VonLisa Kleinschließen
Das Renteneintrittsalter wird schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Laut Wirtschaftsweise Martin Werding braucht es eine Rentenreform, die Altersgrenze muss weiter steigen.
Bis 2031 wird das Renteneintrittsalter in Deutschland schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Nur wenige Jahrgänge dürfen noch vor 67 in den Ruhestand. Früher in Rente können die meisten Deutschen nur noch mit Abschlägen – frühestens mit 63 Jahren. Doch Deutschland steht vor einem Problem: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, die Geburtenzahlen gehen zurück. Die Grundmauer des Rentensystems bröckelt. Im echo24-Interview fordert der Wirtschaftsweise Martin Werding eine Renten-Reform.
Renteintrittsalter steigt bis 2031 auf 67 Jahre – Regelaltersgrenze müsse laut Experte darüber hinaus steigen
„Die Ausgangslage ist folgende: Die Lebenserwartung in Deutschland steigt immer weiter an, während wir gleichzeitig einen Rückgang der Geburtenzahlen nach dem Babyboom erleben“, erklärt Werding.
„Eine Reform müsste also auf eine langsame Anpassung der Regelaltersgrenze zielen. Das ist zwar bis 2031 geplant, für die Zeit danach verspricht die Politik allerdings, dass sie da auf keinen Fall weitermachen wird. Das muss man aber“, stellt der Renten-Experte klar.
Kritik an Arbeitnehmer und Politik – „brauchen einen anderen Blick auf das Thema Rente“
Martin Werding kritisiert außerdem die Rente mit 63 – viele würden durchaus noch in der Lage sein zu arbeiten, „wollen aber nicht“. Der Wirtschaftsweise betont gegenüber echo24.de: „Wir brauchen einen anderen Blick auf das Thema Rente – nicht nur die Haltung: „Ich habe mir das verdient”, sondern auch ein grundlegendes Verständnis dafür, wie das System funktioniert und wer dafür bezahlen muss.“
Das Problem: „Die Rente mit 63, die man nach 45 Jahren in Arbeit erhält, wurde für Menschen eingeführt, die gesundheitlich angeschlagen sind“, erklärt Werding. „Wenn man sich die Daten anguckt, stellt man aber fest: Typischerweise wird diese Rente von Menschen in Anspruch genommen, die genau deswegen so lange gearbeitet haben, weil sie überdurchschnittlich gesund sind. Sie können noch, wollen aber nicht mehr.“
Der Renten-Experte nennt konkrete Zahlen: „Das sind etwa 250.000 Personen im Jahr. Bei der Einführung der Rente mit 63 ist man noch davon ausgegangen, dass das nur 100.000 sein könnten. Da hat man sich massiv verschätzt.“
Anreize schaffen, für eine spätere Rente: Abschläge für frühere Rente noch „zu niedrig“
Sollte es also nicht mehr möglich sein, früher in Rente zu gehen? Doch: „Ich bin grundsätzlich für ein flexibles Renteneintrittsalter, bei der eine Regeleintrittsaltergrenze als Orientierungsgröße dient. Menschen haben dann individuell die Wahl, früher oder später zu gehen - mit entsprechenden Abschlägen, wenn man früher geht, und Zuschlägen, wenn man später geht. Diese Wahlfreiheit halte ich für richtig und wichtig. Grundsätzlich halte ich auch die Abschläge, die wir momentan haben, für zu niedrig.“
Renteintrittsalter an die Lebenserwartung koppeln: Rente mit 68, 69 und 70 Jahren könnte kommen
In anderen Ländern gibt es das Modell bereits, dass sich das Renteneintrittsalter mit der steigenden Lebenserwartung erhöht. Das Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) schlägt zum Anheben der Regelaltersgrenze ein Vorgehen nach der „niederländischen Regel“ vor. Das Prinzip funktioniert so: Wenn Menschen drei Jahre länger leben, sollen sie zwei Jahre länger arbeiten (zwei Drittel) und bekommen ein Jahr länger Rente (ein Drittel).
echo24.de hat ausgerechnet, ab wann die Lebenserwartung nach der „niederländischen Regel“ so weit gestiegen ist, dass die Rente mit 68 oder 69 Jahren kommen könnte und erklärt außerdem, welche Jahrgänge die Rente mit 70 treffen könnte.
Rubriklistenbild: © IMAGO / Wolfilser

