Russland entführt Kinder aus der Ukraine – Völkermord im Ukraine-Krieg?
VonSandra Kathe
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Die gewaltsame Überführung von Kindern gilt laut UN-Konvention als Völkermord. Militärexperten und Geheimdienste vermuten, dass Russland gegen die Konvention verstößt.
Kiew/Washington – Schon seit Beginn des Ukraine-Kriegs gibt es Berichte über Menschen, die aus der Ukraine nach Russland verschleppt werden, darunter auch zahlreiche Kinder und Jugendliche. Nun melden die US-amerikanische Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) und ukrainische Geheimdienste weitere Details, die möglicherweise sogar auf Verstöße von Wladimir Putins Russland gegen die UN-Völkermordkonvention hindeuten könnten.
So gibt es aktuell etwa Berichte aus dem größtenteils durch Russland besetzten Gebiet Luhansk, nach denen Krankenhäuser den Eltern von Neugeborenen den Entzug ihrer Kinder androhen sollen, wenn nicht mindestens ein Elternteil einen russischen Pass nachweisen kann. Die neue Regelung, die laut einer aktuellen Meldung der Militärverwaltung am 6. Mai in Kraft treten soll, wäre laut ISW ein direkter Verstoß gegen Absatz II des UN-Menschenrechtsabkommens.
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In der 1951 in Kraft getretenen UN-Konvention ist demnach festgelegt, dass nicht nur die gezielte Tötung von Mitgliedern einer Gruppe als Völkermord gewertet wird, sondern auch die gewaltsame Überführung von Kindern oder die Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind. Einen Zwang auf werdende Eltern in der Ukraine auszuüben, vor der Geburt ihres Kindes die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, fällt laut dem ISW-Bericht in diese Kategorie des versuchten Völkermords.
Aus Luhansk kommen ebenfalls Berichte, dass Jugendliche neuerdings nach „russischen Bildungsstandards“ über die aktuellen Geschehnisse unterrichtet werden sollen, wofür aktuell neue Schulmaterialien entwickelt würden. In der zum Teil besetzten Region Saporischschja seien zuletzt „militär-patriotische“ Jugendspiele abgehalten worden, an denen rund 200 Kinder teilgenommen haben sollen.
Kinder im Ukraine-Krieg verschleppt – Jugendliche über Kinder-Camp nach Russland gebracht
Auch über die Verschleppung ukrainischer Kinder und Erwachsener wird nach wie vor berichtet. So soll die Militärverwaltung in den besetzen Gebieten der Region Cherson bereits mehrere Jugendliche über das „Ocean“ Kinder-Camp nach Russland gebracht und dort an Schulen untergebracht haben, so das ISW. Laut Ankündigung der Besatzungsverwaltung ist dasselbe Vorgehen für rund 200 weitere Kinder geplant. Auch Erwachsene aus der Stadt Hola Prystan und nahegelegenen Ortschaften sollen tiefer in die besetzten Gebiete Chersons beziehungsweise auf die seit 2014 besetzte Krim verschleppt worden sein.
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Darüber hinaus sei es in der Region Saporischschja nach aktuellen Erkenntnissen des Sicherheitsdiensts der Ukraine (SBU) Anfang Mai zu mehreren Vorfällen gekommen, bei denen Zivilpersonen erst in die russische Region Rostow und von hier weiter an die Grenze zwischen Russland und Lettland gebracht worden sein. Dort sollen russische Beamte die Menschen gezwungen haben, die Grenze zu überqueren und damit Geflüchtetenstatus für die EU zu erlangen. Ähnliche Vorwürfe hatte es bereits gegen den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko gegeben, der im Winter 2021 etliche Menschen über die Grenze nach Polen geschickt hatte, mutmaßlich um das politische Klima in der EU zu destabilisieren. (saka)