„Muss resistenter gegen Missbrauch werden“

Millionen-Betrug beim Bürgergeld: Bas kündigt härtere Gangart gegen Abzocke an

Die Zahl der Betrugsverfahren beim Bürgergeld steigt drastisch an. Bas plant besseren Datenaustausch zwischen Behörden. Ein Kompetenzzentrum soll helfen.

Nürnberg – Bei ihrem Antrittsbesuch in der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit hat Arbeitsministerin Bärbel Bas ein entschlosseneres Vorgehen gegen den Missbrauch von Sozialleistungen verkündet. Das Bürgergeld müsse „resistenter gegen Missbrauch werden, damit Leistungen nur bei denen ankommen, die sie auch brauchen“, erklärte die SPD-Politikerin nach Angaben ihres Ministeriums. Schon im Sommer hatte Bas von „mafiösen Strukturen“ im Zusammenhang mit dem Bürgergeld gesprochen und damit die Brisanz des Problems unterstrichen.

Bärbel Bas kündigt strengere Kontrollen beim Bürgergeld an.

Die Entwicklung der Betrugsfälle zeigt das Ausmaß der Problematik: Laut buergergeld.org stieg die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen organisierten Bürgergeldbetrugs von 229 im Jahr 2023 auf 421 Fälle in 2024 – Fachleute rechnen für 2025 bereits mit etwa 468 Verfahren.

Bürgergeld-Betrug mit perfider Strategie – insbesondere Großstädte in NRW betroffen

Besonders das Ruhrgebiet hat sich zu einem Zentrum für systematischen Sozialbetrug entwickelt. Städte wie Duisburg, Gelsenkirchen, Krefeld, Leverkusen und Wuppertal sind nach Angaben des Portals zu Brennpunkten geworden, in denen groß angelegte Durchsuchungen und behördliche Überprüfungen das wahre Ausmaß der organisierten Kriminalität ans Licht bringen. Doch das Phänomen beschränkt sich nicht nur auf Nordrhein-Westfalen – auch in Berlin, Mannheim und weiteren deutschen Städten etablieren sich vergleichbare Betrugsstrukturen.

Die kriminellen Organisationen agieren nach einem raffiniert ausgearbeiteten Muster: Anwerber suchen systematisch in südosteuropäischen EU-Staaten wie Bulgarien oder Rumänien nach Personen, denen sie lukrative Jobchancen in Deutschland vorgaukeln und dabei Scheinarbeitsverhältnisse konstruieren. Parallel dazu quartieren sie die Betroffenen in verfallenen Wohnungen ein, für die sie formal marktübliche Mietpreise ansetzen. Das Jobcenter übernimmt diese Unterkunftskosten – doch ein erheblicher Teil der öffentlichen Gelder fließt durch verschiedene Kanäle an die Organisatoren des Betrugs zurück.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Ministerin fordert entschiedenes Handeln gegen Betrugsnetzwerke und setzt auf Behördenkooperation

Die Bundesregierung setzt auf verstärkte Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Verwaltungsebenen, um systematischen Missbrauch von Sozialleistungen zu unterbinden. Wie Ministerin Bas während ihres Nürnberger Aufenthalts betonte: „Sozialleistungsmissbrauch schadet unserer Gesellschaft und untergräbt das Vertrauen in den Sozialstaat.“ Der Fokus liegt dabei auf der Optimierung des Informationsflusses zwischen Bundesinstitutionen, Landesbehörden und kommunalen Stellen. Zoll, Jobcenter und Ausländerbehörden sollen ihre Aktivitäten koordinieren, um bandenmäßig organisierte Betrügereien effektiver zu identifizieren und zu verfolgen.

Als Herzstück der Reform ist bei der Bundesagentur für Arbeit ein spezielles Kompetenzzentrum Leistungsmissbrauch vorgesehen, das laut Pressemitteilung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales die strukturierte Zusammenarbeit mit anderen Behörden verbessern soll. Parallel dazu werden die Prüfverfahren intensiviert: Antragsteller müssen künftig genauer nachweisen, dass sie tatsächlich Anspruch auf Bürgergeld haben. Auf kommunaler Ebene entstehen spezialisierte Taskforces, die verdächtige Fälle durch gezielte Maßnahmen untersuchen - dazu gehören sowohl die Kontrolle von Problemimmobilien als auch der Abgleich von Scheinanmeldungen.

Auch rechtmäßige Empfänger von Sozialleistungen müssen sich auf Änderungen einstellen

Rechtmäßige Empfänger von Bürgergeld müssen sich auf intensivere Prüfverfahren und ausgedehnte Bearbeitungsdauern einstellen. Wie buergergeld.org verdeutlicht, verstärkt jeder Fall von erschlichenen Zahlungen das behördliche Misstrauen, was zu rigorosen Kontrollen und verlängerten Verfahren führt. Ministerin Bas machte unmissverständlich klar: „Wer Termine beim Jobcenter grundlos ausfallen lässt, muss schnell und klar sanktioniert werden.“ Für redliche Antragsteller entstehen dadurch zusätzliche Belastungen in einem bereits bürokratisch aufwendigen Genehmigungsprozess.

Aktuell arbeitet die Regierungskoalition an mehreren Reformvorhaben im sozialpolitischen Bereich und stellt dafür konkrete Gesetzesentwürfe zusammen. SPD-Chef Lars Klingbeil demonstrierte die Reformbereitschaft seiner Fraktion und versprach im Handelsblatt „deutliche Veränderungen“ beim Bürgergeld. Die Reform soll noch 2025 kommen.

Während die Aufmerksamkeit primär auf Bürgergeld-Missbrauch gerichtet ist, entdecken Fahnder zunehmend vergleichbare kriminelle Netzwerke, die das Kindergeldsystem attackieren. In Nordrhein-Westfalen etabliert das Landeskriminalamt das digitale Überwachungstool „MISSIMO“ als Standardverfahren, welches Meldeadressen, Arbeitsverhältnisse und Eigentümerdaten behördenübergreifend vernetzt und analysiert. Die zentrale Familienkasse meldete laut buergergeld.org für das laufende Jahr 2024 etwa 140.000 fragwürdige Antragsfälle – ein beunruhigendes Indiz für die systematische Unterwanderung verschiedener Sozialleistungssparten durch organisierte Tätergruppen. (Quellen: Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, buergergeld.org, Handelsblatt, Missimo) (jaka)

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