Kampfansage ans Kiffen

Merz-Ministerin will strengere Cannabis-Regeln: „Die Preise werden definitiv nach oben gehen“

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Cannabis auf Rezept, in wenigen Klicks: Geht es nach der CDU, soll damit bald Schluss sein. Dabei könnte der Plan ein zentrales Ziel des Gesetzes konterkarieren.

„Welche Symptome möchtest du behandeln?“, heißt es auf einer bekannten Online-Plattform für Cannabis-Rezepte. Es folgt ein Fragebogen mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten; sie gehen von chronischen Schmerzen, HIV oder Krebserkrankungen bis hin zu vermeintlich weniger gravierenden Symptomen wie Schlafproblemen oder Stress. Nachdem der Fragebogen abgeschickt ist, erhält man nach wenigen Stunden ein Cannabis-Rezept, kann in der Online-Apotheke sein gewünschtes Produkt auswählen und es sich nach Hause liefern lassen. Bald könnte sich das allerdings ändern. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will den medizinischen Markt stärker regulieren.

Freizeitkonsumenten im medizinischen Markt? Warken will strengere Regeln

Warken will ein Versandverbot für Online-Apotheken. Patienten müssten sich ihr medizinisches Cannabis künftig in einer Vor-Ort-Apotheke abholen. Zudem soll medizinisches Gras nicht mehr so leicht verschrieben werden dürfen. Die Ministerin plant ein verpflichtendes Gespräch mit und bei einem Arzt. Aktuell findet dieses Gespräch in der Regel per Video statt. Bei etlichen Anbietern reicht nach Recherchen unserer Redaktion aber auch das Ausfüllen des zuvor beschriebenen Online-Fragebogens, um an medizinisches Gras zu kommen.

Diesen Status Quo will Warken ändern. Ihr Kernargument: Über den medizinischen Markt versorgen sich nicht nur Patienten, sondern auch Freizeitkonsumenten. Bereits kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes hatte der Bund deutscher Cannabispatienten gegenüber unserer Redaktion von einer „Menge an Pseudo-Patienten“ gesprochen. Warken stützt sich im Referentenentwurf auf Daten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, wonach sich „der Import von Cannabisblüten zu medizinischen Zwecken vom ersten Halbjahr 2024 zum zweiten Halbjahr 2024 um 170 Prozent gesteigert“ habe, sich also fast verdreifacht hat.

Weil im gleichen Zeitraum aber die von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bezahlten Cannabis-Rezepte nur um neun Prozent gestiegen sind, sei es naheliegend, „dass die steigenden Importzahlen insbesondere der Belieferung einer zunehmenden Anzahl an Privatrezepten von Selbstzahlern außerhalb der GKV-Versorgung dienen“.

Nina Warken ist seit Mai 2025 Bundesgesundheitsministerin. Die CDU-Politikerin aus Baden-Württemberg saß zuvor seit 2013 im Bundestag und ist auch Vorsitzende der Frauen-Union.

Laut Cannabis-Unternehmer Niklas Kouparanis zieht Warken hier aber die falschen Schlüsse: „Das eigentliche Problem im medizinischen Cannabis-Markt ist ja, dass es sehr schwer ist, für Patienten überhaupt eine Kostenübernahme zu bekommen“, sagt der Co-Gründer des Cannabis-Unternehmens Bloomwell im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Es gebe mehr Patienten, die Krankenkasse zahle aber selten.

Fakt ist: Der Großteil der Patienten, auch bei Bloomwell, zahlt das medizinische Cannabis aus eigener Tasche. Und das, obwohl laut einer von Bloomwell in Auftrag gegebenen Studie 92 Prozent der Cannabis-Konsumenten aus medizinischen Gründen konsumieren würden. Die Ergebnisse basieren allerdings auf der Antwort der Konsumenten, weshalb falsche Angaben hier nicht ausgeschlossen werden können und die Zahl der Freizeitkonsumenten im medizinischen Markt tatsächlich höher sein dürfte.

Freizeitkonsumenten im medizinischen Markt: „Es gibt doch absolut keine Leidtragenden“

Bleibt die Frage, ob es überhaupt schlimm wäre, wenn sich Freizeitkonsumenten mit medizinischem Cannabis versorgen. „Es gibt doch absolut keine Leidtragenden dadurch“, sagt Kouparanis. Rezepterschleichung sei eine Straftat. Doch: „Diese Menschen zahlen das aus eigener Tasche und bekommen medizinisch sauberes Cannabis. Das ist aus Gesundheitssicht immer noch besserer, als wenn sie sich mit verunreinigtem, gestreckten Schwarzmarktcannabis versorgen.“ Ein zentrales Ziel des Gesetzes war es, den Schwarzmarkt einzudämmen. Dieses Ziel werde nun konterkariert.

Kouparanis spricht mit Blick auf den Warken-Entwurf daher von einem „drastischen und jeglicher Logik entbehrendem Vorschlag“ und meint: „Für Patienten wäre das eine Katastrophe.“ Denn, so der Unternehmer: „Der Entwurf von Frau Warken drängt hunderttausende Patienten wieder in die Kriminalität. Das ist keine moderne Gesundheitspolitik, das ist verantwortungslos und treibt Patienten in den Schwarzmarkt.“ Ob das Gesundheitsministerium diese Auffassung teilt, ist unklar. Eine Anfrage dazu blieb trotz Nachfrage unbeantwortet.

