Krieg in Israel und Gaza: Luftschlag auf Flüchtlingslager
VonMaria Sterkl
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Israels Armee begründet den Angriff mit „Schlägen gegen Hamas-Kommandeure“. Verteidigungsminister Gallant spricht sich für einen Geisel-Deal mit den Hamas aus.
Ein tiefer Krater inmitten von Zelten, rundherum Schutt: Die Luftaufnahmen eines Flüchtlingslagers in Al-Mawasi im Süden des Gazastreifens lassen erahnen, dass die Opferzahlen nach einem israelischen Schlag auf das Lager wohl noch ansteigen werden. Bei dem Schlag wurden laut palästinensischen Angaben 19 Personen getötet und Dutzende verletzt, einige Menschen gelten als vermisst.
Bis Dienstag Mittag hatte der palästinensische Zivilschutz von 40 Toten gesprochen, das von der Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium meldete später 19 Tote. Israels Armee bezeichnet diese Angaben als überhöht, nennt jedoch keine eigenen Opferzahlen.
Israels Kampf gegen die Hamas: Luftschlag auf Zeltlager in Al-Mawasi
Beim Ort des Luftschlags handelt es sich um ein Zeltlager für Binnenflüchtlinge in Al-Mawasi im Süden Gazas. Viele der Familien in dem Lager waren vor einigen Monaten von der israelischen Armee aufgefordert worden, sich hierher zu begeben, um vor den Angriffen in Rafah sicher zu sein. Laut Augenzeugen haben die Luftschläge rund zwanzig Zelte zerstört. Leichen und Leichenteile wurden während der Nacht und in den Morgenstunden aus dem Schutt geborgen. Zudem soll der Luftschlag ein Feuer in einem Teil des Lagers entfacht haben.
Israels Armee bestätigt, dass es in der Nacht auf Dienstag „präzise Schläge“ gegen hochrangige Hamas-Kommandanten gab, die sich in der humanitären Zone versteckt hätten. Drei der bei den Schlägen getöteten Hamas-Kämpfer seien direkt in die Planung und Durchführung der Massaker vom 7. Oktober involviert gewesen, sagt ein Armeesprecher. Die Terroristen hätten die Flüchtlinge als „menschliche Schutzschilder“ benutzt, heißt es.
Eigene Angaben über die Zahl ziviler Opfer, die man den palästinensischen Zahlen gegenüber stellen könnte, macht die Armee in der Regel nicht. Die Armeesprecher:innen betonen jedoch, dass die Schläge auf der Basis „umfassender Geheimdienstinformation“ durchgeführt wurden, um sicherzustellen, dass die gesuchten Kommandanten sich auch tatsächlich auf dem Gebiet des Flüchtlingslagers aufhielten. „Es wurden Maßnahmen getroffen, um zivilen Schaden so gering wie möglich zu halten“, heißt es. Der Schlag kam wenige Stunden, nachdem UN-Generalsekretär António Guterres erklärt hatte, im Gaza-Krieg sehe er „das schlimmste Ausmaß an Tod und Zerstörung seit Beginn meiner Amtszeit“.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Verhandlungen über Waffenruhe in Gaza: Israels Verteidigungsminister will Kampfpause von sechs Wochen
Indirekt geführte Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas über eine Waffenpause und die Freilassung israelischer Geiseln aus Hamas-Gewalt scheiterten wiederholt. Zwar gibt es auch weiterhin Gespräche über einen Deal. Sie verlaufen aber zäh, wenn man den Aussagen mehrerer involvierter Personen gegenüber den Angehörigen der Geiseln glauben darf.
Israels Verteidigungsminister Joav Gallant sprach sich am Dienstag vor der Auslandspresse für einen Geisel-Deal mit der Hamas aus. „Das ist der richtige Weg“, sagte Gallant, der sich seit längerer Zeit in einem internen Disput mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu befindet. In diesem Streit geht es auch um die Frage, wie weit Israel der Hamas in den Verhandlungen entgegen kommt – Gallant neigt hier zu größeren Zugeständnissen als Netanjahu. „Israel sollte ein Übereinkommen erringen, das eine Kampfpause von sechs Wochen vorsieht und unsere Geiseln zurück bringt“, sagte Gallant. Die Armee behalte sich aber vor, nach dieser Waffenpause den militärischen Kampf gegen die Hamas wieder aufzunehmen.
Israels Gaza-Mission: Führung des militärischen Flügels der Hamas um die Hälfte dezimiert
In diesem Kampf habe die Armee bereits viel erreicht, meint Gallant: „Die Hamas existiert als militärische Formation nicht mehr“, meint der Minister. Israels Militär kämpfe in Gaza nun einen Guerillakrieg an diversen Orten. Laut Armee ist es gelungen, in den ersten neun Monaten des Kriegs rund 14.000 der insgesamt rund 30.000 Hamas-Kämpfer zu töten. Auch die Führung des militärischen Flügels sei um die Hälfte dezimiert worden. „Wir kämpfen weiter gegen Hamas-Terroristen und verfolgen die Führungsspitze“, sagte Gallant. Der Erfolg der Gaza-Mission misst sich für Israel jedoch nicht nur in der reduzierten Mannstärke der Hamas, sondern auch in der Frage, wie viel an Tunnelmasse zerstört oder unbenutzbar gemacht wurde. Die Vernichtung der Tunnel birgt das Risiko, dass dort auch Geiseln festgehalten werden, die bei den Luftschlägen ums Leben kommen könnten.
Ungeklärt ist auch die Frage, an wen die Führung in Gaza übergeben werden könnte. Es fehlt an konkreten Plänen, um zu verhindern, dass die Hamas sich politisch weiter an der Macht hält oder dass kriminelle Gangs die Kontrolle übernehmen. Internationale Verbündete Israels, allen voran die USA, kritisierten Israels Führung wiederholt für das Fehlen eines Exit-Szenarios. Dieses scheitert aber auch an internen Unstimmigkeiten in Israels Regierung: Rechtsaußen-Parteien fordern eine Wiederbesetzung des Gazastreifens durch Israel, moderatere Kräfte halten das für strategisch nicht sinnvoll und überdies riskant.