VonSven Haubergschließen
China droht mit Gewalt, Taiwan gibt sich gelassen. Doch wie gut ist das Land auf einen Angriff vorbereitet? Besuch auf einer Verteidigungsmesse in Taipeh.
Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 28. September 2023 veröffentlicht. Anlässlich der Präsidentschaftswahl in Taiwan am 13. Januar veröffentlichen wir ihn nun erneut.
Taipeh – Captain Lin Hsin-yu steht vor dem Modell einer „Mirage 2000“ und gerät ins Schwärmen. Der französische Kampfjet fliege sich hervorragend, sagt der taiwanische Pilot, viel besser als die F-16 der Amerikaner oder der Jagdbomber „Ching-kuo“ aus heimischer Produktion. Die Beschleunigung, die Steuerung, alles top. Dabei haben die Maschinen einige Jahre auf dem Buckel. Bereits Mitte der 1990-er begann Taiwan mit dem Kauf von 60 „Mirage“ des französischen Herstellers Dassault. Jetzt sollen mehrere von ihnen technisch auf den neuesten Stand gebracht werden. Das sei auch dringend notwendig, sagt Lin. Denn China – Lin spricht vom „Feind“ – trete immer aggressiver auf, und wenn Peking mal wieder Dutzende Kampfjets in Taiwans Luftverteidigungszone schicke, brauche man die Maschinen zur Abschreckung.
Ein Samstagvormittag im September: Während draußen das Thermometer der 30-Grad-Marke entgegen klettert, schieben sich die Menschenmassen durch eine Messehalle im Osten von Taipeh. Nach einer vierjährigen Pause findet in Taiwans Hauptstadt erstmals wieder die Verteidigungsmesse „Taipei Aerospace & Defense Technology Expo“ statt. Nach Angaben der Veranstalter ist es die bislang größte Ausgabe, gekommen sind rund 280 Aussteller. Sie präsentieren Drohnen, Maschinengewehre, Luftabwehrraketen.
„China hat sich verändert. Deswegen muss sich auch Taiwan verändern“
Der Stand des taiwanischen Verteidigungsministeriums, an dem Captain Lin vor dem „Mirage“-Modell geduldig die Fragen der Besucher beantwortet, nimmt den meisten Platz ein. Das Ministerium zeigt hier, was es in seinen Depots und Hangars stehen hat. Das ist natürlich eine Botschaft an China, das Taiwan als abtrünnige Provinz betrachtet, die notfalls mit Gewalt mit dem Festland vereinigt werden solle. Aber auch ans eigene Volk: Seht her, wir sind vorbereitet.
Die Message scheint anzukommen. Wer mit den Besuchern der Verteidigungsmesse spricht, spürt eine Mischung aus Stolz und Trotz: Sollen sie doch kommen, die Chinesen! Angst vor einer Invasion hat hier kaum jemand. „Wir leben mit der Bedrohung durch China schon seit Jahrzehnten“, sagt ein Mann in einem „Top Gun“-T-Shirt. Mit seinem Sohn eilt er von Stand zu Stand, um Aufkleber für ein Sammelalbum abzustauben. Eine Verteidigungsmesse als Freizeitspaß. Überhaupt scheinen die Taiwanerinnen und Taiwaner hinter ihrem Militär zu stehen. Ende vergangenen Jahres beschloss die Regierung, die Dauer der Wehrpflicht von vier auf zwölf Monate zu verdreifachen – ein Schritt, den je nach Umfrage 70 bis 85 Prozent der Menschen unterstützen.
Bevor Tsai Ing-wen 2016 in Taiwans Präsidentenpalast eingezogen sei, habe die Verteidigung für die Regierung keine Priorität gehabt, erklärt Sheu Jyh-Shyang vom Institute for National Defense and Security Research, einer Denkfabrik, die sich als unabhängig versteht, aber vom taiwanischen Verteidigungsministerium finanziert wird. Heute sei das anders – auch, weil China unter Staats- und Parteichef Xi Jinping seine Rhetorik gegenüber Taiwan verschärfe. „China hat sich verändert. Deswegen muss sich auch Taiwan verändern“, sagt Sheu bei einem Treffen in dem schwer gesicherten Institut in Taipehs Regierungsviertel. An einen baldigen Angriff mag er aber nicht glauben, dazu sei Chinas Volksbefreiungsarmee noch nicht gut genug vorbereitet. US-Experten sehen das ähnlich.
