Was wusste Surowikin?

Plötzlich verschwunden: Putins „General Armageddon“ nach Wagner-Rebellion angeblich verhaftet

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General Sergei Surowikin soll über Prigoschins Pläne informiert gewesen sein. In Russland wird über eine mögliche Festnahme spekuliert.

Update vom 29. Juni, 6.00 Uhr: Ist Sergej Surowikin seine Rolle beim Aufstand der Wagner-Gruppe nun zum Verhängnis geworden? Nach Angaben russischsprachiger Medien soll der stellvertretende Oberbefehlshaber der russischen Invasionstruppen festgenommen worden sein. Die unabhängige Internetzeitung Moscow Times etwa schrieb das etwa unter Berufung auf zwei anonyme Quellen mit Verbindungen zum russischen Verteidigungsministerium. Eine offizielle Bestätigung gab es allerdings zunächst nicht.

Surowikin, der auch als Putins „Generals Armageddon“ bekannt ist, war im Oktober zum Oberbefehlshaber der russischen Truppen in der Ukraine ernannt worden, ehe er nach Kritik wegen militärischer Rückschläge im Januar von Generalstabschef Waleri Gerassimow abgelöst und zu dessen Stellvertreter degradiert wurde. Die New York Times berichtete am Dienstag, Surowikin soll von dem Wagner-Aufstand gewusst haben. Der Kreml wies die Berichte als Spekulationen zurück (s. auch Erstmeldung).

General Sergej Surowikin besetzte für Russlands Militär und Präsident Wladimir Putin bereits in Syrien einen wichtigen strategischen Posten.

Wagner-Rebellion: Russischer General soll von Prigoschins Plänen gewusst haben

Erstmeldung vom 28. Juni: Moskau – Bei der russischen Armee hat Jewgeni Prigoschin nicht viele Freunde. Immer wieder schoss der oberste Befehlshaber der Wagner-Gruppe in scharfem Ton gegen die Militärführung um Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow und warf ihnen verheerende Inkompetenz im Ukraine-Krieg vor. Auch an der Front kam es zu Auseinandersetzungen aufseiten Russlands. Die russischen Streitkräfte sollen sogar Stellungen der Wagner-Söldner mit Raketen beschossen haben. Der Machtkampf zwischen Prigoschin und Russlands Armee eskalierte schließlich mit dem versuchten Sturm der Söldner auf Moskau.

Sergei Surowikin ist einer der wenigen Offiziere bei den russischen Streitkräften mit einer guten Beziehung zu Prigoschin. Im Kreml sowie bei Soldaten genießt der General eigentlich ein hohes Ansehen. Doch Schoigu übertrug die Aufgabe des Kommandeurs im Januar nach militärischen Rückschlägen an Gerassimow. Surowikin ist seitdem lediglich dessen Stellvertreter. Nun gebe es Hinweise darauf, dass Surowikin in Prigoschins Pläne, die Militärführung zu stürzen, eingeweiht war. Das berichtet die New York Times unter Berufung auf US-Regierungskreise, die Informationen der Geheimdienste beziehen.

Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland

Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern.
Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern. © IMAGO/Erik Romanenko
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen.
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen. © Sergey Pivovarov/IMAGO
Nahaufnahme der Ausrüstung. Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet.
Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet und schwer bewaffnet. © Erik Romanenko/IMAGO
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator)
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator) © Erik Romanenko/IMAGO
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt.
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt. © Erik Romanenko/IMAGO
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen.
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen. © IMAGO/Erik Romanenko
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen.
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen. © IMAGO/Erik Romanenko
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht.
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht. © Kirill Zykov/IMAGO
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls. Zusätzlich zu den üblichen Wachen in prunkvoller Uniform sind hier Polizisten postiert.
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls wird zusätzlich zu den üblichen Wachen von der Polizei bewacht. © Ilya Pitalev/IMAGO
Eine Polizistin in Moskau steht hinter der Absperrung des Roten Platzes neben einem Einsatzwagen. Im Hintergrund sind die farbigen Kuppeln der Basilius Kathedrale zu sehen.
Der Rote Platz in Moskau ist weiträumig abgesperrt und wird von der Polizei bewacht. © IMAGO/Ilya Pitalev
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht.
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht. © IMAGO/Alexander Galperin
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten.
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten. © IMAGO/Kirill Kallinikov
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert.
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert. © IMAGO/Vitaliy Belousov
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt.
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt. © IMAGO
In der russischen Stadt Rostow am Don stehen Soldaten in den Straßen Wache und beobachten die Lage.
Die Soldaten stehen in den Straßen Wache und beobachten die Lage. © IMAGO/Erik Romanenko

Wagner-Aufstand: Was wusste General Surowikin von Prigoschins Plänen?

