Autor Zhadan und Historiker Schlögel

Vier Jahre Russlands Großkrieg gegen die Ukraine: „Das ungestrafte Böse kehrt zurück”

Dichter und Soldat Serhij Zhadan und Historiker Karl Schlögel sprechen über den Ukraine-Krieg und die Folgen. Die Botschaft: Ein Gewöhnen an das Böse darf es nicht geben.

Serhij Zhadan ist der wohl bekannteste Gegenwartsautor der Ukraine – im Frühjahr 2024 trat er den ukrainischen Streitkräften bei. In Charkiw im Nordosten des Landes, 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, hat er die Brigade „Khartia” mitbegründet und den ersten Armeesender der Ukraine aufgebaut. Bei seinem ersten Deutschlandbesuch seit drei Jahren kamen er und der Osteuropahistoriker Karl Schlögel auf dem Podium der Akademie der Künste in Berlin zusammen.

Serhij Zhadan (li.) und Karl Schlögel (re.; Archivbilder) sind sich einig: Das „ungestrafte Böse“ kehrt zurück – zu sehen etwa an Russlands Angriffen auf Charkiw.

Dort sprachen die beiden über den Krieg in der Ukraine und seine Folgen – für die Menschen, für Städte wie Charkiw und für das eigene Schaffen. Kurz vor dem vierten Jahrestag des russischen Großkriegs mahnten die beiden: Ein Vergessen oder Gewöhnen an den Krieg kann es nicht geben.

„Der Feind ist sehr nah“: Autor Zhadan gibt Einblick in das Leben in Putins Ukraine-Krieg

Zhadan, der auch die Punkband Zhadan i Sobaky anführt, trat gewohnt energisch und in Militärstiefeln auf. Schlögel wirkte als emeritierter Professor im Jackett als besonnener Gegenpol, ließ sich Zeit bei der Suche nach Begriffen, präzisierte, um den Worten Nachdruck zu verleihen. Ein beträchtlicher Teil des Abends war Zhadans Heimatstadt Charkiw gewidmet: Hier lebte und arbeitete der Autor als eine der prägenden Figuren der Kulturszene – und verteidigt sie heute als Soldat. Schlögel hat sich intensiv mit der Geschichte und Kultur Charkiws befasst. Er beschreibt die Stadt als wichtigen Akteur in der ukrainischen Kulturlandschaft.

Die zweitgrößte Stadt der Ukraine liegt nur 20 Kilometer von der Front entfernt und ist vom täglichen Raketen- und Drohnenterror gezeichnet. Wo einst seine Wohnung war, in einem Plattenbau im nordöstlichen Stadtteil Saltivka, klaffe ein riesiges Loch, berichtete Zhadan. Es sei auch diese Leere, die Charkiws Veränderung seit Kriegsbeginn ausmache.

Heftiger Angriff auf Kiew: Die Bilder der Zerstörung

Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO / Anadolu Agency
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/Danylo Antoniuk
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/State Emergency Service of Ukraine
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/State Emergency Service of Ukraine
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/EVGEN_KOTENKO
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © dpa/AP/Evgeniy Maloletka
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/Danylo Antoniuk
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/State Emergency Service of Ukraine
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/State Emergency Service of Ukraine
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/Chubotin Kirill/Ukrinform/ABACA
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © dpa/ZUMA Press Wire | Cedar Barnes
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO / ABACAPRESS
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © dpa/AP/Evgeniy Maloletka
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  ©  IMAGO / Anadolu Agency
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO / Anadolu Agency
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/Chubotin Kirill/Ukrinform/ABACA
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/Cedar Barnes
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/Kirill Chubotin
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/State Emergency Service of Ukraine / Handout
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © IMAGO/State Emergency Service of Ukraine
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  ©  IMAGO / Ukrinform
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  ©  IMAGO / ZUMA Press Wire
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  ©  IMAGO / Ukrinform
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © dpa/AP/Evgeniy Maloletka
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.
Russland startet kurz nach Weihnachten einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew. Es gibt zahlreiche Opfer, Tausende Haushalte sind ohne Strom und Heizung.  © dpa/AP/Evgeniy Maloletka

