VonAdrian Kilbschließen
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) machen einen kontroversen Rentenvorschlag. Wie die Ökonomen die Altersarmut mit dem „Boomer-Soli“ eindämmen wollen.
Die Altersarmut in Deutschland wächst sich immer mehr zum Problem aus. Im Jahr 2024 waren rund 3,5 Millionen Menschen ab 65 Jahren davon bedroht – deutlich mehr als zwei Millionen davon Frauen. Die Armutsgefährdungsquote in dieser Altersgruppe klettert weiter und liegt mittlerweile bei fast 20 Prozent – ein neuer Höchststand in der Bundesrepublik, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) berichtet. Zum Vergleich: Die allgemeine Armutsgefährdungsquote der Gesamtbevölkerung lag mit 15,5 Prozent vier Prozent darunter – und deutlich niedriger als bei älteren Mitbürgern. echo24.de berichtet, wie viel Geld Rentner für den Ruhestand brauchen.
Um Abhilfe zu schaffen, schlägt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Sonderabgabe auf Alterseinkünfte vor – der sogenannte „Boomer Soli“.
Wirtschaftsforscher für „Boomer-Soli“: Reiche Rentner zahlen für ärmere Senioren
Für armutsgefährdete Senioren hat fehlendes Geld gravierende Folgen, weil sie nur eingeschränkt am Sozialleben teilnehmen, sich keinen Urlaub oder Geschenke für die Enkelkinder leisten können. Eine Rentenumverteilung käme dieser Personengruppe deshalb sicher sehr gelegen.
„Ein ‚Boomer-Soli‘ – eine Solidaritäts-Sonderabgabe auf sämtliche Alterseinkünfte – kann ein wichtiger Baustein zur Stabilisierung des Rentensystems in Deutschland sein,“ heißt es im neuen Wochenbericht der Ökonomen und Soziologen. Konkret hieße das: Reichere Rentner müssten für ärmere Ruheständler bezahlen. Gezielt Personen mit hohen Alterseinkünften würden „moderat“ zur Kasse gebeten, wie das Berliner Institut betont. Für einkommensschwache Rentner wäre das ein kleiner Geldsegen, viele könnten auf diesem Weg der Altersarmut entfliehen.
„Boomer Soli“: Mit diesen beiden Szenarien sollen reiche Rentner zur Kasse gebeten werden
„Das Besondere an dem Konzept: Umverteilt würde ausschließlich innerhalb der älteren Generation, Jüngere blieben also weitgehend verschont – im Gegensatz zu steigenden Rentenbeiträgen und Steuerzuschüssen, die nach den Plänen der neuen Koalition künftig die zunehmend klammen Kassen der gesetzlichen Rente stabilisieren sollen“, zitiert die Deutsche Presseagentur (dpa) das DIW zum Thema „Boomer Soli“.
Den Wirtschaftsforschern ist wichtig, dass Erwerbseinkommen in keiner Variante zusätzlich besteuert werden. So sollen keine negativen Erwerbsanreize erzeugt werden. Das DIW untersuchte konkret die Wirkungen verschiedener Modelle:
- Szenario eins: eine Abgabe auf sämtliche Alterseinkünfte aus gesetzlichen, betrieblichen und privaten Renten sowie anderen Bezügen.
- Szenario zwei: Abgabe zusätzlich auf Vermögenseinkünfte.
Wer gilt in Deutschland als armutsgefährdet?
Armutsgefährdet sind alle Menschen, deren Nettoäquivalenzeinkommen unter 60 Prozent des mittleren Bedarfs-gewichteten Pro-Kopf-Einkommens (Median) der Bevölkerung liegt. Für eine alleinlebende Person lag diese Armutsrisikoschwelle im Jahr 2024 laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) bei etwa 1378 Euro netto im Monat. Besonders betroffen sind Frauen und Menschen in Ostdeutschland sowie Senioren ab 75 Jahren.
