„Fehlt die Kraft“

„Nicht mehr die Geduld“ – Eltern sind frustriert von heutigen Großeltern

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Viele junge Eltern sind enttäuscht, wenn die Großeltern sich wenig um die Enkel kümmern. Eine Wirtschaftspsychologin hat eine These, wieso das so ist.

„Großeltern, die sich nicht um ihre Enkelkinder kümmern, denen es total egal ist, was mit ihnen passiert, tun das nicht, weil sie keine Zeit haben, sondern weil sie schon damals keine Eltern sein wollten.“ Diese Vermutung stellt die Wirtschaftspsychologin Ann-Kathrin Reuter (@frau_propeller) auf TikTok zur Diskussion. Auf der anderen Seite würden diejenigen, die in ihrer Rolle als Großeltern aufgingen, genau diese elterliche Rolle genießen und sie gern erneut einnehmen. Manche Großeltern würden Abstand halten, mutmaßt Reuter, da sie „Nähe nie gelernt haben. Vielleicht nicht wollten. Vielleicht nicht konnten.“

In den Kommentaren schreiben einige Nutzer, dass sich die Lebensumstände geändert hätten und heutige Großeltern kaum noch das klassische Rollenbild verkörpern könnten – selbst, wenn sie wollten. „Unsere Mütter und Schwiegermütter waren meist Hausfrauen und hatten Zeit. Wir, die jetzt Oma und Opa werden, müssen bis 65 arbeiten, da fehlt die Kraft, um am Wochenende noch auf die Enkel aufzupassen“, gibt eine Nutzerin der Babyboomer-Generation zu bedenken. In einem anderen Kommentar heißt es: „Ich bin zwar gerne Mutter, aber ich habe heute nicht mehr die Geduld und die Nerven für Kinder.“

Expertin: Boomer-Großeltern sind nicht pauschal egoistisch

„Sie leben heute Großelternschaft anders, als es vorherige Generationen getan haben“, sagt die systemische Familienberaterin und Pädagogin Katharina Hübner BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Heutige Großeltern seien somit nicht pauschal als „egoistisch“ zu bezeichnen. Hinter dem Verhalten heutiger Großeltern stecke kein „Egoismus“, erklärt die Expertin, sondern „generationsübergreifende Erwartungen, alte Rollenbilder und eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung“.

Viele Millennials kennen es aus ihrer Kindheit, von ihren Großeltern, die unter anderem der „Silent Generation“ (1928-1945) angehörten, auch nachmittags und am Wochenende betreut zu werden. Die Generation der Babyboomer habe jetzt jedoch andere Ansprüche ans Alter: „Jetzt, im Ruhestand, möchten sie das nachholen, was sie vorher verpasst haben: Reisen, Selbstverwirklichung, Partnerschaft leben“, sagt Hübner.

Viele Großeltern erfüllen heutzutage nicht mehr das Rollenbild Kekse backenden Omas und Opas. (Symbolbild)

Babyboomer hätten das Kinderkriegen oftmals nicht derart hinterfragt wie heute, sondern es sei ein Teil des Lebens gewesen, den es abzuhaken galt. „Wenn sie nie gelernt haben, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten oder sie gar auszudrücken – dann kann das spätere Großelternsein dazu führen, dass sie überfordert sind oder sich distanzieren“, sagt die Expertin. Millennial- und Gen-Z-Eltern würden dies nun als „Desinteresse oder Ablehnung“ interpretieren.

Viele Boomer-Großeltern sind besonders engagiert – weil sie als Eltern kaum Zeit hatten

Auf der anderen Seite gibt es viele Großeltern, die als Eltern nicht viel Zeit für ihre Kinder hatten und sich nun besonders bei der Erziehung ihrer Enkel engagieren. „Ich sehe es als meine Aufgabe als Großvater, wirklich für meinen Enkel da zu sein“, sagt der 67-jährige Großvater Christoph Much BuzzFeed News Deutschland. Als Eltern sei man oft beschäftigt gewesen, „aber jetzt als Großvater kann ich mir die Zeit nehmen und mich ganz darauf konzentrieren“. Er beschreibt, dass sich viele Großeltern in seinem Umfeld bewusst mit Erziehung beschäftigen würden. „Sie haben diese neuen Prinzipien drauf und reflektieren, was sie in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben“, berichtet Much.

In jedem Fall sei es hilfreich, wenn enttäuschte Millennials mit ihren Eltern sprechen, erklärt die Pädagogin Hübner, statt auf Hilfe zu warten, ohne dies kommuniziert zu haben. „Großeltern müssen nicht die Kita ersetzen – aber sie können Beziehungsanker sein“, sagt die Expertin.

Rubriklistenbild: © Depositphotos/Imago

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