Nach Angriffen auf Politiker

Aiwanger vergleicht Grüne mit Extremisten „Ihr habt doch immer angeköchelt“

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Bei „Maischberger“ holt Hubert Aiwanger einmal mehr zum Rundumschlag gegen die Grünen aus. Von einer Stimmungsmache seinerseits will er aber nichts wissen.

Berlin/München – Gleich mehrfach kam es in den letzten Tagen zu Angriffen auf Politikerinnen und Politiker. Während in Sachsen SPD-Europakandidat Matthias Ecke von mehreren Tätern schwer verletzt wurde, attackierte ein 74-Jähriger am Dienstag Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey. Der Hass auf die Grünen entlädt sich hingegen schon seit Monaten. Einer ihrer prominentesten Kritiker: Hubert Aiwanger – in der ARD-Talksendung „Maischberger“ schoss der am Mittwoch einmal mehr übers Ziel hinaus.

Nach Angriff auf Giffey: Schlagabtausch zwischen Al-Wazir und Aiwanger bei „Maischberger“

Dass viele Menschen in Deutschland mit der Ampel-Koalition unzufrieden sind, ist kein Geheimnis. Die Zusammenarbeit verdiene „keinen Schönheitspreis“, wie es der ehemalige hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne), der ebenfalls zu Gast war, ausdrückte. Man müsse aber bedenken, „wo das eigentlich begann und wer am Ende dafür sorgt, dass das politische Klima sich so verändert hat und so vergiftet worden ist: Das sind die Rechtsradikalen, und das sind leider auch Populisten, die denken, sie müssten den Rechtsradikalen hinterherlaufen.“

Eine Aussage, von der sich auch Hubert Aiwanger angesprochen fühlen darf. Schließlich gab sich der bayerische Wirtschaftsminister federführend bei der Anti-Heizungsgesetz-Demo in Erding; im Parlament hieß es bereits, der Freie-Wähler-Chef verliere durch seine Protestteilnahmen den Fokus auf sein Ressort. Al-Wazirs Wink mit dem Zaunpfahl nahm Aiwanger jedoch offenbar nicht wahr.

Hubert Aiwanger (Freie Wähler), bayerischer Wirtschaftsminister, spricht in der Max-Reger-Halle auf der Landesversammlung des Bayerischen Jagdverbands. (Archivfoto)

Hass auf die Grünen: Aiwanger verteidigt Hetze – „Die Leute haben die Nase voll“

Dass sich die Gesellschaft immer mehr spaltet, liege an „diesem Links-Rechts-Trend“. Die politischen Ränder seien „immer eine Gefahr für die Demokratie gewesen“. Das linke Pendant zur AfD sieht Aiwanger dementsprechend in den Grünen: „Man findet nicht mehr in der Mitte zusammen, sondern man sieht im Anderen den Feind, die einen in der AfD, die anderen in den Grünen, und so spaltet sich die Gesellschaft.“

Bevor Aiwanger sich wenige Minuten später im Ton vergriff, wusch er seine Hände zunächst in Unschuld: Er könne nichts dafür, wenn die Grünen in Bierzelten ausgepfiffen würden. „Die Leute haben die Nase voll von diesem Heizungsgesetz, Selbstbestimmungsgesetz, dieser beschleunigten Einbürgerung, der Cannabis-Freigabe, vielen solcher Dinge, wo einfach der Normalbürger sagt: Kümmert euch lieber, dass meine Energie bezahlbar ist, dass ich noch Auto fahren darf, verbietet mir nicht den Verbrennermotor, macht mir meine Ölheizung nicht madig, wenn ihr nichts Besseres habt. Das ist die Ursache“, so der 53-Jährige. Ihm eine Mitschuld an den Angriffen auf Grüne zu geben, sei „wirklich eine Sündenbocksuche“.

