Gehalts-Experte rät: „Der FC Barcelona kann Vorbild für den FC Bayern sein“
VonDaniel Michel
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Mehrere FC Bayern-Profis verdienen zu viel. Ein Gehalts-Experte präsentiert Wege, wie die Münchner ihre Bezahlstruktur reformieren können.
München – Beim FC Bayern dreht sich viel um das Thema Spielergehälter. Zuletzt betonte Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des deutschen Rekordmeisters von 2002 bis 2021, dass die Gehälter der Münchner Stars zum Teil zu hoch ausgefallen sind.
Absolut Fussball, das Fußballportal von Home of Sports, fragt mit Professor Julian Molina nun einen Experten in Sachen Gehaltsverhandlungen, wie der FC Bayern wieder eine vernünftige Bezahlstruktur für seine Stars aufbauen kann. Der Münchner ist systemischer Business Coach und berät Unternehmen und Führungskräfte.
Verträge mit Stars des FC Bayern sollen flexibler gestaltet werden
Im Interview mit Absolut Fussball zieht Professor Molina einen interessanten Vergleich zum FC Barcelona. Zudem regt er dazu an, bei Verträgen mit Profi-Fußballern wieder mehr auf Flexibilität und Leistung zu setzen, auch wenn dies bedeutet, zunächst einen steinigen Weg einschlagen zu müssen.
Herr Molina, man sagt, mit dem Fall Lucas Hernández habe beim FC Bayern eine Art Gehalts-Teufelskreis eingesetzt. Der Franzose war 2019 für 80 Millionen Euro Ablöse nach München gekommen, sein Gehalt soll bei 20 Millionen Euro gelegen haben, während er zumeist verletzt war oder nur durchschnittliche Leistungen zeigte. In der Folge sollen Bayern-Stars, die zuvor eher bei einem Gehalt von 15 Millionen Euro lagen, ebenfalls 20 Millionen Euro verlangt haben. Angenommen, dass es sich so zugetragen hat: Wo hätte der Verein noch etwas korrigieren können?
Die Kernfrage lautet: Hatte der FC Bayern damals eine klare interne Gehalts-Architektur? Dann hätte man als großes Unternehmen spätestens nach dem Hernández-Deal umgehend eine rote Linie ziehen müssen nach dem Motto: Die Summe X ist unsere Schmerzgrenze, egal welcher Star nun gerade mehr Geld fordert.
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Nach dem Harvard-Prinzip – dem Goldstandard moderner Verhandlungsführung – gilt: Schon ein einzelnes Top-Vertragsangebot wird zum neuen Anker beziehungsweise zur neuen Benchmark für alle. Wer da als Unternehmen oder in dem Fall als Verein nicht intern gegensteuert, schreibt unbeabsichtigt das neue Preisschild für den ganzen Kader.
Der FC Bayern gewann 2020 die Champions League unter den Rahmenbedingungen der Corona-Zeit (u.a. verkürzter Turniermodus auf neutralem Boden). Der Verein vermarktete diesen Triumph, als wäre er in einer gewöhnlichen Saison erfolgt. Auch die Spieler sahen sich als Champions-League-Helden an. Einige Stars erhielten plötzlich Langzeitverträge sowie eine deutliche Gehaltserhöhung. Allerdings konnten die meisten Spieler die Erwartungen nicht erfüllen. Sehen Sie einen Ausweg für den Verein?
Vorausgesetzt, dass es sich in etwa so abgespielt hat, lässt sich vorweg sagen, dass Unternehmen nicht selten in einer Phase des Erfolges, in einer Phase, wo Euphorie vorherrscht, Fehler begehen. Man kann in dem von Ihnen beschriebenen Fall selbstverständlich auch noch etwas korrigieren, aber das funktioniert nicht einfach mit dem Drücken der Reset-Taste.
Vielmehr geht es um eine systematische Nachjustierung, zum Beispiel mittels eines ausgewogenen Dreiklangs: Die teuersten Verträge auslaufen lassen, gezielt Abnehmer mit Sonderlösungen finden, zum Beispiel Leihmodelle mit Gehaltsbeteiligung – und die freiwerdende Gehaltssumme konsequent neu strukturieren. Es ist wie mit einem Kühlschrank: Erst das alte Zeug raus – dann den Kühlschrank mit System neu einräumen.
Sport-Vorstand Max Eberl sollte in der abgelaufenen Saison bei einigen Spielern neue Verträge aushandeln, allerdings auch ihre Gehälter kürzen. Letztendlich bekamen manche Spieler eine Gehaltserhöhung. Vermutlich lautete die Rechnung des Klubs: Ein neuer Spieler würde zwar etwas weniger Gehalt verlangen, aber er würde Ablöse und Handgeld kosten. War das die richtige Entscheidung, die teuren Stars zu halten?
Kurzfristig kann das durchaus ein smarter Deal sein: keine Ablöse, kein Handgeld in Millionenhöhe – und vor allem eine stabile Mitarbeiter- beziehungsweise Kader-Struktur behalten. Langfristig birgt diese Vorgehensweise aber ein hohes Risiko, weil jedes überdurchschnittliche Gehalt wie gesagt sofort zur neuen Verhandlungsbasis, also Anker, für alle wird. Berater nutzen solche Gelegenheiten dann als Referenz und handeln hohe Gehälter heraus – egal ob der Spieler sportlich auf Top-Niveau agiert oder nicht.
