VonFlorian Naumannschließen
Alexej Nawalnys Tod schlägt hohe Wellen – auch in prorussisch gesinnten Teilen Europas. Ins Kreuzfeuer gerät nach der Siko Serbiens Präsident Vučić.
München/Sarajevo – Der mutmaßlich gewaltsame Tod von Putin-Kritiker Alexej Nawalny hat im Westen für Entsetzen gesorgt. Doch in Teilen Europas könnten die Ereignisse vor allem eine alte Zerrissenheit erneut an die Oberfläche bringen: Der Blick fällt auf Serbien und serbisch-geprägte Teile des Balkan.
Einen ersten – medial in Deutschland kaum beachteten – Aufreger hatte Serbiens Präsident Aleksandar Vučić bereits bei der Sicherheitskonferenz 2024 in München geliefert. Nun gibt es einerseits Berichte über Gewalt gegen eine improvisierte Nawalny-Gedenkstätte in Bosnien-Herzegowinas Hauptstadt Sarajevo. Andererseits gibt es aber auch Zornesbekundungen in der Region.
Ein Hintergrund: Gerade in Serbien, der serbisch geprägten Republika Srpska in Bosnien und – abgeschwächter – in Teilen von Montenegros Bevölkerung wird Russland als einer der engsten Verbündeten gesehen, wie der Wiener Politikwissenschaftler Vedran Džihic zuletzte IPPEN.MEDIA erklärte. Doch die Lage scheint komplex. Auch wegen Nawalnys Tod.
Nawalnys Tod zeigt Folgen: Vučić applaudiert Nawalnaja nicht – das fällt auch zuhause auf
Pro-russische Meinungsäußerungen – auch im Angesicht des Ukraine-Kriegs – sind in diesen Regionen prinzipiell nichts Neues. Schon kurz nach Russlands Einmarsch in der Ukraine hatte es etwa in Serbiens Hauptstadt Belgrad Großdemonstrationen zu Putins Gunsten gegeben. Und der politische Anführer der bosnischen Serben, Milorad Dodik, suchte auch in den vergangenen zwei Jahren die Nähe des Kreml. Gerade Vučić aber muss eigentlich den Balance-Akt zwischen EU und Moskau schaffen.
Bei der Siko fiel er dennoch auf; just beim Auftritt von Nawalnys Witwe Julia. Die viel beachtete Rede von Nawalnys Witwe verfolgte Vučić aus den vorderen Reihen des Auditoriums im Münchner Hotel Bayerischer Hof. Wie viele andere Anwesende erhob auch er sich bei Julia Nawalnajas Eintreffen auf dem Podium, wie Videobilder zeigen – applaudierte aber nicht, sondern nestelte an den Kopfhörern für die Simultanübersetzung. In der Heimat wurde das sehr wohl wahrgenommen: Über die bemerkenswerte Szene berichtete unter anderem das serbische Portal N1Info.
Vučić hielt sich zunächst auch mit Einschätzungen zu Nawalnys Tod zurück. Dafür äußerte er Befürchtungen: „Unsere Position wird schwieriger sein, daran habe ich keine Zweifel“, sagte er dem TV-Sender Prva am Sonntag (18. Februar). Mit viel Gegenwind im eigenen Land muss Serbiens Präsident wohl nicht rechnen. Einerseits hat die Regierung zuletzt hart gegen Menschen durchgegriffen, die gegen mutmaßliche Wahlmanipulationen demonstrierten. Andererseits ist die Haltung zu Nawalny wesentlich kontroverser als in anderen Teilen der EU. Trauer- und Zornes-Kundgebungen gab es aber auch hier.
Nawalnys Tod legt Konflikte offen: Ärger an Gedenkstätte – in Belgrad demonstrieren wütende Russen
Ein Schlaglicht auf die Lage lieferte am Montag (19. Februar) Sarajevo. Dort hatten im Stadtzentrum Unbekannte Bilder und Blumen zu Ehren des verstorbenen Nawalny abgelegt. Ein „Passant“ habe die improvosierte Gedenkstelle zerstört, berichtete der bosnische Ableger des Senders N1. Der Vorfall ist pikanterweise fotografisch bestens dokumentiert. Allerdings habe „ein russischer Mann“ die Beileidsbekundungen soweit möglich wieder rearrangiert – und auch Großbritanniens Botschafter Julian Reilly habe den Ort besucht, hieß es. Sarajevos Zentrum ist nicht Teil der großteils proserbisch und -russisch gesinnten Teilrepublik Srpska. Diese ist allerdings nur wenige Kilometer entfernt.
Der Vorfall könnte eine Spaltung in der Region versinnbildlichen. In Serbiens Hauptstadt Belgrad hatten laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AP „hunderte Russen und andere“ nach der Nachricht von Nawalnys Tod Kerzen vor der russischen Botschaft angezündet. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs seien „Zehntausende“ Russinnen und Russen nach Serbien gekommen. Das könnte nun die Stimmungslage beeinflussen. Von größeren Ehrerweisungen in Form einer Gedenkstätte auch in Montenegros Hauptstadt Podgorica berichtete das lokale Portal Vijesti.
Nawalnaja völlig unbekannt? Vučić erklärt Siko-Vorfall – Putin-Verbündeter offenbar unter Druck
Der Politologe Džihic attestierte in dem Gespräch mit IPPEN.MEDIA gerade serbisch geprägten Gebieten eine verbreitete „antiwestliche und Anti-EU-Haltung“. Insbesondere in Aleksandar Vučićs Serbien gebe es „eine sehr starke Nähe zu Russland – in allen Aspekten“: Etwa mit Blick auf einen autoritären Regierungsstil oder offensivem Vorgehen gegen politische Gegner. „Zugleich wird Russland in diesen Regionen als einer der engsten Verbündeten gesehen.“
Womöglich deshalb sprach Vučić von einer „schwierigeren Position“ für sein Land nach Nawalnys Tod – der Welle des Protests wollte er sich nicht gänzlich entgegenstellen. Er sei „entsetzt“ über Nawalnys Tod, sagte der serbische Präsident. Lediglich um eine unglückliche Schnittabfolge der Videoübertragung aus München handelte es sich bei seinem Verzicht auf Applaus für Nawalnaja gleichwohl nicht: Vučić bestätigte sein Handeln indirekt im nationalen TV. Seine Erklärung: Er habe Nawalnaja nicht gekannt.
„Plötzlich saß eine Frau neben mir und ich hatte keine Idee, wer sie sein könnte“, sagte er bei Prva, wie Euronews notierte. Bemerkenswert auch, dass die Szene sehr unterschiedliche Deutungen auslöste: Das Portal Politico richtete den Blick vor allem darauf, dass Vučić für Nawalnaja aufgestanden war – das werde Wladimir Putin nicht entgangen sein, hieß es dort.
Durchaus pikant für den Kreml waren auch Reaktionen auf Nawalnys Tod in Armenien: In der Hauptstadt Jerewan filmte der Sender Radio Free Europe eine größere Trauerkundgebung. Armenien ist traditionell ebenfalls ein enger Verbündeter Russlands. Mangelnde Unterstützung aus Moskau im Bergkarabach-Konflikt mit Aserbaidschan sorgte dort aber für große Enttäuschung – Armenien schien sich im Herbst 2023 stärker der Nato zuzuwenden. Andere scheinen standhaft an Putins Seite zu bleiben: Die AfD äußerte harsche Kritik an Nawalnaja. (fn)
Rubriklistenbild: © IMAGO/Armin Durgut/PIXSELL


