Einzelne werden „zum Objekt gemacht“: Wissing-Klartext zu umstrittenen Führerschein-Pläne der EU für Rentner
VonSophia Lother
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„Ich will keine verpflichtenden Tauglichkeitsprüfungen für Autofahrer über 70“, das erklärte Verkehrsminister Volker Wissing nun in einem Interview.
Kassel – Die neuen Führerschein-Pläne der EU haben es in sich, besonders für Rentnerinnen und Rentner ab 70 Jahren. Im Fokus: Senioren ab dem 70. Lebensjahr sollten künftig in einem bestimmten Zeitraum, genannt war unter anderem alle fünf Jahre, ihren Führerschein auffrischen müssen. Das sorgte für Empörung unter vielen Rentnern und Senioren. Folgende Vorschläge enthält der Entwurf unter anderem:
Befristung von Führerscheinen für Menschen ab 60 auf sieben Jahre
Befristung von Führerscheinen für Menschen ab 70 auf fünf Jahre
Befristung von Führerscheinen für Menschen ab 80 auf zwei Jahre
Einführung einer neuen Führerscheinklasse – der Klasse B+ für Autos über 1800 Kilo
Auch der Gesundheitszustand dieser Personengruppen soll durch eine verpflichtende ärztliche Untersuchung oder durch eine Selbsteinschätzung abgefragt werden. Was davon der Fall sein wird, das sollen die EU-Mitgliedsstaaten selbst entscheiden können. Nun hat sich auch Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) zum Thema geäußert. Gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe wurde er besonders deutlich.
Führerschein-Pläne für Rentner ab 70: Das sagt Volker Wissing
„Ich will keine verpflichtenden Tauglichkeitsprüfungen für Autofahrer über 70, und ich bin zuversichtlich, dass sich dafür in der EU auch keine Mehrheit finden wird“, erklärt Wissing. Er setze sich entschieden dagegen zur Wehr, „dass der Einzelne immer mehr zum Objekt gemacht wird, sich Zwangsuntersuchungen unterziehen und nach Vorschriftskatalog seinen Alltag gestalten muss“.
Auch auf den Gesundheitsaspekt geht der Verkehrsminister ein. „Ich traue den Senioren schon zu, dass sie sich ohne staatliche Vorgaben und bürokratische Kontrolle mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen.“
Rentner von Führerschein-Plänen der EU besonders betroffen: Wissing äußert sich zur Unfallstatistik
Die Unfallstatistik verzeichne in der Altersgruppe über 70 keine signifikanten Zahlen bei schweren Unfällen, erklärt Wissing im Interview. Er geht auch auf die Ängste ein, die einige bereits geäußert hatten, nämlich die Angst vor der Ausgrenzung von Rentnern beim Verlust des Führerscheins. Viele ältere Menschen lebten auf dem Land. Deshalb sei ein selbstbestimmtes Leben ohne Auto für sie schwer möglich.
Er kritisiert damit auch einen weiteren Punkt der EU-Pläne. „Prüfungen auf Fahrtauglichkeit enthalten Aufgaben wie eine Fahrt von Berlin nach Hamburg. Das ist der objektive Maßstab.“ Senioren würden in der Regel aber eben nicht hunderte Kilometer über die Autobahn fahren. Viele nutzten das Auto, um den Supermarkt oder den Arzt im Nachbarort zu besuchen. Deswegen hält der Verkehrsminister die von der EU geplante Tauglichkeitsprüfung auch nicht für verhältnismäßig.
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Umfrage zu Führerscheinplänen der EU für Rentner und Senioren ab 70
In einer Umfrage des Onlineportals autoscout24.de wurden 1000 Autofahrer zwischen 18 und 65 Jahren nach ihrer Meinung zu den möglichen Führerschein-Änderungen für Rentner und Senioren befragt. Das Ergebnis: 86 Prozent der Teilnehmer halten regelmäßige Fahrtauglichkeitsprüfungen im Alter für sinnvoll. Auch die Altersgrenze von 70 Jahren wurde von einem großen Teil der Befragten befürwortet. (slo)