„Verblendet“

20.000 Euro: Frau bezahlt ihren Mann für die Elternzeit

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Ein Elternteil geht arbeiten, eines nimmt Elternzeit und kann entsprechend weniger sparen. Ist es „bequeme Ignoranz“, dass viele Paare das nicht ausgleichen?

Anfang April schreibt Maren P.* bei LinkedIn, dass sie ihrem Mann 20.000 Euro für seine Elternzeit zahlt. „Es war der viralste Post, den ich je hatte“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Maren P. ist Gruppenleiterin bei einem großen deutschen Technologiekonzern, ihr Mann Steuerberater. Die beiden haben schon früh beschlossen, Elternzeit und Care-Arbeit finanziell fair auszugleichen. Ihnen war klar, dass eine Person beruflich mehr zurückstecken muss als die andere.

Bei ihnen ist es umgekehrt als bei vielen anderen Paaren: Als ihr Sohn geboren wurde, nahm Maren P. nach dem Mutterschutz vier Monate Elternzeit – ihr Mann zehn. Ähnlich nach der Geburt ihrer Tochter. Anschließend sei sie direkt auf 100 Prozent in den Job zurückgekehrt. „Das funktionierte aber nur, weil mein Mann die Elternzeit übernommen hat“, sagt sie. Und weil er seine Arbeitszeit insgesamt mehr reduziert habe als sie.

Eine Frau zahlt ihrem Mann 20.000 Euro für den Verlust, den er durch seine Elternzeit hat. Sollten das alle Paare machen? (Symbolbild)

20.000 Euro für Elternzeit: „Das ist für mich nur logisch“

Jeder Elternteil in Deutschland hat gesetzlich Anspruch auf bis zu drei Jahre Elternzeit pro Kind. Insgesamt stehen Eltern, wenn sie gemeinsam nicht mehr als 175.000 Euro brutto im Jahr verdienen, pro Kind 14 Monate Basiselterngeld. Dieses entspricht etwa 65 Prozent des Einkommens vor der Geburt. Das sei zwar „schön und hilfreich“, sagt Maren P. BuzzFeed News Deutschland. Aber in dieser Zeit zahle man viel zu wenig in diverse Rentenkassen ein.

Zwar können sich Eltern in der gesetzlichen Rente weiterhin fast einen Rentenpunkt pro Jahr als Erziehungszeit für ihre Elternzeit anrechnen lassen und für Teilzeitarbeit gibt es Kinderberücksichtigungszeiten, die die Rentenansprüche um bis zu 50 Prozent erhöhen. Aber: Rentenbeiträge, die in ein Versorgungswerk oder eine private Rentenversicherung fließen, fallen während der Elternzeit meistens weg.

„Wir haben das für uns gelöst, indem wir meinem Mann nachgezahlt haben, was er in seinen 19 Monaten Elternzeit nicht einzahlen konnte: insgesamt sind das 20.000 Euro. Das ist für mich nur logisch“, sagt die zweifache Mutter.

Dass Elternzeit nicht finanziell ausgeglichen wird, liegt an „bequemer Ignoranz“

Auf LinkedIn wird sie für ihren Beitrag gefeiert, besonders von Frauen, die öfter und länger Elternzeit nehmen und in Teilzeit arbeiten als Männer. „Das zeigt mir, wie wichtig dieses Thema ist und wie groß der Bedarf an einem offenen Austausch darüber ist“, sagt Maren P. BuzzFeed News Deutschland. Natürlich könnten das nur Paare machen, die den Luxus hätten, genug zu verdienen. „Wenn am Ende des Monats nichts übrig bleibt, kann auch die Rente nicht aufgestockt werden“, gibt sie zu.

Doch ihrer Meinung nach sei häufig „bequeme Ignoranz“ und nicht Geldmangel daran schuld, dass in vielen Beziehungen kein solcher finanzieller Elternzeit-Ausgleich stattfinde. Für viele sei es ein „unliebsames Thema“. Viele Paare würden denken, sie seien gleichberechtigt, bis das erste Kind komme. „Dann hörte die Gleichberechtigung auf“, sagt die Gruppenleiterin. 

„Viele Frauen machen das aus Liebe – stillen, zu Hause bleiben – und das ist ja auch wunderbar. Aber irgendwie auch verblendet.“ Auf diese Weise entstehe finanzielle Abhängigkeit, problematisch in vielerlei Hinsicht. „Und irgendwann kommt die Scham: Warum habe ich das damals nicht angesprochen?“, sagt sie.

Eine Frau zahlt ihrem Mann 20.000 Euro für den Verlust, den er durch seine Elternzeit hat. Sollten das alle Paare machen? (Symbolbild)

Elternzeit finanziell ausgleichen: „Es geht nicht nur um Liebe“

Es sei so wichtig, über finanzielle Fairness zu sprechen. Das habe nichts mit Misstrauen zu tun, sondern sei einfach klug. „Wer nicht über finanzielle Konsequenzen spricht, blendet die Realität aus“, sagt die zweifache Mutter. „Es geht nicht nur um Liebe, sondern auch um Vorsorge – für eine unabhängige Partnerschaft, die dann wiederum auf Liebe basieren darf.“

Mal ganz davon abgesehen, dass längere Elternzeiten oder Teilzeit-Arbeit ja auch langfristige Folgen hätten, zum Beispiel, wenn die Person in der nächsten Beförderungsrunde seltener berücksichtigt werde. „Das hat Auswirkungen auf die gesamte Karriere und die Altersvorsorge. Ich finde, das darf man als Paar nicht ausblenden“, sagt Maren P. BuzzFeed News Deutschland.

All dies könne nicht wirklich berechnet werden, aber zumindest das, was die Person konkret durch ihre unbezahlte Care-Arbeit verliere, müsse ausgeglichen werden. Und zwar nicht erst im Alter, denn wenn das Geld jetzt angelegt werden würde, könnten noch Zinsen und Rendite für die Rente erwirtschaftet werden. „Außerdem weiß man nie, was in fünf oder zehn Jahren passiert. Vielleicht trennt man sich – und dann ist es nicht fair, wenn eine Person finanziell schlechter dasteht.“

*Der vollständige Name von Maren P. ist der Redaktion bekannt. Auf Wunsch unserer Interviewpartnerin nennen wir ihn im Artikel nicht.

Rubriklistenbild: © Johner Images/IMAGO

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