Hoffnung und Blockade

Waffenruhe in Gaza: Hamas signalisiert Kompromiss, Netanjahu bleibt hart

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Hoffnung auf eine Feuerpause wächst. Die Hamas will Geiseln freilassen. Netanjahu stellt sich quer und fordert die totale Kapitulation der Hamas.

Tel Aviv/Gaza Stadt – In Ägypten laufen derzeit erneut Verhandlungen über eine Waffenruhe im Gazastreifen, bei denen die Regierung in Kairo und das Golfemirat Katar vermitteln. Die islamistische Hamas hat jüngst einem neuen Entwurf zugestimmt, der große Ähnlichkeiten mit einem vorherigen Plan des US-Sondergesandten aufweist. Jetzt warten die Vermittler auf eine Reaktion aus Israel. Diese könnte allerdings anders ausfallen als erhofft.

Wo Journalismus keine Chance hat

Zeichnung von Adel Zourob.
Adel Zourob, * Palästina / Gaza, getötet 2023 Adel Zourob war dafür bekannt, dass er sich für verwundete Kinder einsetzte. Freiberuflich arbeitete der palästinensische Journalist für mehrere Medien, darunter das der Terrororganisation Hamas nahestehende AL-AQSA VOICE RADIO. Seine Familie gehörte zu den wenigen Palästinensern im Gazastreifen, die in ihren eigenen Häusern geblieben waren. Mehr als 80 % der Bevölkerung waren bereits geflohen. Es sollen laut ASSOCIATED PRESS rund 1.9 Millionen Menschen sein. Adel Zorob postete Nachrichten zum Gaza-Krieg auf seiner Facebook-Seite und in WhatsApp-Nachrichtengruppen. Am 18.Dezember 2023 gab es einen israelischen Luftangriff auf das Haus seiner Familie in Rafah im südlichen Gazastreifen. Der Journalist wurde zusammen mit 25 Familienmitgliedern getötet. Die letzte Nachricht hatte er unmittelbar vor seinem Tod verschickt. © Patrick MacAllister / Wahrheitskämpfer
Zeichnung von Haneen Ali Al-Qashtan
Haneen Ali Al-Qashtan, * 1989 Palästina / Gaza, getötet 2023 in Gaza. Die Journalistin Haneen Ali Al-Qashtan arbeitete für den UKW-Radiosender SAWT AL WATAN. Am 17. Dezember 2023 wurde sie zusammen mit Familienangehörigen bei einem israelischen Bombenangriff auf das Flüchtlingslager Nuseirat im Gazastreifen getötet. Sie wurde 34 Jahre alt. Ali al-Qutshan war die 12. palästinensische Journalistin, die im Israel-Palästina-Konflikt getötet wurde. © Huriye Genc / Wahrheitskämpfer
Zeichnung von Saed Abu Nabhan
Saed Abu Nabhan, * 2000 Palästina / Gaza, getötet 2025 Palästina / Gaza Saed Abu Nabhan wurde während einer Reportage im Flüchtlingslager Nuseirat von einem israelischen Scharfschützen erschossen. Saed Abu Nabhan hatte Fotografie und Videobearbeitung an der Fachhochschule von Gaza studiert, denn er hatte eine Leidenschaft für Journalismus, berichtete sein Vater. Schließlich wurde er freiberuflicher Kameramann und Fotograf und arbeitete für den privaten Fernsehsender AL-GHAD TV und die türkische staatliche Agentur ANADOLU. Am 10. Januar 2025 wurde der 25-Jährige während einer Reportage im Flüchtlingslager Nuseirat im Zentrum von Gaza von einem israelischen Scharfschützen erschossen.  © Maria von Stülpnagel / Wahrheitskämpfer
