Vorteil für Truppen

Entscheidend für Gegenoffensive: Artillerie der Ukraine offenbar überlegen

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Mehrfachraketenwerfer BM-21 Grad der russischen Armee feuert ein Geschoss im Ukraine-Krieg ab (Symbolbild).
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Artillerie spielt in der zweiten Gegenoffensive eine wichtige Rolle. Militärexperten sehen die Ukraine im Vorteil – Kiews Truppen haben aber ein anderes Problem.

Kiew – Artillerie kommt im Ukraine-Krieg eine entscheidende Bedeutung zu. Aus Sicht von US-Geheimdiensten hat die Ukraine sich in den vergangenen Monaten in diesem Bereich einen deutlichen Vorsprung erarbeitet und dominiert bei der Qualität der Waffen, der Aufklärung, der Gegenwehr sowie bei Angriffen auf Nachschublinien weit hinter der Front. Kiews Truppen stoßen in der Gegenoffensive allerdings auf ein anderes Problem.

Erfolg bei Gegenoffensive: Ukrainische Artillerie offenbar mittlerweile überlegen

Schon bei der ersten Gegenoffensive der Ukraine in Cherson spielte die Artillerie eine wichtige Rolle und galt bereits damals in Präzision und Reichweite als überlegen. Nun sehen Experten den Vorsprung auch flächendeckend. „Bisher war die Artillerie Russlands im Vorteil“, sagte ein hochrangiger Beamter des US-Geheimdienstes im August der Zeitung Newsweek, doch das Blatt hat sich offenbar gewendet.

„Obwohl das Artillerieduell zwischen den beiden Ländern unerbittlich war und für beide Seiten verheerende Folgen hatte, ist es Russland, das jetzt die größten Verluste erleidet“, so der US-Beamte weiter. Einer der Gründe ist die Lieferung moderner Waffen durch den Westen. So sind etwa die Storm Shadows und Himars der Ukraine den russischen Artilleriesystemen qualitativ deutlich überlegen – insbesondere was die Reichweite angeht.

Artillerie: Bezeichnung für Truppengattung und Waffentyp

Der Begriff Artillerie bezeichnet einerseits eine Truppengattung, andererseits aber auch den Waffentyp, den diese Truppe einsetzt. Artilleristen unterstützen die Kampftruppe des Heeres mit dem Einsatz von großkalibrigen Waffen mit größerer Reichweite, etwa Haubitzen oder Raketenwerfern. In der Ukraine kommen auch Drohnen zum Einsatz.

Hinzukommt die mangelnden Kapazitäten der russischen Streitkräfte, um ukrainische Artillerie zu lokalisieren. Das geht aus dem täglichen Geheimdienstbericht zum Krieg in der Ukraine des Verteidigungsministeriums in London Mitte Juli hervor. Demnach sind offenbar „nur noch eine Handvoll“ der russischen Anti-Artillerie Radar-Einheiten vom Typ „SOOPARK“ in der Ukraine einsatzbereit. Ein in den sozialen Medien geteiltes Drohnenvideo zeigt beispielhaft die ukrainische Aufklärung im Falle einer getarnten russischen Pion-Kanonenhaubitze in der Nähe von Makijiwka, die im Anschluss mithilfe ukrainischer Artillerie zerstört wurde.

Russland und Ukraine kämpfen mit Mangel an Artilleriegeschossen

Zu Beginn des Krieges verbrauchte Russland in etwa zehnmal so viel Artilleriegeschosse wie die Ukraine. Russische Truppen kamen pro Tag auf 20.000 bis 60.000 Schuss, produzierten pro Monate aber nur 20.000 bis 25.000 nach, hieß es dazu im März in einem internen EU-Paper. Britischen Geheimdienstinformationen zufolge soll Russland anfangs 50.000 Geschosse monatlich abgefeuert und im Juli eine Rationierung eingeführt haben. Aktuell nutzen die Truppen Moskaus demnach nur 5.000 Geschosse pro Tag.

Teilweise sollen russische Truppen laut Newsweek auf Munition aus Zeiten des Koreakriegs zurückgreifen, die zu 90 Prozent defekt sei. Angaben des Kreml zufolge habe man die Produktion von Munition und militärischem Gerät drastisch erhöht. „In Sachen Munition erreichen wir ein Niveau, bei dem die monatlichen Lieferungen die gesamten Bestellungen des vergangenen Jahres übersteigen“, sagte der russische Vize-Ministerpräsident Denis Manturow Ende Juli. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

Waffen im Ukraine-Krieg: Kiew benötigt 2.000 und 7.000 Artilleriegeschosse pro Tag

Die Ukraine soll dem internen EU-Paper zufolge zwischen 2.000 und 7.000 Geschosse pro Tag benötigen, eine Zahl, die sich auch mit anderen Quellen wie der Washington Post deckt. Vor dem Krieg stellten die EU-Länder pro Monat nur rund 15.000 Schuss her, das Hochfahren der Produktion kam auch nach Beginn der russischen Invasion nur langsam in Gang.

Von Washington erhielt Kiew bereits mindestens zwei Millionen Artilleriegranaten und Raketen, doch auch das reicht nicht aus. Die Ukraine brauche „aktuell eine Million Schuss Artillerie“ hatte der Chef des Waffenkonzerns Rheinmetall, Armin Papperger, im Mai gesagt. Indes gehen ukrainische Truppen auch mit unkonventionellen Methoden gegen den Rüstungsmangel vor und stellen Bomben beispielsweise im 3D-Drucker her. Trotz der geringeren Anzahl an Geschossen erzielt die Ukraine damit offenbar eine vergleichsweise gute Wirkung. Denn Militärexperten zufolge setzen ukrainische Truppen ihre Waffen effektiver ein als Russland.

Trotz Vorteil bei Artillerie: Massive Bollwerke aus Schützengräben machen Gegenoffensive zu schaffen

Russland hatte rund ein Jahr Zeit, massive Bollwerke aus Schützengräben und Minenfeldern zu errichten, die nun das Vorankommen der ukrainischen Gegenoffensive erschweren – trotz überlegener Artillerie. Das Durchdringen dieser Verteidigungsstellungen ist aber entscheidend für den Erfolg. Rund zwei Monate nach Beginn Offensive gibt es aus Sicht von Experten realistische Chancen für einen Erfolg der Ukraine, bei dem auch die Artillerie eine entscheidende Bedeutung spielt. „Wenn die Ukrainer es schaffen, durch die erste russische Verteidigungslinie zu kommen, wird die Offensive erfolgreich sein“, so der Militärexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik am Samstag zu den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Es würde reichen, wenn die Truppen „bis zu den quer verlaufenden Versorgungslinien auf Eisenbahn und Straße in Richtung Melitopol vorstoßen“, sagte Mölling. „Dann könnten sie das ganze Gebiet bis zum Asowschen Meer mit Artillerie und Raketenartillerie beschießen. Das Terrain wäre dann für die Russen nicht mehr zu verteidigen.“ Am Freitag soll es ukrainischen Truppen gelungen sein, die erste Verteidigungslinie Russlands im Süden der Ukraine zu durchbrechen, wie Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maliar mitteilte.

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