Der fünfte Kriegswinter sei ein schwerer gewesen, berichtete Zhadan. „Das ist eine Stadt, die gebaut wurde für Komfort, für das soziale Leben. Und jede Stadt kann man in eine Falle verwandeln, wenn man ihre Lebensadern zerstört.“ Der Krieg, wie Russland ihn heute in den großen Städten der Ukraine führe, sei einfach Terror, erklärte Zhadan.

„Der Feind ist sehr nah”, sagte Zhadan. Die Bedrohung sei allgegenwärtig und Teil des Alltags. Charkiw bezeichnete er als Bollwerk. Viele hätten die Millionenstadt verlassen, andere seien aus den Frontgebieten hinzugekommen. Dennoch: „Die Stadt lebt und funktioniert“, berichtete Zhadan. Obwohl Drohnenschwärme auf die Stadt und über sie hinweg und weiterfliegen und infolge der Stromausfälle überall Generatoren rattern: „Dieser schreckliche Winter bringt die Stadt trotzdem nicht zum Stillstand.“

Putins Krieg gegen die Ukraine: „Russland macht sich das sowjetische Erbe zunutze“

Für Schlögel, der die Ukraine vor dem Krieg auf zahlreichen Reisen erkundet hatte, ist Charkiw mit seiner konstruktivistischen Architektur der Zwanziger- und Dreißigerjahre „eine bedeutende europäische Stadt“, wie auch die F.A.Z. notierte. Dass es des Schocks eines Krieges bedurfte, um das zu erkennen und „unsere Europakarte zu korrigieren”, sei ungeheuerlich. Zuletzt reiste Schlögel 2023 nach Charkiw und wurde Zeuge der massiven Zerstörung, sah „Häuser, durch die man hindurchblicken kann“ – die historischen Bauten, gerade erst renoviert, lagen in Trümmern. 

Man gehe nicht länger als Flaneur durch die Straßen, sondern als Berichterstatter eines Kriegs­schauplatzes, bemerkte Schlögel. Dass die Stadt es trotzdem schaffe, den Alltagsrhythmus aufrechtzuerhalten – mitsamt Staus und Opernaufführungen – sei für ihn der Inbegriff von Tapferkeit. „Die Verteidigung der Würde des Alltags im Ausnahmezustand – das war eigentlich der stärkste Eindruck, den ich von Charkiw hatte.”

Serhij Zhadan und Karl Schlögel in Berlin

Moderatorin Kateryna Stetsevych von der Bundeszentrale für politische Bildung eröffnete die ausgebuchte Veranstaltung „Seit Jahren reden wir über den Krieg …“ mit dem Verweis auf die Gemeinsamkeiten der beiden Gäste: Beide sind vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zhadan wurde 2022, Schlögel im Oktober 2025 ausgezeichnet. Beide seien „Chronisten der Geschichte in der Gegenwart des Ostens“ und machen den Krieg in der Ukraine zum Mittelpunkt ihrer Arbeit.

Es tue dennoch weh, all diese Veränderungen zu sehen, erwiderte Zhadan. Dabei schöpft er ausgerechnet Hoffnung aus der gewaltvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts – mit dem Kreuzzug der Bolschewiki gegen die Kirchen und der deutschen Besatzung. „Für mich ist Charkiw ein Palimpsest der Zerstörung. Charkiw war immer bedroht.“ Doch so lange der Krieg andauere, gebe es den Aufbau nicht. „Das ist für mich sehr schmerzhaft“, bekannte Zhadan.