Zeichnung von Sari Mansur.
Sari Mansur, * Palästina, 2023 im Gazastreifen getötet Sari Mansur war ein palästinensischer Journalist bei QUDS NEWS, einer der Hamas angeschlossenen palästinensischen Nachrichtenagentur. Er wurde am 18. November 2023 bei einem israelischen Luftangriff im Gazastreifen getötet. Er befand sich mit seinem Kollegen Hassouna Salim, einem Kameramann, in dem Flüchtlingslager al Bureij.  © Ernestine Kuger-Hoberg / Wahrheitskämpfer
Zeichnung von Ahmed Mansour
Ahmed Mansour, *Palästina, 2025 in Gaza durch israelischen Angriff verbrannt Ahmed Mansour war Redakteur der lokalen Nachrichtenagentur PALESTINE TODAY. Er wurde am 7. April 2025 mitten in der Nacht bei dem Brand seines Zeltes, in dem mehrere Journalisten untergebracht waren, schwer verletzt. Der Brand wurde durch einen israelischen Angriff verursacht. In einem Video ist zu sehen, wie Ahmed Mansour bei lebendigem Leib verbrennt. Er erlag schließlich noch am selben Tag seinen schweren Verbrennungen.  © Beatrice Adloff / Wahrheitskämpfer
Zeichnung von Abdallah Alwan.
Abdallah Alwan, * Palästina / Gaza, getötet 2023 in Palästina / Gaza Abdallah Alwan war ein prominenter Radiokommentator und Nachrichtensprecher und arbeitete für mehrere Agenturen, darunter für die zu AL-JAZEERA gehörende Radio-Plattform MIDAN, das Magazin MUGTAMA und AL-JAZEERA. Auch war er als Radiomoderator tätig für das HOLY QURAN RADIO der Islamischen Universität. Am 30. November 2023 postete Alwan Fotos von den Schäden an seinem Haus in Jabalia in Nord-Gaza, die durch israelische Bombardierungen entstanden waren. Er erklärte, dass zwei seiner Nichten bei den Angriffen getötet worden waren. In seinem letzten Facebook-Post vom 17. Dezember 2023 schrieb Alwan: „An jedem Morgen sagen wir, dass die letzte Nacht die schlimmste Nacht des Krieges war… Alle Tage sind schlimmer als alle zuvor. Das beschreibt kurz und knapp den Krieg“. Einen Tag später, am 18. Dezember 2023 wurde er in seinem Haus getötet. © Lucia Makelis / Wahrheitskämpfer
Zeichnung von Ramy al Refee
Ramy al Refee, *1997 Palästina / Gaza, getötet 2024 in Palästina / Gaza Ramy al Refee arbeitete als Kameramann für die lokale WATANIA MEDIA AGENCY und seit Ausbruch des Israel-Gaza-Krieges als Freelancer für AL JAZEERA ARABIC TV. Dort war er dem Reporter Ismail Al-Ghoul zugeteilt worden. Sie waren gemeinsam für Reportagen im Kriegsgebiet in Gaza unterwegs. Ramys Vater, Iyad al Refee, teilte mit, sein Sohn habe aus Sicherheitsgründen in Krankenhäusern übernachtet und sei jede Woche ein- bis zweimal zum Essen und Schlafen nach Hause gekommen. Am 31. Juli 2024 waren beide in Gaza-Stadt unterwegs, um vor dem Privathaus des Hamas-Führers Ismail Hanija zu drehen. Dieser war zuvor durch das israelische Militär im Iran getötet worden. Als ein Anschlag auf ein Nachbargebäude verübt wurde, verließen die beiden Reporter umgehend das Areal in einem Fahrzeug, um sich in Sicherheit zu bringen. Kurz darauf wurde ihr Wagen von einer israelischen Drohne getroffen. Der 27-jährige Ramy al Refee und sein Kollege Al-Ghoul waren sofort tot. Beide Leichen wurden zum Al-Ahli-Krankenhaus gebracht. © Carole Isler / Wahrheitskämpfer
