VonJana Stäbenerschließen
Sie wollen nicht arbeiten, bekommen mehr Sozialleistungen und haben keine gute Ausbildung? BULLSHIT! Diese Klischees über Asylbewerber:innen sind größerer Mist als dein Biomüll.
Über Geflüchtete und Asylbewerber:innen kursieren einige falsche Informationen. Nein, Migration ist NICHT schuld an Messerattacken und nein, Ausländer sind nicht so scharf auf die deutsche Staatsbürgerschaft, wie es die CDU/CSU gerne darstellt.
Bestimmt hast du noch mehr solcher Vorurteile schon mal gehört oder gelesen. Kein Problem: Wir von BuzzFeed News Deutschland klären sie auf. Hier acht Dinge, die so einfach nicht stimmen:
1. Geflüchtete bekommen mehr Geld beziehungsweise Sozialleistungen als Deutsche
FALSCH: Alleinstehende Asylbewerber:innen haben Anspruch auf 460 Euro pro Monat – weniger als die 563 Euro Bürgergeld, die deutschen Sozialhilfeempfänger:innen zusteht. Menschen, die in AnkER-Zentren leben, erhalten meist weniger Geld, da sie vor Ort Sachleistungen wie Lebensmittel und Kleidung bekommen. Geflüchtete aus der Ukraine haben Anspruch auf Bürgergeld und müssen keinen Asylantrag stellen. Eine Ungleichbehandlung, die Verbände wie Pro Asyl immer wieder kritisieren.
AnkER-Zentrum
AnkER-Zentren sind Sammelunterkünfte für neu ankommende Asylbewerber:innen, in denen Asylverfahren beschleunigt werden können. Das Ziel: Menschen schneller aufnehmen oder ablehnen und abschieben. Der Begriff „AnkER“ seht für Ankunft, Entscheidung und Rückführung.
Geflüchtete sollen in AnkER-Zentren nicht länger als 18 bis 24 Monate leben, danach dürfen sie in kleinere Unterkünfte in Städten und Gemeinden umziehen – für Familien mit Kindern gibt es Sonderregelungen.
2. Geflüchtete wollen nicht arbeiten
FALSCH: Laut Herbert Brücker wollen 95 bis 98 Prozent der geflüchteten Männer arbeiten. „Im Vergleich mit Deutschen oder anderen Gruppen ist die Erwerbsneigung bei Geflüchteten sehr hoch“, sagt der Bereichsleiter Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Die Erwerbstätigkeit bei Geflüchteten, die 2015 und 2016 nach Deutschland kamen, sei mittlerweile fast so hoch, wie beim Rest der Bevölkerung. „Die Erwerbstätigenquote der Geflüchteten, die 2015 nach Deutschland kamen, kann auf knapp zwei Drittel geschätzt werden (66 Prozent)“, sagt Brücker. „Das ist noch rund zehn Prozentpunkte geringer als im Bevölkerungsdurchschnitt (76 Prozent), aber sie nähert sich weiter an.“
Natürlich seien Erwerbstätigenquoten von Geflüchteten direkt nach deren Ankunft gering – auch weil die Personen sich noch in Asylverfahren befinden oder sogar Beschäftigungsverboten unterliegen. „Nach zwei Jahren jedoch steigt die Quote stark an. Das bildet die amtliche Beschäftigungsstatistik nicht ab, weil sie keine Informationen zum Zuzugszeitpunkt enthält.“ Trotzdem berufen sich Politiker:innen immer wieder auf sie, kritisiert Brücker. „Das halte ich für ethisch fragwürdig.“
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3. Geflüchtete kommen nur wegen der Sozialleistungen
FALSCH: Eine Studie der Humboldt-Universität Berlin belegt: „Die Rolle der Sozialleistungen für Migration wird überschätzt“. Viel wichtiger sei die Größe eines Landes, die wirtschaftliche Situation und ob die Person dort Kontakte habe, sagt der Studienautor Tim Müller BuzzFeed News Deutschland.
