„Melodramatische Geschichten” 

Orcas attackieren Boote: Forscher veröffentlichen Brandbrief – und vermuten „Modeerscheinung“

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Es häufen sich Berichte von gefährlichen Orca-Angriffen auf Schiffe. In einem offenen Brief verteidigen nun 35 renommierte Walexperten das Verhalten der Schwertwale.

Gibraltar – Im Mai attackierten mehrere Orcas ein Segelboot, die Seenotrettung barg die Crew. Es ist kein Einzelfall. Dutzende Berichte über Schwertwale, auch bekannt als Orcas oder Killerwale, die Boote auf hoher See anzugreifen scheinen, haben in den letzten Monaten für Aufsehen gesorgt. Nun haben 35 internationale Meeresforschende einen offenen Brandbrief veröffentlicht, in dem sie vor „unverantwortlichen Projektionen“ und einer „Vermenschlichung tierischen Verhaltens“ warnen.

In letzter Zeit häufen sich Orca-Attacken auf Boote im Meer. (Symbolbild)

Orcas attackieren Boote: „Die wollen doch nur spielen!” – Forscher veröffentlichen Offenen Brief 

In dem am 24. August veröffentlichten offenen Brief nehmen die Wissenschaftler Stellung zur Berichterstattung der Vorfälle, die sich vor allem vor der Atlantikküste von Frankreich, Spanien, Portugal und Marokko ereigneten. Zuletzt jedoch erlebten sogar deutsche Segler in der Nordsee eine „magische“ Begegnung mit einem Orca.

„Wir sind besorgt, dass in den Medien sachliche Fehler in Bezug auf diese Interaktionen wiederholt werden, zusammen mit einem Narrativ, das keine wissenschaftliche Grundlage hat“, erklären die Forschenden. Sie befürchten, dadurch könne es verstärkt zu Gewalt gegen Orcas kommen. Mitte August erst wehrte sich eine Segel-Crew schon mit Schüssen auf die Tiere.

„SInd besorgt“: Walexperten über Fehlinterpretationen über das Verhalten der iberischen Orcas

Unterzeichnet haben den Appell auch Mark Simmonds, Laetitia Nunny und Lindy Weilgart, die zum Expertenteam von OceanCare gehören, einer internationalen Meeresschutzorganisation. Die Meereswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler möchten eine mögliche Erklärung für diese rätselhaften Vorfälle liefern – „auf der Grundlage der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse“. Ein Großteil dieser Informationen stamme aus einem von mehreren Unterzeichnern des Schreibens 2022 in Marine Mammal Science veröffentlichen Artikel.

Wenn wir auf See sind, befinden wir uns im Reich der Meeresbewohner. Wir sollten Wildtiere nicht dafür bestrafen, dass sie wild sind. 

Offener Brief, unterzeichnet von 35 internationalen Meeresforschenden

„Gab es so noch nie“: Wissenschaftler bestätigen Neuauftreten von Orca-Begegnungen

„Die iberischen Orcas legen ein Verhalten an den Tag, das es in dieser Konsequenz bei Walen noch nie gegeben hat“, bestätigen auch die Meeresforschenden. Selbst zu Zeiten des industriellen Walfangs mit Holzschiffen und -booten, als weitaus größere Wale dafür bekannt waren, Schiffe zu zertrümmern oder anderweitig zu beschädigen, seien solche Vorfälle ungewöhnlich gewesen. Die Wissenschaft könne auch noch nicht vollständig erklären, warum die iberischen Orcas dies heute tun.

