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Wladimir Putin hat zum ersten Mal indirekt zugegeben, dass die Söldner der Wagner-Truppe im Auftrag Russlands agiert haben. Die Zukunft der Gruppierung bleibt derweil unklar.
Moskau - Wladimir Putin ist, soweit bekannt, kein Quantenphysiker. Seine Aussage über die Wagner-Gruppe um Jewgeni Prigoschin erinnert dennoch stark an Erwin Schrödingers berühmte Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist. Doch während man bei Schrödingers Katze die Quantenmechanik für den ungeklärten Zustand verantwortlich macht, ist es im Falle Wagners die Gesetzeslage in Russland. „Wir haben kein Gesetz über private Militärorganisationen... Die Gruppe gibt es zwar, aber juristisch existiert sie nicht“, wird der Kremlchef von der russischen Tageszeitung Kommersant zitiert.
Damit habe Putin zum ersten Mal indirekt eingestanden, dass die russische Führung im Ukraine-Krieg bewusst auf eine illegale Organisation gesetzt habe, so ntv. Der Kreml hatte dies zuvor abgestritten. Die Truppe, die von ihrem Befehlshaber Prigoschin mehrfach als besonders kampfwillig und fähiger als der Rest des russischen Heeres dargestellt wurde, hatte immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. 2014 für den Einsatz im ukrainischen Donbass gebildet, gilt die Schattenarmee als extrem brutal und nimmt keine Rücksicht auf Menschenleben. Zahlreiche Kriegsverbrechen werden den Söldnern angelastet.
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Gleichzeitig ist die Wichtigkeit ihrer Leistungen für Moskau nicht von der Hand zu weisen. Vor allem in den monatelangen blutigen Kämpfen um die Stadt Bachmut hat der Söldnertrupp sich einen Namen gemacht. Präsident Putin hatte Wagner Ende Mai zur erfolgreichen Einnahme gratuliert. Allerdings waren sich beide Seiten schon während der Kämpfe nicht ganz grün. Nach Ansicht von Prigoschin hatte Russland die Kämpfer nicht ausreichend mit Waffen und Munition versorgt. Ende Juni dann die Kehrwende: nach einem angeblichen Angriff russischer Truppen auf ein Lager der Söldner, lässt Prigoschin die Stadt Rostow am Don besetzen. Kolonnen von Söldnern rücken bis kurz vor Moskau vor, für Putin eindeutig Verrat.
Erst kurz vor Moskau wird der Vormarsch gestoppt. Es finden Verhandlungen statt, bei denen der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko als Vermittler fungiert. Daraufhin pfeift Prigoschin die Wagner-Truppe zurück. Am 29. Juni kommt es im Kreml zu weiteren Verhandlungen mit mehreren Kommandeuren der Privatarmee. Auch Prigoschin selbst soll dabei anwesend gewesen sein, wie der Kommersant berichtet. Nach eigenen Angaben soll Putin den Söldnern nach ihrer Revolte gegen die Militärführung angeboten haben, in der Ukraine weiter unter eigenem Kommando zu kämpfen.
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Verbleib des Wagner-Chefs lange unklar: Hat er die Wünsche seiner Männer ignoriert?
„Viele haben genickt, als ich das sagte“, so Putin. Nur Prigoschin selbst habe das nicht gesehen, da er vorne gesessen habe. Stattdessen habe er gesagt „Nein, die Männer sind mit so einer Entscheidung nicht einverstanden“. Das habe Putin ntv zufolge am Rande des Future Technologies Forum im Moskauer World Trade Center einem Korrespondenten des Kommersant mitgeteilt. Ob Putins Nacherzählung der Dialogabfolge und Sitzordnung stimme, könne jedoch nicht nachgeprüft werden.
Wo sich Prigoschin gerade aufhält, war lange nicht klar. Zeitweise war davon ausgegangen worden, dass er Unterschlupf in Minsk in Belarus gesucht hat. Bei einer Pressekonferenz am 6. Juli hatte der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko überraschend geäußert, dass sich der Kopf der Wagner-Truppe nicht im Land aufhalte. Wagner sei ein russisches Unternehmen, deshalb seien Fragen dazu nicht an ihn zu richten, sagte er. Am 14. Juli ist nach Wochen wieder ein Foto von Prigoschin aufgetaucht. (Tadhg Nagel)
Rubriklistenbild: © IMAGO/Pool /Wagner Group