Für die systematische Vernichtung der Lebensgrundlagen von Großstädten zog Schlögel seinen Begriff des „Urbizids“ heran: „Planquadrat für Planquadrat wird die zivilisatorische Basis einer Millionenstadt zerlegt.” Darin sieht er eine neue Form der Kriegsführung, die 2014 noch unvorstellbar gewesen sei. Von Städtebau, über den Kachowka-Damm bis zu den Gaspipelines – die Russen machten sich das sowjetische Erbe zunutze. Auch das sage etwas über diesen Krieg aus, meinte Zhadan: „Das ist eine Vergangenheit, die sich mit aller Macht festklammert, obwohl sie eigentlich tot ist.”

„Jetzt kommt eine Welle des Terrors, diese Geschichte wiederholt sich“

Schlögel mahnt eindringlich, nicht nur auf die Geschichte, sondern auch auf die Gegenwart zu blicken: Man müsse genau hinsehen, was passiere, etwa im Kiewer Vorort Butscha: „Das ist die Form eines Massakers, das ist die Form eines ausgelebten Sadismus.” Es sei die Orchestrierung von Gewalt, normalisiert durch tägliche Propaganda: „Das ist auch die Intelligenz der Kriegsführung, nicht nur das Massaker“, so Schlögel. Die Intelligenz, mit der Narrative entwickelt und verbreitet werden und auch unseren Informationsraum erreichen. All das sei tausendfach dokumentiert und werde schon jetzt für einen künftigen Prozess in Den Haag zusammengetragen – zu dem es vermutlich auch kommen werde, meint Schlögel.

Zhadan sieht mittlerweile aber auch eine Kluft zwischen den weiter westlich gelegenen Ländern und der Ukraine. „Es ist fast unmöglich, einem Menschen zu erklären, wie es sich anfühlt, ein Raketenbeschuss, eine Attacke, wenn man das nicht selbst erlebt hat“, sagte vor Beginn der Diskussion in einer Runde mit Berichterstattenden, darunter die Frankfurter Rundschau von Ippen.Media: „Wir können das Wort Raketenbeschuss benutzen, aber bis du selbst im Haus bist, in das ein Geschoss fliegt, kannst du diese Emotionen nicht fühlen.“

Schlögel räumte ein, es sei trotz aller Bilder aus der Ukraine „sehr schwierig, nachzuvollziehen, was da eigentlich vor sich geht“. Allein die Frage, wie man mehrere Tage bei minus 20 Grad im zehnten Stockwerk überlebe, „übersteigt hier unsere Fantasie“. „Wenn Sie mit den Ukrainern sprechen, sehen Sie, dass wir jetzt sehr emotional sind“, fügte Zhadan hinzu. „Aber in den meisten Fällen sind das ehrliche Emotionen, keine Manipulation. Dahinter steht ein großes Bedürfnis nach Gerechtigkeit und an Verständnis.“

Zhadan lenkte den Blick auf dem Podium doch noch einmal auf die Geschichte, er erinnerte daran, dass Russland auch vor der Zerstörung von Mahnmalen wie der Holocaust-Gedenkstätte Babyn Yar nicht zurückschreckt. Gleichzeitig habe es keine Aufarbeitung der Geschichte des Stalinismus gegeben: „Diese Geschichte des Terrors wurde nicht reflektiert und jetzt kommt eine Welle des Terrors, diese Geschichte wiederholt sich.”

Vor allem müsse man die richtigen Schlüsse für sein Handeln ziehen, meint Zhadan. Er warnt vor der Gewöhnung an das Böse und der Normalisierung des Bösen: 1936 hätten die europäischen Führer ebenfalls beschlossen, „mit jenen Menschen zu spielen, die böse waren“. Man dürfe keine Angst haben, sich dem Bösen zu widersetzen. „Das ungestrafte Böse kehrt zurück“, warnte der Kriegschronist. (Von Kristina Thomas / Quellen: Diskussion Zhadan-Schlögel, F.A.Z., eigene Recherchen)

Rubriklistenbild: © Montage: Soeren Stache/Hannes P. Albert/Britta Pedersen/Nicolas Cleuet/dpa/picture alliance/Le Pictorium via Zuma

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