4. Geflüchtete haben keine gute Ausbildung
FALSCH: „Menschen, die vor Gewalt, Krieg und Verfolgung flüchten, sind im Schnitt besser qualifiziert, als Menschen, die im Herkunftsland bleiben“, so Brücker. Aber auch auf Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen auswandern, treffe das zu. „Wir beobachten weltweit, dass die Migrationsbevölkerung deutlich besser qualifiziert ist, als Menschen, die bleiben.“
Das Problem sei, dass die meisten Länder ein anderes Bildungssystem haben als Deutschland. „Wir sind da der Sonderfall“, sagt der Migrationsforscher. Bei uns gebe es das duale Ausbildungssystem, für das sich Zuwanderer:innen nicht qualifizieren können, weil es diese Abschlüsse in ihrem Herkunftsland einfach nicht gebe. Dort sei eine längere Schulbildung und dann ein Training on the Job üblich. Das erkläre, warum neben Akademiker:innen Menschen einwandern, die laut deutscher Definition keine Ausbildung haben, obwohl sie vor ihrem Zuzug eine qualifizierte Tätigkeit ausgeübt haben.
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5. Geflüchtete nehmen anderen Menschen in Deutschland die Jobs weg
HAUPTSÄCHLICH FALSCH: Dass aufgrund des dualen Ausbildungssystems vermehrt Menschen am oberen und am unteren Ende der Bildungsskala einwandern, führe in diesen Bereichen tatsächlich zu mehr Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. „In Zukunft werden wir immer stärker beobachten, dass Migrant:innen Spitzenpositionen besetzen“, so Brücker. Aber abgesehen davon seien keine negativen Effekte auf den Arbeitsmarkt erkennbar.
„Die Mitte der Gesellschaft profitiert von Migration“, sagt der Arbeitsmarkt-Experte. Denn dort herrsche Fachkräftemangel, dort brauche man Zuwanderer:innen. „Der Schlüssel zu einer gelungenen Einwanderung in den Arbeitsmarkt ist, dass wir ausländische Qualifikationen anerkennen, damit mehr Menschen mit mittleren Qualifikationen kommen.“
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6. Geflüchtete bekommen mehr Kinder
HAUPTSÄCHLICH FALSCH: „Migration hilft nicht, unsere Geburtenraten zu erhöhen“, sagt Brücker. Das Vorurteil, dass Migrant:innen und Geflüchtete mehr Kinder bekommen, stimme nicht. Zumindest nicht auf lange Sicht: „Die Geburtenraten von Einwanderer:innen sind am Anfang höher, nähren sich aber sehr schnell an die 1,53 Kinder pro Frau an, die wir in Deutschland haben“, sagt Brücker. Deswegen brauche es netto 400.000 Menschen, die in den Arbeitsmarkt einwandern. Dafür seien in etwa 1,5 bis 1,6 Millionen Zuzüge pro Jahr notwendig.
7. Geflüchtete sind kriminell
HAUPTSÄCHLICH FALSCH: Wie ein Faktencheck der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zeigt, sind „Zuwanderer“ bei Mord und Totschlag, bei schwerer Körperverletzung und bei Vergewaltigung tatsächlich deutlich überrepräsentiert. Dafür gibt es jedoch Erklärungsansätze. Zum einen ist der durchschnittlicher Asylbewerber männlich und knapp 30 Jahre alt, also rund 15 Jahre jünger als der deutsche Durchschnitt.
Damit gehört er zu einer Bevölkerungsgruppe, die praktisch überall auf der Welt häufiger Straftaten verübt. Zum anderen haben Zuwanderer eine unsichere Zukunftsperspektive, die sich auf die Kriminalitätsanfälligkeit auswirkt – und ausländische Täter:innen werden eher bei der Polizei gemeldet, zeigt eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
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8. Geflüchtete schummeln sich jünger, indem sie ihre Pässe verlieren
HAUPTSÄCHLICH FALSCH: 2020 hatten 51,8 Prozent der erwachsenen Asylsuchenden in Deutschland keine Papiere, die ihre Identität zweifelsfrei klären können, so das Bundesinnenministerium. Wie der Flüchtlingsrat Niedersachsen und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) klarstellen, liegt das aber nicht daran, dass die Personen ihre Ausweise mutwillig verlieren.
Viele Geflüchtete besitzen keine Dokumente, da es in ihren Herkunftsländern (im Gegensatz zu Deutschland) kein Recht auf einen Pass gibt oder sie ihn aufgrund der politischen Situation nicht gefahrlos beantragen können. Wenn doch, so kommt es oft vor, dass ihnen diese von Schleppern oder anderen Behörden in Durchreisestaaten abgenommen werden. Auch in europäischen Behörden gehen Dokumente ab und an verloren.
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Rubriklistenbild: © Sebastian Kahnert/dpa, Collage





