„Beunruhigend“

„Die Lage ist schlimmer, als ich dachte“: Vater, der Tochter aus der Kita genommen hat, schlägt Alarm

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Ein Vater nimmt seine Tochter aus der Kita und führt danach ein politisches Gespräch. Er erkennt: Der Kitanotstand ist noch viel schlimmer als gedacht.

Jannis Johannmeier hat seine Tochter im Januar aus der Kita genommen. Der Vater äußerte sich damals auf Linkedin öffentlich zu der Situation in deutschen Kitas und bekam daraufhin ein Gesprächsangebot von Heiko Hagemann und Judith Wend. Hagemann arbeitet als politischer Referent bei der SPD-Ratsfraktion in Bielefeld, Wend ist SPD-Mitglied und unter anderem im Jugendhilfeausschuss tätig. Beide erleben die Kita-Krise daher noch einmal aus einer anderen, laut Hagemann „beunruhigenden“ Perspektive.

„Die Situation in Kitas ist noch viel, viel schlimmer, als ich dachte!“, schreibt Johannmeier nach dem Gespräch Anfang März 2025 auf Linkedin über den Kita-Notstand in Nordrhein-Westfalen. „Kitas sind wirklich am Ende. Komplett. Ein Kita-Ende für unzählige Familien droht.“ BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA hat sich noch einmal mit ihm und den beiden SPD-Mitgliedern aus dem Bielefelder Rathaus unterhalten.

Einen Vater aus Bielefeld beunruhigt der Notstand in vielen deutschen Kitas. (Symbolbild)

Kitas in NRW und Deutschland in der Krise: „Das ist beunruhigend“

Eltern spüren täglich wegen des Kitanotstands emotionalen Druck und Frustration“, sagt Johannmeier im Gespräch mit BuzzFeed News Deutschland. Judith Wend kann das gut verstehen. „Die Lage ist dramatisch. Wir ziehen uns ein fettes Problem für die nächsten Jahrzehnte heran, was für mich als Mutter von drei Kindern, die seit neun Jahren selbst im System Kita steckt, kaum auszuhalten ist.“

Dass Kindertagesstätten nicht nur in NRW, sondern deutschlandweit in der Krise steckten, besonders kleine Kitas, liege daran, dass die Bundesländer ihnen nicht genug Geld zur Verfügung stellten. Die Kommune springe ständig ein und finanziere die Kitas in Bielefeld, sagt Wend, die für die SPD unter anderem im Jugendhilfeausschuss tätig ist.

Noch vor einigen Jahren wollten sie flexiblere Kita-Öffnungszeiten, gesunde Kita-Küche oder Pflanzaktionen durchsetzen. „Jetzt hoffen wir einfach nur, dass das System Kita nicht zerbricht. Das ist beunruhigend“, sagt Wends Kollege Hagemann. Damit keine Kita zu machen müsse, übernehme die Stadt 8,4 von zehn Millionen Euro Eigenanteil, den die Kitaträger in Bielefeld eigentlich selbst zahlen müssten.

Unternehmer und Vater Jannis Johannmeier im Gespräch mit Judith Wend und Heiko Hagemann von der SPD Bielefeld. (von links nach rechts)

Drei Dinge, die Kitas in NRW helfen würden

2024 habe die Stadt auch einen Teil der Ausbildungskosten von Erziehern übernommen. „Die meisten Kommunen könnten das gar nicht. Und auch bei uns sind diese Zeiten vorbei. 2025 ist der Haushalt auf Kante genäht, da wird das nicht möglich sein“, sagt Hagemann. „Wir dürfen als Kommune nicht zu viele Schulden machen.“ Das Land habe da ganz andere Möglichkeiten, deswegen brauche es in NRW dringend eine Reform des Kinderbildungsgesetz (KiBiz).

Konkret gehe es beim KiBiz um drei Bausteine: „Kitaträger müssen einen Eigenanteil erbringen, um eine Kita zu betreiben. Gleichzeitig sollen sie gemeinnützig sein, dürfen keinen Gewinn erwirtschaften. Das ist irrsinnig, das kann nicht funktionieren“, sagt Wend BuzzFeed News Deutschland. Diese Eigenanteile für die Träger müssten wegfallen.

Die Kindpauschalen müssten deutlich angehoben werden, mehr als für Sommer 2025 geplant, und das Bundesland müsste mehr Geld in die Ausbildung von Kita-Fachkräften stecken. In Bielefeld sei es „grotesk“: Sehr viele Menschen wollten Erzieher werden, könnten es aber nicht, weil Ausbildungsplätze für die Träger zu teuer seien.

Führt die Kita-Krise zu einem Anstieg an privaten Kitas und Schulen?

Johannmeier sagt, er habe nach dem Gespräch mit Wend und Hagemann verstanden, dass Bielefeld als Stadt tue, was sie könne. „Aber zu wissen, dass es politisch komplizierter und unmöglicher gemacht wird, als es muss, das frustriert und nervt noch mehr“, sagt er BuzzFeed News Deutschland. „Ich kann nicht verstehen, wie man das so schleifen lassen konnte.“ 306.000 Dreijährige haben in Deutschland keinen Kitaplatz und Notbetreuung sei eben für manche auch aufgrund fehlender pädagogischer Qualität auch keine Lösung.

„Wenn wir das nicht hinbekommen, dann werden sich privilegierte Menschen vom System abwenden und ihr eigenes Ding machen. Das ist für mich eine Abfahrt, die gesellschaftlich für unser Land nicht richtig sein kann.“ Einen Anstieg an privaten Kitas und Privatschulen gibt es bereits, teilt das Statistische Bundesamt im Januar 2025 mit. „Im Kitanotstand steckt viel Zündstoff für unsere Demokratie. Die, die es sich leisten können, werden irgendwann nur noch private Kinderbetreuung nutzen. Und die, die es nicht können, müssen das nehmen, was übrig bleibt“, sagt Wend.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Michael Gstettenbauer

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