Aiwanger platzt der Kragen: „Die Grünen oder andere Extremisten“

Tarek Al-Wazir entgegnete, dass es auf beiden Seiten Extreme gebe, die Frage aber doch sei, wie man mit dieser Stimmung umgehe. „Versucht man sie anzuheizen, oder versucht man sie runterzukochen?“, so Al-Wazir. Aiwanger platzte daraufhin die Hutschnur, als Al-Wazir die Rhetorik der bayerischen Landespolitik kritisierte:

„Haben denn die Grünen bisher versucht, die Blockierer bei der IAA runterzukochen? Die Klimakleber runterzukochen? Ihr habt die doch immer angeköchelt! Ihr seid doch vorne mitgelaufen! Und der Joschka Fischer, der hat Steine geworfen, immer vorneweg auf Polizisten. Die Grünen brauchen sich nicht als die Super-Demokraten generieren (sic)!“

Als Moderatorin Sandra Maischberger sich bemüht, die Gemüter zu beruhigen, fällt Aiwanger ihr ins Wort – und setzt die Grünen mit Extremisten gleich: „Wenn ich sehe, dass ich die Grünen einbremsen muss oder andere Extremisten, die massiv irgendwo auftreten, Islamisten, Rechtsradikale oder Linksextremisten, da sage ich überall Stopp, bleibt in der politischen Mitte, setzt euch miteinander auseinander und macht keine körperliche Gewalt.“

Lafontaine, Schäuble und Co.: Diese Angriffe auf Politiker schockierten Deutschland

25.04.1990: Der damalige saarländische Ministerpräsident und SPD-Kanzlerkandidat wird bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Stadthalle von Köln-Mühlheim von einer 42-jährigen Arzthelferin lebengefährlich mit einem Messer verletzt (rechts).
25.04.1990: Der damalige saarländische Ministerpräsident und SPD-Kanzlerkandidat wird bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Stadthalle von Köln-Mühlheim von einer 42-jährigen Arzthelferin lebengefährlich mit einem Messer verletzt (rechts).  ©  dpa / Frank Kleefeldt
7.1.2019: Im Januar 2019 wird der Bremer AfD-Politiker Frank Magnitz tätlich angegriffen. Dabei wird er von Unbekannten hinterrücks angegriffen und schwer verletzt.
7.1.2019: Im Januar 2019 wird der Bremer AfD-Politiker Frank Magnitz tätlich angegriffen. Dabei wird er von Unbekannten hinterrücks angegriffen und schwer verletzt. Die Polizei veröffentlichte die Bilder zu Fahndungszwecken. © Michael Bahlo/dpa
Am 27. März 1952 explodierte im Polizeipräsidium München der Inhalt eines mysteriösen Pakets, das an Konrad Adenauer adressiert worden war. Zwei Kinder wurden von einem Unbekannten beauftragt, es zur Post zu bringen – sie wurden aber misstrauisch und gingen zur Polizei.
Am 27. März 1952 explodierte im Polizeipräsidium München der Inhalt eines mysteriösen Pakets, das an Konrad Adenauer adressiert worden war. Zwei Kinder wurden von einem Unbekannten beauftragt, es zur Post zu bringen – sie wurden aber misstrauisch und gingen zur Polizei. © IMAGO (2) / ZUMA/Keystone/SuperStock
17.10.2015: Die parteilose Kandidatin bei der Oberbürgermeisterwahl in Köln, Henriette Reker, wird mit einem Messer angegriffen. Trotz des Angriffs findet die Wahl in Köln wie geplant statt.
17.10.2015: Die parteilose Kandidatin bei der Oberbürgermeisterwahl in Köln, Henriette Reker, wird mit einem Messer angegriffen. Trotz des Angriffs findet die Wahl in Köln wie geplant statt. © Monika Skolimowska/dpa
13.10.1990: Blick auf den Tatort, der mit Stühlen von der Polizei abgesichert ist, nachdem der durch Schüsse schwer verletzte Innenminister Wolfgang Schäuble abtransportiert wurde. Das Attentat fesselte ihn für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl.
13.10.1990: Blick auf den Tatort, der mit Stühlen von der Polizei abgesichert ist, nachdem der durch Schüsse schwer verletzte Innenminister Wolfgang Schäuble abtransportiert wurde. Das Attentat fesselte ihn für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl. © Norbert Försterling/Rolf Haid/dpa (2)
27.11.2017: Andreas Hollstein, Bürgermeister von Altena in Deutschland, wird im November 2017 in einem Restaurant von einem Mann mit einem Messer angegriffen. Der Angreifer, der den Bürgermeister wegen seiner Flüchtlingspolitik attackiert, verletzt Hollstein leicht, bevor er von anderen Restaurantbesuchern überwältigt wird.
27.11.2017: Andreas Hollstein, Bürgermeister von Altena, wird im November 2017 von einem Mann mit einem Messer angegriffen. Der Angreifer, der den Bürgermeister wegen seiner Flüchtlingspolitik attackiert, verletzt Hollstein leicht. © Oliver Berg/dpa
11.05.1981: Der hessische Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry wird am Morgen im Schlafzimmer seines Wohnhauses durch ein offenes Fenster von vier Kugeln getroffen und stirbt. Als Täter gelten „Revolutionäre Zellen“ – sie sollen dafür eine Leiter im Garten der Villa von Heinz Herbert Karry in Frankfurt genutzt haben.
11.05.1981: Der hessische Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry wird am Morgen im Schlafzimmer seines Wohnhauses durch ein offenes Fenster von vier Kugeln getroffen und stirbt. Als Täter gelten „Revolutionäre Zellen“ – sie sollen dafür eine Leiter im Garten der Villa von Heinz Herbert Karry in Frankfurt genutzt haben. © Heinz Wieseler / dpa
27.2.1975: Der Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz wird von der RAF entführt und als Geisel genommen, um die Freilassung inhaftierter Mitglieder der Terrororganisation zu erzwingen. Er wird schließlich freigelassen.
27.2.1975: Der Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz wird von der RAF entführt und als Geisel genommen, um die Freilassung inhaftierter Mitglieder der Terrororganisation zu erzwingen. Er wird schließlich freigelassen. © dpa (2) / Chris Hoffmann
1. 6. 2019: Der hessische Rechtsextremist Stephan Ernst tötet den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vor dessen Wohnhaus mit einem Revolverschuss aus geringer Entfernung in den Kopf.
1.6.2019: Der hessische Rechtsextremist Stephan Ernst tötet den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vor dessen Wohnhaus mit einem Revolverschuss – er schießt aus geringer Entfernung in den Kopf. © Swen Pförtner/dpa
11.04.1968: Das Fahrrad von Rudi Dutschke am Tatort in Berlin. Der Studentenführer wurde hier niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Dutschke erlag den Spätfolgen des Attentats elf Jahre später am Heiligabend 1979 im Alter von 39 Jahren.
11.04.1968: Das Fahrrad von Rudi Dutschke am Tatort in Berlin. Der Studentenführer wurde hier niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Dutschke erlag den Spätfolgen des Attentats elf Jahre später am Heiligabend 1979 im Alter von 39 Jahren. © dpa (2) / Chris Hoffmann / Rolf Kruse