Zeichnung von Ahmed Bdeir.
Ahmed Bdeir, * 1994 Palästina/Gaza, getötet in Palästina/Gaza 2024 Der palästinensische Journalist Ahmed Bdeir (Ahmed Badir) arbeitete für die Zeitung AL-HADAF MEDIA NETWORK. Am 10.Januar 2024 wurde er bei einem israelischen Bombenangriff neben dem Krankenhaus „Al-Aqsa Märtyrer Hospital“ in Deir al Balah getötet. Er wurde nur 30 Jahre alt. © Angelika Wey-Bomhard / Wahrheitskämpfer
Zeichnung von Helmi Al-Faqaawi.
Helmi Al-Faqaawi, getötet 2025 in Palästina / Gaza Helmi Al-Faqaawi arbeitete als Reporter für PALESTINE TODAY. Er wurde am 7. April 2025 durch einen israelischen Luftangriff getötet. Mehrere Videos zeigen die Folgen dieses Luftangriffes auf ein von Journalisten genutztes Zelt im Eingangsbereich des Al-Nasser-Krankenhauses in Chan Yunis / Gaza. Umstehende versuchen, mit Wasser aus Plastikflaschen die meterhohen Flammen zu bändigen. Helmi Al-Faqaawi sowie ein weiterer Mann wurden getötet, insgesamt neun Medienschaffende verletzt. © Johannes Stahl / Wahrheitskämpfer
Zeichnung von Ismail al-Ghoul.
Ismail al-Ghoul, * 1997 Palästina / Gaza, ermordet 2024 Ismail Al Ghoul arbeitete für den von Katar finanzierten arabischen Fernsehsender AL JAZEERA. Al Ghoul war einer der wenigen Reporter, die im nördlichen Gazastreifen während des Angriffs Israels verblieben waren. Er hatte mehr als 620.000 Instagram-Follower und war durch seine Auftritte bei AL JAZEERA bekannt.  © Achim Ripperger / Wahrheitskämpfer
Zeichnung von Said al-Tawil.
Said al-Tawil, * Palästina, getötet 2023 Palästina / Gaza Saeed Al-Taweel beendete 2012 sein Studium mit einem Bachelor-Abschluss an der Islamischen Universität von Gaza in Fach Medien und Journalismus. Seine Karriere begann er als Reporter für mehrere lokale und regionale Medien, die verschiedene Themen wie Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport behandelten. 2018 kam er als Korrespondent und Produzent in Gaza zu dem jordanischen Satellitenkanal ROYA TV. Er war darüber hinaus Chefredakteur des unabhängigen palästinensischen Nachrichtensenders AL-CHAMISA. © Huriye Genc / Wahrheitskämpfer
Zeichnung von Ayat Khadoura.
Ayat Khadoura war eine palästinensische freiberufliche Journalistin. Sie hatte an der Al-Quds-Universität im Gazastreifen einen Abschluss in digitalen Medien gemacht und begann, für lokale Medien als freiberufliche Rundfunkjournalistin zu arbeiten. Die Vlogs der ausgebildete Synchronsprecherin waren in ganz Palästina beliebt. Die 27-jährige Journalistin wurde am 20. November 2023 bei einem israelischen Luftangriff auf ihr Haus in Beit Lahya im Norden des Gazastreifens getötet. Zusammen mit ihr starben vielen ihrer Familienmitglieder, darunter ihre Brüder Ayoub und Adham und ihre Schwester Souad. © Dzemail Demic / Wahrheitskämpfer