Der Kernpunkt lautet hier, dass der Verein nach Möglichkeit zu einer leistungsgerechten und flexiblen Vertragsgestaltung zurückkehrt. Das kann als Anregung für viele Profi-Vereine gelten: Kommt weg vom blinden Vertrauensvorschuss mit langen Vertragslaufzeiten und hohem Grundgehalt, sondern verfolgt wieder mehr das Prinzip von Pay-for-Performance. So wird es auch oftmals in der freien Wirtschaft auf Top-Management-Ebene gehandhabt.
Welche Auswirkung hätte das Prinzip für den Fußball?
Jeder kennt wahrscheinlich Zeitungs-Meldungen, in denen davon berichtet wird, dass ein Wirtschafts-Boss bei Erreichen von Geschäftszielen einen hohen Bonus erhält. Das liegt am System, weil zahlreiche Manager, zumindest auf die Branche bezogen, ein eher niedriges Grundgehalt vereinbart haben und die Leistung im Mittelpunkt steht.
Um das auf die Fußball-Klubs herunterzubrechen: Ein Verein muss es eigentlich verhindern, mit einem Spieler eine auf Jahre hohe Lohnbindung einzugehen, ohne dass er dafür eine entsprechende Leistung zugesichert bekommt. Natürlich weiß jeder Fußball-Fan, dass Spieler Form-Schwankungen unterliegen, aber genau das sollte wieder deutlicher in Verträgen berücksichtigt werden.
Es ist natürlich einfacher gesagt als getan, aber wäre das Modell aus der freien Wirtschaft auf den Profi-Fußball übertragbar, könnte es sogar den Teamgeist stärken, weil sich finanzielle Anreize noch stärker an Erfolge koppeln – und alle Spieler noch mehr investieren, um gemeinsam das Beste für alle herauszuholen.
Prof. Dr. Julian Molina ist wissenschaftlicher Studienortleiter an der iba (internationalen Berufsakademie) in München und lehrt Soziale Arbeit, Management und Coaching
Der 44-Jährige ist systemischer Business Coach und berät Fach- und Führungskräfte, Unternehmen sowie gemeinnützige Organisationen. Der Münchner ist zudem spezialisiert auf Karriere-Beratung, wozu auch Gehaltsverhandlungen zählen.
Ein letzter Punkt: Der FC Bayern tut sich auf dem Transfermarkt schwer. Europäische Top-Klubs haben als Klub-Besitzer Staaten oder große Investmentfonds hinter sich stehen. Erling Haaland soll bei Manchester City 30 Millionen Euro pro Jahr verdienen. In Deutschland gilt dagegen die 50+1-Regel. Können Sie diese Konkurrenzsituation im Kampf um Top-Stars einordnen?
Ich denke, es ist offensichtlich, dass es international unterschiedliche Strukturen gibt, wodurch Vereine aus Deutschland automatisch benachteiligt werden. Man muss dafür allerdings nicht zwingend in Deutschland die 50+1-Regel abschaffen. Es muss aber das Ziel der deutschen Vereine sein, in Europa auch finanziell einen fairen Wettbewerb herzustellen.
Das könnte, wie FIFA-Präsident Gianni Infantino und FC-Bayern-Aufsichtsrat Karl-Heinz Rummenigge fordern, über einen gut austarierten Salary-Cap funktionieren. Die Einführung einer Gehaltsobergrenze für Spieler dürfte aber sicherlich noch Zeit in Anspruch nehmen. Aktuell kann ich einem Klub wie dem FC Bayern nur raten, bei den Spielergehältern keine Grenzen zu überschreiten, wenn das Duell gegen Klubs mit anderen finanziellen Strukturen im Grunde nicht zu gewinnen ist.
Vielmehr sehe ich eine Chance darin, dass der Verein seine Werte, Stärken und Besonderheiten neuen Spielern anpreist. Der Verein muss liefern, was kein Öl-Milliardär mit Geld kaufen kann: eine integre Vereinskultur, Planbarkeit, Titel-Sicherheit und Markenstärke. In Verhandlungen heißt das: ‚Wir zahlen fair – dafür bekommst du langfristige Karriere-Chancen statt kurzfristigen Cashflow.‘
Wer diese Philosophie glaubwürdig lebt, holt Spieler, die mehr wollen als nur den dicksten Gehaltszettel. Das erdet die Spieler und bindet sie zurück an die Fan-Gemeinschaft. Hier würde ich gerne auch das Beispiel FC Barcelona einbringen.
Die Katalanen sollen rund eine Milliarde Schulden angehäuft haben...
Der Klub gilt als hochverschuldet, aber warum wechseln zahlreiche Stars trotzdem zum FC Barcelona? Warum verdienen viele Spieler beim FC Barcelona deutlich weniger Geld als bei anderen Top-Klubs, wollen aber trotzdem bleiben? Die Antwort ist naheliegend: Der FC Barcelona bietet eben noch andere Benefits für die Spieler. Das könnte eben auch eine Chance für den FC Bayern sein.