Medizin macht Fortschritte

Demenz: Bessere Früherkennung und Behandlung – Medikament macht Hoffnung

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1,8 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz. Jetzt macht ein neues Medikament Hoffnung. Alzheimer-Experte Dr. Jürgen Herzog erklärt.

Der Münchner Alzheimer-Experte Dr. Jürgen Herzog erklärt die neuen Chancen für Demenz-Patienten. Demenz ist der fortschreitende Verlust geistiger Fähigkeiten. Es gibt verschiedenen Anzeichen, an denen man die Krankheit früh erkennen kann. Will man gegensteuern und deren Verlauf verlangsamen, sollte man früh damit beginnen und den Patienten dabei einbinden. Leider läuft es oftmals anders. Meistens schlechter – so wie zum Beispiel im Fall von Inge Maier (Name geändert). Die 83-jährige Münchnerin weint, als sie von ihrer Diagnose von vor zwei Jahren erzählt, so sehr hat sie das Verhalten einer Hausärztin gekränkt. „Die Ärztin hat nur mit meinem Mann geredet, kein Wort mit mir“, erzählt die Seniorin. Ein schlechter Start für die Behandlung, mit der man an sich viel Gutes bewirken kann. Denn der Verlauf einer Demenz ist zu 40 Prozent beeinflussbar, erklärt Dr. Jürgen Herzog. Der Neurologe ist Ärztlicher Direktor der Schön Klinik München Schwabing und ein Experte beim Thema Demenz. Schon als junger Arzt forschte er hierzu am Uniklinikum Großhadern.

„Die Fortschritte im Kampf gegen Demenz sind enorm“, freut sich der Neurologe und Demenzexperte Dr. Jürgen Herzog. Er arbeitet als Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Schwabing in München.

Er könne die tiefe Kränkung von Inge Maier verstehen, die das Gefühl hatte, dass ihr Mann und die Ärztin bei der Diagnosestellung nur über sie, aber nicht mit ihr sprachen, sagt Dr. Herzog, der auch die Tagesklinik für Demenz am Schwabinger Schön-Klinikum leitet. „So ein Verhalten verunsichert Patienten, die schon unter Einschränkungen ihrer Gedächtnisfunktion leiden, nur zusätzlich und schürt ungutes Misstrauen. Wichtig ist ein würdevoller Umgang.“

Fundierte und frühzeitige Diagnose bald durch einen einfachen Bluttest möglich

„Man kann heute schon viel früher feststellen, ob eine beginnende Demenzerkrankung vorliegt – und zudem auch weit genauer sagen, um welche Form es sich handelt und wie weit sie fortgeschritten ist“, sagt der Neurologe Dr. Herzog. So kann man mit bildgebenden Verfahren wie beispielsweise der Kernspintomografie heute Demenz bereits in der Frühphase erkennen. Hierzu werden die Hirnareale vermessen, die für die Gedächtnisleistung zuständig sind. Mit dieser Methode kann bei älteren Personen, die schon an leichten geistigen Einschränkungen leiden, mit einer Genauigkeit von 70 Prozent vorhergesagt werden, ob in den nächsten drei Jahren eine Alzheimer-Demenz auftreten wird.

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Noch früher, also bevor Ablagerungen und Veränderungen im Gehirn sichtbar werden, kann man eine Alzheimer-Demenz im Nervenwasser nachweisen, das Rückenmark und Gehirn umgibt. Dabei wird gemessen, ob und wie viele Abbauprodukte krankmachender Eiweiße sich in ihm befinden. Um Liquor, so nennt sich das Nervenwasser, zu gewinnen, ist eine sogenannte Lumbalpunktion erforderlich. Dazu führt der Arzt eine dünne Nadel meist zwischen den vierten und fünften Lendenwirbelkörper ein.

Ab 2024 könnte es zudem einen Bluttest zur Früherkennung geben, bei dem ebenfalls Biomarker der krankmachenden Eiweiße nachgewiesen werden, erklärt Dr. Herzog. Dieser Bluttest könne, wenn er 2024 in Deutschland zugelassen wird, die Lumbalpunktion ersetzen.

