Wadephuls schwierige Nahost-Reise: Er warnt Israel vor Westjordanland-Annexion
VonFabian Hartmann
schließen
Außenminister Wadephul reist für Gespräche nach Tel Aviv. Dort geht es um Israels Beitrag zur humanitären Lage in Gaza und die Zukunft des Nahost-Konflikts.
Tel Aviv – Trotz zuletzt aufgestockter Hilfen bleibt die humanitäre Lage im Gazastreifen weiter katastrophal. Kritikerinnen und Kritiker sagen, sie bringe noch keine Verbesserung und sei Symbolpolitik, ähnlich wie die Luftabwürfe, an denen sich auch Deutschland beteiligen will. Internationale Beobachter warnen unterdessen vor einer Hungersnot in Gaza. Immer wieder auch würden Transporter mit Hilfslieferungen von verzweifelten Menschengruppen und Banden geplündert, wie etwa die Tagesschauberichtete. Und auch von immer wieder neuen Toten in Gaza ist die Rede.
Stetig wächst damit auch die Kritik an Israel, das dafür sorgen müsste, dass die Hilfsgüter diejenigen erreichen, die am dringendsten auf sie angewiesen sind. Mit den jüngsten Ankündigungen Frankreichs und Kanadas, den Staat Palästina anerkennen zu wollen und Mahnungen Großbritanniens, wächst der Druck auf Israel weiter. Inmitten jener höchst angespannten Lage reist Außenminister Johann Wadephul (CDU) am Donnerstag zu politischen Gesprächen nach Tel Aviv. Danach wird der Außenminister im Westjordanland erwartet. Auch wenn seine Reise unter äußerst komplizierten Vorzeichen steht, macht sich Wadephul mit konkreten Forderungen auf den Weg nach Israel.
Wadephul reist nach Nahost: Internationaler Druck auf Israel wächst wegen humanitärer Lage in Gaza
Wadephuls Gespräche mit Israels Außenminister Gideon Sa’ar könnten auch entscheidend beeinflussen, ob sich Deutschland doch zu Sanktionen gegen Israel durchringt. Die wurden Tel Aviv zuletzt – neben der Anerkennung eines palästinensischen Staates – vom britischen Premierminister Keir Starmer angedroht, sollte Israel keine wesentlichen Veränderungen der humanitären Lage in Gaza initiieren. Mit dem wachsenden Druck Frankreichs, Großbritanniens und Kanadas auf Israel und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird letztlich auch der Ton aus Berlin gegenüber Tel Aviv strenger, auch wenn sich Deutschland gegenüber Israel nahezu in einer Zwickmühle befindet.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Deutsche Haltung zu Israels Gaza-Politik: Wadephul auf schwieriger Mission
In den deutsch-israelischen Beziehungen, die – wie nicht selten betont wird – seit dem Holocaust durch die deutsche Verantwortung der Wahrung Israels im Sinne einer Staatsraison geprägt sind, war es von deutscher Seite bislang nie zu Sanktionen gegen Tel Aviv gekommen. Mit den Bildern hungernder Menschen in Gaza könnten sie jedoch denkbar werden. Zuletzt schlug auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) – gerade im Vergleich mit seinem Vorgänger Olaf Scholz (SPD) – einen stringenteren Kurs gegenüber Israel ein. Merz berief ein Nahost-Sicherheitskabinett ein, infolgedessen er in einer Mitteilung eine „enge Abstimmungen mit europäischen Partnern“ sowie „eine sofortige Luftbrücke für Hilfsgüter“ ankündigte.
„Israel muss die katastrophale humanitäre Situation in Gaza sofort umfassend und nachhaltig verbessern“, betonte Merz darin. Auch müssten die Geiseln, unter denen noch deutsche Staatsangehörige seien, endlich freigelassen werden. Die Hamas müssten entwaffnet werden und es dürfe keine weiteren Schritte hin zu einer Annexion des Westjordanlandes geben. Auch, weil Merz „einen umfassenden Waffentillstand in Gaza“ forderte, für den die Hamas den Weg frei machen und auch Israel alles in seiner Macht Stehende tun müsse, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) mitteilte, dürfte der Handlungsspielraum für Wadephul in Tel Aviv enger gesetzt sein.
Wadephul warnt Israel ausdrücklich vor einer Annexion des Westjordanlands
Denkbar ist unter diesen Vorzeichen eigentlich nur, dass auch Wadephul bei seinem Besuch in Tel Aviv einen ernsten Ton anschlägt und die Forderungen der Bundesregierung untermauert. Schon unmittelbar bevor der Außenminister nach Tel Aviv aufbrach, schickte er seinem dortigen Besuch eine unmissverständliche Botschaft an Israels Regierung voraus, indem er vor einer Annexion palästinensischer Gebiete warnte.
„Es gibt immer wieder Politiker in Israel, die sagen, wir annektieren das. Die Knesset hat es gerade beschlossen. Das geht natürlich nicht“, sagte Wadephul dem Nachrichtenportal Politico nach Angaben vom Donnerstag. Deutschland stehe zur Zwei-Staaten-Lösung und billige „illegale Siedlungen im Westjordanland nicht“.
Waffenruhe in Gaza: Wadephul fordert humanitäre Hilfe
Und auch weiter folgt Wadephul dem von Merz eingeschlagenen Kurs gegenüber Israel. „Hauptziel“ im anhaltenden Konflikt zwischen Israel und der Hamas sei eine Waffenruhe. Zugleich fordert er mehr humanitäre Hilfe für die Bevölkerung. „Die Zahl der Opfer im Gazastreifen ist zu groß“, sagte Wadephul Politico weiter. Es brauche dort eine „Erleichterung“ für die Bevölkerung.
Wadephul fuhr fort: „Es gibt immer noch 50 Menschen, die fehlen“, sagte er mit Blick auf die von der Hamas im Oktober 2023 aus Israel entführten Menschen. „Etwa 20 davon leben vermutlich noch. Die wollen wir frei bekommen – das steht an erster Stelle.“ Laut Auswärtigem Amt befindet sich unter den in den Gazastreifen verschleppten Geiseln aktuell auch eine „einstellige Zahl“ deutscher Staatsangehöriger. (fh)