Säuberung in der Führungsebene

Nach Kritik von „Militärbloggern“: Russischer Kommandeur kurz vor Rauswurf

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Putins Kommandeure stehen unter scharfer Beobachtung: Ultranationalistische Blogger haben offenbar genug Macht, Offiziere an den Pranger zu stellen.

Moskau – Die russische Invasionsarmee hat ihr nächstes Opfer zu beklagen. Vermutlich. Ein Offizier im Rang eines Obersten soll aufgrund eklatanter Misserfolge seinen Posten verloren haben – das berichtet jetzt das Institute for the Study of War (ISW) unter Berufung auf russische Militärblogger. Das ISW nennt keinen Namen, bezieht sich aber auf die 205. motorisierte Schützenbrigade – und deren Befehlshaber sollte aktuell Oberst Roman Titow sein. Bemerkenswert ist, dass die Entlassung des Befehlshabers laut ISW auf Kritik aus Reihen der russischen Ultranationalisten zurückzuführen ist. Sollte das zutreffen, steht Russlands Präsident Wladimir Putin auch innenpolitisch weiterhin stark unter Feuer. Allerdings weniger als Person; eher unter dem Aspekt seiner personellen Entscheidungen.

Das Rumoren innerhalb der russischen nationalen Bewegung ginge damit also weiter, denn nach dem vermeintlichen Tod von Wagner-Führer Jewgeni Prigoschin hätte vermutet werden können, dass die internen Kritiker in Russland leiser geworden wären. Mit dem Protest und der Demission eines ranghohen Truppenführers mögen deren Stimmen aber wieder laut geworden sein – vor allem im Internet. So laut, dass Putin sich zum Handeln gezwungen sah, wie Guido Felder im Blick schreibt: „Immer mehr werden die geschätzt rund 500 ,Milblogger‘ zu einem Problem für Präsident Wladimir Putin. Berichteten sie bei der Invasion in die Ukraine noch euphorisch über den Vormarsch und einen bald zu erwartenden Sieg, wurden sie nach den russischen Armee-Misserfolgen immer kritischer. So stellen sie vermehrt offizielle Kreml-Mitteilungen infrage und relativieren beschönigende Zahlen.“ 

Militärblogger kritisieren die militärische Führung – aber niemals Putins Führungsstil

Der 205. motorisierten Schützenbrigade wird die Sprengung des Kachowka-Staudamms im Juni zugerechnet. Ihr jüngstes Einsatzgebiet soll die linke Flanke von Cherson gewesen sein. Dort könnten jüngst Truppenteile eingekesselt und nicht ausreichend durch Artillerie unterstützt worden sein, im Gegenzug seien Angaben mit Koordinaten für artilleristische Ziele im Nachrichtendienst versandet, und dadurch waren sie der Gegenoffensive der Ukraine ausgeliefert gewesen. Das jedenfalls schreibt der als Wagner-nah bekannte russische Militärblogger Grey Zone. Gegenüber dem Auslandsdienst der Deutschen Welle erklärt der Russland-Analyst Abbas Gallyamow die vermeintlich „patriotische Perspektive“, durch die die Militärblogger blicken.

Unter Beschuss: Jeder Treffer der ukrainischen Armee könnte einen russischen Offizier seinen Posten kosten. Auch Putins Personalentscheidungen stehen unter dem Feuer von Russlands Ultranationalisten. (Symbolbild)

Ihm zufolge ließen die Militär-Blogger Russlands Präsident Wladimir Putin in ihrer Kritik außen vor. „Sie attackieren die handelnden Personen, stellen Putins Führungsstil oder überhaupt die Invasion der Ukraine nicht infrage. Zweifel an Putins Führungsstil oder dem Krieg überhaupt ist ohnehin verboten. Kritiker werden als Feinde behandelt.“ Oberst Roman Titow könnte also das nächste Opfer der russischen Armee sein und damit wiederum die prekäre Gesamtlage für Russlands Truppen im Ukraine-Krieg erneut verschärfen. Titow wird von der Ukraine als vermeintlicher Kriegsverbrecher geführt.