Ein BMG-Sprecher erklärt aber: „Bei der Behandlung mit Cannabisblüten ist unter anderem wegen Suchtgefahr, Nebenwirkungen und unerwünschter Arzneimittelwirkungen ein persönlicher ärztlicher Kontakt sinnvoll und geboten. Zudem muss der Patient über die Chancen aufgeklärt werden und explizit in die Behandlung einwilligen.“ Warken selbst äußerte sich im Mai in der FAZ zu zu leicht ausgestellten Cannabis-Rezepten. Es sei logisch, dass Medizinalcannabis „vermutlich eine bessere Qualität hat als auf der Straße“, doch: „Das Medizinalcannabis ist aber nicht für den normalen Konsum gedacht, sondern nur für Menschen, die es wegen schwerwiegender Erkrankungen gesundheitlich brauchen. Der starke Anstieg gibt mir sehr zu denken.“

Cannabis-Unternehmer Niklas Kouparanis (Bloomwell) kritisiert den Referentenentwurf und meint: „Für Patienten wäre das eine Katastrophe.“

Dass derzeit auch Freizeitkonsumenten medizinisches Gras konsumieren, liegt an der Cannabis-Politik der Ampel-Koalition. Die hatte die Droge zwar entkriminalisiert, allerdings kaum legale Bezugsquellen geschaffen. Ursprünglich war die Abgabe in „lizenzierten Geschäften“ geplant; es wurde eine Legalisierung-Light, mit Selbstanbau und Anbauvereinigungen. Wer nicht anbauen möchte und kein Mitglied in den immer noch rar gesäten und überbürokratisierten Cannabis-Clubs ist, hat keine Möglichkeit, abseits des Schwarzmarkts an Cannabis zu kommen.

Gleichzeitig wurde Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz genommen und der medizinische Markt geöffnet. Dass es dann auch mehr Patienten gibt, ist laut Kouparanis nur logisch. „Wenn man den Zugang vereinfacht, dann darf man sich doch bitte nicht darüber wundern, dass mehr Patienten – Gott sei Dank –  diese Medikationsform wählen.”

Warken-Gesetz für medizinisches Cannabis: „Preise werden definitiv nach oben gehen“

Für Patienten – und auch Freizeitkonsumenten, die über den medizinischen Markt beziehen – würde sich in jedem Fall einiges ändern, sollte der Referentenentwurf durchgehen. Kouparanis spricht von weiteren Anfahrtswegen und längeren Wartezeiten. Zudem würde sich der Preis offenbar deutlich erhöhen. „Die Preise werden definitiv nach oben gehen.“ Aktuell gibt es medizinisches Cannabis ab etwa fünf Euro pro Gramm. Auf dem Schwarzmarkt bezahlt man in der Regel mindestens das doppelte. 

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an Online-Anbietern, bei denen sich Patienten medizinisches Cannabis bestellen können. Die Sorten unterscheiden sich in THC-Gehalt und Wirkung, damit Patienten das für ihre Behandlung am besten geeignete Cannabis finden können.

Was würden Einschränkungen bei medizinischem Cannabis bedeuten?

Mehr Einschränkungen führen wohl zu weniger Patienten. Einige Cannabis-Importeure, die auch wegen des neuen Gesetzes viel Geld investiert haben, könnten finanzielle Probleme bekommen und einen Überschuss an medizinischen Cannabis haben. Das führe kurzzeitig zu fallenden Preisen, die dann aber deutlich steigen würden. „Die Apotheken, die vor Ort Cannabis abgeben, werden ihre eigene Preisbildung gestalten“, glaubt Kouparanis, dessen Unternehmen freilich stark am Boom um medizinisches Cannabis verdient. Schon kurz nach der Teil-Legalisierung verdreifachte die Bloomwell-Group ihren Umsatz. Andere Unternehmer verzeichneten ähnliche Gewinne.

Von diesem stark wachsendem Markt würden wohl auch die Apotheken gerne profitieren. Sie verdienen an der geplanten Beratung sowie an der Abgabe. Anders als Online-Apotheken sind sie aber für weniger Menschen zuständig, was den Preis anhebe. Konkret: „Wir landen wieder bei den alten Niveaus vor der Gesetzesänderung 2024. Preise von 15 bis 20 Euro pro Gramm würden über die nächsten ein, zwei Jahre kommen.“ 

Die Union würde das Cannabis-Gesetz am liebsten komplett abschaffen, konnte sich in den Koalitionsverhandlungen hier aber nicht gegen die SPD durchsetzen. Laut Koalitionsvertrag soll es aber die im Gesetz vorgeschriebene Evaluation geben. Dabei geht es um die Auswirkungen auf Konsumverhalten, Schwarzmarkt oder Konsum von Medizinalcannabis. Wie der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck, Warkens Parteifreund, noch im Juli im Interview mit unserer Redaktion erklärte, werden erste Ergebnisse erst im Herbst erwartet. „Noch können wir da keine seriösen Antworten geben“, sagte Streeck damals.

Rubriklistenbild: © Daniel Karmann/dpa/Screenshot greenmedical

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