Fischer am Supervulkan: „In meinen Netzen landen gekochte Fische“
VonJohannes Welte
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Der Supervulkan bei Neapel, der zur Hälfte im Meer liegt, zeigt laut einem Fischer steigende Aktivität: Er sagt, dass heiße Quellen die Fische unter Wasser kochen.
Pozzuoli – Seit zwei Jahren versetzt der Supervulkan der Phlegräischen Felder bei Neapel in Süditalien die rund eine halbe Million Menschen, die in seiner 16 Kilometer breiten Caldera leben, in Angst und Schrecken. Mehrere Erdbebenserien haben sich ereignet, die Experten auf eine Magmakammer in der Tiefe zurückführen, die nach oben drückt, Wasser erhitzt und Gas freisetzt.
Erst Mitte Februar, während des bisher längsten Bebenschwarms, flohen die Menschen panikartig auf die Straße und übernachteten im Freien. Eine Studie aus dem Jahr 2023 hatte vor einem möglicherweise bevorstehenden Ausbruch des Supervulkans gewarnt. Drei Eruptionen des Supervulkans während des Eiszeitalters waren verheerend, sie zerstörten alles Leben im Umkreis von 80 Kilometern.
Der Fischer kommt kaum noch aus dem Hafen, da ihm der Vulkan das Wasser nimmt
Mario Lucignano, ein 50-jähriger Fischer aus Pozzuoli, hat seine speziellen Probleme mit dem riesigen Vulkan. Er sticht jeden Tag mit seinem Fischerboot „Lancia“ aus Fiberglas in See, von dem kleinen, mittlerweile fast trocken liegenden Fischerhafen Darsena in Pozzuoli aus, um vor der Küste des Golfs seine Netze auszuwerfen.
Die Hebungsvorgänge des Supervulkans, der das Meer vor der Hafenstadt bei Neapel seit Ende des Zweiten Weltkrieges um vier Meter seichter gemacht hat, hat das Hafenbecken fast verschwinden lassen und erschwert Lucignano die Ausfahrt immer mehr. Er kommt mit seiner kleinen Lancia gerade noch über das Riff vor dem Hafen, größere Boote schaffen es nicht mehr.
Am Supervulkan bei Neapel müssen Fischer ihren Fang wegschmeißen: „Werden in den Netzen gekocht“
Doch auch draußen hat er immer größere Probleme: „In Küstennähe, insbesondere in Gebieten mit flachem Wasser, ist die Wassertemperatur höher und die Fische werden in den Netzen ‚gekocht‘ “, erklärt Lucignano gegenüber tvcampiflegrei.it. Aufgrund der Hitze und der Verschlechterung der Meeresumwelt seien die Fischer häufig gezwungen, den Fisch wegzuwerfen, da er nicht mehr genießbar sei.
Lucignano vermutet, dass sich am Meeresboden kleiner Krater geöffnet haben, er sehe oft gelbe Schwefelflecken, aus denen Blasen aufsteigen. „In letzter Zeit habe ich sie sogar noch größer gesehen, sie fallen besonders auf, wenn das Wasser klar ist“, sagt der Fischer zu cronacaflegrea.it. Die Fumarolen vor der Küste von Pozzuoli sind schon seit langem bekannt, aber offenbar hat sich deren Aktivität massiv intensiviert.
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Italienischer Fischer: „Kleine Krater kochen die Fische in meinen Netzen.“
Das Meer zieht sich zurück und macht Platz für neue Strände. Auch im Fährhafen von Pozzuoli stoßen die Fähren aufgrund des unebenen Geländes auf erhebliche Schwierigkeiten. Für Touristen, die ihren Italienurlaub auf der vorgelagerten Insel Ischia verbringen wollen, ist das manchmal problematisch, da die Fährschiffe selbst bei geringem Seegang kaum anlegen können.
Für Lucignano ist die Fischerei, mit der er einst seinen Lebensunterhalt verdienen konnte, zunehmend zu einer schwierigeren Tätigkeit geworden. „In den letzten zwei Jahren hat die Hebung des Bodens die Möglichkeiten des Fischfangs in Küstennähe verringert und die Arbeit ist nicht mehr dieselbe. Wir sind nur noch zu zweit zum Fischen, die anderen Boote können nicht mehr raus“, sagt er.
Lucignano hat schon viele der Erdbeben des Supervulkans auf dem Meer in seinem kleinen Boot erlebt: „Bei jedem größeren Erdbeben scheint das Boot das Gleichgewicht zu verlieren und es ist ein dumpfer Knall vom Boden zu hören“, berichtet er dem Portal. Es sei, als wenn Bomben explodierten. Nach jedem Beben lege sich eine unheimliche Stille über das Meer, Vögel flögen davon und man habe das Gefühl, dass etwas Seltsames passiert. Lucignano in dem Interview: „Es ist ein seltsames Gefühl, beeindruckend.“ Der Fischer fährt schon seit 37 Jahren raus, aber bei jedem Beben denkt er sich: „Man wird sich an die Beben nie gewöhnen.“
Der italienische Supervulkan lässt eine versunkene Römerstadt wieder aufsteigen
Doch das Aufsteigen des Meeresgrundes hat noch eine Folge: Der Fischer sieht die Ruinen der antiken Römerstadt Baiae, die nach der Zeitenwende im Meer versunken ist, immer deutlicher. Auch am Ufer werden immer mehr Ruinen sichtbar. Denn vor der Römerzeit muss sich eine Magmakammer entleert haben, was zu einem jahrhundertelangen Senkungsvorgang führte. Zwischen 6000 und 1900 v. Chr. hatte der Supervulkan eine sehr aktive Phase erlebt, in der u. a. der bekannte Solfatara-Krater entstand, den Experten auch als wahrscheinlichsten Kandidaten für den nächsten Ausbruch halten. Der letzte Ausbruch ereignete sich 1538, dabei entstand der Monte Nuovo bei Pozzuoli, der ein ganzes Dorf verschlang.
Die Bewohner konnten damals rechtzeitig flüchten, da sie die Vorbeben gewarnt hatten. Manche Forscher halten diese Eruption nur für einen Vorboten eines großen Knalls, der noch kommt. Manche Experten zweifeln, dass eine Evakuierung heute gelingen könnte. Schon jetzt bedroht der Vulkan Menschenleben: In der U-Bahn von Neapel sollen CO₂-Messgeräte installiert werden, denn der Supervulkan stößt große Mengen dieses Gases aus, das zum Erstickungstod führen kann. Kürzlich sorgte der Chef des italienischen Zivilschutzes für Aufregung, als er davor warnte, dass in den Phlegräischen Feldern ein mögliches Erdbeben der Stärke 5 zu Todesopfern führen würde. Ein Experte forderte kürzlich auch die Evakuierung von Menschen, zumindest in den am meisten gefährdeten Gebieten.