VonLars Pollmannschließen
Experten und Fans erwarten einen großen BVB-Umbruch nach der Saison. Doch Sportchef Lars Ricken schürt in einem Interview keine hohen Erwartungen.
Dortmund – Für Borussia Dortmund bleibt es eine Auf-und-Ab-Saison!
Gerade erst hatte der BVB durch die Siege gegen Mainz und Freiburg in der Bundesliga Momentum aufgenommen, da kam die Nachricht vom Schlotterbeck-Schock wie ein Schlag in die Magengrube: Der Abwehrstar fehlt dem Team voraussichtlich ein halbes Jahr.
Die Vorfreude auf das Champions-League-Highlight beim FC Barcelona wurde dadurch natürlich getrübt. Und die Chancen auf ein Happyend in der Bundesliga sind für den Tabellenachten sicher nicht gestiegen. Sollte der BVB den Europapokal in der kommenden Saison nur im Fernsehen verfolgen, galt bisher ein radikaler Umbruch als vorprogrammiert.
Doch BVB-Boss Lars Ricken hat jetzt auf die Umbruch-Bremse getreten.
BVB-Stars sollen Kovač „in den Kopf, die Herzen, die Beine bekommen“
In einem Interview mit der WAZ bekannte sich der Sportgeschäftsführer etwa zur gemeinsamen Zukunft mit Cheftrainer Niko Kovač. „Diese Diskussion aufzumachen, verstehe ich ehrlicherweise nicht“, sagte Ricken. „Wir haben uns ganz bewusst für diese Vertragslaufzeit entschieden – und die war nach zehn Sekunden in den Gesprächen geklärt.“
Kovač hatte beim BVB einen Kontrakt bis 2026 erhalten, auf den der Übungsleiter zuletzt selbst verwies, als es um seine von vielen Beobachtern als nicht gesichert betrachtete Zukunft ging. „Es war auch wichtig als Signal an die Spieler. Dass sie Niko in den Kopf, in die Herzen, in die Beine bekommen müssen“, erklärte Ricken.
In diesem Zusammenhang machen die Verantwortlichen beim BVB wichtige Fortschritte aus, die sich inzwischen auch in den Ergebnissen widerspiegelten. „Wir haben unter Nikos Leitung die beste Defensiv-Zweikampfquote der Liga. Wir gehen die intensiven Läufe mit. Wir erspielen uns mehr Torchancen, lassen deutlich weniger zu und haben unsere Gegentore reduziert. Uns war klar: Irgendwann drehen sich die Ergebnisse“, so Ricken.
BVB-Boss Ricken setzt auf „Leistungskultur“ unter Kovač
Der positive Trend unter Kovač ist beim BVB in der Tat erkennbar, dennoch bleibt das Team in der Rolle des Jägers, wenn es um die Europapokal-Qualifikation geht. Die kann beim letztjährigen Champions-League-Finalisten eigentlich nicht als verhandelbar gelten.
„Wir wollen und müssen eine Leistungskultur schaffen“, sagte Ricken. Dafür stehe insbesondere Kovač. „Wenn wir zurück unter die Top 4 in Deutschland kommen wollen, muss jeder Spieler und jeder Mitarbeiter exzellente Leistungen bringen. Es darf einfach nicht sein, dass Vereine wie Freiburg oder Mainz mit deutlich geringeren Etats vor uns stehen“, mahnte Ricken an.
Aus diesen Worten ließe sich ohne Weiteres Kritik an der Bilanz der Führungsetage des BVB in den letzten Jahren ableiten, die einen teuren Kader zusammengestellt hat, der nicht den sportlichen Ansprüchen genügt. Laut wurde diese Kritik von Außen zuletzt immer wieder vor allem gegen Sportdirektor Sebastian Kehl. Dessen Vertragsverlängerung im Januar zum Trotz, sehen viele Beobachter keine Zukunft für den Ex-Kapitän in Dortmund.
Kehl soll BVB-Sportdirektor bleiben: „Nichts geändert“
Ricken jedoch nennt als „das klare Ziel“, in der Konstellation nicht nur mit Kovač, sondern auch mit Kehl weiterzumachen. „Wir arbeiten jeden Tag von früh bis spät daran, Borussia Dortmund sportlich auch in der Bundesliga wieder in die Spur zu bekommen. Als wir Sebastians Vertrag verlängert haben, war mir wichtig, dass wir das Maximale aus der Saison herausholen und gemeinsam in die Zukunft gehen“, so Ricken. „An diesem Ziel hat sich nichts geändert.“
Wenn also Cheftrainer und Sportdirektor im Amt bleiben sollen, wird sich der Umbruch wohl einmal mehr auf das spielende Personal des BVB beziehen. Doch selbst in diesem Punkt schürt Ricken keine hohen Erwartungen.
„Die Zukunft eines Spielers bei Borussia Dortmund ist nicht vornehmlich meine oder unsere Entscheidung, sondern es entscheidet immer die Leistung. Es darf sich kein Spieler oder Mitarbeiter aus der Verantwortung nehmen“, sagte der 48-Jährige.
Brandt, Can und Süle mit BVB-Zukunft?
Dass der ein oder andere hoch bezahlte Dortmund-Profi zur Disposition steht, liegt auf der Hand. „Am Ende entscheiden das die Spieler mit ihren Leistungen. Wir werden in jedem einzelnen Fall gemeinsam besprechen, wie die mittel- und langfristigen Planungen beider Seiten aussehen“, hielt sich Ricken bedeckt.
Am spannendsten sind dabei wohl die Personalien Julian Brandt, Emre Can und Niklas Süle: Ihre Verträge laufen bis 2026, sie gehören zu den Topverdienern, können das in dieser Saison aber nicht immer (Can), selten (Brandt) oder gar nicht (Süle) sportlich rechtfertigen. „Alle drei sind Spieler, die bei Borussia Dortmund und auch bei anderen Vereinen bewiesen haben, welche Leistungsfähigkeit sie haben. Wir schätzen sie menschlich und sportlich sehr“, betonte Ricken.
Summa summarum scheint der Sportgeschäftsführer die Parole auszugeben: Weiter so! Dass dies mit der Auf-und-Ab-Saison des BVB schwer in Einklang zu bringen ist, dürfte auch Ricken einleuchten. Bleibt für BVB-Fans zu hoffen, dass die öffentlichen Aussagen das Eine, die interne Analyse das Andere ist – und der Klub die richtigen Schritte daraus ableitet.
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