Die USA würden nun prüfen, ob Surowikin Wagner-Chef Prigoschin bei der Planung der bewaffneten Rebellion unterstützt habe. Es gebe Hinweise, dass weitere russische Generäle Hilfe geleistet hätten. Prigoschin hätte den Aufstand demnach nicht angezettelt, wenn er keinen Beistand hochrangiger Militärs gehabt hätte, glauben die USA.

Surowikin hatte sich während des Aufstands auf die Seite Moskaus geschlagen und per Videobotschaft von den Putschisten distanziert. „Der Feind wartet nur darauf, dass sich die innenpolitische Situation in unserem Land verschlechtert“, teilte er via Telegram mit. Ein US-Beamter sagte der New York Times jedoch, dass ihn die Botschaft an ein „Geiselvideo“ erinnere. Surowikins Körpersprache zeige, dass er sich nicht wohl dabei fühle, einen Verbündeten mit der gleichen Meinung zum russischen Militär anzuprangern.

Ein Video soll zudem den General Wladimir Alexejew im Gespräch mit Prigoschin in Rostow zeigen – in der Stadt, die die Wagner-Truppen besetzt hatten. Doch nur Stunden zuvor hatte auch er sich per Videobotschaft gegen Prigoschin gerichtet und hinsichtlich des Aufstands von einem „Stich in den Rücken des Landes und des Präsidenten“ gesprochen.

Surowikin ist einer der wenigen Verbündeten Prigoschins

Michael McFaul, ehemaliger US-Botschafter in Russland, sagte der New York Times: „Es sind zu viele komische Dinge passiert, die in meinen Augen andeuten, dass es eine Absprache gegeben hat, die wir noch nicht ganz aufgeklärt haben. Denken Sie daran, wie einfach es war, Rostow einzunehmen. Überall in Russland sind bewaffnete Wachen. Und plötzlich ist niemand da, der irgendetwas tun kann?“

Prigoschin und Surowikin haben schon bei Russlands Militäreinsatz in Syrien zusammengearbeitet. Nach Ansicht des Wagner-Chefs sei Surowikin der fähigste Kommandeur in der russischen Armee und „der einzige Mensch mit Generalsstern, der was vom Kämpfen versteht“, sagte Prigoschin im Mai auf Telegram.

Ob der General auch Umsturzpläne gegen Putin unterstützt hat, sei US-Beamten zufolge eher unwahrscheinlich. Jedoch seien sich der General und Prigoschin einig gewesen, dass Schoigu und Gerassimow abgesetzt werden sollten. Russlands wenige Erfolge im Krieg gegen die Ukraine führen Fachleute auf Prigoschin und Surowikin zurück. So hatten die Wagner-Kämpfer nach einer neunmonatigen Schlacht die Stadt Bachmut im Osten der Ukraine erobert, wenn auch mit extrem hohen Verlusten.

Nach Wagner-Aufstand: Wie geht Putin mit Surowikin, Schoigu und Gerassimow um?

Nun ist Putin am Zug. Glaubt der Kreml-Chef daran, dass Surowikin an den Umsturzplänen beteiligt war, könnte er entsprechend reagieren und ihn von seiner Rolle absetzen. Putin könnte aber an Surowikin festhalten, wenn er Prigoschin nicht unterstützt hat, sondern nur von dessen Plänen wusste, sagten die US-Beamten der New York Times. Vorerst sehe es so aus, als würde Putin die gesamte Verantwortung für den Aufstand auf Prigoschin schieben wollen.

Nach dem bewaffneten Aufstand der Wagner-Kämpfer am Samstag, den Prigoschin ausgerufen hatte, ist der Söldner-Chef wohl im Exil in Belarus. Was aus Verteidigungsminister Schoigu und Generalstabschef Gerassimow wird, ist noch unklar. (lrg)

Rubriklistenbild: © Alexei Nikolsky/Imago

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