihre Munitionsproduktion zu verdreifachen - allerdings erst im kommenden Jahr. Andere Waffenwünsche Kiews - etwa 500 bis 600 Kampfpanzer - könne man jedoch nicht erfüllen, weil man die Systeme schlicht nicht zur Verfügung habe, so Masala weiter.

Westlicher Militärexperte Masala sieht punktuelle Luftüberlegenheit Russlands als Problem

Eines der großen Probleme der ukrainischen Gegenoffensive sieht Masala in der punktuellen Luftüberlegenheit der russischen Truppen mit Blick auf die eigenen mechanisierten Verbände. Westliche Kampfflugzeuge wie F16-Jets sind aus Sicht des Waffenexperten offenbar der richtige Schritt, denn die Jets könnten dazu beitragen, die Verluste der Ukrainer zu reduzieren. „Darüber hinaus könnten die Ukrainer dann noch stärker mit mechanisierten Verbänden vorgehen, weil diese aus der Luft geschützt werden könnten“, sagt Masala voraus.

Bis die Lieferung der F16-Kampfflugzeuge erfolgt, könnten allerdings noch Monate ins Land gehen. Doch die Zeit ist knapp: Laut US-Generalstabschef Mark Milley stünden den ukrainischen Streitkräften noch 30 bis 45 Tage „Kampfwetter“ zur Verfügung. Die Ukraine bekräftigte indes, dass die Gegenoffensive auch im Winter weitergehe. „Kaltes und nasses Wetter wird die aktiven Kampfhandlungen beeinträchtigen, aber nicht aufhalten“, sagt HUR-Chef Budanow am Sonntag (bme mit dpa).

Rubriklistenbild: © IMAGO/Vyacheslav Madiyevskyy / NurPhoto

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