„Es darf nie so weit kommen, dass Xi Jinping sagt: Heute ist der Tag gekommen“
Auch Taiwans stellvertretender Außenminister Roy Lee glaubt nicht, dass China schon bald Ernst mache. „Wenn Sie Xi Jinping wären, würden Sie Kosten und Nutzen gegeneinander aufrechnen. Ich glaube, dass ein Krieg die teuerste Option wäre“, sagt Lee bei einem Treffen in Taiwans Außenministerium. „Und es wäre die unsicherste Option. Einen Krieg kann man gewinnen oder verlieren – oder man bleibt stecken, so wie Russland, und kommt nicht wieder raus.“ Dennoch bereite Taiwan sich „natürlich auf den Worst Case vor“, erklärt Lee. „Es darf nie so weit kommen, dass Xi Jinping eines Tages aufwacht und sagt: Heute ist der Tag gekommen.“
Abschreckung, das heißt für den Militärexperten Sheu: Taiwan muss auf eine „Mischung aus klassischer und asymmetrischer Kriegsführung“ setzen. Auf der einen Seite Kampfjet gegen Kampfjet, um im Kriegsfalle die Lufthoheit zu behalten. Nicht nur die französischen „Mirage“ werden deswegen modernisiert, auch die amerikanischen F-16 erhalten ein Upgrade. Auch sollen in den nächsten Jahren 66 neue F-16V an Taiwan geliefert werden, für rund acht Milliarden Dollar. Eine Bestellung von 108 amerikanischen Abrams-Panzern, die ab 2024 ausgeliefert werden sollen, gehört für den Militärexperten Sheu ebenfalls zum Arsenal der klassischen Kriegsstrategie. 2027 will Taiwan zudem mindestens zwei im eigenen Land entwickelte U-Boote in Dienst nehmen.
China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt




Für noch wichtiger halten viele Experten, vor allem aus den USA, aber die asymmetrische Kriegsführung. Wozu brauche Taiwan teure Panzer, wenn Chinas Luftwaffe diese binnen Stunden ausschalten könne? „Wir haben in einem symmetrischen Konflikt mit China keine wirkliche Chance“, sagte im März auch Taiwans früherer Armeechef Lee Hsi-min. „Fakt ist: Wir können mit der viel größeren Volksbefreiungsarmee nicht Geschoss für Geschoss, Schiff für Schiff oder Flugzeug für Flugzeug konkurrieren.“
„Stachelschwein“-Strategie: Taiwan muss sich uneinnehmbar machen
Experten sprechen von einer „Stachelschwein-Strategie“, die Taiwan verfolgen müsse. Heißt: Der Inselstaat mit seinen knapp 24 Millionen Einwohnern müsse sich „Stacheln“ zulegen, um für das riesige China uneinnehmbar zu werden. Experte Sheu nennt als Beispiele Tetrapoden am Strand, die es Chinas Marine schwer machten, an der taiwanischen Küsten anzulanden, zudem Anti-Schiff- und Flugabwehrraketen. Aber auch die Lebensmittel- und Energievorräte müssten aufgestockt werden, um im Falle einer chinesischen Blockade länger durchhalten zu können. In einem Anfang September veröffentlichten Verteidigungsbericht räumt Taiwans Regierung dieser asymmetrischen Kriegsführung viel Platz ein und spricht von einem „Kampf David gegen Goliath“. Vize-Außenminister Lee sagt: „Das hat uns der Ukraine-Krieg gelehrt: Größe ist nicht das Entscheidende.“
Entscheidend sei vielmehr, sagt Verteidigungsexperte Sheu, „ob die USA und der Westen uns unterstützen“. Er erinnert daran, dass US-Präsident Biden viermal schon versprochen habe, militärisch einzugreifen, sollte China einen Angriff auf Taiwan starten. Zudem liefert Amerika den Taiwanern schon seit Jahrzehnten Waffen. Für die USA steht die eigene Glaubwürdigkeit auf dem Spiel, aber auch die Versorgung mit Mikrochips, von denen mehr als 90 Prozent der fortschrittlichsten Modelle aus Taiwan kommen.
USA liefern Waffen an China
Auf der Verteidigungsmesse in Taipeh sind in diesem Jahr erstmals auch Aussteller aus den USA vertreten – darunter die Hersteller Northrop Grumman und Lockheed Martin, die China wegen ihrer Waffenverkäufe an Taiwan mit Sanktionen belegen will. Europa hingegen tut sich schwer mit der militärischen Unterstützung für Taiwan. „Wir haben ein großes Interesse an deutschen Waffensystemen“, sagt Sheu.
Aus der Bundesrepublik findet man in der weitläufigen Halle in Taipeh lediglich einen Drohnenproduzenten aus Gilching bei München. Dessen Vertreter erklärt, dass sich die Fluggeräte nicht nur militärisch nutzen ließen, sondern auch zivil – was den Export nach Taiwan deutlich leichter mache. Und auch Rheinmetall ist in Taipeh vertreten – mit einem Gerät, das eingesetzt wird, um Triebwerke von Flugzeugen zu starten. Viel ist das nicht. Ja, sagt Experte Sheu, man hoffe auf den Westen. Gleichzeitig aber plane man damit, im Notfall alleine dazustehen.