Die Hamas hat dem Vorschlag regionaler Vermittler für einen Waffenstillstand im Gazastreifen und die Freilassung von Geiseln durch Israel am Montag (18. August) zugestimmt, wie eine Quelle der bewaffneten Palästinensergruppe der britischen BBC mitteilte. Demnach würde die Hamas etwa die Hälfte der 50 verbleibenden Geiseln – von denen 20 vermutlich noch am Leben sind – in zwei Gruppen während einer ersten 60-tägigen Waffenruhe freilassen. Außerdem würden in diesem Zeitraum Verhandlungen über einen dauerhaften Waffenstillstand stattfinden. Israelischen Medienberichten zufolge basiert er auf einem vorherigen Plan des US-Sondergesandten Steve Witkoff.

Katar bestätigt Annäherung: Hamas übernimmt fast vollständig einen zuvor von Israel akzeptierten Plan

Auch der Sprecher des katarischen Außenministeriums, Madsched al-Ansari, erklärte am Dienstag (19. August) der aktuelle Entwurf sei „fast identisch“ mit einem vorherigen Plan, dem Israel damals zugestimmt hatte. Die Palästinenserorganisation Hamas habe „eine sehr positive Antwort gegeben und einen zuvor von Israel akzeptierten Plan“ zu einer Waffenruhe im Gazastreifen und der damit verbundenen Freilassung von Geiseln „fast vollständig übernommen“, fügte er hinzu. Jetzt erwarte man eine Reaktion aus Israel.

Nach Bekanntwerden der Vereinbarung bestätigte ein israelischer Beamter gegenüber The Times of Israel, dass man den jüngsten Vorschlag der Hamas erhalten habe. Später hieß es in einer Stellungnahme der Regierung: „Die Position Israels hat sich nicht geändert – [sowohl hinsichtlich] der Freilassung aller Geiseln als auch der Einhaltung der anderen Bedingungen, die für die Beendigung des Krieges festgelegt wurden“.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu will von einer Waffenruhe mit der Hamas nichts wissen.

Netanjahu lehnt Hamas-Signale ab: Offensive in Gaza-Stadt weiterhin geplant

Derweil wies Israels Premierminister Benjamin Netanjahu die Antwort der Hamas offenbar zurück, wie die Zeitung schreibt. Stattdessen habe er signalisiert, dass Israel seinen Plan zur Eroberung von Gaza Stadt, der größten Stadt des palästinensischen Gebiets, und zur Umsiedlung ihrer Bevölkerung in den südlichen Gazastreifen vorantreiben werde.

Netanjahu sei überzeugt, dass die Hamas dem Vorschlag nur deshalb zugestimmt habe, weil sie „unter enormem Druck“ steht. Er habe sich am Montag mit der Führungsspitze der IDF getroffen, um die Übernahme von Gaza-Stadt durch Israel „und die Erfüllung unserer Missionen“ zu besprechen, so der Premier weiter. „Auch ich höre wie Sie die Berichte in den Medien, und daraus kann man einen Eindruck gewinnen: dass die Hamas unter enormem Druck steht.“

Verteidigungsminister Katz teilt Netanjahus Linie: Einnahme von Gaza-Stadt gefordert

Ähnlich abweisend äußerte sich am Montag dem Bericht zufolge Verteidigungsminister Israel Katz. Er glaubt demnach, die Hamas sei nur „aus Angst, dass wir ernsthaft beabsichtigen, Gaza-Stadt zu erobern“, an den Verhandlungstisch zurückgekehrt. Während seines Besuchs in der Gaza-Division zusammen mit Netanjahu und IDF-Generalstabschef Eyal Zamir habe er nochmals seine Position deutlich gemacht, dass nur eine Einnahme von Gaza-Stadt „zur Niederlage der Hamas führen“ werde.

Während die Gespräche in Kairo über ein Teilabkommen zwischen arabischen Vermittlern und der Hamas in den vergangenen Tagen vorangekommen sind, hat Netanjahu wiederholt betont, dass er an solchen Vorschlägen nicht mehr interessiert sei. An der Liste seiner Forderungen zur Beendigung des Krieges hat sich demnach nichts geändert: Die Hamas müsse alle Geiseln auf einmal freilasse, ihre Waffen niederlegen, die Entmilitarisierung des Gazastreifens zulassen, Israel die vollständige Sicherheitskontrolle über den Gazastreifen gewähren und die Kontrolle an eine andere Instanz als die Palästinensische Autonomiebehörde übergeben.

Trotzdem gibt es laut dem Zeitungsbericht noch Hoffnung auf einen Verhandlungsfortschritt. Es sei bemerkenswert, dass Netanjahu die Fortsetzung der Verhandlungen über ein Teilabkommen nicht öffentlich ausgeschlossen habe. Dies sei ein mögliches Indiz dafür, dass die israelische Regierung noch keinen endgültigen Entschluss gefasst habe. (tpn)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Ronen Zvulun

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