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Ein heftiger Erdstoß hat am frühen Dienstagmorgen die Liparischen Inseln nördlich von Sizilien erschüttert. Das Inselparadies besteht aus teils aktiven Vulkanen.
Lipari – Die neun Liparischen Inseln (auch Äolische Inseln genannt) nördlich von Sizilien sind ein Paradies für Urlauber, das noch vom Massentourismus verschont blieb. Wer die malerischen Steilküsten des „italienischen Hawaiis“ besuchen will, muss eine Fähre in Neapel oder Palermo nehmen, es gibt auch Ausflugsschiffe, die am Festland in Kalabrien und im Nordosten Siziliens starten.
Erdbeben-Serie mitten im Italien-Inselparadies
Einen Flughafen gibt es nicht. Zu den Inseln zählen zwei aktive Vulkane, wobei der Stromboli besonders aktiv ist und täglich Lavafontänen in die Luft spuckt. Am Dienstag (12. März) ereignete sich um 5.37 Uhr mitten in diesem Inselparadies ein Erdbeben der Stärke 4,4. Das Epizentrum lag im Meer etwa 10 km nordöstlich der Küste vor der größten Insel Lipari, auf halber Strecke zwischen Salina und Panarea. Das Hypozentrum des Bebens lag außerordentlich tief bei 243 Kilometern. Um 1.10 Uhr hatte es schon einen leichten Erdstoß der Stärke 2 am Westufer von Panarea gegeben, dieses Mal in nur 16 Kilometern Tiefe. Ein drittes Beben der Stärke 3,8 folgte um 10.37 Uhr etwa 45 Kilometer nordwestlich von Lipari im Meer in sogar 314 Kilometer Tiefe.
Geologisch sehr aktives Gebiet mit Vulkanen über und unter der Wasseroberfläche
„Aus genau diesem Grund – und auch aufgrund der Tatsache, dass sich das Epizentrum im Meer vor der Küste befand – war das Erdbeben dort kaum zu spüren“, berichtet das italienische Wissenschaftsmagazin Geopop.it. Bislang wurden keine Sach- oder Personenschäden gemeldet. Interessant ist: In der Nähe des Epizentrums gibt es die sogenannten weißen Fumarolen in wenigen Metern Tiefe strömt heiße Luft in Blasen an die Oberfläche, für Taucher ein bemerkenswertes Schauspiel.
In der Region gibt es neben den durch Vulkane entstandenen neun Inseln mindestens 19 weitere Unterseevulkane. Am meisten gefürchtet ist der Unterwasser-Vulkan Marsili nördlich der Liparischen Inseln, bei dem ein Ausbruch einen verheerenden Tsunami auslösen könnte. 2018 wurde auf dem Meeresboden zwischen den Liparischen Inseln Panarea und Insel Basiluzzo in 70 bis 80 Meter Tiefe ein Feld von über 200 Thermalschloten entdeckt, das „Tal der 200 Vulkane“. Am 3. November 2018 entstand dort bei einer Gasexplosion ein zehn Meter tiefer Krater auf dem Meeresboden. Sind die neuesten Beben die Geburtsstunde eines neuen Vulkans?
Die Erdbeben und die Vulkane der Region im Tyrrhenischen Meer sind auf tektonische Prozesse zurückzuführen. Die benachbarte ionische ozeanischen Platte östlich von Sizilien versinkt unter dem kalabrischen Festland. „Das Stück der sinkenden Erdkruste ist aktiv und erzeugt vor der Küste Kalabriens und Ostsiziliens häufig tiefe Erdbeben“, erklärt Alessandro Amato, Seismologe und Leiter des Tsunami-Warnzentrums des Nationalen Geochemischen und Vulkanologischen Instituts INGV gegenüber MeteoWeb. Die unter Kalabrien hindurch abgetauchte ionische Platte wird nördlich von Sizilien aufgeschmolzen, das flüssige Gestein steigt nach oben – und so entstehen die Vulkane der Liparischen Inseln.
Italien: Meist sind Erdbeben und Vulkanausbrüche in der Region harmlos, doch es kann auch schlimm kommen
Wegen des Abrauchens der ionischen Platte sind die Beben auch so tief, meist sind sie kaum spürbar. Seit 1985 ereigneten sich Amato zufolge aber auch mehrere Erdbeben mit einer Stärke von mehr als 5. Eines ereignete sich während einer seismischen Sequenz am 28. Oktober 2016 nördlich von Sizilien, mit dem Hypozentrum in 481. Kilometer Tiefe, also im tiefsten Teil der Platte. Am 26. Oktober 2006 gab es ein Erdbeben der Stärke 5,8 nahe dem Festland. Es handelt sich daher um „ein sehr aktives Gebiet mit der charakteristischen Ionensubduktion unter dem Tyrrhenischen Meer“, so der INGV-Experte.
Auch die Vulkane, die sich in dem Inselreich entlang der Bruchlinien in der Erdkruste gebildet haben, sind sehr aktiv. So brach der Stromboli am 3. Juli 2019 heftig aus. Dabei kam ein Tourist ums Leben, der am Gipfel oberhalb des Kraters den Vulkan beobachtete. Am 11. September 1930 starben drei Inselbewohner durch einen pyroklastischen Strom aus Aschen, Schlacken, Steinen und heißen Gasen. 2002 rutschte bei einer Eruption ein Teil des Gipfels ins Meer, ein Tsunami beschädigte einige Häuser am Ufer, Lavabomben schlugen in den Dörfern ein. Die Liparische Vulkaninsel Vulcano bracht zuletzt 1888 bis 1890 aus.
Erst am Sonntagabend hatte ein Erdbeben am Fuß des Vesuvs die Menschen in Neapel erschreckt. Der benachbarte Supervulkan der Phlegräischen Felder sorgt mit Hunderten Erdstößen seit Monaten für Unruhe. Ende Februar erschreckte ein heftiger Erdstoß in der Adria die Menschen in Kroatien und Italien. Auch in den österreichisch-bayerischen Alpen beunruhigte eine Bebenserie die Wissenschaftler.