Zudem gibt es neue nuklearmedizinische Diagnosetechniken, erklärt Dr. Jürgen Herzog: „Mit ihnen ist eine Demenz schon in einem extrem frühen Stadium nachweisbar.“ Hierfür wird den Patienten eine radioaktiv markierte Substanz injiziert. Diese setzt sich dann an den krankmachenden Eiweißen Beta-Amyloid und Tau fest und markiert sie so. Dieser Test koste zwischen 1500 und 1800 Euro, die Kosten würden oft von den Krankenkassen übernommen.

Demenz- und Alzheimer-Risiko durch Ernährung senken: Mit zwölf Lebensmitteln das Gehirn schützen

Avocados.
Hmm, lecker, Avocado! Die aus botanischer Sicht zu den Beeren gehörende Frucht schützt dank ihres pflanzlichen Stigmasterol vor einem frühzeitigen Ausbruch von Alzheimer. Zwar zählen sie zu den pflanzlichen Lebensmitteln, die besonders fettreich sind. Doch handelt es sich rein um ungesättigte Fettsäuren, die gesund halten. Durch das enthaltene Enzym Lipase wird der Fettabbau sogar aktiviert. Avocados sind reich an Folsäure, Vitamin K, D, B6 und E sowie Kalium und Calcium. © LuboIvanko/Imago
Schalen mit Johannisbeeren, Heidelbeeren, Kirschen
Dunkle Beeren wie Schwarze Johannisbeeren und Heidelbeeren sind nicht nur dank ihrer Polyphenole sehr gesund. Auch ihr hoher Anteil an Vitamin C senkt nachweislich die Plaquebildung in den Gefäßen, was als Risikofaktor für Demenz und Alzheimer gilt. Täglich eine Handvoll dunkle Beeren schützt das Gehirn! © Westend61/Imago
Zucchinis
Essen Sie auch regelmäßig Zucchini! Das grüne Gemüse ist reich an Kalzium, Magnesium, Eisen, B-Vitaminen, Vitamin A (Provitamin A) und Vitamin C. Zucchini wirkt nicht nur entzündungshemmend. Es soll auch das Wachstum von Krebszellen verringern und aufgrund seiner großen Mengen an Stigmasterol den Ausbruch von Alzheimer verzögern. © Alex Salcedo/Imago
Aubergine
Auberginen zählen nicht nur zu den Gemüsesorten, die eine Fettleber wieder heilen können. Auch ihr pflanzliches Sterol schützt das Gehirn vor einer Demenz und Alzheimer. © zhekos/IMAGO
Brokkoli
Wer regelmäßig Brokkoli isst, kann einer Alzheimer-Erkrankung vorbeugen beziehungsweise sie hinauszögern. Denn Brokkoli ist reich an Antioxidanzien, was die Gehirnzellen stärkt und schützt. © monticello/Imago
Teller mit Erbsen
Erbsen zählen zu den proteinreichen Hülsenfrüchten. 100 Gramm frische grüne Erbsen enthalten ca. 5,4 Gramm Protein, das zum Muskelaufbau und Knochenwachstum dient. Gleichzeitig schützen die enthaltenden Folsäure und Polyphenole das Gehirn. © Image Source/Imago
Schale mit roten Bohnen
Bohnen sind im wahrsten Sinne Nervennahrung. Reich an B-Vitaminen, Folsäure sowie den wertvollen Polyphenolen, können Bohnen bei regelmäßigem Verzehr die Gehirnleistung fördern. B-Vitamine regen die Kommunikation zwischen den Zellen an, steigern die Leistungsfähigkeit des Gehirns und schützen vor Gedächtnisstörungen. Achtung: Kochen Sie die Bohnen vor dem Verzehr! Mehr als sechs Bohnen können gerade bei Kindern durch das enthaltene giftige Eiweiß Phasin zum Tod führen. © Image Source/Imago
Es sind verschiedene Sorten Linsen zu sehen (Symbolbild).
Linsen dürfen mindestens dreimal in der Woche auf den Teller kommen. Denn durch ihre B-Vitamine, Folsäure und Polyphenolen übernehmen Hülsenfrüchte einen schützenden Effekt im Gehirn. © YAY Images / Imago
Walnüsse
Nüsse sind besonders gut fürs Gehirn. Beispielsweise Walnüsse sind reich an Antioxidantien, das heißt, sie schützen vor schädlichen Stoffen und können dadurch Eiweißablagerungen im Gehirn verhindern. Auf diese Weise kann Alzheimer vorgebeugt werden. Auch das Voranschreiten einer bereits bestehenden Alzheimer-Erkrankung kann verlangsamt werden. © C3 Pictures/Imago
Olivenöl senkt Blutdruck und das schädliche LDL-Cholesterin im Blut, sodass das Risiko für Arteriosklerose reduziert wird.
Neben Zucchini, Auberginen, Brokkoli, Nüssen und Heidelbeeren, zählen auch Oliven sowie Olivenöl zu den Lebensmitteln, die Alzheimer vorbeugen können. Die in Olivenöl enthaltenen Polyphenole schützen und stärken die Gehirnzellen. Laut „Deutsche Herzstiftung“ senkt Olivenöl nachweislich auch das Risiko für Ablagerungen in den Gefäßen, der Arteriosklerose. Forscher vermuten, dass das Risiko für Alzheimer mit bestehender Arterienverkalkung steigt. © Panthermedia/Imago
Lachsfilet
Lachs zählt zu den Lebensmitteln mit einem hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren, das nicht nur zu viel LDL-Cholesterin senken können. Der Verzehr von Lachs ist dank seiner langkettigen Omega-3-Fettsäuren für den Zellstoffwechsel im Gehirn besonders förderlich, so die Alzheimer Forschung Initiative e. V. © Martin G. Dr. Baumgä/Imago
Kabeljaufilet mit Rosmarinzweig in der Bratpfanne.
Auch Kabeljaufisch zählt zu den besonders gesunden Fischen: sehr zu empfehlen für Menschen mit Schilddrüsenunterfunktion, dank des hohen Jodgehalts, und unterstützend für die Zellerneuerung zur Vorbeugung gegen Demenz und Alzheimer. Essen Sie ein- bis zweimal pro Woche den empfohlenen Fisch, um die Abwehrbereitschaft des Gehirns zu steigern und den Energiestoffwechsel zu verbessern. © Shotshop/Imago