Haie, Quallen, Strömungen: Zehn der gefährlichsten Strände weltweit

Strand auf Fraser Island an der australischen Ostküste
Mit 1.840 Quadratkilometern ist Fraser Island die größte Sandinsel der Welt – und optisch ein Traum. Besucher sollten sich aber in Acht nehmen. Die Strömung an der Ostküste ist tückisch, außerdem sind hier auch Haie, Quallen, Krokodile und tödliche Spinnen beheimatet.  © agefotostock/Imago
Praia de Boa Viagem in Brasilien
Direkt an der brasilianischen Metropole Recife befindet sich der Sandstrand Praia de Boa Viagem. Das klingt doch eigentlich recht praktisch, aber wirklich sicher ist es dort nicht. Im Wasser treiben sich Bullenhaie herum, vor denen auch Schilder am Strand warnen. Einheimische raten oft dazu, sich nur bis zu den Knien ins Wasser zu begeben. Aber auch das hilft manchmal nichts, die Haie nähern sich nämlich bis auf wenige Meter an. Daher ist es in der Vergangenheit schon öfter zu tödlichen Angriffen gekommen. Hinzu kommt, dass die Kriminalitätsrate am Praia de Boa Viagem sehr hoch ist.  © João Carlos Mazella/Imago
Hanakapiai Beach auf Hawaii
Einfach mal die Seele baumeln lassen – dafür klingt Hawaii doch nach dem perfekten Reiseziel. Aber auch hier ist an dem ein oder anderen Strand besondere Vorsicht geboten. Der Hanakapiai Beach auf der Insel Kauai wird von tückischen Strömungen heimgesucht, von denen bereits zahlreiche Menschen ins offene Meer gespült wurden.  © agefotostock/Imago
„Shark Alley“ im südafrikanischen Gansbaai
Im südafrikanischen Gansbaai befindet sich die “Shark Alley”. Der Name ist hier Programm: Der Weiße Hai, der als die gefährlichste Haiart gilt, treibt in dem Gewässer sein Unwesen. Wer besonders mutig ist, kann sich die Raubtiere allerdings von einem Metallkäfig aus ansehen.  © Alberto Carrera/Imago
Cape Tribulation im australischen Bundesstaat Queensland
Cape Tribulation – was übersetzt so viel heißt wie „Kap der Leiden” – ist zwar traumhaft schön, aber auch einer der gefährlichsten Strände Australiens. Besonders in den wärmeren Monaten halten sich im flachen Wasser Quallen auf. Darunter auch die giftige Würfelqualle, deren Gift zu Lähmungen, Atemnot und schließlich zum Tod führen kann. Im nahegelegenen Daintree River treiben sich außerdem riesige Salzwasser-Krokodile herum.  © Panthermedia/Imago
Blick auf den Strand Ajuy auf Fuerteventura.
Der Strand von Ajuy auf Fuerteventura ist aufgrund seines schwarzen Sandes ein beliebtes Ausflugsziel. Ins Wasser sollten Sie sich aber nicht begeben, denn hier herrschen reißende Strömungen. Viele Schwimmer wurden bereits ins Meer hinausgetrieben und sind ertrunken. Stattdessen sollten Sie dem gleichnamigen Fischerdorf einen Besuch abstatten, wo Sie – wer hätte es gedacht – lecker Fisch essen können.  © Frank Fell/Imago
Alter do Chão in Brasilien
Der malerische Flusstrand Alter do Chão in Brasilien wirkt zwar auf den ersten Blick harmlos, doch er sollte nicht unterschätzt werden. Im Wasser treiben sich nämlich Piranhas herum, die für ihre messerscharfen Zähne bekannt sind. Zu ernsthaften Verletzungen kommt es bei einem Aufeinandertreffen laut der Umweltschutzorganisation WWF aber eher selten.  © agefotostock/Imago
Cable Beach in Australien
Der Cable Beach in der Umgebung der australischen Stadt Broome ist für seine Kamelritte bekannt – aber leider nicht nur dafür. Am Strand treiben sich auch giftige Spinnen, Schlangen oder Krokodile herum. Obendrein ist die gefährliche Würfelqualle, deren Gift für Menschen tödlich sein kann, hier unterwegs. Nicht zu vergessen Haie – auch vor denen bleiben Besucher nicht verschont.  © Bjorn Svensson/Imago
Vater und Sohn spazieren am New Smyrna Beach in Florida.
Im US-Bundesstaat Florida kommt es laut der Datenbank “International Shark Attack File” weltweit zu den häufigsten Haiangriffen – auch im Jahr 2022. Zu einem der gefährlichsten Strände zählt der New Smyrna Beach, an dem bereits 250 Vorfälle gemeldet wurden. Trotz der Anwesenheit zahlreicher Raubfische – insbesondere dem Bullenhai – ist der Strand aber noch gut besucht.  © Jim Engelbrecht/Danita Delimont/Imago
Korallen im Bikini-Atoll in Mikronesien.
Wirklich paradiesisch wirkt auch das Bikini-Atoll der Marshallinseln in Mikronesien. Allerdings wurden hier zwischen 1946 und 1958 zu Testzwecken Atombomben von den USA gezündet. In den 60er-Jahren dachte man, die Inseln wären wieder bewohnbar – doch aufgrund der hohen Strahlenwerte geht man mittlerweile davon aus, dass erst ab 2040 wieder Menschen dort leben können. Manche Abschnitte wurden gar für die nächsten 24.000 Jahre zum Sperrgebiet erklärt.  © R. Dirscherl/Imago