Scholz reagiert auf Angriffe: Europa nicht denen überlassen, „die es kaputt machen wollen“

In einer Videobotschaft hatte sich auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zu den Angriffen auf Politikerinnen und Politiker geäußert. Dabei hatte er die Bevölkerung zum Wählen aufgerufen. „Angriffe auf unsere Demokratie gehen uns alle an“, sagte Scholz in der am Donnerstag veröffentlichten Nachricht. Man dürfe nicht tatenlos zusehen, wenn Politikerinnen und Politiker, Wahlhelfer und Ehrenamtliche brutal attackiert würden. „Eine Antwort, die jede und jeder von uns geben kann, ist ganz einfach: Wählen gehen!“, betonte der Kanzler. 

Schon jetzt beginne die Briefwahl für die Europawahl am 9. Juni. Erstmals könnten in Deutschland auch 16- und 17-Jährige abstimmen. „Meine Bitte auch an Sie und Euch“, sagte Scholz: „Macht mit!“ Ein vereintes Europa sei zu kostbar, „um es denen zu überlassen, die es kaputt machen wollen“. Beispielhaft nannte Scholz Populistinnen und Populisten, die den Austritt Deutschlands aus der EU forderten und Menschen, die Russland und China als Vorbilder sähen. (nak)

Rubriklistenbild: © Armin Weigel/dpa

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