Große Hoffnung auf Antikörper-Medikamente: Können sie Demenz endlich heilen?

Jahrzehntelang schien es trotz aller Bemühungen der Wissenschaft unmöglich, die zerstörerischen Prozesse, die bei einer Alzheimerdemenz im Gehirn ablaufen, aufzuhalten. Denn das Problem sind nicht nur Ablagerungen im Gehirn, sogenannte Plaques, sondern auch die Tatsache, dass diese Ablagerungen Nervenzellen absterben lassen, erklärt Dr. Jürgen Herzog. Nun aber gibt es Antikörper, die die Plaques im Gehirn auflösen. Bislang sind sie nur in den USA zugelassen, aber ab 2024 soll auch in Deutschland die Antikörpertherapie mit dem Wirkstoff Lecanemab zugelassen sein. Diese soll den Krankheitsverlauf signifikant verlangsamen und könnte eine Wende im Kampf gegen Alzheimer bringen, sagt Dr. Herzog. Doch vermutlich machten sich mehr Patienten Hoffnung, als tatsächlich eine Chance auf Behandlung haben, fasst der Alzheimer-Experte zusammen. „Von den 1,8 Millionen Alzheimer-Patienten in Deutschland kommen nach meiner Schätzung nur rund zehn Prozent für eine Behandlung mit Lecanemab infrage.“

Zur Erklärung: Lecanemab ist ein Antikörper, der per Infusionen verabreicht wird und auf schädliche Proteinablagerungen im Gehirn abzielt, die sogenannten Amyloid-Plaques. Diese Amyloid-Plaques bestehen vor allem aus Beta-Amyloid-Proteinen. Haben diese Plaques schon einen großen Schaden im Gehirn angerichtet und viele Nervenzellen absterben lassen, nutzt es auch nicht mehr viel, die Ablagerungen aufzulösen, erklärt Dr. Herzog. „Denn die abgestorbenen Nervenzellen sind ja dennoch verloren.“ Insofern sei Lecanemab nur bei Patienten mit Alzheimer in einem frühen Stadium wirksam. Bei ihnen hat es in einer Studie das Fortschreiten der Krankheit um 27 Prozent verlangsamt. Aber es gibt noch einen weiteren Punkt: „Man muss in die Abwägung miteinbeziehen, dass die Behandlung Nebenwirkungen hat“, sagt Dr. Herzog. So sorgt das Medikament im Gehirn für vorübergehende Schwellungen und Mikroblutungen. Deren Langzeitfolgen seien noch nicht erforscht.