Die störenden Interaktionen mit Schiffen begannen im Juli 2020, erklären die Wissenschaftler: „Bis heute wurden mindestens elf Jungtiere und vier erwachsene Weibchen identifiziert, die an den Interaktionen beteiligt waren oder diese beobachtet haben“. Die Begegnungen reichten von keinem Kontakt mit dem Schiff über leichten oder mäßigen Kontakt mit keinen oder geringen Schäden am Schiff bis hin zu erheblichem Kontakt mit schweren Schäden. Mindestens fünf Schiffe seien seit dem Frühjahr 2021 gesunken. Darunter zuletzt im Mai 2023 eine Schweizer Yacht in der Nähe von Barbate an der südspanischen Küste.

„Melodramatische Geschichten“: Experten mahnen zur medialen Verantwortung

„Trotz der Schäden an den Schiffen halten wir es für irreführend, die Zusammenstöße als ‚Angriffe‘ zu bezeichnen“. Die meisten Schäden an Rudern und Kielen seien auf Schläge oder Stöße mit dem Kopf oder Körper zurückzuführen: „Die Wale reißen die Ruder nicht auseinander, wie sie es tun würden, wenn es sich um ein Jagdverhalten handeln würde“.

Die Forscher weiter: „Das Verhalten mag aus menschlicher Sicht beängstigend (und kostspielig) sein, aus Sicht der Wale scheint es irgendwie befriedigend zu sein“. Orcas (und andere Delfinarten) sind dafür bekannt, „Modeerscheinungen“ zu entwickeln, wie etwa das Tragen von totem Fisch auf dem Kopf. Die Interaktionen mit Schiffen – einige Tiere heben die Schiffe sogar einfach aus dem Wasser – könnten so ein Trend sein.

Wir müssen uns mehr bemühen, unser Verhalten an die Anwesenheit von Wildtieren anzupassen. Das Überleben der Arten, mit denen wir diesen Planeten teilen, hängt davon ab.

35 Meereswissenschaftlerinnen in einem offenen Brief

Wissenschafter kritisieren in offenem Brief Medienberichte über vermeintliche Orca-Attacken

„Wir wiederholen jedoch, dass dies wahrscheinlich eher mit Spiel und Sozialisierung als mit Aggression zu tun hat“. Es sei unbegründet und potenziell schädlich für die Tiere, zu behaupten, es handele sich um Rache für vergangenes Unrecht, nur um eine „melodramatische Geschichte“ zu erzählen.

Die Expertengruppe wehrt sich vehement gegen die Vorstellung, dass es sich bei den Vorfällen um aggressives oder gar rachsüchtiges Verhalten handeln könnte, etwa als Reaktion auf das Eindringen in ihr Territorium. Stattdessen interpretieren sie die Situation als „spielerisch“. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass die Wale während dieser Interaktionen eine breite Palette von Verhaltensweisen zeigen, von denen viele „mit spielerischem sozialem Verhalten in Einklang“ stünden.

„Müssen unser Verhalten anpassen“: Brandbrief endet mit einem Appell zum Schutz der Orcas

Mit einem Appell endet der Brief: „Wenn wir auf See sind, befinden wir uns im Reich der Meeresbewohner. Wir sollten Wildtiere nicht dafür bestrafen, dass sie wild sind“. Vielmehr sollten Menschen „besonnen bleiben, wenn diese Tiere ein neuartiges Verhalten zeigen“. Es sei ebenso wichtig, größere Anstrengungen zu unternehmen, um „Handlungen und Verhalten an die Anwesenheit von Wildtieren anzupassen“. Das Überleben der Arten, mit denen wir diesen Planeten teilen, hängt davon ab.“

Rubriklistenbild: © Imago

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