Militärexperten: Mit jedem entlassenen Befehlshaber sinkt die Moral der Truppen Russlands

Die Kritik richtet sich aber vermutlich gegen die Schlappe seiner Brigade bei Cherson. Dabei gehen den Russen ohnehin die erfahrenen Befehlshaber aus – ein operatives Desaster, wie beispielsweise Ulrich Schlie gegenüber dem ZDF geäußert hat: „Solche Anführer sind für die eigenen Reihen immer auch Identifikationsfiguren. Wenn es dem Gegner gelingt, sie auszuschalten, macht er damit seinen eigenen Erfolg für alle sichtbar. All diese Faktoren können dazu beitragen, dass die Kampfkraft der Russen weiter geschwächt wird“, erklärt der Direktor des Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn.

Das Online-Meinungs-Magazin Der Pragmaticus schreibt das Scheitern der russischen Offensive tatsächlich vor allem dem Führungsversagen zu – und das mit lange zu beobachtendem Vorlauf: „Die Kombination aus Ineffizienz und mörderischer Brutalität, die die Feldzüge in Tschetschenien, Georgien und Syrien kennzeichnete, gilt auch für die Invasion in der Ukraine. Die russische Militärführung war nicht in der Lage, die Lufthoheit zu gewährleisten, zeigte Mängel bei der Befehls- und Kommandogewalt und musste einen erheblichen Verlust an hochrangigen Offizieren hinnehmen.“ Im Juli 2023, also rund 17 Monate nach der Invasion in der Ukraine, hatte Wladimir Putin bereits mit eisernem Besen durch seine Generalität gefegt.

Kachowka-Staudamm in der Ukraine gesprengt: Erste Fotos zeigen die schlimmen Folgen

Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.  © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt den beschädigten Kachowka-Staudamm in der Nähe von Cherson.
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt den beschädigten Kachowka-Staudamm in der Nähe von Cherson.  © dpa/Ukraine‘s Presidential Office
Dieses von Planet Labs PBC zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt einen Überblick über die Schäden am Kachowka-Damm im Süden der Ukraine.
Dieses von Planet Labs PBC zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt einen Überblick über die Schäden am Kachowka-Damm im Süden der Ukraine.  © dpa/Planet Labs PBC
Weitere Satellitenbilder zeigen die Zerstörungen.
Weitere Satellitenbilder zeigen die Zerstörungen. © dpa/Maxar Technologies
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt Wasser, das durch einen Durchbruch im Kachowka-Staudamm fließt.
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt Wasser, das durch einen Durchbruch im Kachowka-Staudamm fließt.  © dpa/Ukrainian Presidential Office
Das Turbinengebäude des Wasserkraftwerks Kachowka stürzt in Nowaja Kachowka ein.
Das Turbinengebäude des Wasserkraftwerks Kachowka in Nowaja Kachowka stürzt laut russischen Meldungen ein. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka unter Wasser. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka unter Wasser.
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka unter Wasser.  © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass

Fast zeitgleich zu General Iwan Popow, dem damaligen Kommandeur der 58. Armee, war der Fallschirmjäger-Generalmajor Wladimir Seliwerstow von seinem Kommando über die 106. Garde-Luftlandedivision abberufen worden; im Gegensatz zum erfolgreichen Popow hatte er Niederlagen in Bachmut zu verantworten gehabt. Ebenfalls längst gefeuert war zu dem Zeitpunkt General Sergej Surowikin, Chef der russischen Luft- und Weltraumtruppen und ehemaliger Stellvertreter von Generalstabschef Waleri Gerassimow.

Die Zersetzung der russischen Befehlskette wird beschleunigt

Das Institut vermutet, dass sowohl Popow als auch Seliwerstow in Wahrheit abgesetzt wurden, weil sie sich kritisch gegenüber der militärischen Führung geäußert hatten. „Popow und Seliwerstow haben wahrscheinlich zu der relativen Effektivität des russischen Angriffs beigetragen, weil sie bereit waren, Vorgesetzte und das System herauszufordern“, so das ISW. Popow soll zudem den Ruf gehabt haben, sich für seine Soldaten einzusetzen. „Ihre Entlassung könnte Teil einer laufenden Säuberung von ungehorsamen Kommandanten durch die russische Militärführung sein und darauf hindeuten, dass sich die Zersetzung der russischen Befehlskette in der Ukraine beschleunigt“, analysiert das Institut die Geschehnisse. Die russische Armee blutet auf Kommandeurs-Ebene aus – Titow wäre in diesem Prozess also das nächste Opfer.

Rubriklistenbild: © Libkos/dpa

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