Eiweißablagerungen zwischen den Nervenzellen (Plaques) sind zum Teil ursächlich für Alzheimer-Symptome. Antikörper könnten in Zukunft diese Plaques effektiv bekämpfen.

Generell hat der Alzheimer-Experte aber große Hoffnungen, dass die Wissenschaft weitere Medikamente entwickelt, die den verlauf von Alzheimer noch positiver beeinflussen, sagt er. Für das Fortschreiten von Alzheimer spielen nämlich zwei Eiweiße, das sogenannte Amyloid und das Tau-Protein eine große Rolle. Es gibt verschiedenen Ansätze, deren verheerendes Wirken aufzuhalten – und in Versuchen an Mäusen zeigen sich auch immer wieder Erfolge. Manche Substanzen werden auch bereits an Universitätskliniken in den USA und auch in Deutschland in klinischen Studien an Menschen getestet.

Diese Therapien mildern Demenz ab

„Die Demenzfunktion im Gehirn ist zwar zu 60 Prozent nicht zu ändern, aber zu 40 Prozent kann man das Risiko beeinflussen“, sagt Dr. Herzog. „Denn auf 40 Prozent, also beinahe die Hälfte, kann man eben schon einwirken und hier den Prozess abmildern.“

Hierzu dienen unter anderem Medikamente wie Rivastigmin und Donepezil, erklärt Dr. Herzog. Zur Erklärung: Bei Demenz gehen im Gehirn Nervenzellen zugrunde. Beide Medikamente sorgen dafür, dass mehr Botenstoffe vorhanden sind, um an die weniger zahlreichen Nervenzellen mit mehr Botenstoffen zu erreichen. Sie verbessern also die Funktion der Erregungsleitungen im Gehirn und stärken so das Erinnerungs- und Denkvermögen. „Damit kann man den Verlauf der Demenz im günstigen Fall ein bis zwei Jahre erleichtern“, sagt Dr. Herzog. Die Medikamente funktionieren folgendermaßen: Rivastigmin blockiert die Eiweiße, die Achetylcholin abbauen. Achetylcholin ist die Substanz, die Nervenzellen im Gehirn aktiviert. Donezepil verlangsamt den Abbau. Insofern sorgen beide Mittel dafür, dass es im Gehirn mehr Substanz gibt, die Impulse weiterleitet.

Es gibt weitere Regeln, mit denen man Demente schützt und stärkt. Erstens kann eine feste Tagesstruktur den Verlauf einer Demenz ebenfalls positiv beeinflussen. „Hierzu muss man sich vor allem klarmachen, dass ein Mensch, in dessen Gehirn Nervenzellen krankhaft zugrunde gehen, natürlich nicht mehr so belastbar und flexibel ist wie ein Gesunder“, sagt Dr. Herzog. Da Patienten auf Unvorhergesehenes nicht mehr so flexibel reagieren können, bedeutet es für sie enormen Stress. „Wenn sie zum Beispiel bei der U-Bahn eine Station zu früh aussteigen, dann sind sie völlig verloren“, erklärt Dr. Herzog. Eines der wichtigsten Dinge sei also eine feste Tagesstruktur, die den Patienten Orientierung und Sicherheit gibt. „Wenn sich die Patienten zum Beispiel jeden Tag um dieselbe Uhrzeit und auf die immer gleiche Art ihr Frühstück zubereiten, dann können sie das oft auch noch dann, wenn die Krankheit weit fortgeschritten ist.“

Um die Demenz einzubremsen, müssen auch deren Begleiterscheinungen behandelt werden

Zudem sei es sehr wichtig, beispielsweise Schmerzen oder depressive Symptome zu behandeln, sagt Dr. Herzog. Da Menschen mit Demenz oftmals sehr stark auf Medikamente reagieren, seien oft schon geringe Dosierungen ausreichend. Bei seiner Patientin Inge Maier ist der Neurologe derzeit dabei, das Zittern ihrer Hände zu behandeln, das neuerdings aufgetreten ist. Gegen ihre Traurigkeit bekommt sie ebenfalls Medizin – denn geht es ihr besser, dann beeinflusst das auch den Verlauf der Demenz. Die Therapien scheinen auch zu wirken – jedenfalls sagt Inge Maier, es gehe ihr gut. Hoffentlich noch lange.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unserer Redaktion leider nicht beantwortet werden.

Rubriklistenbild: © Markus Götzfried

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