CDU kritisiert „Boomer-Soli“: Renten-Vorschläge „aus der Hüfte geschossen sind Katastrophe“
Von der Union kommt strikte Ablehnung. Die Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung, Gitta Connemann (CDU), sagt, ein „Boomer-Soli“ raube den Menschen Verlässlichkeit. „Jemand, der in die Rente eintritt, der sein Portfolio berechnet hat, (…) dem kann ich nicht so mal über Nacht sagen, ich nehme dir davon zehn Prozent weg“, sagte Connemann in der Sendung „Frühstart“ von RTL/ntv. „Vorschläge aus der Hüfte geschossen, mal über Nacht, sind eine Katastrophe und auch Gift für den Standort.“
Der Chef der Arbeitnehmergruppe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Stefan Nacke, warnte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe: Der DIW-Vorschlag schaffe neue Ungerechtigkeiten, „wenn Einnahmen der Rentnerhaushalte, aber keine Vermögen berücksichtigt werden.“
Sachverständigenrat lobt Rentenvorstoß: Boomer selbst müssen Beitrag leisten
Lob kommt dagegen von der Vorsitzenden des Sachverständigenrates Wirtschaft, Monika Schnitzer. Der Grundgedanke des DIW sei auf alle Fälle richtig: „Die Rentenlast der Babyboomer kann nicht allein der immer kleineren Zahl von jungen Beitragszahlern aufgebürdet werden, die Babyboomer-Generation selbst muss einen Beitrag dazu leisten“, sagte die „Wirtschaftsweise“ den Funke-Zeitungen.
DGB rügt: „Boomer Soli“ auf Renten lässt größte Einkommen in Deutschland unangetastet
Keine Unterstützung kann sich das DIW in diesem Fall vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) erhoffen. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel mahnt, niemand brauche Vorschläge, die den Mangel niedriger Renten nur unter den Rentnerinnen und Rentnern umverteilen. „Ein Soli auf Renten lässt außerdem die größten Einkommen im Land unangetastet: Miet- und Pachteinnahmen, Unternehmensgewinne und Zinsen“, so Piel.
Der Bund der Steuerzahler nennt den Ansatz richtig, sich über die Lastenteilung zwischen Jung und Alt Gedanken zu machen. Aber: „Ein Boomer-Soli würde nur falsche Anreize setzen und wäre mal wieder ein schlechter Versuch, das bewährte und faire Äquivalenzprinzip in der Rentenversicherung aufzubrechen, wonach sich Einzahlungen in die Rentenkasse leistungsgetreu in den Rentenansprüchen widerspiegeln“, sagte Präsident Reiner Holznagel den Zeitungen der Funke Mediengruppe.
Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat bisher nicht öffentlich auf den Vorschlag reagiert. Ein Sprecher verwies auf ihre geplante Rentenreform, mit der das Rentenniveau weiter abgesichert bleiben solle. echo24.de berichtet, was das große Versprechen wirklich bedeutet. Er verwies zudem auf die Rentenkommission, die sich im nächsten Jahr zusammensetze, um eine langfristige Stabilisierung der Rente zu diskutieren.
Großes Problem: Babyboomer im Ruhestand treiben Rentensystem an den Kollaps
Hintergrund aller dieser Debatten: Die Babyboomer der 50er und 60er Jahre gehen jetzt nach und nach in den Ruhestand. Das umlagefinanzierte Rentensystem gerät zunehmend unter Druck, betont das DIW. DIW-Präsident Marcel Fratzscher hatte im dpa-Interview im April die Hintergründe erläutert. „Unser Sozialstaat wird derzeit von Jahr zu Jahr ein Stück weniger generationengerecht“, so Fratzscher. Eine Studie zeigt, wie schlecht es wirklich um Deutschlands Rentensystem steht.
Von Jung zu Alt werde immer stärker umverteilt. Der Koalitionsvertrag verschärfe das Problem: „Anstelle von Vorschlägen zu einer Begrenzung des künftigen Beitragsanstiegs gibt es hier teure Versprechungen wie beispielsweise ein stabiles Rentenniveau und eine ausgeweitete Mütterrente.“ Union und SPD scheuten Zumutungen für ihre Wählerinnen und Wählern, so Fratzscher.
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger kritisierte im Handelsblatt: „Das geplante Rentenpaket ist das teuerste Sozialgesetz dieses Jahrhunderts.“ Die größte Schwachstelle der Regierung sei „der teure und ineffiziente Sozialstaat“.
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